Samstag, 24. Februar 2018

Die aufsehenerregende Gefangennahme des englischen Königs Richard Löwenherz in den mittelalterlichen Quellen



Es war der 21. Dezember des Jahres 1192, als der mächtige englische König Richard I. Löwenherz während seiner Heimreise vom 3. Kreuzzug in Erdberg bei Wien auf Veranlassung des österreichischen Herzogs Leopold V. gefangen genommen wurde. Dieses für Zeitgenossen dramatische Ereignis - das dank zahlreicher Robin-Hood-Verfilmungen selbst heute noch relativ vielen Menschen zumindest vage bekannt ist - wurde der Nachwelt in verschiedenen mittelalterlichen Quellen überliefert. Einige davon wollen wir uns hier auszugsweise etwas näher ansehen.


Die Gründe für die Gefangennahme  

Löwenherz hatte gemeinsam mit dem französischen König Philipp II. und Leopold V. von Österreich am dritten Kreuzzug teilgenommen. Nach der Eroberung der bedeutenden Hafenstadt Akkon (Israel) wurde der österreichische Herzog - der zu diesem Zeitpunkt als Anführer des deutschen Kreuzfahrer-Kontingents fungierte - bei der Aufteilung der Kriegsbeute übergangen. Hinzu kam eine schwere persönliche Demütigung durch Löwenherz. Otto von St. Blasien, ein Benediktinermönch und Chronist, berichtet u.a. folgendes darüber:

Nachdem also die Stadt eingenommen war, befahl der König der Engländer, Zeichen des Sieges seines Heeres an die Türme zu heften, und den Siegestitel ziemlich arrogant, ganz und gar sich selbst zuzuschreiben. Als er die Stadt durchstreifte, sah er die Fahne des Herzogs Leopold, die am Turm, den dieser mit den Seinen selbst eingenommen hatte, angebracht war, und erkannte, dass es nicht die seine sei; er forschte wessen es sei. Als er die Antwort bekam, dass sie dem Herzog Leopold von Österreich gehöre, und erfuhr, dass dieser einen Teil der Stadt eingenommen habe, wurde er von größtem Missfallen erfüllt und gab den Befehl, die Fahne herunterzureißen und in den Staub zu treten; außerdem schmähte er den Herzog ohne Grund mit schimpflichen Worten. 

Otto von St. Blasien, Chronik [AQ 18a]

Handelt es sich dabei - wie gelegentlich gemutmaßt wurde - um eine Erfindung oder zumindest Übertreibung des österreichischen Herzogs, mit der er nachträglich die Gefangennahme des englischen Königs rechtfertigen wollte? Wohl kaum, denn selbst jene Chronisten, die Löwenherz nahe standen, bestreiten diesen Vorgang nicht - obschon sie ihn weniger drastisch darstellen:

Der König sah dies [das Aufstellen der Fahne] und missgönnte es [dem Herzog Leopold]. Mithilfe einer starken Truppe an Rittern entfernte er die Fahne.

Gervasius von Canterbury, Chronica [MGH SS 27]

Das Verhältnis zwischen dem englischen König und Leopold war nun völlig zerrüttet. Der Herzog wird Löwenherz freilich schon vor der Demütigung in Akkon gezürnt haben; nachdem nämlich letzerer auf seiner Anreise ins Heilige Land 'en passant' das Königreich Zypern erobert hatte und dessen Herrscher Isaak Komnenos - der ein Verwandter Leopolds war - samt Tochter einsperren ließ. Wohl die Summe der Ereignisse führte letztendlich dazu, dass der grollende Herzog mit den deutschen Rittern frühzeitig in die Heimat zurückkehrte.
Etwa zur gleichen Zeit reiste auch der französische König Philipp II. ab. Er war aufgrund von Territorialstreitigkeiten in Frankreich schon zuvor kein dezidierter Freund des englischen Königs gewesen. Zuletzt hatte ihn dieser jedoch zusätzlich vor den Kopf gestoßen, indem er ausgerechnet während des zypriotischen Abenteuers Berengaria von Navarra geheiratet hatte. Das zerstörte Philipps Hoffnung, er könne seine Schwester Alix mit Löwenherz vermählen.
Für die verfrühte Heimkehr der Franzosen, die das Kreuzfahrerheer signifikant geschwächt hatte, wurde Philipp heftig kritisiert. Er trage die Schuld, dass das Hauptziel des Kreuzzuges, die Rückeroberung Jerusalems, nicht gelungen war - behaupteten nicht zuletzt jene Quellen, die Löwenherz nahe standen. Als Retourkutsche und Rechtfertigung brachte der Gescholtene eine Geschichte in Umlauf, wonach sein englischer Kollege versucht haben soll, ihn während des gemeinsamen Aufenthalts in Akkon vergiften zu lassen ...

