Sonntag, 17. Juli 2016

Stolpersteine beim Datieren: Münzen und Keramik



Eigentlich besuche ich museale Veranstaltungen weniger gerne, weil das in der Regel den Aufwand bzw. die Anfahrt nicht lohnt. Vorträge höre ich mir lieber - entschleunigt und maximalentspannt wie ein Campus-Galli-Angestellter - auf der Couch oder im Bett an; wozu gibt es schließlich das Internet? 
Gelegentlich lande ich freilich trotzdem in Museen oder Vortragssälen, um andächtig den Ausführungen von Experten zu lauschen. Was ich allerdings kürzlich bei einer dieser Veranstaltungen zu hören bekam, ließ mich nachdenklich mein Hinterteil kratzen, während meine Begleitung, ein gelernter Archäologe, dezent seufzte. Grund: Die Vortragende, eine Master-Studentin der Archäologie, fütterte das Publikum im Rahmen einer Führung mit folgenden Aussagen, die ich hier sinngemäß wiedergebe und zum Anlass nehme, um mit ein paar kleineren 'Mythen' aufzuräumen.


1. Wenn wir eine Münze im Boden finden, dann ist das natürlich immer etwas Besonderes, weil genauere Anhaltspunkte zur Datierung archäologischer Strukturen gibt es kaum.

Stimmt diese optimistische Aussage? Na ja, in dieser undifferenzierten Form eher nicht, denn besonders Münzen müssen mit Argwohn betrachtet werden. Die Gründe hierfür sind u.a.:
  • a) Münzen finden sich überdurchschnittlich häufig in gestörten Schichten, von wo aus sie kaum in einen verlässlichen Kontext mit 'benachbarten' Objekten aus ungestörten bzw. geschlossenen Schichten gebracht werden können; siehe die obige Abbildung: Stammt die Münze auf dem Acker ursprünglich aus der ersten, zweiten oder dritten Schicht, die allesamt vom Pflug durcheinandergewirbelt wurden? Ein ähnliches Problem ergibt sich mit den Objekten in der bereits im Mittelalter ausgehobenen und wieder verfüllten Grube, die links eingezeichnet ist.
  • b) Münzen sind klein und verhältnismäßig schwer, daher sinken sie in lockeren Böden schneller als andere Objekte. So können sie in Schichten auftauchen, zu denen sie eigentlich in keiner direkten Beziehung stehen. Bsp: Eine römische Münze der Kaiserzeit gelangt durch Absinken in eine 200 Jahre älteren Schicht der vorrömischen Eisenzeit. Ist diese Schicht nicht durch andere Objekte exakt datierbar, kann es zu chronologischen Fehlschlüssen des Ausgräbers kommen. 
  • c) Bestimmte Tiere sammeln kleine, glänzende Objekte und verschleppen sie. Das kann etwa dazu führen, dass eine Münze der Karolingerzeit in eine Ruine der Merowingerzeit gelangt. Eine falsche Datierung dieser Ruine wäre dadurch möglich. 
Da also einzelne Münze nahezu überall auftauchen können, eignen sie sich für umfassende Datierungen nur eingeschränkt. In vielen Fällen sagen sie nur etwas über das eigene Alter aus.


2. Die älteste Keramik, die man bei Ausgrabungen innerhalb einer griechischen Siedlung gefunden hat, stammt aus den letzten drei Jahrzehnten des 6. Jh. v. Chr. Deshalb muss diese Siedlung auch damals gegründet worden sein.

Der Namen der betreffenden Siedlung ist mir entfallen; er ist aber auch nicht von großer Bedeutung, da es hier um den nicht gerade korrekt vermittelten Eindruck gehen soll, wonach die älteste entdeckte Keramik ein verlässlicher Anhaltspunkt für das Gründungsdatum einer Siedlung sei.
Normalerweise findet man die älteste Keramik in der tiefsten archäologischen Schicht, doch es gibt etliche Ausnahmen. Etwa wenn in der Römerzeit für das Aufschütten eines Straßendammes Aushubmaterial verwendet wurde, das bronzezeitliche Objekte enthielt. Diese landeten dann nämlich über der eisenzeitlichen Schicht bzw. direkt unter der römischen; also an einem Ort, wo sie aus chronologischer Sicht eigentlich nicht hingehören.
Ob man weiters bei einer archäologischen Grabung - die flächenmäßig fast immer nur vergleichsweise kleine Bereiche erfassen kann - tatsächlich auf die älteste Schicht gestoßen ist, nachdem man besonders tief gegraben hat, lässt sich häufig nicht mit Bestimmtheit sagen. Denkbar ist, dass anderenorts noch zeitlich weiter zurückliegende Spuren vorhanden sind; doch selbst wenn diese entdeckt werden, müssen Zweifel bleiben, denn vor der eigentlichen Siedlungsgründung könnte es beispielsweise eine Phase gegeben haben, in welcher der Platz nur vorübergehend genutzt wurde. Gefundene Keramikfragmente stammen eventuell aus genau dieser Zeit.

