Samstag, 13. Mai 2017

Mysteriöse Erdställe als Klangräume und Orte der Heilung? - Ein Interview mit der Forscherin Birgit Symader



Erdställe sind ein archäologisches Phänomen, das erst seit wenigen Jahren in den Fokus einer etwas breiteren Öffentlichkeit geraten ist - obschon die Forschungsgeschichte bis mindestens in das 19. Jahrhundert zurückreicht. 
Der von der modernen Wissenschaft verwendete Begriff "Erdstall" führt freilich ein wenig in die Irre, denn hier ist keineswegs von einem unterirdischen (Tier-)Stall die Rede. Nein, vielmehr ist damit eine Stelle unter der Erde gemeint; genauer gesagt eine Ansammlung von miteinander verbundenen Hohlräumen, deren tatsächlicher Sinn und Zweck bis dato Rätsel aufgibt.
Auch bei der Datierung dieser Anlagen herrscht unter den Erdstallforschern keine Einstimmigkeit. Einige sprechen von einer möglichen Errichtung im Mittelalter, andere wiederum verorten zumindest einzelne Bauten im Magdalénien (ausgehende Altsteinzeit). Möglicherweise ist beides richtig, denn mit der Bezeichnung "Erdstall" könnte die Forschung unwissentlich zeitlich weit auseinanderliegende Anlagen unter einem Oberbegriff zusammengefasst haben.
Über die Erdstallforschung in der Steiermark wurde hier bereits mehrmals berichtet (Links dazu finden sich am Ende des Beitrages). Doch auch in Bayern gibt es engagierte Forscher, die sich dieses spannenden Themas annehmen. Eine von ihnen ist Birgit Symader, die den Arbeitskreis für Erdstallforschung e.V. leitet. In folgendem Gespräch wird sie Einblick in ihre wissenschaftliche Tätigkeit geben.



Liebe Frau Symader, wie sind Sie dazu gekommen, sich intensiv mit Erdställen zu beschäftigen?
Mein Hobby ist seit etwa 25 Jahren die Höhlenforschung und Archäologie. Gerade bei der Höhlenforschung stolpert man immer über andere unterirdische Anlagen, wie Bergbau, Wassergänge oder eben auch Erdställe. Durch eine örtliche Veränderung in die Oberpfalz wurde das Thema, aufgrund der räumlichen Nähe zu den Erdställen, ein größeres Anliegen für mich - bzw. fast schon mein zweiter Job.   

Wie viele Erdställe konnten bisher in Bayern dokumentiert werden? 
Die Mitglieder in unserem Verein haben bisher gut 50 Anlagen dokumentiert und weiteren 580 Anlagen Aufgrund von Hinweisen oder Überlieferungen in eine Datenbank aufgenommen. Die Dokumentationen enthalten meistens eine detaillierte Gangbeschreibung, Pläne und Bilder. 

Wie hoch ist ungefähr der Anteil jener bayerischen Erdstall-Anlagen, die archäologisch sorgfältig erforscht werden konnten? Ich könnte mir nämlich vorstellen, dass bei der überwiegenden Anzahl aus Kostengründen nur ein eine rudimentäre Dokumentation stattfindet, oder?
Archäologisch wurden bisher nur wenige Anlagen untersucht. Und zwar die Anlage in 🔼Mitterschneidhart (Lkr. Kelheim), Prof. Rind / Kaulich; 🔼Höcherlmühle (Lkr. Schwandorf), Schaller; 🔼Grasfilzing (Lkr. Cham), Symader; 🔼Aumbach (Lkr. Cham), Symader; 🔼Sierning (Oberösterreich) Traxler (Landesmuseum) in Zusammenarbeit mit AK-Erdstallforschung. 
Die archäologische Dokumentation ist für Laien eine Herausforderung. Die Vorgaben für die ehrenamtlichen Helfer sind exakt die gleichen wie für Grabungsfirmen. Viele Ehrenamtler schrecken vor dieser ungemein wichtigen Arbeit zurück. Nicht die Kosten, sondern das Know-How und die Zeit sind das Problem. Nur wenige Mitwirkende in unserem Arbeitskreis nehmen dies auf sich.

