Mittwoch, 12. Juli 2017

Krimskrams: Die prekäre Museumspädagogik des Campus Galli -- 'Kugelsichere' Westen in der Antike

Die prekäre Museumspädagogik des Campus Galli 

Schüler bastelten im Unterricht zusammen mit ihrer Religionslehrerin ein Modell des auf dem sogenannten St. Galler Klosterplan dargestellten Klosters und übergaben es dem Töpfer der Mittelalterbaustelle Campus Galli, berichtet der Südkurier: Klick mich

So weit, so langweilig. Interessanter sind da schon die Auskünfte, die besagter Töpfer den Schülern bei ihrem Besucht erteilt haben soll. Der Klosterplan von St. Gallen, der ja mehr oder weniger als Vorlage für den Campus Galli dient, sei ein "Idealplan" gewesen, der auf genau diese Weise nie umgesetzt wurde.
Ein Idealplan, ach wirklich? Und warum schreibt dann ausgerechnet der 'Hüter' besagten Plans, der St. Galler Stiftsbibliothekar Cornel Dora - welcher übrigens im wissenschaftlichen Beirat des Campus Galli sitzt - in seiner Publikation Im Paradies des Alphabetes folgendes?

Bis heute bleibt offen, ob der Plan tatsächlich als Bauzeichnung gedacht war oder doch eher nur ein Konzept oder gar nur als eine Art Spiel [...]. Klar ist hingegen, dass er nicht die Kopie eines Idealplans war. Dafür sind zu viele Korrekturen und direkte Bezüge zu St. Gallen sichtbar. Es handelt sich um eine spezifisch für St. Gallen angefertigte Architekturzeichnung mit Konzeptcharakter.

Dora gibt übrigens als Quelle für seine Aussage eine Publikation von Barbara Schedl aus dem Jahr 2014 an. Lustigerweise sitzt auch Frau Schedl im wissenschaftlichen Beirat des Campus Galli. Demnach darf eigentlich zwingend davon ausgegangen werden, dass den Verantwortlichen bekannt ist, dass der St. Galler Klosterplan nach aktuellem Forschungsstand ausdrücklich nicht mehr als Idealplan betrachtet wird.
Die offensichtliche Unwissenheit des Campus-Galli-Töpfers ist daher mehr als nur befremdlich. Noch dazu handelt es sich bei dem Herren um einen gelernten Mittelalterarchäologen. Was für ein Armutszeugnis also, dass ausgerechnet er den kindlichen Besuchern grob falsche bzw. überholte Informationen vorsetzt. Dieses Beispiel verdeutlicht freilich zum wiederholten Mal, wie prekär es um die Museumspädagogik dieses schludrig umgesetzten Projekts nach wie vor bestellt ist. 

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'Kugelsichere' Westen in der Antike - oder: Der erstaunliche Brustpanzer des Demetrios Poliorketes

Demetrios Poliorketes - was soviel wie "Demetrios der Städtebelagerer" heißt (vielleicht eine Anspielung auf Zeus, der als Beschützer der Städte galt) war sicher einer der interessantesten Diadochen-Herrscher. Zeit seines Lebens führte er mit wechselndem Erfolg Krieg und eroberte sich nicht zuletzt wegen seinen gewaltigen Kriegsmaschinen einen Platz in der Geschichte.
Weniger bekannt, aber mindestens ebenso interessant ist eine Überlieferung Plutarchs, wonach Demetrios einen erstaunlichen Brustpanzer besessen haben soll, der quasi das antike Äquivalent zu einer modernen kugelsicheren Weste darstellte:

Für diesen Krieg (Anm.: gegen Rhodos) wurden ihm zwei eiserne Panzer aus Kypros geschickt, jeder vierzig Minen schwer (Anm.: rund 17 kg). Um Stärke und Festigkeit zu beweisen, ließ der Hersteller Zoilos aus 20 Metern Entfernung einen Katapultpfeil auf den Panzer abschießen, der dabei unverletzt blieb, von einer leichten Schramme abgesehen, wie von einem Schreibgriffel.
Diesen Panzer trug Demetrios selbst, den anderen der Epirot Alkimos, einer der stärksten und waffentüchtigsten seiner Leute, der alleine eine zwei Talente schwere Rüstung trug (Anm.: ca. 52 kg), während die aller anderen ein Talent wog.
Plutarch, Demetrios 21

Es handelt sich hier wohl um Glockenpanzer (Harnisch, Brustpanzer), die mittels spezieller Wärmebehandlung gehärtet worden waren. Dass Plutarch die Widerstandskraft dieser Rüstung eine Erwähnung wert ist, deutet darauf hin, dass es sich hierbei um etwas ganz besonderes handelte. Der Hersteller könnte demnach seiner Zeit schmiedetechnisch deutlich voraus gewesen sein.

