Donnerstag, 27. Juli 2017

Wie kamen die Juden ins antike Rom?




Bereits im frühen 1. Jh. nach Christus sollen in Rom mindestens 30.000 Juden gelebt haben. Das waren gut 4 Prozent der städtischen Bevölkerung, die für die Regierungszeit von Augustus/Tiberius auf insgesamt 700.000 Personen geschätzt wird. 
Philo von Alexandria, der 40 n. Chr. als Gesandter Rom besuchte, berichtet, dass quasi der ganze Stadtteil Trastevere (Transtiber-Distrikt) fest in jüdischer Hand gewesen sei. Auch zwischen der Porta Collina und der Porta Esquilina sowie vor der Porta Capena sollen viele Juden gelebt haben - die überwiegend das römische Bürgerrecht besaßen, untereinander aber wohl nicht Latein, Hebräisch, oder Aramäisch sprachen, sondern Griechisch, da ihre Wurzeln zumeist in den stark hellenisierten Gebieten der östlichen Mittelmeeerküste lagen.


Der Krieg als der Vater aller Dinge

Die meisten stadtrömischen Juden dürften entweder Sklaven oder Ex-Sklaven - sogenannte Freigelassene - gewesen sein. Womit sie keine Ausnahme darstellten, denn es wird angenommen, dass im frühkaiserzeitlichen Rom bis zu 80 Prozent der Einwohner einer dieser beiden beiden Gruppen angehörten.
Grund: Die zahlreichen siegreich geführten Kriege Roms sorgten für einen beständigen Strom an neuem Menschenmaterial. Jene Kriegsgefangenen, die nicht zu kräftezehrender Landarbeit verdonnert wurden, landeten in z.T. nicht weniger ungesunden Handwerksbetrieben oder, mit etwas Glück, in einem städtischen Haushalt der römischen Oberschicht. 
Das Schicksal der kriegsbedingten Sklaverei traf auch viele Juden, da ihre Heimat ein krisengeschüttelter Unruheherd war. Zog man nicht gegen äußere Feinde, dann bekämpften sich die unterschiedlichen Fraktionen gegenseitig. Schon in der Zeit der späten Republik dürften etliche jüdische Kriegsgefangene nach Rom verschleppt worden sein - nämlich als der große General Pompeius Jerusalem eroberte; genaue Zahlen sind aber nicht bekannt. Hingegen heißt es, dass wenige Jahre später Gabinius - ein weiterer römischer Polit-Militär, der sich im Nahen Osten herumtrieb - 30.000 unbotmäßige Juden als Sklaven verkauft haben soll; manch einer von ihnen dürften in der Hauptstadt des Imperiums gelandet sein.
Während des zweiten Triumvirats belagerte der aus altem jüdischem Adel stammende Herodes der Große - unterstützt von Soldaten, die Marcus Antonius entsandt hatte - Jerusalem, um sich seines Konkurrenten Antigonos zu entledigen. Bei der Erstürmung der Stadt kam es zu schweren Gräultaten an der Zivilbevölkerung. Beteiligt an den Übergriffen waren nicht nur die Belagerer, sondern auch die jüdischen Herodes-Sympathisanten, welche innerhalb der Mauern Jerusalem lebten und nun den Moment gekommen sahen, an ihren Landsleuten Rache zu nehmen. Die Machtübernahme des Herodes dürfte eine Flüchtlingswelle in Richtung Rom ausgelöst haben, wo Octavian - der Konkurrent des Herodes-Verbündeten Antonius - herrschte (interessante Randnotiz: In den Streitkräften des Juden Herodes sollen sich laut Flavius Josephus germanische Söldner befunden haben. Ob man das in den 1930er-Jahren in Deutschland gewusst hat?).
Herodes, der für lange Zeit als Klientelkönig von Roms Gnaden regieren durfte, starb im Jahre 4 v. Chr.; daraufhin brachen in seinem Herrschaftsgebiet schwere Unruhen aus. Der damalige syrische Statthalter Varus - welcher einige Jahre später durch seine desaströse Niederlage gegen Arminius in die Geschichte eingehen sollte - griff mit harter Hand durch: 2000 aufständische Juden wurden ans Kreuz geschlagen und eine unbekannte Anzahl eingekerkert. Überdies wurde die Zerstörung der Stadt Sepphoris angeordnet; sämtliche Einwohner versklavte man. Und so fanden wieder einmal etliche jüdische Kriegsgefangene ihren Weg nach Rom.
Einen besonders großen Schub erhielt die jüdische Gemeinde Roms, als in den 60er-Jahren des 1. Jahrhunderts der sogenannte Jüdische Krieg ausbrach. Flavius Josephus spricht von 97.000 Gefangenen, die nach der Eroberung von Jerusalem durch den späteren Kaiser Titus gemacht wurden. Doch schon in den Jahren unmittelbar davor wurden etliche Juden in die Sklaverei geführt; auch abseits des eigentlichen Kriegsschauplatzes in Judäa. So kam es beispielsweise im ägyptischen Alexandria, wo eine besonders stattliche jüdische Gemeinde lebte, zu massiven Ausschreitungen zwischen den sich notorisch feindlich gesinnten Juden und Griechen. Nachdem die Reibereien darin gipfelten, dass ein jüdischer Mob damit drohte, das mit Griechen gefüllte Amphitheater der Stadt anzuzünden, setzte der Statthalter Tiberius Alexander die Armee ein, um die Ordnung wieder herzustellen. Es kam in Folge zu einem regelrechten Blutbad, an dem sich nicht nur römische Soldaten, sondern auch die zutiefst erbitterte nichtjüdische Bevölkerung Alexandrias beteiligte: 50.000 Juden, vom Säugling bis zum Greis, sollen in Folge umgekommen sein. Darüber hinaus kann auch in diesem Fall davon ausgegangen werden, dass etliche der überlebenden Juden versklavt wurden - sofern sie nicht das römische Bürgerrecht besaßen. Nach diesen blutigen Ereignissen werden aber wohl auch viele Juden freiwillig Alexandria den Rücken gekehrt haben, so wie übrigens auch zahlreiche Einwohner Jerusalems ihre Stadt vor der Belagerung durch Titus verließen, um sich auf die Seite Roms zu schlagen
Exkurs: Die Schwarz-Weiß-Darstellung, es habe sich beim Jüdischen Krieg um einen Unabhängigeitskampf gegen das übermächtige Rom gehandelt, widerspricht den historischen Überlieferungen; vielmehr war es vor allem ein innerjüdischer Konflikt, in den Rom als Besatzungsmacht hineingezogen wurde. Trotzdem trug sich in der Nacht des 14. Mai 1948 Bemerkenswertes zu: Unter dem antiken Titusbogen in Rom - der unter anderem an den Triumph über die Juden erinnern soll - versammelten sich Mitglieder der jüdischen Gemeinde und riefen aus Anlass der Gründung des Staates Israel: "Rom ist vergangen, Israel gibt es immer noch!" Darüberhinaus wurde der Titusbogen in jüngerer Vergangenheit mehrmals mit hebräischen Graffiti beschmiert und Reliefs mutwillig beschädigt.  

