Montag, 2. Dezember 2013

Meine römische Tunika, Teil 1 - oder: Eine Frage der Länge.

Da ich vor einigen Monaten beschloss, mir im Winter ein römisches Outfit zusammenzustellen, widmete ich dieser Tage mein Augenmerk endlich dem zentrale Kleidungsstück: der Tunika.
Dass es eine Variante mit Scheinärmeln werden würde (Bild 9), war aufgrund meiner Recherche recht bald klar. Doch trotz der beiden hilfreichen Bücher Die römische Tunika und Die Macht der Toga (letzeres bespreche ich hier nach Weihnachten --> Klick mich), brachte mich eine Frage schwer ins Grübeln: Wie lang sollte die Tunika werden? So finden sich beispielsweise Rekonstruktionen, die eine beträchtliche "Bauschigkeit" bzw. "Fülle" aufweisen: UngerafftGerafft (Link mit Begründung für diese Rekonstruktion)
Einerseits gibt es zwar bildliche Überlieferungen, die diesen großzügigen Stoffverbrauch stützen und darauf schließen lassen, dass manch Tunika ungegürtet bis zur Mitte der Unterschenkel reichte (Bild 2). Andererseits wird man beinahe von der Menge an Quellen erschlagen, die einen deutlich knapperen Zuschnitt bezeugen - und zwar unabhängig davon, ob der Dargestellte nun Soldat, Handwerker, Sklave oder was auch immer ist (Bilder 3-8). Die zum Teil geäußerte Vermutung, dass in erster Linie arme Leute, zwecks Stoffersparnis, kürzere Tuniken verwendeten, kann deshalb von vornherein verworfen werden. Hinzu kommt, dass selbst bei wenig großzügig bemessener Länge immer wieder weit herabhängende Scheinärmel zu sehen sind, die dem Sparsamkeitsargument ebenfalls widersprechen (Bild 6).

Nicht ganz außer Acht lassen sollte man außerdem die Möglichkeit, dass Faltenwurf und Raffung aus künstlerischen Erwägungen z.T. übertrieben dargestellt wurden. In dem Zusammenhang verweise ich immer gerne auf die Marinemalern des 15. bis 17. Jahrhunderts. Die Segel der abgebildeten Schiff sind häufig in einer unrealistischen Weise gebläht (Frank Howard, Segel-Kriegsschiffe, 1400-1860), so dass beim Betrachter eine falsche Vorstellung von der tatsächlichen Größe erzeugt wird (Bild 1)

Bild 1: Gemälde der La Santa Trinidad (16. Jh.). Die Segel wurden viel zu bauschig dargestellt - eine für jene Tage typische Übertreibung. | Quelle: Wikimedia.org

Bild 2: Darstellung eines Gladiatorenkampfes auf einem Mosaik des 4. Jahrhunderts; man beachte die Länge der von den beiden Schiedsrichtern getragenen Tuniken. Sie dürfte ohne Raffung sogar über die Mitte der Unterschenkel reichen. Auffällig sind auch die sehr großen Scheinärmel, welche auf einen besonders breiten Zuschnitt hindeuten. | Quelle: Wikimedia.org
Bild 3: Ein am Titusbogen angebrachtes Relief, ausgehendes 1. Jh. n. Chr. Dargestellt sind beutebeladene Sklaven und Kriegsgefangene. Die Tuniken können aufgrund des geringen Überhangs des gerafften Stoffs maximal knielang sein. | Urheber: Steerpike | Quelle: Wikimedia.org
Bild 4: Relief der Traianssäule, frühes 2. Jh. n. Chr. Zu sehen sind Angehörige des römischen Militärs. Die Tuniken der im Heck stehenden Schiffsführer oder Steuermänner (Mitte unten und rechts oben) reichen im ungerafften Zustand maximal bis knapp an die Knie. Eine breite Leibbinde (fascia ventralis), die bei einigen modernen Rekonstruktionen allzu bauschige/lange Soldatentuniken bändigen soll, wird hier offensichtlich nicht benutzt. | Quelle: Wikimedia.org
Bild 5: Römischer Handwerker bzw. Schmied, 1. Jh. n. Chr. (Archäologisches Museum Aquileia). Die Tunika ist so gut wie nicht gerafft und im ungegürteten Zustand maximal knielang. | Urheber: Wolfgang Sauber | Quelle: Wikimedia.org
Bild 6: Frühchristliche Plastiken, letztes Viertel des 3. Jhs., Kleinasien: Links - betender Jonas, Rechts - der gute Hirte (Cleveland Museum of Art). Die Tuniken sind am Gürtel (ein verknotetes Stoffband?) praktisch nicht gerafft und bedecken die Knie demnach auch im ungerafften Zustand nicht. Desweiteren sind rechts die relativ weit herabhängenden Scheinärmel gut zu erkennen. Urheber: Wmpearl, Daderot | Quelle: Wikimedia.org
Bild 7: Grabstein zweier Brüder, 2. Hälfte des 2. Jhs. n. Chr., Milet. Die Tunika der linken Person dürfte die Knie im ungerafften Zustand nur knapp bedecken (Archäologisches Nationalmuseum, Athen) | Urheber: Giovanni Dall'Orto | Quelle: Wikimedia.org
Bild 8: Grabrelief eines römischen Ritters (eques), 2. Jh. n. Chr. Die Tunika des links stehenden Reitknechts(?) reicht ungerafft max. bis an die Knie. Ähnliches dürfte für die Person hinter dem Pferd gelten, bei deren Tunika der herabhängender Scheinärmel deutlich zu erkennen ist. | Urheber: Marie-Lan Nguyen | Quelle: Wikimedia.org
Da also die extreme "Bauschigkeit" bzw. Länge kaum als absolut typisch bezeichnet werden kann, entschied ich mich für eine kürzere Variante. Dementsprechend soll meine Tunika im ungegürteten Zustand nur wenig über die Knie hinausreichen. Gegürtet und leicht gerafft, wird sie hingegen knapp oberhalb der Knie enden.
Die Breite des Zuschnitt hängt von der angestrebten Länge der Scheinärmel ab; ich entschied mich dafür, dass diese beinahe bis zum Ellbogen herabhängen sollen; demzufolge wurde als Maß der Abstand zwischen den beiden Ellbogen gewählt - siehe das nachfolgende Bild:
Bild 9: Tunika mit Scheinärmeln | Urheber: Hiltibold.Blogspot.com - No rights reserved.
Weitere Informationen und Bilder der fertigen Tunika folgen im zweiten Teil, der sofort nach Fertigstellung des Kleidungsstücks online geht; dies dürfte voraussichtlich in fünf bis sechs Wochen der Fall sein.

