Montag, 4. März 2013

Die Goldblattkreuze der Germanen


Zwischen dem späten 6. und dem frühen 8. Jh. war es in den germanisch beherrschten Gebieten Europas teilweise Sitte, dass man den Verstorbenen ein aus dünnem Goldblech gefertigtes, wenige Zentimeter großes Kreuz auf die Kleidung nähte (siehe Bild: die von der Nadel verursachten Löcher sind hier gut zu erkennen). Goldblattkreuze wurden hauptsächlich im langobardischen Oberitalien und in Alamannien gefunden. Jedoch auch den Bajuwaren, den Franken und sogar den Angelsachsen war das Goldblattkreuz nicht unbekannt.
Die Arme der Kreuze sind meist gleich lang und häufig verziert - teilweise sogar mit heidnischen Symbolen, wie der Swastyka (man hatte sich offensichtlich noch nicht ganz vom Althergebrachten verabschiedet). Eine Prägung wie jene auf dem Bild wurde erzielt, indem man das dünne Blech z.B. auf kunstvoll gearbeitete Gürtelbeschläge oder eine Münze legte und dann durch Druck das Muster übertrug. Handwerkliche Perfektion stand hierbei allerdings nur selten im Vordergrund. Deshalb dürfte ein Goldschmied für die Herstellung kaum mehr als eine knappe Stunde benötigt haben. 

Die tiefere Bedeutung des Goldblattkreuzes liegt im Dunklen. Es gibt jedoch mehrere Theorien, von denen beispielsweise eine besagt, dass in einer Zeit, in der Teile der Bevölkerung noch Heiden waren, die bereits Bekehrten sich nach ihrem Tod mit dem Kreuz vor Gott als Christen "ausweisen" wollten.
Diese Annahme wird dadurch untermauert, dass man Goldblattkreuze nahezu ausschließlich in Gräberfeldern fand, jedoch nur sehr selten innerhalb von Kirchen. Möglicherweise dachte man einst, dass jemand, der in einem Gotteshaus bestattet wurde (oft der adelige Kirchenstifter und seine Familie) ohnehin in Sachen Rechtgläubigkeit über jeden Zweifel erhaben sei, während Christen die zusammen mit Heiden auf ein und demselben Gräberfeld liegen, einer speziellen Kennzeichnung bedürfen.
Dass in Männergräbern Goldblattkreuze doppelt so häufig gefunden wurden wie in Frauengräbern ist auch von einigem Interesse. Bedenkt man nämlich, dass es häufig die Frauen waren, die den neuen Glauben innerhalb einer Familie zuerst annahmen, dann könnte es durchaus sein, dass diese nach damaliger Vorstellung einer Kennzeichnung als Christen weniger bedurften, als ihre erst später (halbherzig?) konvertierten Ehemänner. 

Die allgemein übliche Beizeichnung Goldblattkreuz ist übrigens leicht irreführend, da man (vor allem in Süditalien) auch Varianten aus Silber, Kupfer oder Eisen fand. Demnach wäre der Begriff Folienkreuz passender.
Von Archäologen wurden sogar Stoffkreuze nachgewiesen, beispielsweise in OberflachtZwar ist dieses spezielle Kreuz aus Seide, und war demnach alles andere als billig, doch ist es nicht unwahrscheinlich, dass es auch Ausführungen aus einfachen Stoffen, wie etwa Leinen, gab.
Der Umstand, dass sich Textilien nur in absoluten Ausnahmefällen in Gräbern erhalten haben, könnte bedeuten, dass solche Stoffkreuze eigentlich recht häufig verwendet wurden. Vielleicht sogar noch häufiger als die Blech- bzw. Folienkreuze aus wertvollem Gold, die sich nur die Oberschicht leisten konnte.

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Buchtipps: 
  • Die Alamannen | Autor: Karlheinz Fuchs, Martin Kempa und Rainer Redies | Verlag: Theiss | Infos bei Amazon (Nur noch gebraucht erhältlich, aber sehr empfehlenswert!) 
  • Die Langobarden | Autor: Wilfried Menghin | Verlag: Theiss

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