Es gibt verschiedene Arten von Erdställen: Gemauerte (Trockenmauer-Bauweise) und in den Fels oder in loses Gestein/Erdreich gegrabene. Dominiert eine bestimmte Bauform in Bayern? Und ist es überhaupt wahrscheinlich, dass beide Bauformen zur selben Zeit 'en vogue' waren? Können nicht relativ lange Zeiträume zwischen dem Entstehen von gemauerten und gegrabenen Erdställen liegen? Werden hier mitunter gar Dinge in einen Topf geworfen, die keinen besonders engen Bezug zueinander haben, außer dass es sich um unterirdische Gänge handelt?
In Bayern sind die Anlagen aus dem anstehenden Fels geschlagen. Trockenmauern sind ganz selten. Die Datierung der Arbeitspuren ist nach jetzigem Stand nicht möglich, es ist lediglich anhand der Bearbeitungsspuren das Arbeitsgerät zu eruieren und dies ist zeitlich einzuordnen.
Ich persönlich würde unterschiedliche Zeitstellungen auf keinen Fall ausschließen. Wir konnten wenige Spuren von unterschiedlichen Bauphase belegen, aber warum sollten die Anlagen nicht auch in unterschiedlichen Epochen genutzt worden sein ...

Sind die Erdställe Ihrer Meinung nach für einen längeren Aufenthalt geeignet? Bei künstlichen Höhlen ist ja speziell die Belüftung häufig ein Problem. Und gibt es bezüglich des Raumklimas bei den verschiedenen Erdstall-Bauformen spürbare Unterschiede? 
Ich denke nicht, dass die Erdställe für einen längeren Aufenthalt gebaut wurden. Der Mensch ist bequem und hätte es sich sicher für längere Zeit auch gemütlich gemacht. Es gibt aber keine Befunde, die auf einen längeren Aufenthalt des Menschen oder anderer Lebewesen hindeuten.
Für kürzere Aufenthalte, als Versteck, sicher eine gutes Plätzchen. Ich habe bei meinen vielen längeren Aufenthalten in Erdställen, aufgrund von Grabungen und Dokumentationen, den Ort immer als angenehm empfunden. Die Belüftung war nur bei stark gestörten Anlagen, durch äußerliche Eingriffe,  ein Problem. 


Sie vertreten die Meinung, dass sich Erdställe - entgegen einer immer wieder geäußerten These - nicht gut als Verstecke vor Räubern oder ähnlich bösen Gesellen geeignet haben. Als Grund führen Sie unter anderem an, dass die in Erdställen oft vorhandenen Schlupfe (siehe obiges Bild) zu eng für dicke Menschen oder Schwangere sind; und das obwohl Frauen in den vergangenen Jahrhunderten - verglichen mit heute - relativ häufig schwanger waren. 
Auch gibt es bisher keine eindeutigen Belege, die eine religiöse Verwendung der unterirdischen Gangsysteme beweist. Als Vorratsräume seien sie ebenfalls nur sehr bedingt geeignet, heißt es.
Stattdessen könnte Ihrer Meinung nach manch Erdstall eventuell zum Kurieren von Krankheiten verwendet worden sein, was sehr spannend klingt. Hat diese Überlegung etwas mit Ihren Versuchen zu tun, das Verhalten von Schwingungen/Resonanzen in Erdställen zu beobachten? Vielleicht können Sie davon Einzelheiten berichten?
Ja, es würde wenig Sinn machen ein Versteck für eine bestimme Zielgruppe zu bauen. Auch als Lager ist es für unser heutiges Verständnis gar nicht gut geeignet, würde man meinen. Leider hat sich bisher niemand wissenschaftlich mit der Theorie Lagerhaltung/Verstecke auseinandergesetzt. Sei es um diese zu belegen oder auszuschließen. Das wäre die normale Vorgehensweise.
Es gibt aktuell eine Wissenschaftlerin, die sich speziell mit dem Thema Lagerhaltung bzw. welches Lagergut zu dem Erdstall passen würde, auseinandersetzt. Wir können jetzt schon auf die Publikation gespannt sein. Allerdings wird dabei immer davon ausgegangen dass wir uns im Mittelalter befinden.  Lebensmittel des Mittelalters, Lebensumstände etc.
Es gibt zwar einige Befunde für das Mittelalter, diese weisen aber auf eine Zeit hin in der die Erdställe nicht mehr für den ursprünglichen Zweck genutzt worden sind. Stattdessen hat man sie als Abfallgruben zweckentfremdet. Meiner Meinung nach sollte man den zeitlichen Rahmen nicht einengen, sondern fragen „wie war es vor 1000 n. Chr.“.
Aber für was ist der Raum Erdstall noch geeignet? Man kennt z.B. aus Ägypten Klangräume. Eine Frage die ich gerne klären möchte: Welche Frequenzen werden im Erdstall aufgebaut, wenn dort z.B. ein Ton eines Instruments abgesetzt wird? Und wie reagiert der menschliche Organismus darauf? In der Elektrotherapie wird mit verschiedenen Frequenzen geheilt, selbst das Schnurren einer Katze hat heilende Wirkung. Diese Tests lassen sich sehr einfach durchführen, sofern man das Equipment und Know-How hat.
Weitere medizinische Aspekte: Der Raum Erstall weist ähnliche Merkmale wie eine Naturhöhle auf, z.B. bei der Luftfeuchtigkeit. Also ein idealer Platz für einen Asthmatiker. Und wie verhalten sich Vierenstämme unter diesen Bedingungen? Welche Krankheiten lassen sich hier besonders gut ausheilen? Alles Fragen mit denen sich bisher noch niemand beschäftigt hat. Es liegt noch viel Forschungsarbeit vor uns. 

