Sonntag, 18. Dezember 2016

Buch: Wurmbunte Klingen - Studien zur Konstruktion, Herstellung und Wertigkeit der frühmittelalterlichen Spatha in Westfalen

Die Spatha - ein zweischneidiges Langschwert - zählt zu den charakteristischen Waffen des europäischen Frühmittelalters. Aufgrund des enormen Herstellungsaufwandes war sie für ihre Träger vermutlich ein wertvolles Prestigeobjekt. In Wurmbunte Klingen: Studien zu Konstruktion, Herstellung und Wertigkeit der früh-mittelalterlichen Spatha in Westfalen (Aschendorff Verlag) widmet sich der Autor Ulrich Lehmann anhand von 28 westfälischen (und zwei rheinländischen) Schwert-Funden aus dem 6. - 8./9. Jh. diesem Thema in ausführlicher Weise.

Von einiger Bedeutung für die Studien ist die Unterteilung der Spatha in Schwertscheide, Gefäß und Klinge. So sind etwa beim Gefäß - bestehend aus Hilze, Griffplatten/Parierstange und Knaufkrone - Wandel von Stil und verwendeten Materialien zentrale Merkmale, die eine chronologische Einordnung des Schwertes ermöglichen. Wobei Gefäß und Klinge aufgrund von nachträglichen Veränderungen (z.B. durch Reparaturen) zeitlich relativ weit auseinanderliegen können.

Einiges Augenmerk wurde bei den Untersuchungen auch der Schwertscheide geschenkt. Üblicherweise bestand sie aus einer fellgefütterten Holzschale, die außen mit Leder und/oder Textilen überzogen war (21 der 28 in der Studie behandelten Schwerter aus Westfalen wiesen noch unterschiedlich umfangreiche Reste davon auf). Interessant und neu war für mich hierbei, dass frühmittelalterliche Spatha-Schwertscheiden regelhaft plastisch verziert waren (etwa durch das Aufleimen von Schnüren unter dem Lederbezug, siehe nachfolgende Bilder) - ich hielt das bisher eher für eine Ausnahme. Des Weiteren könnte häufig Farbe zum Einsatz gekommen sein,  was mich besonders überraschte. Bunte Schwertscheiden - wer hätte das gedacht? Ein Aha-Erlebnis hatte ich auch bei der geäußerten Annahme, dass es sich bei den an manch Spatha-Fund anhaftenden Textilresten nicht zwingend um eine Bespannung der hölzernen Scheide handeln muss; vielmehr könnten es auch die Reste eines Schutzumschlages sein, in den das Schwert gewickelt wurde, bevor es als Beigabe unter die Erde kam. Das bedeutet, manch heute gezeigte Rekonstruktion beruht möglicherweise auf einer Missinterpretation.

Besonders viel Aufmerksamkeit widmet der Autor natürlich der Klinge, deren Kern in merowingischer und karolingischer Zeit typischerweise aus Schweißverbundstahl bestand. Im Detail erläutert werden hier die Aufbereitung des Metalls sowie das Schmieden und Härten. Unter anderem aufgrund von grafischen Darstellungen verschiedenster Klingenquerschnitte und der auf den polierten Klinge hervortretenden Schweißmuster (= "wurmbunt") entsteht ein gut nachvollziehbarer Einblick in die frühmittelalterliche Schwertschmiedetechnik, für die das Feuerverschweißen von tordierten Metallstäben unterschiedlicher Beschaffenheit besonders charakteristisch ist (und einfach ist es auch nicht, wie ich aus eigener praktischer Erfahrung weiß).

Gesondert erläutert werden die den Untersuchungen zugrunde liegenden naturwissenschaftlichen Verfahren; z.B. die 3-D-Röntgen-Computertomographie.  Auch die Grenzen der modernen Technik kommen zur Sprache; so ist etwa eine verlässliche Härtebestimmung der Klinge häufig kaum möglich, da ausgerechnet die äußeren Schichten des Schwertes, in denen die einstige Härtung naturgemäß besonders stark in Erscheinung trat, fast immer aufgrund von Korrosion zerstört sind. Dementsprechend sind die in Forschungsberichten angegebenen Werte mit Vorsicht zu genießen.





