Donnerstag, 23. November 2017

Waren der Vesuv-Ausbruch und die Zerstörung des antiken Pompeji vorhersehbar?



Entgegen der Darstellung in manch Hollywood-Schinken, brach der Vesuv im Jahr 79. n. Chr. keineswegs aus heiterem Himmel aus. Vielmehr häuften sich vor der Eruption Hinweise, die als klare Warnungen hätten verstanden werden konnten. Doch waren die Menschen der damaligen Zeit überhaupt in der Lage, eine entsprechende Deutung vorzunehmen? 
Zwar ist es unwahrscheinlich, dass man eine solche Katastrophe hätte präzise vorhersagen können - dazu ist ja nicht einmal die moderne Wissenschaft fähig - doch dass sich im Gebiet rund um den Vesuv etwas ungewöhnliches und potentiell Gefährliches zusammenbraute, war für wache Geister auch schon vor rund 2000 Jahren erkennbar.


Belegte, wahrscheinliche und mögliche Warnhinweise 

Der Vesuv ähnelte unmittelbar vor dem Ausbruch im Jahr 79 kaum seiner heutigen Gestalt. Vielmehr hatten heftige Eruptionen in der bereits damals weit zurückliegenden Vergangenheit dafür gesorgt, dass der typische Vulkankegel in sich zusammengestürzt war; die übrig gebliebene flache Basis überzog größtenteils ein dichter Pflanzenbewuchs. Dieser Umstand verbarg die hochgefährliche Natur des Vesuvs dermaßen gut, dass selbst Plinius der Ältere - einer der gelehrtesten Männer seiner Zeit - zuerst nicht wusste, welcher Berg da vor seinen Augen am Tag der Katastrophe in ca. 25 Kilometer Entfernung plötzlich zu rauchen begann:

"Er (Plinius der Ältere) hielt sich in Misenum auf und führte dort persönlich mit seinem Kommando die Flotte. Am 24. August, ungefähr zur siebten Stunde, machte ihn meine Mutter darauf aufmerksam, dass sich eine Wolke von ungewöhnlicher Größe und Gestalt zeige. Er hatte ein Sonnenbad, dann ein kaltes Bad genommen, hatte im Liegen etwas gegessen und war gerade in seine Studien vertieft. Er verlangte nach seinen Sandalen und stieg auf eine Stelle, von der aus man jene auffallende Erscheinung besonders gut betrachten konnte. Für Betrachter aus der Ferne war es nicht zu erkennen, aus welchem Berg die Wolke aufstieg (erst später erfuhr man, dass es der Vesuv war).
Plinius der Jüngere, Epistulae VI,16 u. VI,20

Plinius der Ältere mag hier etwas ahnungslos gewesen sein, doch anderen Gelehrten war die tatsächliche Natur des Vesuvs durchaus bekannt. So schreibt beispielsweise Strabon bereits fünf Jahrzehnte vor der Katastrophe:

"In dieser Gegend (Golf von Neapel) ragt der Berg Vesuv empor, der von außerordentlich schönen Feldern umgeben ist - außer in seinem Gipfelbereich. Dieser ist zwar größtenteils eben, aber gänzlich unfruchtbar. Er sieht wie Asche aus und zeigt Risse im Fels, die sich wie Höhlen öffnen und von rußiger Farbe sind, als seien sie vom Feuer ausgefressen. So könnte man annehmen, dass dieser Bereich einst gebrannt und Feuerkrater hatte, dann aber erloschen ist, als das Brennholz aufgebraucht war. Das ist wohl auch der Grund für die Fruchtbarkeit des Umlandes, ebenso wie in Katane, wo, wie man sagt, der mit Asche aus dem Ätnafeuer bedeckte Teil das Land reich an Reben gemacht hat.
Strabon, Erdbeschreibung V,4,8 (247)

Strabon vergleicht hier den Vesuv mit dem Ätna auf Sizilien. Ihm war demnach klar, dass es sich um einen Vulkan handelt, auch wenn er irrtümlich glaubte, dass dieser bereits erloschen ist.
Sehr ähnlich, aber noch früher, wies Diodor in seiner Bibliotheca historica (IV,21) auf die Gemeinsamkeiten zwischen Vesuv und Ätna hin. Und schlussendlich berichtete auch der zur Zeit des Augustus lebende Bau- und Architektur-Fachmann Vitruv von der Gefahr, die bereits in der Vergangenheit vom Vesuv ausgegangen war:

"Auch wird berichtet, vor alter Zeit seien Feuerbrände herausgewachsen, hätten sich unter dem Vesuv angesammelt und von dort aus Feuer rings über die Felder gespien. Und daher scheint damals das, was Schwammstein oder pompeianischer Bimsstein genannt wird, aus einer anderen Art von Stein ausgeglüht und dadurch in seine jetzige Beschaffenheit gebracht worden zu sein.
Vitruv, De Architectura II, 6, 2