In alten österreichischen Kirchendokumenten tauchen Hinweise auf Erdställe ("Schratteln") auf. Wie sieht es bezüglich schriftlichen Überlieferungen in Bayern aus? 
Schlecht. Ein Schriftstück aus dem Bistum Passau soll vorhanden sein, erst letztes Jahr wurde um Einsicht gebeten. 

Lokale Sagen handeln oft von Wesen (z.B. Zwergen), die in Höhlen unter der Erde hausen, woraus bis zu einem gewissen Grad auch ein Zusammenhang mit tatsächlich vorhandenen Erdställen abgeleitet werden kann. Wie stark beziehen Sie solche Informationen bei Ihrer Forschung mit ein? 
Sehr. Wenn es eine Geschichte gibt, ist auch irgendetwas Unterirdisches zu finden - allerdings nicht immer ein Erdstall. Die Geschichte der Schrazeln, Zwerge, Erdweibl, Erdmannli gibt es überall wo es unterirdische Anlagen gibt. Es war für die Menschen ja auch eine gute Erklärung, denn wer sonst soll dort gelebt haben? In Arnschwang in der Oberpfalz gab es im letzten Jahrhundert jemanden, der den "Schrazn" noch etwas zum Essen und sogar Kleidung hingelegt hat.
Fakt ist, die kleinen Wesen sind in den Erzählungen allesamt nett zum Menschen. Dann macht der Mensch einen Fehler und sie verschwinden. 

Ein kritischer Punkt ist die Datierung. Manch Forscher meint, die Erdställe stammen allesamt aus dem Mittelalter. Als 'Beweis' führt man einige wenige Holzkohlereste aus Erdställen an, die mittels C14-Methode untersucht bzw. datiert wurden. Äußerst Problematisch hierbei ist freilich, dass diese Holzkohlestückchen genauso gut im Zuge einer Sekundärnutzung der Anlagen eingebracht worden sein könnten, die ja bei nicht wenigen Erdställen tatsächlich dokumentiert ist. Die verlässliche Absolut-Datierung eines Erdstalls ist mir dieser Methode daher nicht möglich, oder?
Nein, das denke ich nicht. Wir können davon ausgehen dass die Erdställe etwa ab dem 12. - 13. Jhd. nicht mehr zu dem ursprünglichen Zweck genutzt wurden. Eingebrachte Funde belegen dies, und diese sind in der Regel aus dem 11-14 Jahrhundert. Die letzte Datierung aus dem Erdstall Grasfilzing belegte sehr gut eine mögliche Nutzung bis in das 13. Jhd. Eine eingebrachte Pflanzenschicht die direkt auf dem Boden auflag ist mir der Nutzungszeit in Verbindung zu bringen.
Eine Datierung zur Entstehung gibt es im Ansatz nur bei dem Erdstall Höcherlmühle bzw. einem dort befindlichen Bauschacht (um 1000 n. Chr.) - sofern man davon ausgeht, das letzerer direkt im Anschluss an seine Fertigstellung verschlossen wurde. Aber bei lediglich einem gegrabenen Bauschacht ist es nicht sinnvoll, die Befunde auf alle Erdställe umzulegen. Wenn wir 20 archäologisch untersuchte Bauschächte haben, könnte man sicher eine Aussage treffen, doch jetzt ist so etwas eigentlich noch nicht möglich. 

