Montag, 5. Oktober 2015

Massenmord im Jahr 88 v. Chr. - Der "11. September" der Römischen Republik?




Die Ursachen eines Massakers

Als das römische Volk im Jahr 133 v. Chr. das Königreich Pergamon von dessen kinderlos verstorbenen Herrscher Attalos III. vermacht bekam, ahnte in der Stadt am Tiber wohl niemand, dass diese reiche Erbschaft die Republik einige Jahrzehnte später ins Chaos stürzen würde.
Dabei hatte alles so vielversprechend begonnen: Nachdem nämlich die Aufstände einiger Unzufriedener, die nicht unter römische Herrschaft geraten wollten, niedergeschlagen worden waren, entwickelte sich das in die Provinz Asia umgewandelte Gebiet schnurstracks zu einem lukrativen Selbstbedienungsladen für hochrangige Verwaltungsbeamte. Zwar war bereits im 2. Jh. v. Chr. ein ständiger Gerichtshof gegen derlei Ausbeutung eingerichtet worden, doch die sogenannten "Repetundenprozesse" gingen häufig zu Ungunsten der klagenden Partei bzw. der finanziell drangsalierten Provinzbevölkerung aus. Ein Umstand, der kaum verwundert; schließlich konnten es sich die nach Ablauf ihrer ein- bis zweijährigen Amtszeit verklagten Ex-Statthalter aufgrund der kurz zuvor erworbenen "Beute" problemlos leisten, die Geschworenen mit hohen Geldsummen zu bestechen. Dass besagte Geschworene überdies der stadtrömischen Oberschicht angehörten - und daher ihrem verklagten Standesgenossen eher zugeneigt waren, als irgendwelchen kulturfremden Provinzlern - wird sicher auch nicht geschadet haben. Da bedurfte es schon eines Cicero, um wie im Fall des sizilianischen Statthalters Gaius Verres eine Verurteilung zu erwirken. Später behauptete Augustus zwar, die geradezu institutionalisierte Korruption in den Provinzen sei unter seiner Herrschaft abgestellt worden, aber wie so oft dürfte er sich damit nur selbst geschmeichelt haben. Der Geschichtsschreiber Velleius Paterculus berichtet nämlich über die syrische Stadthalterschaft des mit dem Kaiser verschwägerten Publius Quinctilius Varus: "Als armer Mann betrat er das reiche Syrien, als reicher Mann verließ er das arme Syrien." Wie es diesem Varus erging, als er einige Jahre später auch bei den Germanen die Steuerschrauben anzog, ist hinlänglich bekannt.
Vielleicht noch bunter als die meist dem Senatorenstand entstammenden Statthalter trieben es die sogenannten Publicani bzw. Staatspächter, die der zweithöchsten Klasse in der römischen Gesellschaft - den Equites (Rittern)  - angehörten. Bei ihnen handelte es sich um reiche Kaufleute oder Bankiers, die Konsortien bildeten und vom Staat unter anderem das Recht auf die Steuereintreibung in den verschiedenen Provinzen ersteigerten. Da sie bei ihrer Tätigkeit nicht zimperlich vorgingen und ganze Städte in die Schuldenspirale trieben, waren sie bei der Provinzbevölkerung hochgradig verhasst.
Doch auch die einfachen italischen Siedler, die ihre Finger nicht in diesen verrufenen Geldgeschäften hatten, wurden vielerorts abgelehnt, da sie das Land der verschuldeten Einheimischen günstig aufkauften. Außerdem vermieden sie es, sich mit der autochthonen Bevölkerung zu vermischen; zwar beherrschte man das in Asia weit verbreitete Griechisch, sprach untereinander aber weiterhin Latein und blieb den römischen Sitten und Gebräuchen treu. Kurz gesagt, die zugewanderten Römer waren selbst nach Jahrzehnten immer noch ein sichtbarer Fremdkörper in dieser stark hellenisierten Provinz.


Die Verschwörung

Die oben geschilderte Gemengelage war eine geradezu perfekte Voraussetzung für jenen monströsen Plan, den der machthungrige und geniale König Mithridates von Pontos im Frühjahr 88. v. Chr. ausgeheckt hatte: Alle römischen Siedler derer man in der Provinz Asia habhaft werden konnte - egal ob Freier oder Sklave, Mann oder Frau, Erwachsener oder Kind - wollte man mithilfe verschworener Kreise der autochthonen Bevölkerung zu einem festgelegten Zeitpunkt ermorden. Das erbeutete Vermögen der Opfer sollte den Mördern zufallen bzw. mit Mithridates geteilt werden; höchstwahrscheinlich gedachte dieser damit seinen Krieg gegen Rom zu finanzieren. Weiters wurde beschlossen, es unter Androhung strenger Strafen zu verbieten, die Getöteten zu bestatte; den Hunden und Krähen sollten sie stattdessen zum Fraß vorgeworfen werden.
Es ist schwer zu begreifen, wie ein Komplott diesen Ausmaßes geheimgehalten werden konnte. Doch es gelang, und an einem nicht näher bekannten Tag schlug man zeitgleich in etlichen Städten der Provinz los.