(Nachtrag: Dem war bedauerlicherweise nicht so, da der beauftragte Weber, ein gewisser Herr Galz, meinen Auftrag - trotz Vorauszahlung! - zuerst angeblich "vergessen" hat und in weiterer Folge ein Produkt nachreichte, das nicht einmal ansatzweise meinen Erwartungen entsprach. So kam es, dass mir die Tunika nun jemand mit größerer Kompetenz und Professionalität anfertigt. Leider verschiebt sich die Fertigstellung dadurch deutlich).

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Quellen und Literatur-Tipps:
  • Die Römische Tunika | Matthias Pausch | Wißner-Verlag | Infos bei Amazon
  • Die Macht der Toga - DressCode im Römischen Weltreich |  Alfried Wiezorek u.a. | Schnell & Steiner | Meine Rezension | Infos bei Amazon
  • Römer selbst erleben! Kleidung, Spiel und Speisen - selbst gemacht und ausprobiert | Juliane Schwartz | Theiss | Infos bei Amazon

14 Kommentare

  1. Also zu den Falten in Abbildungen kann man nur sagen: Kleiderfalten waren lange Zeit eine Art Merkmal für die Kunstfertigkeit des jeweiligen Malers oder Bildhauers, da sie sehr schwer darzustellen sind und viel Feingefühl benötigen. Wer bekommt die schönsten und meisten Falten ins Kleidungsstück rein?

    So sind - das merkt man vor allem an der Bildhauerei der Renaissance, aber auch an deren Vorbild, der antiken Bildhauerei - sehr sehr viele Darstellungen maßlos übertrieben. Oft hat man das Gefühl, dass ein derartig reicher Faltenwurf mit Stoffen der damaligen Zeit völlig unmöglich ist und man moderne Seidenstoffe oder Jerseystoffe bräuchte, um dem überhaupt nahe zu kommen, gerade bei zB antiken griechischen Darstellungen. Sehr schön sieht man das zB auf deinem Bild 8, das ist einfach nicht möglich, wäre so viel Stoff an dem Mann dran, wie hier dargestellt wird, würde er 30 kg schwerer aussehen.

    Man kann es also bestimmt bis zu einem gewissen Maß als künstlerische Freiheit bezeichnen. Ich denke, du hast eine ganz gute Lösung hier gefunden.

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    1. Gerade in puncto Faltenwurf habe ich bei meiner Recherche einige interssante Forenkommentare gelesen. Bei der Rekonstruktion antiker Frauenkleidung soll sich manch Enttäuschung breit gemacht haben, da selbst handgewebte Soffe auf Teufel komm raus nicht so fallen wollten wie auf den überlieferten Darstellungen. Einige Damen sahen, nach eigenem Bekunden, deshalb wie das Michelin-Männchen aus :)

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  2. Viel Erfolg bei deinem Vorhaben! Ich scheitere ja schon daran, eine Tunika zu zeichnen, du dagegen willst eine nähen.