Im Falle einer intensiven Sekundärnutzung der Erdställe kann von der Möglichkeit ausgegangen werden, dass älteres Material im Zuge von Reinigungsarbeiten entfernt wurde. Selbiges könnte bei späteren Erweiterungen der Anlagen - die in einigen Fällen nachweisbar sind - geschehen sein. Erschweren diese Unwägbarkeiten verlässliche Aussagen zum Alter einzelner oder gar aller Erdställe nicht ungemein?
Ja natürlich. Bei den meisten bestehenden Anlagen ist es schwierig noch Befunde zu rekonstruieren Es wurde auch meistens bei den ersten Begehungen davon ausgegangen dass die Funde nicht zur Nutzzeit gehören und somit nicht wichtig sind. Das ist schade, denn auch diese Funde wären wichtig gewesen. Daher kommt übrigens auch die allgemeine Aussage „Erdställe sind fundleer“. Sie sind definitiv nicht fundleer, 

Erdstallforscher in der Steiermark erklären, dass sie mittels der sogenannten TCN-Methode (Terrestrial Cosmogenic Nuklides), die seit einigen Jahren in der Archäologie angewendet wird, in der Lage sind, unter bestimmten Umständen das bearbeitete Gestein von Erdställen direkt zu datieren. Und zwar dann, wenn diese in Trockenmauer-Bauweise errichtet wurden. Sie kommen hierbei auf ein Alter, das einen Entstehungszeitpunkt nahelegt, der etliche Jahrtausende vor der Zeitendwende angesiedelt ist. Wie sehen Sie die Sache? Wäre TCN eine (zugegebenermaßen nicht gerade billige) Untersuchungsmethode, die zukünftig auch für Ihre Forschung in Bayern eine Option darstellen könnte?
Für die Datierung mit der TCN-Methode sind unserer Erdställe nicht gut geeignet. Es bedarf eingebauter Steine/Platten, die an der Oberfläche gebrochen wurden. Wir haben z.B. lediglich eingebrachte Mühlsteine, die sicherlich an der Oberfläche gefertigt wurden. Es fehlen aber die Referenz-Steinbrüche dazu.
Außerdem muss ich gestehen, fehlt es uns am Know-How, die Proben zu entnehmen und für mich wäre eine Interpretation das noch größere Problem. Meiner Meinung nach kann ich nicht davon ausgehen - nehmen wir das Beispiel mit dem Mühlstein - dass dieser mit der Bauzeit unmittelbar in Verbindung steht. Er kann ja auch schon Jahrhunderte lang anderweitig benutzt worden sein.

In der Steiermark (Raum Vorau) wurden von Heinrich Kusch sogenannte Lochsteine in Zusammenhang mit Erdställen gebracht. Hat man in Bayern ähnliches beobachtet oder sind Lochsteine bei Ihnen nicht weit genug verbreitet, um solche Schlüsse zu ziehen?
Lochstein-Reihen, wie sie das Vorauer Gebiet durchziehen, haben wir in Bayern nicht. Erst kürzlich bin ich aber über einen „gestolpert“. Und zwar im Gebiet Untergriesbach bei Passau. Dort wurde ich für eine Expertise zu einem unterirdischen Gang gerufen. Vorab waren einige interessante Indizien bekannt:
🔼 Unmittelbar nördlich ein ehemaliger Burgstall aus dem Hochmittelalter.
🔼 800 Meter südwestlich ein ehemaliger Herrensitz.
🔼 Ein unterirdischer Gang soll lt. Überlieferung die beiden Anwesen verbinden.
Die Fakten waren:
🔼 Ein Gang existierte etwas südlich des Burgstalls.
🔼 Es handelte sich um einen Bergbaustollen aus dem Mittelalter und der Verlauf ging in Richtung des Herrensitzes, war aber nach 70m verschüttet.
🔼Im Ort stand ein Lochstein. Dieser Lochstein stand ursprünglich am ehemaligen Herrensitz mit noch zwei weiteren.
Jetzt könnte man natürlich spekulieren. Ich bin jedenfalls sehr froh, durch Dr. Kusch auf Lochsteine sensibel zur reagieren. Sie werden auch immer eingemessen und in den Berichten mit beschrieben. Wer weiß, wann diese Information von Nutzen sein wird.

