Freitag, 6. September 2019

Krimskrams: Akademischer Schrott -- Kommentar zur Mittelaltermarkt-Schwemme -- usw.

Akademischer Schrott

Ich muss aus gegebenem Anlass das universitäre Bildungssystem kritisieren: Der Autor, Militärhistoriker, Reenactor und Experimentalarchäologe Markus Junkelmann hat dazu vor zwei Jahren in seinem Interview mit mir folgendes gemeint:

Das angeblich steigende Bildungsniveau halte ich in der Tat vornehmlich für eine Verdrängung der Qualität durch Quantität, wie das ja von vielen Bildungspolitikern unverblümt eingefordert wird. Was wir mit dem akademischen Schrott anfangen sollen, der da in wachsender Menge produziert wird, ist mir schleierhaft.

Vor wenigen Tagen habe ich dann mit einem Geoarchäologen korrespondiert, der eine ähnliche Meinung vertritt. Er erklärte mir, die abnehmende Kompetenz von Akademikern zeige sich u.a. im Rahmen von Wissenschaftskonferenzen, wo mittlerweile "die Präsentationen durch die Bank kaum schlechter sein könnten".

Wie wahr. Doch schon im Mittelalter gab es offenbar jede Menge "akademischen Schrott". Kürzlich stieß ich auf einen Text, den der Chronist Nikolaus von Bibra im 13./14. Jahrhundert schrieb. Unter anderem heißt es darin:

Eine neue Sache steht noch aus: Es gibt dort (in Erfurt) wohl tausende Studenten. Von diesen sind etliche Betrüger und moralisch völlig verkommen, die nur Würfel spielen, Betrug und List studieren (...). Andere könnten gute Fortschritte machen, wenn sie nur ihre Trägheit überwinden wollten. Aber weil sie weder Arbeit noch Mühe ertragen können, sind sie bisweilen dumm wie ein Ochse. (Occultus Erfordensis, ed. Mundhenk, Vers 1571, S. 239ff.)

Interessant! Aber wird hier bloß ein Klischee wiedergegeben (die oft übermütigen, gerne bechernden Studenten genossen dazumal in der Bevölkerung keinen besonders guten Ruf) oder haben wir es mit den Ursprüngen einer langen, auf Tatsachen beruhenden Tradition zu tun? Vergleichen wir Bibras Aussagen doch einmal spaßeshalber mit unserer Gegenwart:

  • Es gibt dort wohl tausende StudentenVon diesen sind etliche Betrüger und moralisch völlig verkommen: Dies ist nachweislich auch heute noch so; abzulesen an der Tatsache, dass wie blöde plagiiert wird ("Jede dritte Arbeit abgekupfert?""Charité entzieht neun Medizinern den Doktortitel"). Massenhaft wird dabei auf Ghostwriter zurückgegriffen, um sich durchs Studium zu mogeln.
  • Betrug und List studieren: Siehe z.B. die Genderwissenschaft. Mehr Pseudowissenschaftlichkeit geht kaum ("Forschertrio blamiert Bereiche der Fachwelt mit Fake-Artikeln", "Das totalitäre System der Gender-Dogmatiker"). Trotzdem drückt man diesen, dem Kreationismus nicht unähnlichen Schmarrn überall rein, mittlerweile sogar in Technische Universitäten ("Reingewürgt: Alle 53 Gender Studies Professuren an deutschen Universitäten"). Das geht finanziell zulasten ernsthafter Forschung. Die aufstrebende chinesische Konkurrenz schüttelt den Kopf und freut sich - Stichwort 'baizuo'. Aporpos Gender-Sülze: Von unerwarteter Seite wird dem damit in enger Verbindung stehenden Sprachmüll neuerdings eine Absage erteilt: "Barrierefreie Kommunikation im Netz: Linke will aufs Gendern verzichten". Vordergründig führt man hier die Barrierefreiheit für Behinderte als Grund an. In Wirklichkeit wird es aber meiner Meinung nach so sein, dass auch Personen mit bescheidenem Bildungshintergrund bzw. Menschen nicht deutscher Muttersprache gröbere Probleme mit Gendersternchen, Binnen-I und ähnlichem Bogus haben. Das sind genau jene Zielgruppen, bei denen die genannte Partei wohl gerne punkten möchte. Was wiederum schwerer funktioniert, wenn die ohnehin nicht einfache deutsche Sprache zusätzlich verkompliziert wird. 
  • Aber weil sie weder Arbeit noch Mühe ertragen können, sind sie bisweilen dumm wie ein Ochse: Ohne ein pauschales Geisteswissenschaften-Bashing betreiben zu wollen, könnte man etwas überspitzt durchaus sagen, dass überdurchschnittlich viele Unfähige und Faule heute in die Geisteswissenschaften gehen, seitdem gerade dort immer weniger verlangt wird. Fun fact dazu: Im Mittelalter war es gewissermaßen umgekehrt. Damals besaßen die Geisteswissenschaften ein höheres Prestige als die Naturwissenschaften, welche - wie etwa die Medizin - in akademischen Kreisen als schnöder Broterwerb verachtet wurden ...

