Montag, 16. September 2013

Das verhätschelte Römerschaf


Ein durchaus wichtiger Wirtschaftszweig war im antiken Rom die Schafzucht. In manchen Gebieten - wie etwa Süditalien - kam es durch die intensive/exzessive Weidewirtschaft sogar zu einer nachhaltigen Schädigung der Umwelt. Zwecks Schaffung geeigneter Wiesen, holzte man ganze Berghänge ab, deren fruchtbare Erde im Laufe der Zeit - wohl vor allem durch Starkregenereignisse - talwärts befördert wurde. Hierbei machte sich nicht nur das Fehlen der Bäume bemerkbar, deren Wurzeln ursprünglich die Humusschicht stabilisierten; auch die Schafe selbst trugen vermutlich zur Zerstörung des Bodens bei, da sie beim Grasen häufig die Wurzeln der noch verbliebenen Pflanzen ausrissen.
Doch der Bedarf an Wolle dürfte dermaßen groß gewesen sein, dass man diese mittel- bis langfristigen "Nebenwirkungen" in Kauf nahm. Man bedenke nur, welch ungeheure Mengen an Kleidung alleine die römische Armee benötigte. Zwar konnte auch Leinen, Seide oder Baumwolle verarbeitet werden, allerdings waren solche Textilien entweder zu teuer oder sie erfüllten schlicht und ergreifend nicht die speziellen Anforderungen.
Ursprünglich rupfte man die Wolle der Schafe einfach aus (rupfen = vello, daher vellus für "Vlies") - eine Praxis, die sich laut Plinius vereinzelt bis in die Kaiserzeit hielt. Die übliche Prozedur war jedoch das jährliche Scheren mittels forfex (=Schere). Für gewöhnlich fand dies im Frühjahr oder Frühsommer statt, nachdem die Schafe zuvor gründlich in einem Fluss "gebadet" worden waren. Calpurnianus Siculus und Columella berichten außerdem davon, dass man die Tiere nach der Schur reinigte und medizinisch versorgte. So wurden beispielsweise Wunden mit einer Pechsalbe bestrichen und der Körper mit einer Mischung aus Wein, Öl und Lupiensaft eingerieben. Die Vliese wurden gewaschen gekämmt und zur Weiterverarbeitung in größere Betriebe gebracht.
Natürlich handelte es sich bei der so gewonnenen Wolle meist um anonyme Massenware. Trotzdem gab es bereits im antiken Rom bestimmte Landstriche, die - wie heute Kaschmir - für ihre Wolle berühmt waren. Einige Namen sind uns überliefert - etwa das apulische Tarent (laut Varro und Plinius) oder die spanische Provinz Baetica (laut Martial).
Glaubt man Horaz und Varro, dann schützte man jene Schafe, die eine besonders hochwertige Wolle liefern sollten, sogar mittels Felldecken vor Witterungseinflüssen! Um eine Beschädigung dieser Decken zu verhindern, wurden die Tiere nur auf Weiden gelassen, die frei von dornigem Gestrüpp waren.
Das Leben vieler Schafe dürfte demnach recht angenehm gewesen sein; auch deshalb, weil sie - verglichen mit anderen Tierarten - eher selten im Kochtopf landeten ;)

—————–

Quellen und Literatur-Tipps:

6 Kommentare

  1. Antworten
    1. Die war damals außerhalb des Orients (vor allem Ägyptens) zwar bekannt, aber doch vergleichsweise selten in Verwendung, weil recht teuer.

      Löschen
  2. Danke, nur für mein Verständnis, tatsächlich war wohl neben dem Preis auch die Verarbeitung noch ein Problem, siehe Mischgewebe Leinen-Baumwolle aus Spanien, eine spannende Sache, aber zurück zu den Schafen ...

    Dein Isí

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Siehst du, von Problemen bei der Verarbeitung von Baumwolle wusste ich noch gar nichts. Hört sich aber auf alle Fälle interessant an!

      Löschen
  3. Es hängt mit den Fasern zusammen, deswegen die Mischung: Wikipedia brachte mein Gedächtnis wieder auf die richtige Spur, bin ja auch kein "Textiler":
    Zitat: ... Grund des hohen Wertes war der hohe Arbeitseinsatz bei der Verarbeitung. Arbeitsintensiv waren vor allem das Entfernen der Samenkapseln und das mühselige Kardieren der im Vergleich zu Wolle und Seide sehr kurzen Fasern. Um ein Pfund (gemeint ist hier die angloamerikanische Maßeinheit Pound, die ca. 453 g hat) verarbeitungsfähige Baumwollfäden zu gewinnen, war ein Einsatz von 13 Arbeitstagen nötig. Für eine vergleichbare Menge an Seide waren dagegen nur sechs Arbeitstage notwendig, während man für Leinen zwei bis fünf und für Wolle ein bis zwei Tage brauchte. Vor 1750 waren englische Spinner nicht in der Lage, Baumwollfäden zu spinnen, die ausreichend fest genug waren, um reine Baumwollgewebe herzustellen. Reine Baumwollgewebe wurden nur in Indien hergestellt

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Dass die kurzen Fasern der Baumwolle Probleme bereiten können, hört sich für mich nicht unlogisch an. Und bei dem hier beschriebenen Arbeitsaufwand ist es eigentlich auch kein Wunder, dass sie hochpreisig war.
      Von diesen Mischgeweben habe ich im Zusammenhang mit frühmittelalterlichen/alamannischen Grabfunden schon einmal etwas gelesen, wie mir gerade einfallt. Aber man vergisst ja so viel...

      Löschen

A C H T U N G ! 1. Bitte anonyme Kommentare mit einem (originellen) Pseudonym unterzeichnen - falls keine sonstige Authentifizierung, z.B. mittels Google-Konto oder OpenID, erfolgt! Mehr als ein nicht unterzeichneter Beitrag pro Thread wird aus Gründen der Übersichtlichkeit nicht freigeschalten! 2. Wir duzen uns hier.