Immer wieder stößt man bei Bauarbeiten auf Erdställe; oder Bauern brechen mit ihren Traktoren in diese Hohlräume ein. Manch Entdecker wird sie einfach verfüllen, ohne den Denkmalschutz zu informieren. Und das wohl nicht nur aus Unwissenheit, denn dem Grundstückseigentümer drohen in Bayern bei einer Meldung erhebliche Kosten, die ihm für die fachgerechte Dokumentation eines solchen Bodendenkmals aufgebrummt werden können. Doch hier springen nun Sie und Ihr gemeinnütziger Verein helfend ein und erledigen die anfallende archäologische Arbeit quasi kostenlos. Sind Ihnen deshalb die kommerziellen Grabungsfirmen, die so um Aufträge umfallen, ein bisschen böse? Oder besteht hier keine direkte Konkurrenz?
Dies kann ich jetzt nicht so einfach beantworten. Üblicherweise wird bei einem Bodendenkmal, das z.B. bei Erschließung eines Baugebiets gefunden wird, eine Grabung durchgeführt. Das Bodendenkmal wird dabei zerstört, somit muss es entsprechenden den Vorgaben dokumentiert werden. Die Kosten übernimmt in diesem Fall der Eigentümer. Dies kann bei einer Grabung schon in die Tausende gehen. Die Entscheidung was gegraben wird und was nicht, trifft das Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege (BLfD) oder die Kreisarchäologie. Die Erdställe, die bisher einer Baustelle gewichen sind, wurden leider nicht gemeldet, sie waren dann halt einfach mal weg. Es wurden keine archäologischen Dokumentationen durchgeführt.
Sehr schade, denn wir als Verein würden so etwas für den Eigentümer übernehmen. Die Zerstörung eines Erdstalles ist leider per Gesetz nur eine Ordnungswidrigkeit und kostet nicht besonders viel Strafe.
Es ist traurig wie viele Erdställe die letzten 30 Jahre schon weichen mussten und nicht mehr dokumentiert werden konnten. Dies ist eine große Aufgabe, die der Arbeitskreis zusammen mit dem BLfD stemmen möchte. Es gab schon Gespräch mit den Zuständigen der Bodendenkmalpflege und ein Konzept für die Erdställe wird die nächsten Jahre umgesetzt werden. Das beinhaltet unter anderem die Erdställe in die „Vorgaben zur Dokumentation“ speziell mit einzubinden, damit sichergestellt ist, Erdställe vor Raubgräbereien zu bewahren. Diese Dokumentationen könnten dann natürlich auch Grabungsfirmen durchführen.
Bisher, bei all meinen Erdstall Sicherungen und archäologischen Dokumentationen, wurde der Eigentümer nicht belastet (Im Detail nachzulesen in unseren Jahresschriften 41 und 42). Die Gelder wurden von uns vom Bezirk, Gemeinde oder vom BLfD beantragt. Die Arbeiten wurden vom AK geleistet. Ich hoffe sehr, dass es uns so gelingt weitere Zerstörungen der Erdställe zu verhindern.
Tja, und ob uns die Grabungsfirmen böse sind, weiß ich nicht. Ich arbeite ja selbst in einer und ich kann nur sagen, viele meiner Kollegen haben mit dem Thema Erdstall noch „Berührungsprobleme“. Trotz meiner Aufklärungsarbeit ist eben ein neolithisches Gräberfeld interessanter 😊