Z.T. sind auch an den keramischen Objekten selbst - mit deren Hilfe archäologische Schichten ja besonders gerne datiert werden - Zweifel angebracht. So wurde beispielsweise in einer griechischen Kolonie eine Vase entdeckt, auf der sich die aufgemalte Kartusche des ägyptischen Pharaos Apries fand. Voreilig ordnete man diese vermeintliche Importware seiner Regierungszeit (589 - 570 v. Chr.) zu. Wie sich jedoch später herausstellte, war der Königsname falsch geschrieben worden. Es handelt sich daher mit hoher Wahrscheinlichkeit um ein später hergestelltes Stück, das von einem Griechen stammte, der die ägyptische Schrift bestenfalls rudimentär beherrschte. Die hübsche Dekoration mit der Kartusche sollte vermutlich nur den Absatz fördern. 

Weil die Datierung von Keramikobjekten anhand ihres Aussehens (Stils) nicht immer so verlässlich ist, wie es wünschenswert wäre (in der Fachwelt gibt es dazu mancherlei Diskussionen) wird mitunter auf das Thermolumineszenz-Verfahren zurückgegriffen, das seit den 1960er-Jahren in der Archäologie Verwendung findet. Das Problem hierbei: Die Ungenauigkeit ist relativ hoch. Für die Klassische Archäologie scheidet diese Form der Datierung daher oft aus. Bei Urgeschichtlern, die nicht auf Jahrzehnte genau datieren müssen, sondern weitaus größere Zeiträume betrachten, fällt dieser Mangel nicht ganz so schwer ins Gewicht
Ansonsten wird das Thermolumineszenz-Verfahren auch zur Überprüfung der Echtheit von Keramikobjekten benutzt. Völlig verlässlich ist hier das Ergebnis allerdings nicht, da mittels (aufwendiger) radioaktiver Bestrahlung recht gute Fälschungen hergestellt werden können.


Zusammenfassung

Archäologie ist keine exakte Wissenschaft, auch wenn sie sich zunehmend mit naturwissenschaftlichen 'Brimborium' umgibt, das dem Laien - sicher nicht immer ungewollt - den Anschein von Exaktheit und Unfehlbarkeit vermittelt. Den meisten Archäologen sind die methodischen Unzulänglichkeiten natürlich bekannt, aber in der Regel kommunizieren sie diese nicht gerade 'offensiv' nach außen. Ebenso Problematisch ist, dass Ausgräber dazu neigen, die archäologischen Befunde mit historischen Berichten in Übereinstimmung bringen zu wollen. Durchaus kann hier von "Zurechtbiegen" gesprochen werden.
Es ist aus diesen Gründen ratsam, die veröffentlichte "Expertenmeinung" immer mit Vorsicht zu genießen - natürlich auch abseits der Archäologie. Denn obwohl es seit einigen Jahrzehnten als intellektueller Schick verkauft wird, so stellt blinde Wissenschaftsgläubigkeit letztendlich wohl doch keine immense Verbesserung zu inbrünstiger Religiosität und Gottvertrauen dar.

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12 Kommentare

  1. Vorgetäuschte Selbstsicherheit ist seit jeher ein großes Problem in der Wissenschaft. Welchre Forscher gibt schon gerne seine Unsicherheit freiwillig zu, vor allem wenn er es insgeheim genießt, dass andere Menschen zu ihm als Autorität aufblicken?

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  2. Zu den Münzen fällt mir noch ein, dass nicht klar ist, wie lange nach ihrer Prägung eine Münze im Umlauf gewesen ist, ehe sie in den Boden gelangte. Das kann, je nachdem, wo sie gefunden wurde (Kern des Reiches oder weit entfernte Regionen) und um welche Epoche es sich handelt, ein langer Zeitraum sein. Münzen wurden ja auch als Amulette getragen, darunter, soweit ich weiß, auch alte und nicht mehr aktuelle Münzen. (So weit nur kurz, habe mich mit dem Thema nicht ausführlich beschäftigt.)

    Viele Grüße
    Björn

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    1. Ich glaube es war das Grab vom fränkischen König Childerich I., in dem man als "Charonspfennig" einen Denar aus der Zeit der Römischen Republik fand. Zum Zeitpunkt ihrer Vergrabung war die Münze also schon um die 500 Jahre alt!

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  3. Ich hätte da was für die Dame

    In einem Gräberfeld gefundene terra sigillata Keramik, nichts außergewöhnliches normalerweise, aber:

    JEDOCH gefunden in einem Bajuwarischen Gräberfeld 6/7-Jahrhundert,
    außerden Augustinische Fibel, Münzen etc.