Das Morden beginnt - Die Vesper von Ephesos

Namensgebend für das als "Vesper von Ephesos" bezeichnete Massaker ist die gleichnamige Stadt, von der aus das Dekret zur Ermordung aller römischen Siedler an die bedeutendsten Gemeinwesen Asias gesandt wurde. In dieser antiken Metropole, mit damals 250.000 Einwohnern, stand der berühmte Artemistempel - eines der sieben Weltwunder. Dorthin flohen viele Römer in Panik, als im Morgengrauen die Pogrome mit der Zerstörung römischer Standbilder eingeleitet wurden. Tempel galten als heilig, sodass Flüchtende - egal ob schuldig oder unschuldig - innerhalb ihrer Mauern bzw. des Tempelbezirks Schutz erwarten durften. Doch nicht an diesem Tag. Der rasende Mob missachtete das Recht auf Asyl, drang bis in die Cella vor und massakrierten in einem wahren Blutrausch die sich verzweifelt an die Statue der Göttin klammernden Römer.
In der Provinzhauptstadt Pergamon, die heute noch für ihren gewaltigen Altar und eine Bibliothek mit rund 200 000 Büchern berühmt ist, trug sich ähnliches zu. Als hier das Morden begann, versuchten sich die römischen Familien in das große Asklepios-Heiligtum zu retten, wo sie jedoch in der Falle saßen und mit Pfeil und Bogen  regelrecht zusammengeschossen wurden.
Im Hafenort Adramyttion trieb man die römischen Siedler ins Meer, stach die Erwachsenen ab und ertränkte die Kinder.
Regelrecht sadistisch wurde in Kaunos verfahren - einer Stadt, die wohl nicht zuletzt aufgrund der damaligen Ereignisse selbst in byzantinischer Zeit noch einen besonders schlechten Ruf genoss. Von den Römern, die sich Schutz suchend um die Statue der Göttin Vesta drängten, griff man gezielt zuerst die Kinder heraus und schlachtete sie vor den Augen ihrer Eltern ab; dann kamen die Frauen an die Reihe, und zum Schluss die Männer.
In Tralleis wollte man sich nicht selbst die Hände schmutzig machen, daher hatten die Verschwörer eine paphlagonische Räuberbande unter dem Kommando eines gewissen Theophilos angeheuert (möglicherweise ein Verwandter des 25 Jahre später geborenen Geschichtsschreibers Strabon). Dieser trieb die Römer im Tempel der Concordia (=Eintracht!) zusammen und massakrierte sie dort.
Doch nicht jedes mit Mithridates verbündete Gemeinwesen in Asia wollte ein schweres Sakrileg auf sich laden. So wurden die verängstigt in ein Heiligtum flüchtenden Römer zumindest auf der Insel Kos geschont.