Das Thema Erdstall dem Ottonormalbürger zu vermitteln, ist eine Aufgabe, die Ihr Verein ebenfalls in Angriff genommen hat. Neben einigen für die Öffentlichkeit begehbaren Anlagen ist mittlerweile sogar ein europäisches Erdstall-Forschungszentrum in Planung. Was hat es damit auf sich?
Ja, es wird ein Europäisches Erdstallforschungszentrum mit archäologischer Dokumentation - wie der offizielle Titel lautet - geben.
Mitten in der Oberpfalz - in Neukirchen-Balbini - hat die Gemeinde ein denkmalgeschütztes Haus, mit einem Erdstall im Keller, erworben, das ab 2019 als Museum vorgesehen ist. Die Forschungsergebnisse unseres deutsch–österreichischen Vereins und der europäischen Schwestergesellschaften werden zusammengeführt und bilden somit die Grundlage für die weiterführende Erdstallforschung in Europa. Das Museum dient damit als Basis-Station für die Mitglieder des Arbeitskreises e.V. und als Informationsquelle für die zuständigen Ämter, für Universitäten, Schulen und heimatgeschichtlich interessierte Privatpersonen. Es werden archäologische Funde ausgestellt und ein Periskop gibt einen Blick in die Endkammer des Erdstalls. Die Themen werden von den Sagenwelten bis zu der Erbauung eines Erdstalles das Komplette Spektrum abdecken. Im Haus sind auch unser Archiv und eine Bibliothek untergebracht, die wir dem Fachpublikum zur Verfügung stellen.
Derzeit beschäftigen wir uns noch mit dem Konzept, das wir zusammen mit der Firma archaeotext ausarbeiten. Bis zur Museumseröffnung 2019 werden steht uns noch viel Arbeit bevor.

Was sind, neben dem Erdstall-Forschungszentrum Ihre Pläne für die Zukunft? Gibt es etwas, das Sie besonders gerne näher erforschen würden?
Derzeit arbeite ich meine letzte Erdstall-Grabung auf. Dabei werde ich versuchen, einen Abdruck der Bearbeitungsspuren zu machen. Es geht mir darum, eine größere Fläche des Felsens mit einer Abformmasse abzubilden. Dieses könnte z.B. in Gips gegossen ein prima Ausstellungsstück für unser Museum abgeben. In der Anlage sind auch schöne Kienspanlöcher, die abzuformen mir hoffentlich ebenfalls gelingt.
Außerdem möchte ich gerne weitere Resonanz-Tests durchführen. Leider ist mein bisheriger Partner für dieses Experiment plötzlich verstorben, somit musste ich es erst mal auf Eis legen. Es wird sich hoffentlich noch jemand finden.
Mir ist sehr daran gelegen, die Erdställe in den nächsten Jahren als ernstzunehmendes Forschungsobjekt zu etablieren. Es gibt noch viel zu erforschen.
Dann werde ich weiter daran arbeiten, dass die Erdstallbesitzer mit uns und den BLfD kooperieren, um weiter Zerstörungen der Erdställe zu verhindern. Es wäre schön, wenn sich mehr Menschen für das Thema begeistern könnten und uns im Arbeitskreis unterstützen. 

Diesem Wunsch schließe ich mich an. Und vielen lieben Dank, dass Sie sich die Zeit genommen haben, das interessante Thema Erdstall hier näher zu erörtern. 



Weiterführende Informationen:

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11 Kommentare

  1. Da wäre ich auch sehr dafür, wenn man die Erdstallforschung intensivieren würde. Gut ist auf jeden Fall, dass Frau Symader hier ohne Scheuklappen forscht. Z.B. die Sache mit den Resonanzexperimenten hört sich sehr interessant an!

    Grüßle,
    Maria

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  2. Soweit ich weiß, befinden sich unter alten Kirchen sehr oft Erdstallanlagen. Es würde mich mal interessieren, was es damit auf sich hat. Bisher scheint das noch nicht systematisch untersucht worden zu sein.
    Flo

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  3. Gutes Interview! Mir war nicht bekannt, dass es in Bayern so viele Erdställe gibt. Ich dachte, bei uns kommen die nur vereinzelt vor, quasi als Ausläufer der sich in Österreich stark konzentrierenden Anlagen.
    Heinrich Kusch hat mit seinen beiden Bestsellern das Thema einer breiteren Öffentlichkeit bekannt gemacht. Und es freut mich, dass er auch bei Forschern in Bayern zu einer Sensibilisierung in Bezug auf Lochsteine beigetragen hat.
    Ich war selbst schon im Gebiet Vorau auf Wanderurlaub und habe mir dabei einige der Lochsteine angesehen, die Heinrich Kusch in seinen Büchern beschreibt. Sehr eindrucksvoll!
    Grüße aus Passau,
    Thomas.