    Auflösung:
    ein direkt danebenliegendes römisches Gräberfeld wurde bereits im Frühmittelalter durch die dort siedelnden Bajuwaren beraubt. (wer schon immer mal seine Bajuwarische Ausrüstung aufhübschen wollte durch antike Stücke: Das Gräberfels ist in Schwanenstadt,Oberöstereich)
    Wäre doch auch mal wieder was für Hr. Illig (LOL)

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    1. Ich glaube, gerade solche verkürzten, halbwahren Darstellungen wie von dieser Archäologin, lassen Herrn Illig auf seine mitunter sehr weitreichenden Ideen kommen ;)

      In bajuwarischen Gräbern findet man als Beigaben gelegentlich sogar Pfeilspitzen aus der Bronzezeit, die auf Äckern eingesammelt wurden und vielleicht als Talismane galten. Es wird gemutmaßt, dass auch der Begriff "Hexenschuss" auf diese Pfeilspitzen zurückzuführen ist, die sich die Menschen des Frühmittelalters vielleicht nicht anders erklären konnten, als dass sie von übernatürlichen Wesen stammten, die damit auf Menschen zielten...

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  4. Sachte: Eine Münze Traians lässt zumindest erkennen, dass sie nicht vor 98 nach Christus in den Boden gelangt ist, und somit einen Terminus ante quem non.- Dass die Datierung nach oben offen sein kann, ist jedem klar, der wie ich, Theresienthaler besitzt.
    Leser

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    1. Aufgepasst, es ging darum, ob mit Münzen Schichten absolut datiert werden können. Und das trifft in der Regel höchstens dann zu, wenn es sich um eine nicht gestörte Schicht handelt. Die Münze Trajans besitzt nur in so einem Fall eine halbwegs verlässliche Aussagekraft über das Alter der Schicht.

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  5. Etliche Chronologien stehen auf tönernen Füßen, da es bei ihrem Erstellen immer wieder zu Zirkelschlüssen gekommen ist. Bedauerlicherweise findet im Zuge eines typischen Archäologie- oder Geschichtsstudiums heute kaum noch eine entsprechende Sensibilisierung der Studierenden statt. Vieles wird einfach als gegeben angenommen und nicht weiter hinterfragt. Auch die Hinweise in den einschlägigen Lehrbüchern fallen immer dürftiger aus, so als ob man sich für die Unschärfe der eigenen Methoden und chronologischen Gerüste zutiefst schämen würde.

    MfG,
    David Storck

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    1. Was die Archäologie betrifft, weiß ich es nicht, aber für das Geschichtsstudium trifft das in der Tat zu.

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  6. Der Versuch (gar nicht einmal so) komplizierte Sachverhalte Laien allgemein verständlich zu erklären, geht leicht in die Hose. Man sollte sich als Vortragender daher schon gute Formulierungen überlegen, damit es nicht zu Missverständnissen kommt. Doch Didaktik kommt beim Studium mittlerweile ja viel zu kurz.

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  7. Schon aus der göttlichen Offenbarung ergibt sich, das die üblichen und verbreiteten Datierungsmethoden zu sagenhaft überhöhten Zahlen führen. Leider ist das exakte Alter der Menschheit in Vergessenheit geraten, aber es muss mindestens ca. 6.000 und kann nicht mehr als 7.300 Jahre betragen; in diesem Licht erkennt man die Unhaltbarkeit angeblich naturwissenschaftlicher Methoden, die zu um etliche Nullen höheren Altern gelangen. Bei der Dendrochronologie werden sich wiederholende Jahrringmuster aufgrund der Sonnenfleckenzyklen nicht genügend beachtet (eine absolute Übereinstimmung von Jahrringmustern wie in stark vereinfachenden Lehrbüchern gibt es ohnehin nicht, sondern nur näherungsweie) und der Fehler bei der C-14-Methode wirkt sich in zeitlich rückwärtiger Richtung exponentiell aus.
    Näheres bei van der Veen und Zerbst und anderen: https://www.amazon.de/Biblische-Arch%C3%A4ologie-Scheideweg-Neudatierung-arch%C3%A4ologischer/dp/377513851X
    Leser

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  8. Welche göttliche Offenbarung meinst Du? Eine, die bereits bei 6000 Jahren eine solche Ungenauigkeit aufweist? Kann man unter diesen Umständen pauschal technische Methoden angreifen? Wie beweist Du die Richtigkeit oder die Göttlichkeit (d)einer Offenbarung? Am einfachsten wäre ja gewesen, Gott hätte das Schöpfungsdatum samt aller wichtigen Tipps dazu, ganz groß für uns sichtbar, auf der uns zugewandten Seite des Mondes eingemeißelt oder ins Ohrläppchen tätowiert... Vielleicht traut er unserer Analysetechnik mehr zu als Du glaubst.

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