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"Ein bunter Haufen in behämmerten Kostümen": Kommentar zur sommerlichen Mittelaltermarkt-Schwemme

Ein Leser hat mich auf diesen launigen Kommentar zur Mittelaltermarkt-Schwemme aufmerksam gemacht. Dem Inhalt kann ich mich nur anschließen!

Wer sich wie ich gelegentlich mal bei Facebook durch bevorstehende Veranstaltungen blättert, der wird im Jahr 2019 auf eine Unmenge von Mittelaltermärkten treffen. In so ziemlich jedem Flecken, der nach dem Nachnamen der Einwohner benannt ist oder vor dem Namen des Bachlaufs das Suffix „Klein“ trägt, gibt es irgendeine „Feyerei“ oder „Gaukeley“ oder sonst irgendeinen bunten Markt, der ungefähr die Zeitspanne von 50 vor Christus bis 1700 nach Christus umfasst. Einträchtig hocken da römische Legionäre der „XYZ. Appendix“ neben Wikingern aus Sachsen-Anhalt, Kreuzritter zelten entspannt neben dem einsamen Mongolendarsteller mit dem Pferdeschwanz, und aus dem Zelt der Elben klingen Seemannslieder auf CD, über die sich die daneben campierenden Landsknechte von „Geyers schwarzem Haufen“ beschweren.

Es lieget sozusagen die früh verblühte und bebrillte Studienrätin „im Gwand“ einer mittelalterlichen Kauffrau neben dem übertätowierten Gerüstbauer im Hexer-Kostüm, es sprechet, meiner Treu, der Finanzbeamte im Harnisch und Mittleren Dienst mit dem Versicherungsvertreter in predigender Mönchskutte. Ein bunter Haufen verkleideter Leute in behämmerten Kostümen aus fernöstlicher Kostümfertigung, die sich für drei bis vier Tage in eine andere Welt träumen. Weil der gemeine Leibeigene des Mittelalters immer sein Trinkhorn, seinen Dolch und seinen „Beutel mit Dukaten“ am Gürtel trug.

Zum vollständigen Text

Apropos Mittelaltermarkt: Auch die Mittelalterbaustelle Campus Galli veranstaltete kürzlich einen solchen. Und zwar - wie schon in den vergangenen Jahren - einen auf allertiefstem Niveau. Das bezeugen entsprechende Fotos (die zwischenzeitlich allerdings vor Nicht-Abonnenten des schwäbischen Käseblattes verborgen wurden).

Die Verantwortlichen des staatlich alimentierten Campus Galli, der sich wohl aus PR-Gründen gerne mit dem Mäntelchen der Wissenschaftlichkeit schmückt, vertreten die Meinung, Qualität würde die Besucher eines solchen Fests abschrecken - wie mir aus erster Hand sinngemäß mitgeteilt worden ist. Dass es sich bei dieser Ansicht (Schutzbehauptung) um völligen Unsinn handelt, bezeugen die erfolgreichen Sommer-Veranstaltungen anderer Freilichtmuseen: Siehe etwa hier, hier und hier. Man muss eben nur ernsthaft wollen, dann funktioniert es auch! Jedoch entsteht hinsichtlich des Campus Galli der Eindruck, dass die Kontakte in Living-History- bzw. Reenactment-Kreise selbst nach rund acht Jahren Projektlaufzeit erstaunlich dürftig sind. Oder täusche ich mich und es wurde mittlerweile der ernsthafte Versuch unternommen, mit Frühmittelalter-Leuten Kontakt aufzunehmen? 

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Leser fragt, Hiltibold antwortet

Ein langjähriger Leser hat mich gefragt, ob ich denn schon - wie vor der Sommerpause angekündigt - mein Arbeitszimmer aufgepeppt habe. Ja, habe ich. Z.B. verströmt mein Schreibtisch bei der passend eingestellten Lichtfarbe des montierten RGB-LED-Streifens neuerdings den Charme einer Table-Dance-Bar 😉
Ich habe - aus Urlaubslangeweile - das Ding sogar bei Amazon rezensiert (das nur für jene, die wider Erwarten Interesse an meiner Meinung dazu haben).

Ein wenig stört mich, dass die LEDs an der Holzwand punktförmig reflektiert werden. Auf der verputzten Wand rechts wird das Licht hingegen schön gestreut.

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Kommentare:

  1. Der Doktor-Titel bei Ärzten ist der allergrößte Witz. Den verdient eigentlich fast keiner, weil sich deren Dissertationen üblicherweise auf dem Niveau von Diplomarbeiten bewegen.

    Gero

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  2. Die Frage ist, welcher Darsteller, der sich selbst ernst nimmt, ist so dumm, und tut sich ein CG-Sommerfest an, wenn ihn dort Plastikzelte und Feuerschlucker in Kostümen aus China-Produktion erwarten?
    Mich könnten die anfragen so viel sie wollen, ich würde sicher nicht zu so etwas fahren. Die müssten erst einmal allgemein besser werden. Viel besser!

    Der Wanderschmied

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  3. Die Künstlerin Sylvia Reiser hat kürzlich zusammen mit dem früheren Landrat Dirk Gaerte in ihren Skulpturengarten nach Sigmaringendorf zu „Sylvia's Culture Night“ eingeladen. Der Vorsitzende des Fördervereins des Campus Galli scheint sich einem neuen Gebiet zuzuwenden.
    Insider

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