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    1. Die Jahrestagung des Arbeitskreises für Erdstallforschung e.V. findet dieses Jahr in Tiefenbach bei Passau statt. Gäste sind hierzu willkommen.

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  4. Hallo Hiltibold!

    Sehr gute Fragen, sehr gute Antworten. Ich habe mir nämlich jetzt auch zum Vergleich das verlinkte Gespräch des Bayerischen Rundfunks mit Birgit Symader angehört. Dort sind die Fragen meistens sehr oberflächlich (fad) und außerdem fällt der zweite Gast, ein Mensch vom Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege, Frau Symader mehrmals ins Wort, wenn die Überlegungen äußert, die nicht seiner eigenen Sichtweise entsprechen.

    Als meine Nachbarn vor gut 30 Jahren einen alten Stall abgerissen haben (Gmünd, NÖ), sind darunter auch zwei Gänge zum Vorschein gekommen. Jeder der beiden war mindestens 10 Meter lang. Ich habe davon sogar noch ein Foto.
    Das Bundesdenkmalamt hat man damals aber nicht informiert, weil in den Gängen niemand etwas von Bedeutung gesehen hat. Zugeschüttet wurden sie aber zum Glück auch nicht, sondern man hat lediglich die Eingänge mit dicken Betonplatten verschlossen, über die dann Erde geschoben worden ist. Heute ist das eine Obstbaumwiese.

    Dann vor zwei Jahren, als ich durch Dr. Kuschs Veröffentlichungen auf das Thema Erdstall aufmerksam wurde, habe ich das Bundesdenkmalamt angeschrieben und auf die Anlage aufmerksam gemacht. Mehr als eine Art Eingangsbestätigung habe ich aber nie erhalten. Bisher hat sich das auch noch niemand angesehen. Ich bin deshalb schon am überlegen, ob ich mir das nicht ein wenig selbst anschauen soll. Der Sohn des Nachbarn, mein alter Schulfreund, wäre auch interessiert.

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    1. Wenn das BDA den Hintern nicht hochbekommt - was freilich am Personalmangel liegen kann - dann handelt es sich hier aufgrund der ausbleibenden Unterschutzstellung nach § 9 des Denkmalschutzgesetzes um kein Bodendenkmal. Jeder darf sich demzufolge diese Gänge selber näher ansehen. Allerdings würde ich dabei sehr vorsichtig sein, weil sich in künstlichen Höhlen gerne giftige Gase wie Kohlenmonoxid sammeln.

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    2. Dann sollten wir im Fall der Fälle besser vorsichtig sein und bei Conrad ein kleines Messgerät für Kohlenmonoxid besorgen.

      Das mit dem ausbleibenden Schutz durch das Bundesdenkmalamt habe ich nicht gewusst. Ich dachte, so etwas wird automatisch nach Meldung vorläufig geschützt. Aber danke dir für die Aufklärung!

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  5. Es gibt Vertreter der Erdstallforschung, die würden die Datierung ins Mittelalter gerne als "settled science" festgeschrieben wissen. Seriöse Forscher lassen diese Frage lieber offen. Der Hinweis, dass Erdstall nicht gleich Erdstall ist - dass also einige Tunnel zwar aus dem Mittelalter stammen können, andere aber genauso gut nicht - erscheint mir daher umso wichtiger.

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    1. "settled science" = Ideologie
      Weil nur Ideologen der Meinung sind, sie wären im Besitz der absoluten, unabänderlichen Wahrheit.
      LG,
      Erwin

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  6. Mich würde interessieren, ab wann ein unterirdisches Gangsystem klar als "Erdstall" anzusprechen ist? Sobald die beschriebenen Schlupfe vorhanden sind? Oder gibt es bedeutendere Kriterien?

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  7. Die Schlupfe sind ein wichtiges Kriterium. Es gilt als erstes auszuschließen das eine Zweckbestimmung vorliegt, wie z.B. Wassergang, Prospektionsstollen im Bergbau, die auch eine abweichende Fertigungstechnik haben. Erdställe werden nicht unbedingt nach der Felsschichtung gegraben wie im Bergbau. Letztendlich, sofern es sich nur um ein Gangfragment handelt, kann keine zuverlässige Aussage treffen. B.Symader

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