Freitag, 18. Mai 2018

Warum das antike Rom lange Zeit ein städtebauliches Chaos war



In John Maddox Roberts' wunderbarer SPQR-Romanreihe wird das Rom Caesars und Ciceros äußerst bildhaft als chaotisches Durcheinander geschildert. Dabei bezieht sich der Autor allerdings keineswegs nur auf die wahnwitzige politische Situation jener Tage, sondern auch auf die Bebauung der Stadt. Anders als in der späteren Kaiserzeit waren die Straßen des republikanischen Roms fast ausschließlich sehr schmal und wanden sich scheinbar planlos mal dahin und mal dorthin. Die Tiberstadt war schließlich, im Gegensatz zu vielen hellenistischen Städte jener Tage, nicht auf dem Reißbrett geplant worden. Die Forschung geht vielmehr davon aus, dass sich hier mehrere Dörfer langsam die berühmten sieben Hügel hinab ausgedehnt hatten und im Laufe der Zeit zu einer einzigen großen Ansiedlung zusammenwuchsen. 
Diese Theorie ist durchaus nicht von der Hand zu weisen, aber glaubt man dem antiken Geschichtsschreiber Livius, dann dürfte es noch einen anderen maßgeblichen Grund für das unordentliche Layout Roms gegeben haben. Im 5. Buch seines Geschichtswerks Ab Urbe condita findet sich nachfolgende Stelle, in der es um den Wiederaufbau Roms nach der Zerstörung durch die Gallier im Jahr 387 v. Chr. geht. Damals war bemerkenswerterweise erwogen worden, die Stadt komplett aufzugeben und in das nur 18 Kilometer entfernte, wesentlich geschützter liegende Veji zu ziehen, welches man nicht lange zuvor den Etruskern entrissen hatte. Sowohl Volkstribunen wie auch erhebliche Teile der Bevölkerung waren für diesen Umzug, der Senat allerdings sprach sich überwiegend dagegen aus. Offiziell heißt es bei Livius, man habe sich letztendlich aufgrund eines göttlichen Zeichens für den Verbleib in Rom entschieden. 
Es erscheint mir freilich sehr unwahrscheinlich, dass eine dermaßen wichtige Entscheidung lediglich auf Übernatürliches zurückzuführen war. Und tatsächlich schiebt Livius selbst einen möglichen Alternativ-Grund nach, der gleichzeitig eine Erklärung für das eingangs erwähnte bauliche Durcheinander Roms sein kann; man habe nämlich beschlossen, der Bevölkerung massive Vergünstigungen zu gewähren, sofern sie bleiben und Rom möglichst rasch wieder aufbauen würde.

Der Gesetzesantrag (für die Umsiedlung nach Veji) wurde daraufhin verworfen, und man begann die Stadt ohne Planung wieder aufzubauen. Gebrannte Ziegel stellte der Staat zur Verfügung; jeder erhielt die Erlaubnis, wo er wollte Steine und Bauholz zu hauen, wenn er dafür bürgte, das Bauwerk noch in diesem Jahr fertigzustellen. In ihrer Eile verwandten sie keine Sorgfalt darauf, die Häuserreihen gerade auszurichten, während sie, ohne zwischen eigenem und fremden Gut zu unterscheiden, auf dem freien Areal bauten. Dies ist auch der Grund, warum die alten Abwasserkanäle, die vormals durch Gemeindebesitz führten, nun auf weiten Strecken unter Privatgebäuden laufen und die Stadt ihrem Bilde nach mehr einer hastig in Besitz genommenen als einer planmäßig angelegten gleicht. 
Quelle: Livius, Ab urbe Condita, Buch V, 55, 2-5

In größerem Umfang geändert hat sich das Stadtbild Roms erst im Verlauf der Kaiserzeit, besonders infolge mehrerer Großbränden, die eine weiträumige Neuplanung des städtischen Layouts mit breiten Straßen und vielen vorgelagerten Portiken ermöglichten (Nero soll Rom deshalb sogar angezündet haben, wurde gemunkelt).
Zu Zeiten des Livius aber, also während der Regentschaft des Augustus, hatte Rom offensichtlich noch viel von seinem republikanisch-chaotischen Flair. Es kann also keine Rede davon sein, dass sich, wie es gerne heißt, Rom bereits damals von einer Stadt aus Ziegeln in eine Stadt aus Marmor gewandelt hatte. In Wirklichkeit waren die Veränderungen, wie sie etwa Augustus in seinem Tatenbericht (Res gestae divi Augusti) nennt, nur relativ kleinräumiger Natur - etwa in Form der Neugestaltung des Forums (siehe dazu auch dieses interessante Video der Antikensammlung Erlangen, in dem unter anderem das Forum Romanum der späten Republik mit dem der beginnenden Kaiserzeit anhand zweier schöner Modelle verglichen wird; ab ca 06:00 geht es los).

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