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  3. Schwierig stelle ich mir auch die Frage des Gürtels vor, da davon im zivilen Bereich glaube ich wenig bekannt ist, oder täusche ich mich da?

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    1. Leider, da täuschst du dich nicht.
      Stoffschläuche, Lederschnüre, geflochtene Wollschnürre, brettchengewebte Gürtel usw. werden vorgeschlagen.
      Was genau für meine Zwecke, nämlich die Darstellung eines eques, tauglich ist, muss ich allerdings noch herausfinden. Es gibt bei den genannten Beispielen nämlich noch etliche Fragezeichen.
      Auch der Ledergürtel ist noch nicht aus dem Rennen. Inwieweit hier militärische Versatzstücke im zivilen Zusammenhang üblich waren, ist mir ebenfalls noch nicht völlig klar.
      Viel Arbeit also für die nächsten Wochen...

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    2. Also den Stoffschlauch würd ich jetzt mal ausschließen, das ist ein Modell, das ich eher in der Moderne verorten würde, wo man dünne Stoffstreifen nur aus breiten Webstoffen heraus schneiden kann, die dann versäubert werden müssen. Wenn textil dann eher noch ein extra gewebtes Band (auf dem Gewichtswebstuhl kann man auch kleine Breiten machen, vielleicht in Leinwand oder einfacher Köperbindung) oder ein brettchengewebtes Band.

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    3. Der Stoffschlauch ist ehrlich gesagt auch nicht mein Favorit.
      Ich lese hier gerade etwas über ein römisches Körpergräberfeld aus dem 2.Jh. in dem einige Gürtelschnallen gefunden wurden. Da ist die Frage, waren die dazugehörigen Gürtel aus Leder oder gewebt? Im Moment habe ich diesbezüglich leider noch keinen Schimmer, obschon ich Webgürtel mit Schallen gesehen habe. Aber machen kann man bekanntlich viel, die Frage ist jedoch, obs dafür Belege gibt.

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  4. Ein weiterer Beleg der gegen eine weite Verbreitung langer Tuniken spricht, ist das berühmte Reiterstandbild von Marcus Aurelius. Mehr als knielang, ist auch hier die Tunika nicht.
    http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Marcus.aurelius.horse.statue.rome.arp.jpg
    Gruß,Dominik

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    1. Ja, es sieht tatsächlich so aus. Danke für den Hinweis.

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  5. Oh, danke für deine Überlegungen, gibt mir wieder viel Raum für neue Webideen. Was den Faltenwurf angehet, ist dieser wahrscheinlich idealisiert dargestellt, wie ihr schon schreibt. Aber nachdem ich bei einem Vortrag in Trier über Boethiolas Kleider ein Stück eines originalen Stoffes mit einer Webdichte von 90 Fäden im Schuss und 100 Fäden in der Kette bewundern durfte, halte ich diese Falten bei ausgewählten Stoffen der römischen Oberschicht durchaus für denkbar!
    Marled

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    1. Wahrscheinlich muss man es wirklich in der Praxis testen, also das Verhältnis vom jeweiligen Faltenurf zu den unterschiedlichen Webdichten. Dazu gibt es auch bestimmte Testverfahren, die das mit relativ kleinen Stoffmengen erlauben. Nennt sich "Fallprüfgerät" und wird in dem Buch "Die Macht der Toga" anhand einiger Abbildungen gezeigt.
      Wobei ich aber nicht weiß, wie umfassend die Aussagekraft hier tatsächlich ist.

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  6. Salve Hiltibold, was ist denn aus Deiner Tunika geworden? Kannst Du einen Handwerker zur Fertigung einer authentischen Tunika (Anfang 1. Jh.) empfehlen?
    Vale Marcvs

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    1. Servus Marcus,
      die Tunika ist schon lange fertig, allerdings möchte ich sie hier zusammen mit der dazugehörenden Toga vorstellen, deren Herstellung sich jedoch aufgrund meiner ins Stocken geratenen Recherche in die Länge zieht. Im kommenden Jahr sollte es dann aber soweit sein.
      Meine Weberin macht mir die Sachen privat und nimmt ansonsten kaum Aufträge an. Allerdings soll auch die Damasthandweberei Wiechmann über die Fähigkeiten verfügen, hochwertige wollene Tuniken aus einfädigem Garn mit einer Webdichte von mind. 30 Fäden pro cm herzustellen (daran scheitern die meisten anderen Weber). Du könntest dort einmal anfragen.

      Absolut nicht empfehlen kann ich übrigens die Handweberei Galz.

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