Mir persönlich sind Brustpanzer aus dem 16. Jh. bekannt, die tatsächlich in der Lage waren, eine Musketenkugel aufzuhalten; das Plattner-Handerwerk hatte zu dieser Zeit seinen Höhepunkt erreicht. Ich weiß allerdings nicht, inwieweit eine Musketenkugel mit einem "Katapultpfeil" (Bolzen aus einem Torsionsgeschütz?) vergleichbar ist. Die Angaben von Plutarch sind hier einfach zu dürftig. 

9 Kommentare

  1. Bei unserem Ausflug zum Campus Galli hat uns ein anderer Besucher erzählt, dass die Schulung der Angestellten im "Schnellsiedeverfahren" erfolgt. Tiefer gehendes Hintergrundwissen darf man sich deshalb nicht von diesem Leuten erwarten. Auch nicht von den meisten der dort tätigen Gästeführer.
    "Armutszeugnis" ist dafür ein passender Ausdruck.

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    1. Der Geschäftsführer hat auf einschlägige Kritik sinngemäß geantwortet, dass ihm das Hintergrundwissen der Angestellten relativ wurscht ist, solange sie die manuellen Tätigkeiten beherrschen, denen sie am Campus Galli nachgehen.

      Eine eigenartige Rechtfertigung, schließlich handelt es sich um einen Besichtigungsbetrieb, der sich angeblich die Wissensvermittlung auf die Fahnen geschrieben hat. Und bei den beschäftigten Gästeführern, die ja gar keinem Handwerk vor Ort nachgehen, zieht das erst recht nicht.

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  2. In den Schriften des Vereins für Geschichte des Bodensees und seiner Umgebung wird eine Publikation von Ernst Tremp zum St. Gallener Klosterplan rezensiert und dabei wieder einmal davon gesprochen, das Campus Galli anstrebe, das Kloster "mit den Mitteln der experimentellen Archäologie" aufzubauen, ohne indes Näheres zu verraten.
    Leser

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    1. Der Campus Galli selbst verrät ja auch zumeist nichts Näheres. So läuft man nicht Gefahr, allzu oft beim Wort genommen zu werden.

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  3. Schüler bastelten im Unterricht zusammen mit ihrer Religionslehrerin ein Modell des sogenannten St. Galler Klosterplans. Was man an einem Gymnasium nicht alles in den Religionsunterricht hineinpacken kann.
    Insider

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  4. Schade, dass Plutarch nicht erwähnt, wie groß das Geschütz war, mit dem der Pfeil auf die Rüstung abgefeuert wurde. Auch das Geschossgewicht wäre interessant. In der Hinsicht gibt es schließlich große Unterschiede. Wurde außerdem schon einmal bei griechischen Glockenpanzern Härtetests durchgeführt? Mir ist dazu nichts bekannt.
    LG,
    Erwin

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    1. Mit Härtetests ist das so eine Sache. Der durch Wärmebehandlung hervorgerufene gehärtete Bereich befindet sich in der Regel vor allem in den äußersten Schichten, die allerdings im Laufe der Zeit als erstes wegkorrodieren. Zumindest ist das bei eisernen/stählernen Schwertern so. Wie es sich bei den erhaltenen griechischen/antiken Glockenpanzern verhält, die meines Wissens fast alle aus einer Art Bronze bestehen, ist mir nicht bekannt. Wobei der von Plutarch genannte Panzer ja wiederum aus Eisen gewesen sein soll, was wohl an sich schon eine absolute Besonderheit gewesen sein dürfte. Oder auch nicht, und es haben sich deshalb kaum Spuren von eisernen/stählernen Plattenpanzern aus dieser Zeit erhalten, weil diese materialbedingt schneller vergehen.

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    2. Bronze kann man glaube ich fast bis auf das Niveau von einfachem Stahl härten. Zumindest habe ich das irgendwo mal gelesen.

      W.R.

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    3. Ja, annähernd wie sehr niedriglegierter Stahl mit geringem Kohlenstoffanteil. Richtigerweise müsste man hier eigentlich noch von Eisen sprechen, aber die Archäologen machen da selten einen Unterschied. Sie bezeichnen ja auch alle möglichen Kupferlegierungen gerne als Bronze, selbst wenn es sich um Messing handelt.

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