Fazit: Zwar wendet sich der Autor Ulrich Lehmann mit seinem Buch kaum an völlige Laien, doch dürften selbst Interessierte ohne einschlägiges Vorwissen aus den allgemein verständlich geschriebenen Texten viele wertvolle Informationen entnehmen können. Unzählige Illustrationen (inkl. eines Kataloges) erleichtern das Verständnis. Auch wurde von Fußnoten reichlich Gebrauch gemacht, wobei sich der Autor hierbei häufig nicht auf bloße Literaturhinweise beschränkt hat, sondern gleich direkt wichtige Zusatzinformationen einflechtete.
Natürlich bezieht sich der Großteil des Buchs auf Spatha-Funde im deutschen Westfalen, allerdings sind die Unterschiede zu ähnlichen Funden in den germanisch besiedelten Gebieten Mitteleuropas meiner Erfahrung nach vergleichsweise gering. Daher lassen sich aus den Untersuchungsergebnissen wohl häufig relativ allgemein gültige Schlüsse ziehen; etwa die historischen Handwerkstechniken betreffend. Nicht zuletzt für Living-History-Hobbyisten im deutschen Sprachraum ist dieser Umstand von Bedeutung. Sie bekommen mit dem vorliegenden Buch eine sehr detailreiche Recherche-Quelle an die Hand, die es ihnen ermöglicht, ein für die persönliche Darstellung passendes Schwert in Auftrag zu geben, ohne sich dabei allzu blind auf die Kenntnisse des Schmiedes verlassen zu müssen. Wobei freilich auch Schmiede, die Repliken historischer Blankwaffen herstellen, mit diesem Buch ihre Freude haben dürften. 
Für knapp 40 Euro erhält man eine allgemein verständlich geschriebene, gut strukturierte, großformatige und reichhaltig illustrierte Monografie mit einem Umfang von über 500 Seiten; ein meiner Ansicht nach sehr gutes Preis-Leistungsverhältnis.
Übrigens: Der Autor wurde für seine Spatha-Forschung vor einigen Monaten mit einem Preis ausgezeichnet.

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In nachfolgendem 10-minütigem Video sieht man den Waffenschmied Stefan Roth, wie er mit dem Autor Ulrich Lehmann an der aufwendigen Herstellung jener Spatha arbeitet, die auf dem Cover des oben besprochenen Buchs abgebildet ist. Über eine halbe Tonne Holzkohle wurde dabei verbrannt!




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5 Kommentare

  1. Kann es sein, dass die bei Campus Galli auch solche Schwerter schmieden, oder zumindest etwas anderes aus "wurmbuntem" Stahl?
    Als ich dort war, hat man nämlich auch weißglühende, wie Wunderkerzen sprühende Metallstückende zusammengehämmert. Bin diesbezüglich leider ein unwissender Laie, aber mir kommt das rückblickend so ähnlich vor, wie in dem Video. Wenn es stimmt, dann hätte zumindest der Schmied des Projekts etwas drauf, im Gegensatz zu den meisten anderen Angestellten. :-)
    Karl0

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    1. Wenn der Stahl weißglühend war und bereits wie eine Wunderkerze gesprüht hat, dann hat der Schmied geschlafen, denn die beschriebenen Merkmale bedeuten, dass der Stahl überhitzt wurde und verbrannt ist. Was übrig bleibt ist eine Art Eisenoxid. Nix gut ;)

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    2. Oh, dann doch nicht so geschickt wie ich mir gedacht habe. :-)
      Karl0

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  2. Das Buch an sich ist sehr Toll, habe es bereits seit Sommer, interessant ist es auch nebenbei das Buch "Das zweischneidige Schwert der germanischen Völkerwanderungszeit" von Elis Behmer zum Vergleich zu haben.
    Auch wenn der Text nicht mehr ganz dem aktuellen Stand entspricht, auf den mustergeschweißten Stahl wird so gut wie gar nicht eingegangen, sind die Bildtafeln zu den Schwerten sehr gut und reichen vom 4. bis ins 8. Jhd.
    Es werden wenn vorhanden auch immer alle Scheidenbeschläge sowie Schwertteile abgebildet.

    Die Schwertscheiden dürften ins 9.Jhd dann allerdings einfacher geworden sein, während die Schwerter eine Zeit lang weiterhin reich verziert waren (zu Beispiel so gut wie Schwerter vom Petersen Type H).

    Die Darstellungen im Stuttgarter Psalter sind einfache (gewachste?) Leinenumwicklungen, wie von Alfred Geibig beschrieben http://1501bc.com/files/04270042.jpg
    https://myarmoury.com/talk/files/post_1272_1240416483_100.jpg

    oder wie sie auch bei diesem Schwert aus Island zu sehen ist:
    http://www.sarpur.is/Adfang.aspx?AdfangID=335100

    Dazu habe ich noch Detailaufnahmen, die ich aber nicht von mir sind und ich nicht öffentlich verlinken soll.

    Weitere Videos wie solche Klingen entstehen kann man übrigens recht gut auf diesem Kanal hie sehen: https://www.youtube.com/user/mintwart/videos, wobei er die meiste Zeit mit Modernem Stahl arbeitet.
    Patrick Barta hat auch einen tollen Katalog von seinen Rekonstruktionen, diesmal mit authentischen Materialien, online.
    http://www.templ.net/english/weapons-antiquity_and_early_middle_age.php

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    1. "Das zweischneidige Schwert der germanischen Völkerwanderungszeit"

      Das Buch ist wirklich nicht schlecht. Ich hatte es vor ein paar Jahren extra ausgeborgt, um die besagten Abbildungen herauszukopieren.

      Ein sehr gutes Buch ist auch "Das Schwert im frühen Mittelalter" von Wilfried Menghin. Leider gibt es das nur noch gebraucht zu Mondpreisen

      Der Katalog ist sehr schön. Wenn ich zu viel Geld hätte, könnte ich dort bestellen bis zum Abwinken :)

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