Auch abseits des nahöstlichen Kriegsschauplatzes hatte sich Richard Löwenherz einen mächtigen Feind gemacht: Kaiser Heinirch VI. Der zürnte dem englischen König u.a. deshalb, weil dieser die Adelsopposition im Heiligen Römischen Reich unterstützt hatte. Deren herausragendster Vertreter, der berühmte bayerische Herzog Heinrich der Löwe, war mit Mathilde, einer Schwester von Löwenherz, verheiratet.


Die Gefangennahme 

Die vielleicht bemerkenswerteste Quelle hinsichtlich der Gefangennahme von Richard Löwenherz ist ein Brief des römisch-deutschen Kaisers Heinrich VI. Mit Schadenfreude schildert dieser darin dem französischen König jene Vorkommnisse, durch die er den gemeinsamen Gegner unverhofft in seine Finger bekommen hatte.

Heinrich von Gottes Gnaden Kaiser der Römer und ewiger Augustus entbietet seinem geliebten und besonderen Freund Philipp, dem berühmten König der Franzosen, einen Gruß und den Ausdruck aufrichtiger Liebe. Weil ja die kaiserliche Hoheit nicht bezweifelt, dass deine königliche Machtentfaltung ziemlich weit einwirkt auf alles, wodurch sie die Allmacht unseres Schöpfers, uns selbst und das römische Kaisertum verehrt und erhöht; ich meinte, dass ich deinem Adel den Grundzug des Gegenwärtigen dartue: dass der Feind unseres Kaisertums und der Verwüster deines Königtums, nämlich der König von England, als er das Mittelmeer überquerte, um in seine Ländereien zurückzukehren, geschah es, dass ein Sturm, sein Schiff auf dem er selbst sich befand, zerbrach und es Richtung Istrien hinweg führte, an einen Ort, der zwischen Aquileia und Venetien liegt, wo der König selbst durch den Ratschluss Gottes Schiffbruch erlitt und mit Wenigen entrann. Daher verfolgten einer unserer Getreuen, der Graf Meinhard von Görz und das Volk jener Gegend ihn - nachdem sie gehört hatten, was in ihrem Land passiert war und nachdem sie sehr sorgfältig beraten hatten, welchen Verrat und welche Auslieferung und welchen Gipfel des Verlustes der genannte König im gelobten Land verübt hatte - und versuchten ihn zu fangen. Aber sie ergriffen, nachdem derselbe König sich zur Flucht gewandt hatte, acht seiner Ritter. Bald darauf erschien der König bei einer Burg im Erzbistum Salzburg, die Friesach genannt wird, wo Friedrich von Pettau sechs von dessen Rittern ergriff, als der König sich eilends mit nur Dreien nächtens gen Österreich begab. Unser geliebter und blutsverwandter Leopold, Herzog von Österreich, nahm - indem die Straße überwacht und überall Wachen aufgestellt worden waren - den oft genannten König bei Wien, in einem ziemlich nahe gelegenen Gehöft, in einem verachteten Haus gefangen. Und weil er nun in unserer Macht gehalten ist und weil er selbst immer beitrug zu deinem Ungemach und deiner Verwirrung; war es uns angelegen, dass das, was wir vorangeschickt haben, deinem Adel bekannt sei und dass es, wie wir wissen, das Einverständnis deines Wohlwollens hat und deiner Seele überschäumende Freude bereitet. Gegeben bei Rithiencie, am 5. Tag vor den Kalenden des Januar [=28. Dezember 1192].

