Montag, 30. Dezember 2013

Leichentücher aus Asbest - oder: Die außergewöhnlichen Textilien der Antike

In der römisch-griechischen Welt wurde vor allem Schurwolle und Leinen zu Kleidung verarbeitet. Im Osten - hier ist besonders Ägypten zu nennen - war Baumwolle von besonderer Bedeutung. So machen etwa die archäologisch ergrabenen Baumwolltextilien in der ehemaligen Hafenstadt Berenice (am Roten Meer gelegen) für das 4. Jahrhundert ca. die Hälfte des Fundmaterials aus. Wobei interessant ist, dass nur ein Teil aus einheimischen Baumwollpflanzen (G. arboreum L. und G. herbaceum L.) hergestellt wurde, während der Rest aus Indien stammte.
Überdies importirte man - laut dem Periplus Maris Erythraei - aus Indien und Sri Lanka auch sidones (=Musselin). Dieser Begriff kann jedoch nicht an einem bestimmten Material festgemacht werden, sondern er beschreibt vielmehr die spezielle Herstellungsmethode und Qualität eines Gewebes (leicht, fließend, Leinwandbindung, fusselige Oberfläche). Unter den in Berenice gemachten Entdeckungen fanden sich Baumwollstoffe, die den genannten Kriterien entsprechen. 
Auch der im Periplus erwähnte Begriff molochinai wirft Fragen auf. Handelt es sich dabei um malvenfarbige, mit Malachiten besetzte Textilien? Oder hat man es hier mit einem Gewebe zu tun, das aus Malvenfasern hergestellt wurde, ähnlich der heute verwendeten Jute?

Spätestens seit hellenistischer Zeit war Seide ein geschätztes (und teures!) Handelsgut, wie Funde in skythischen Kurganen (Grabhügeln) belegen. Importiert wurde dieser Stoff aus dem weit entfernten China, wo man ihn aus dem Gespinstfaden des domestizierten Seidenspinners (Bombyx mori L.) herstellte. Nicht jeder Seidenstoff scheint jedoch für den Export bestimmt gewesen zu sein; gemusterte Textilien waren wohl in erster Linie dem Kaiserhof vorbehalten, nur ungemusterte, in der Herstellung weit weniger aufwendige Stoffbahnen, wurden tatsächlich frei gehandelt. Vor allem im syrischen Palmyra finden Archäologen immer wieder entsprechende Überreste. Ein Umstand, der keine Überraschung darstellt, denn diese Stadt war lange Zeit ein Knotenpunkt des Seidenhandels; darüberhinaus ist das dortige Wüstenklima besonders günstig für den Erhalt textiler Fragmente. Im Westen der römisch-griechischen Welt sind Seiden-Funde hingegen extrem selten.
Neben der "echten" Seide aus China, gab es noch andere, heute kaum bekannte Varianten. So sollen in Pakistan bereits im dritten vorchristlichen Jahrtausend (!) die abgehaspelten Gespinstfäden der Kleinschmetterlinge Antheraea sp. und Philosamia sp. in Verwendung gewesen sein. Besonders bekannt ist vor allem die sogenannte koische Seide, die, wie bereits der Name nahelegt, von der griechischen Insel Kos bzw. dem dort heimischen Pistazienspinner (Pachypasa otus) stammt. Die auf der Insel hergestellten, halbtransparenten Seidenkleider (Coae veste), werden unter anderem bei Aristoteles und Ovid erwähnt. Römische Sittenwächter forderten wiederholt ein Verbot dieser angeblich der Verdorbenheit Vorschub leistenden Stoffe.

Im von Kaiser Diokletian erlassenen Höchstpreisedikt aus dem Jahr 301 n. Chr., wird teure Kleidung aus lana leporina aufgelistet (Ed. Diocl. XIX 62 u. XXV, 7). Hierbei handelt es sich allerdings nicht um vergleichsweise primitive Kleidung aus Hasen- oder Kaninchenfellen, sondern um die zu Stoffen versponnenen, kurzen Haaren dieser Tiere. Die schwierige Herstellung findet in den Naturalis historia des Plinius Erwähnung (NH VIII, 219). Aus dem spätantiken Basel stammt der archäologischer Fund einer Einlegesohle aus gefilzten Hasenhaaren. Da das Filzen der kurzen Haaren sicher einfacher war als das Verspinnen, dürfte dies quasi eine kostengünstige Alternative zu den im diokletianischen Presiedikt erwähnten Stoffen sein. Außerdem sollte nicht die Möglichkeit außer Acht gelassen werden, dass Hasenhaare mit anderen, leichter verarbeitbaren (=längeren) Fasern vermischt wurden, wie man es beispielsweise von Funden aus dem frühen Mittelalter her kennt. Einige Forscher nehmen sogar an, dass sich hinter manch Textilfund aus vermeintlicher Schafwolle, in Wirklichkeit solche Mischfasern verbergen. Genauere Untersuchungen sind hier zukünftig vonnöten.

Eine recht ausgefallenes Material ist Muschelseide - im Lateinischen byssus genannt. Wobei nicht sicher ist, ob diese Bezeichnung in den Quellen tatsächlich immer mit Muschelseide gleichzusetzen ist; es könnten teilweise auch Textilien wie chinesische Seide oder besonders leichtes Leinen gemeint sein. Die echte Muschelseide gewinnt man aus den Heftfäden der im Mittelmeer heimischen Edlen Steckmuschel (Pinnna nobilis L.), siehe das nachfolgende Bild:


Muschelseide findet in den uns überlieferten Quellen zuerst im 3. Jh. n. Chr. Erwähnung, dürfte aber schon wesentlich länger in Verwendung gewesen sein. So wurden beispielsweise in Pompeji Reste von unverarbeiteter Muschelseide entdeckt. Ein in Aquincum (Budapest) gemachter Fund, der sich im Grab einer spätantiken Frauenmumie befand, ist leider verschollen.

Textilien aus der mineralischen Faser Asbest, stellen - mehr noch als Muschelseide - eine besondere Kuriosität dar. Sie finden in einigen antiken Schriften Erwähnung. Beispielsweise berichtet der römisch-griechische Geograph Pausanias von einer "goldenen Lampe des Kallimachos", deren Docht aus "karpasischem Leinen" ein ganzes Jahr lang - Tag und Nacht - brannte. Im römischen Lauriacum (Enns, Oberösterreich) entdeckten Archäologen tatsächlich einen solchen Docht aus Asbest.
Laut Plinius wurden sogar Leichentücher aus diesem Material hergestellt, damit die verbrannten Überreste des Toten sich nicht mit sonstigen Asche-Resten vermischten. Diese Praxis wurde archäologisch mehrfach nachgewiesen, unter anderem in Köln.

Fazit: All diese Beispiele belegen, dass bereits in der Antike - also lange vor der Erfindung moderner Kunstfasern oder des Begriffs "Globalisierung" - im Rahmen der Textilherstellung und des Textilhandels ein teils immenser Aufwand betrieben wurd.

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Weiterführende Literatur:

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2 Kommentare

  1. Ein sehr interessanter Beitrag! Dass Seide auf so unterschiedliche Weise erzeugt bzw. gewonnen werden konnte, war mir bisher gar nicht bekannt. Ich dachte die Chinesen hatten da quasi ein Monopol drauf.
    LG,
    Erwin

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    1. Na ja, auf lange Sicht ist trotzdem nur die Seide aus China übrig geblieben ;)

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