Gekommen um zu bleiben

Noch recht lange ließe sich die obige Aufzählung von all den kriegerischen Ereignissen fortsetzen, die dazu führten, dass die jüdische Gemeinde Roms im Laufe der Zeit immer mehr anwuchs. Bemerkenswert daran ist freilich, dass dieser demographische Aufwärtstrend selbst dann anhielt, wenn gegen die stadtrömische Juden harte Zwangsmaßnahmen erlassen wurden.
Zwar genossen die im Römischen Reich lebenden Juden seit Gaius Julius Caesar eine relativ gesicherte Rechtsstellung (es waren nämlich Juden unter Herodes' Vater Antipater, die Caesar 48 v. Chr. in Alexandria aus einer brenzligen Situation retteten) - doch galten sie Zeitgenossen, nicht zuletzt aufgrund ihrer monotheistischen Vorstellungen, nie als völlig in die römische Gesellschaft integriert; man hielt sie vielmehr für eigenbrötlerisch und nur mäßig assimilierungsfreudig. Beispielsweise meinte Philostratos noch im späten 2. Jahrhundert:

Die Juden sind uns in ihrem Wesen ferner als Susa, Baktra (Anm.: beides liegt in Persien) und die Inder. Denn sie teilen unser Leben nicht und teilen mit anderen Menschen weder Mahlzeiten noch Verträge, weder Gebete noch Opfer.
Philostratos, Vita Ap. 5,33