Roger von Howden, Chronica (RerBrit 51,3)


Was aus diesem Brief nicht klar hervorgeht: Löwenherz hatte nach seinem Schiffbruch versucht, auf bayerisches Hoheitsgebiet und somit in den Machtbereich seines Schwagers zu flüchten. Es war ihm völlig klar, dass er dabei äußerst vorsichtig sein musste. Dementsprechend soll er versucht haben, durch Verkleidungen seine wahre Identität zu verbergen - was schlussendlich aber nicht gelang. Hinsichtlich der Gründe für das Scheitern der Flucht, unterscheiden sich englische und deutsche Quellen. So schreibt beispielsweise Ralph von Coggeshall, der König sei erst enttarnt worden, nachdem einer seiner Diener gefoltert worden war (RerBrit 66). Bei Otto von St. Blasien heißt es hingegen, Richards Eitelkeit habe zu seiner Entdeckung geführt. Denn obwohl er als Diener verkleidet war, soll er es unterlassen haben, einen wertvollen Ring abzunehmen, durch den er überhaupt erst als hochrangiger Edelmann identifiziert werden konnte. Der österreichische Herzog Leopold habe den englischen König wegen dieser Dummheit und der ärmlichen Verkleidung sogar lauthals ausgelacht  (AQ 18A). Natürlich ist es denkbar, dass Löwenherz hier mittels Hinzudichtungen gezielt der Lächerlichkeit preisgeben werden sollte. Gegen eine solche Annahme spricht jedoch, dass Otto von St. Blasien dem Babenberger Leopold nicht verpflichtet war (und diesem an anderer Stelle sogar vorwirft, dass die Gefangennahme eines Kreuzfahrers eine Sünde ist). Überdies passt das beschriebene Verhalten von Löwenherz hervorragend zu dessen Charakter, der auch in verschiedenen anderen Quellen überliefert wurde. Denn entgegen der populären Darstellung in modernen Robin-Hood-Filmen war er kein 'Volkskönig', sondern vielmehr für seine Prunkliebe und seinen Standesdünkel berüchtigt. Beispielsweise schreibt der hofnahe Roger von Howden, dass der König während einer Reise durch Kalabrien einem Bauern den Falken wegnahm, weil er es als unerträglich empfand, dass ein edler Jagdvogel im Besitz eines so niederen Mannes war. Woraufhin Löwenherz übrigens von der erbosten Dorfbevölkerung mit Knüppeln und Steinen davongejagt wurde 😊 (RerBrit 51,3).

Der englische Chronist Radulfus von Diceto betont, dass die Haftbedingungen in Österreich für den König anfangs sehr schlecht waren: Er sei (im Winter) barfuß in einem verschmutzten Haus eingesperrt gewesen und von den Wächtern beleidigt worden. Überhaupt würde der Menschenschlag der betreffenden Gegend mehr an wilde Tiere, als an Menschen erinnern, heißt es (RerBrit 68,1). Diese zwar nicht objektive Anschuldigung, könnte doch teilweise zutreffend sein; schließlich hatte der stolze Herzog Leopold gleich mehrere gute Gründe, den englischen König nach allen Regeln der Kunst zu demütigen.

Nachdem Löwenherz in die Burg Dürnstein (Niederösterreich) gebracht worden war, nahm Leopold Kontakt zu Kaiser Heinrich VI. auf. Am 6. Jänner 1193 kamen die beiden in Regensburg zusammen, um eine eventuelle Auslieferung des ebenfalls anwesenden englischen Königs an das Reich zu besprechen. Da sich die Verhandlungen lange hinzogen - und Leopold wohl befürchtete, der Kaiser könnte versuchen, den wertvollen Gefangenen zu entführen - wurde dieser vorsichtshalber in das Herzogtum Österreich zurückgebracht. Erst am 14. Februar 1193 einigten sich Heinrich und Leopold auf dem Hoftag von Würzburg, woraufhin Löwenherz bis spätestens 21. März in kaiserliche 'Obhut' überstellt wurde. Dort verblieb er für weitere 10 Monate (Roger von Howden spricht insgesamt von einem Jahr, 6 Wochen und drei Tagen Gefangenschaft). Schlussendlich wurde der englische König für ein astronomisch hohes Lösegeld von 100000 Mark Silber nach Kölner Gewicht (= 23300 kg !) freigelassen. Das entsprach etwa den dreifachen Jahreseinkünften der englischen Krone, während beispielsweise das durchschnittliche jährliche Einkommen eines Ritters rund 100 Mark Silber betrug.

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 https://hiltibold.blogspot.com/2018/01/richard-loewenherz.html

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Weiterführende Literatur:
  • Alexander Schubert (Hrsg.) | Richard Löwenherz: König - Ritter - Gefangener | Schnell + Steiner | 2017 | Meine Rezension | Infos bei Amazon
  • Jean Flori  | Richard the Lionheart: King and Knight | Edinburgh University Press | 2006 | Infos bei Amazon


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