Die katastrophalen Konsequenzen für die Römische Republik

Je nach Quelle schwanken die Opferzahlen der Vesper von Ephesos zwischen 80.000 (lt. Valerius Maximus) und 150.000 (lt. Plutarch). Selbst wenn man sich an den niedrigeren Schätzungen orientiert, so war es nicht ganz unpassend, als ein moderner Historiker diesen minutiös geplanten "Terrorangriff" auf Zivilisten als "11. September der Römischen Republik" bezeichnete. Die Stadt am Tiber war nachhaltig erschüttert worden und der Ruf nach Vergeltung wurde ohrenbetäubend laut.
Zum Oberbefehlshaber gegen Mithridates, der nach dem Fanal in der Provinz Asia auch breite Unterstützung in Griechenland gefunden hatte, wurde der aus verarmtem Adel stammende Lucius Cornelius Sulla ernannt. Mit dieser Personalentscheidung läutete der römische Senat jedoch unwissentlich den Anfang vom Ende der Republik ein, denn der alte Kämpe Gaius Marius - Bezwinger der Kimbern und Teutonen - vertrat die Auffassung, der Oberbefehl im Osten stünde ihm zu. Nachdem der Volkstribun Publius Sulpicius Rufus damit begonnen hatte, das Concilium Plebis (Volksversammlung) dahingehend zu bearbeiten, Sullas Oberbefehl auf Marius zu übertragen, kam es in Rom zu lautstarken Auseinandersetzungen zwischen den Anhängern der beiden Konkurrenten. Als Sulla, der damals auch Konsul war, zusammen mit seinem Amtskollegen eine Abstimmung verhindern wollte, indem man kurzerhand feriae verkündete (religiöse Festtage, an denen keine gesetzlichen Beschlüsse gefasst werden durften) geriet die Situation völlig außer Kontrolle und die beiden Konsuln musste mit wehenden Togen vor dem Volkszorn Reißaus nehmen. Dass Sulla auf seiner Flucht über das Forum ausgerechnet im Haus seines Erzfeindes Marius rettende Aufnahme fand, wird bestimmt schon manch Zeitzeugen ein herzhaftes Lachen entlockt haben.
Das Lachen dürfte vielen Römern allerdings bald wieder vergangen sein, denn nachdem man das begehrte Kommando nach einigem Hin und Her letztendlich doch Marius übertrug, entschloss sich Sulla ein Tabu zu brechen; er marschierte (zum ersten aber nicht letzten Mal) mit seinem Heer gegen Rom, um sich dort mit Gewalt zu nehmen, was ihm mittels politischer Trickserei verwehrt wurde. Caesar sollte sich daran knapp vier Jahrzehnte später ein unseliges Beispiel nehmen, als er aus ähnlich egoistischen Gründen den Rubikon überschritt und damit der Republik endgültig den Todesstoß versetzte.
Im Gegensatz zu Caesars hohen Offizieren weigerten sich jene Sullas aber nahezu geschlossen am geplanten Staatsstreich mitzuwirken. Die vielleicht einzige Ausnahme unter ihnen dürfte Lucius Licinius Lucullus gewesen sein. Dieser heute fast nur noch für seine opulenten Gastmähler bekannte Aristokrat war es, der Asia etliche Jahre nach Sullas blutigem Rachefeldzug entschuldete - ohne Rücksicht auf die finanziellen Interessen römischer Steuerpächter. Mit dieser klugen Entscheidung trug er sehr zu einer Stabilisierung der Region bei.
Ein paar Jahre nach Lucullus' Maßnahmen, und nachdem der große General Pompeius mit dem letzten Widerstand aufgeräumt hatte, übertrug man Quintus Tullius Cicero - dem jüngeren Bruder des berühmten Marcus Tullius Cicero - die Provinz. Trotz seines Hangs zum Jähzorn verwaltete er sie ordentlich und ehrlich. Jenes Massaker aus dem Jahr 88 v. Chr., bei dem so viele Römer grausam starben, dürfte er freilich immer im Hinterkopf behalten haben, denn sein Bruder Marcus ermahnte ihn per Brief  eindringlich, der lokalen Bevölkerung nur ja nicht über den Weg zu trauen...

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Weiterführende Literatur / Quellen:

4 Kommentare

  1. Es ist schon ein bemerkenswerter Aspekt, wie stark, oder vielleicht sogar blind, die Menschen in den betroffenen Städten auf den Schutz innerhalb der Tempel vertrauten!

    Gero

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    1. Dieses Vertrauen finde ich auch recht interessant. Möglicherweise war es aber gar nicht so groß, wie es für uns scheint. Vielmehr könnten sich die Betroffenen auch einfach nur an den einzigen vorhandenen Strohhalm geklammert haben. Wer weiß.

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    2. Eine interessante, aber nicht unlogische Überlegung.

      Wie groß waren eigentlich diese Tempel, wenn alle Römer darin unterschlüpfen konnten? Ich nehme an, es werden mehr als nur ein paar Dutzend römische Bürger in Ephesos und Pergamon gelebt haben. Weiß man da etwas?

      Gero

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    3. Ob wirklich alle darin Platz fanden, wissen wir nicht. Man muss hier aber bedenken, dass die Tempelbezirke deutlich größer sein konnten, als der eigentliche Tempel.

      Trotzdem ist es in der Tat fraglich, ob alle - oder auch nur der größte Teil der Römer - Platz fand, denn die betroffenen Städte waren zum Zeitpunkt der "Vesper von Ephesos" mit römischen Flüchtlingen vollgestopft, die vor der anrückenden Armee des Mithridates aus dem Hinterland zur Küste geflohen waren. Vermutlich sind auch deshalb die Opferzahlen der Pogrome so extrem hoch bzw. nicht aus der Luft gegriffen.

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