Auch dürfte der Umstand, dass die Juden vom Militärdienst befreit waren - bei ihrer gleichzeitigen Einbindung in die staatliche Getreideversorgung - zusätzliche Animositäten auf Seiten der römischen Mehrheitsbevölkerung hervorgerufen haben.
Unter Tiberius scheint es dann zum ersten Mal in der Stadt Rom 'geknallt' zu haben. Im Jahr 19 n. Chr. ging er gegen die Anhänger ägyptischer Kulte und gegen das Judentum vor: Es wurde die Anordnung erlassen, Kultgegenstände und Priestergewänder der entsprechenden Religionen zu verbrennen. Außerdem verurteilte man eine große Anzahl jüngerer Juden zum Kriegsdienst in wenig angenehmen Provinzen. Der große Rest der jüdischen Gemeinde wurde kollektiv aus Rom verbannt. Wobei davon ausgegangen werden kann, dass diese Verbannung von vielen entweder nicht oder nur vorübergehend befolgt wurde. Anderenfalls hätte sich Kaiser Claudius gut zwei Jahrzehnte später nicht veranlasst gesehen, kurz nach seinem Herrschaftsantritt ein Versammlungsverbot über die stadtrömischen Juden  zu verhängen, die noch wegen gewissen Anordnungen von Claudius' Vorgänger Caligula verärgert waren.
Rund 8 Jahre später gab die jüdischen Gemeinde Roms erneut Anlass zum Einschreiten der Staatsmacht, als nämlich zum ersten Mal Christen bzw. Judenchristen in Erscheinung traten und wohl auch innerhalb von Synagogen für ihre Glaubensvorstellungen - die noch sehr stark jüdisch geprägt waren - (über)eifrig warben. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass Synagogenvorsteher diese Umtriebe beim Kaiser bzw. seinen Beamten anzeigten. Der Grund hierfür: Claudius hatte - wie seine Vorgänger im Herrscheramt - den Juden zwar die freie Religionsausübung gewährt, allerdings nur unter der ausdrücklichen Auflage, dass sie sich mit ihren althergebrachten Rechten und ihrer bisherigen Lebensweise zufrieden geben. Anderenfalls wolle er sie "wie eine Krankheit bekämpfen". Im Angesicht dessen könnten traditionelle Juden der Meinung gewesen sein, Judenchristen (ein moderner Begriff) würden mit ihren revolutionären Vorstellungen vom staatlich vorgegebenen Pfad der Tugend abweichen, sodass sie Anzuschwärzen nicht schaden könne. Claudius ließ daraufhin tatsächlich den harten Kern der problematischen jüdischen Elemente aus der Stadt werfen.
Diese Ausweisungen des Claudius dürften die traditionelle jüdische Gemeinde nicht wesentlich geschwächt haben. Anders wird sich die Situation aber bei den Judenchristen dargestellt haben. Aufgrund des Aderlasses stellten nun bald jene Anhänger der christlichen Lehrer die Mehrheit, welche ihre Wurzeln nicht im Judentum hatten, sondern in anderen antiken Religionen. Für die weitere Entwicklung des Christentums ist das von immenser Bedeutung, da der Graben zum Judentum dadurch deutlich vertieft wurde. Aus einer jüdischen Sekte entwickelte sich jetzt eine eigenständige Religion.

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Quellen / Weiterführende Literatur:


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3 Kommentare

  1. Hatte es eigentlich noch eine praktische Bedeutung, wenn man vom Kriegsdienst befreit war? Das war doch ein Freiwilligenheer, soweit ich weiß? Ben Hur

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    1. Gute Frage. Die Bedeutung der Befreiung vom Wehrdienst war nicht groß, aber trotzdem auch nicht völlig zu vernachlässigen. Denn beispielsweise ließ bereits Augustus - der das römische Berufsheer geschaffen hatte - nach dem Verlust mehrerer Legionen (Varusschlacht) Zwangsaushebungen unter den Wehrpflichtigen vornehmen, um die entstandenen Lücken rasch aufzufüllen. Man kann durchaus davon ausgehen, dass in den Provinzen Statthalter in Krisenzeiten ebenfalls so verfuhren.

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