So viel zu den Gelehrtenmeinungen jener Zeit, die zumindest einigen wenigen (gebildeten) Menschen eine Warnung gewesen sein könnten.
Weitaus bedeutender sind  freilich die Warnsignale der Natur, die man normalerweise Stunden, Tage oder schon viele Wochen vor einem Vulkanausbruch beobachtet kann. Geologen und Archäologen wissen oder vermuten, dass folgende Erscheinungen auch der Katastrophe am Vesuv vorausgingen:
Das geothermische System der Umgebung spielt verrückt: Dies führt unter anderem zum Austritt von Gasen und sehr heiße Dämpfen im Umkreis des Vulkans. Beispielsweise berichtet Seneca, dass schon im Jahr 62 n. Chr., wenige Tage bevor ein schweres Erdbeben die Vesuv-Region erschütterte, eine Herde von 600 Schafen (an vulkanischen Gasen) verendet war. Wahrscheinlich konnte man im Jahr 79 n. Chr. ähnliches beobachten - beispielsweise tote Vögel, an die Oberfläche kriechende Regenwürmer sowie unzählige Wildtiere, die das Gefahrengebiet fluchtartig verließen. Denn Tiere riechen nicht nur das aus dem Boden aufsteigende Gas, sondern werden auch frühzeitig von den (für Menschen nicht wahrnehmbaren) Schallwellen alarmiert, die von unzähligen Mikrobeben ausgehen. Dergleichen kündigte übrigens auch den relativ gut dokumentierten Ausbruch des Montagne Pelée auf Martinique im Jahr 1902 an; die später vom Vulkan zerstörte Stadt Saint-Pierre war kurz vor der Katastrophe von Schlangen und Ameisen geradezu überrannt worden.
Natürlich wird es auch in Seen, Teichen, Bächen und in den Küstengewässern zu Ausgasungen gekommen sein. Fischer und die damals im Golf von Neapel tätigen Korallentaucher hätten demzufolge vermehrt tote Meeresbewohner auf dem Wasser treiben sehen; einst reiche Fischgründe wären wiederum plötzlich verlassen gewesen. Außerdem könnte das Rumoren des Vulkans dazu geführt haben, dass man in den berühmten Thermalbädern von Baiae (ca 25 km vom Vesuv entfernt) eine deutliche Veränderung der Wassertemperatur feststellte.
Die Kapriolen des geothermischen Systems wirken sich auch auf die Flora aus - will heißen, Pflanzen verdorrten an bestimmten Plätzen innerhalb kürzester Zeit. Besonders an den bewaldeten und mit Weingärten übersäten Hängen des Vesuvs müsste dergleichen aufgefallen sein.
Der Boden gerät in Bewegung: Wissenschaftler haben nachgerechnet, dass es in den vier Jahrzehnten vor dem Vesuv-Ausbruch des Jahres 79 n. Chr. mindestens 17 Erdbeben mit einer Stärke zwischen 3 und 5 auf der Richterskala gegeben haben dürfte. Dazu kamen viele kleinere Beben, welche die Erde in den Wochen, die der Katastrophe direkt vorausgingen, immer wieder erzittern ließen. Freilich, die Menschen der Region waren dergleichen mehr oder weniger gewöhnt und brachten dieses Rumoren deshalb nicht mit dem Vulkan in Verbindung, wie aus einem Brief Plinius' der Jüngere hervorgeht. Doch häuften sich andere, bis dahin nicht beobachtete Phänomene. Beispielsweise rollten Felsbrocken ohne ersichtlichen Grund plötzlich Abhänge hinunter; Sonnenuhren gingen falsch, weil sich ihre Lage verändert hatte; Monumente - wie etwa Grabanlagen - neigten sich langsam aber stetig; Türen klemmten, nachdem sich ihre Rahmen quasi über Nacht verzogen hatten; Brunnen trockneten aus; die städtische Trinkwasserversorung brach teilweise zusammen usw. Besonders letzeres lässt sich übrigens gut belegen, denn Archäologen haben in Pompeji festgestellt, dass man unmittelbar vor dem Vulkanausbruch noch emsig mit der Reparatur der Wasserleitungen beschäftigt war.
Einige der geschilderten Phänomene sind klassische Anzeichen für einen sich ankündigenden Vulkanausbruch, bei dem das Magma bzw. die Lava nicht langsam abfließt, sondern sich unterirdisch staut (dabei den Boden anhebt), bis der Druck explosionsartig entweicht.
Kurioserweise könnten gerade all die kleineren Katastrophen und Ärgernisse dazu geführt haben, dass speziell einige wohlhabende Menschen aus Pompeji, Herculaneum usw. mit dem Leben davonkamen. Genervt von den Reparaturarbeiten, die an ihren Stadthäusern aufgrund häufiger Erdbeben und (vom Magmadruck erzeugter) Bodenverwerfungen notwendig geworden waren, zogen sie sich auf eines ihrer weiter entfernten Landgüter zurück. Indiz für diese "Stadtflucht" könnten die großen Mengen Baumaterial sein, die in einigen prächtigen Häusern Pompejis z.T. mitten auf Gängen und in Speisezimmern gelagert wurden. Derlei Reparaturbemühungen am Vorabend des Vesuv-Ausbruchs belegen aber auch, dass die Hausbesitzer jene unmittelbare Gefahr, die vom nahen Vulkan ausging, nicht einmal erahnten. 

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Weiterführende Literatur / Quellen:

2 Kommentare

  1. Dass es außer Erdbeben noch so viel mehr Warnhinweise bei einem Vulkanausbruch geben kann, war mir bisher gar nicht bewusst.... Super Artikel!
    LukiLukas

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  2. Sehr interessante Aspekte, die du hier zusammengetragen hast.
    Das Thema Pompeji hat offensichtlich immer noch Neues zu bieten.

    Guinevere

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