Samstag, 16. Juni 2018

Buch: "vnd mit der rechten faust ein mordstuck" – Baumanns Fecht- und Ringkampfhandschrift



Baumanns Fecht- und Ringkampfhandschrift enthält zwei unabhängig voneinander entstandene Handschriften aus dem 15. Jh., deren Blätter man um die Mitte des 16. Jahrhunderts in einem Buch vereinigt hatte. Die erste der beiden Handschrift war wohl zwischen 1465 und 1470 in Bayern verfasst worden. Es finden sich darin Anleitungen für den harnischlosen Kampf mit dem langen Schwert und dem langen Messer sowie weitere bebilderte Instruktionen für den Dolch- und Ringkampf. Die zweite Handschrift ist älter und stammt wohl aus der Zeit um 1420. Im Gegensatz zur jüngeren Handschrift enthält sie keine erklärenden Texte, sondern ausschließlich Abbildungen. Diese illustrieren den Schwertkampf (langes Schwert) mit und ohne Harnisch sowie den Ringkampf und den Gerichtskampf mit speziellen (ziemlich ausgeflippt wirkenden) Schilden. 

Die vorliegende Publikation stammt vom Germanisten Rainer Welle und besteht aus zwei Bänden. Im Kommentarband wird die als Codex I.6.4⁰ 2, Codex Wallerstein oder Baumanns Fecht- und Ringkampfbuch bezeichnete Handschrift im Detail analysiert - angefangen bei ikonographischen Merkmalen wie den Frisuren der dargestellten Personen bis hin zu den verwendeten Papiersorten. Der Tafelband ist eine Art Faksimile-Light der Handschrift, mit vielen ausgezeichneten großformatigen Abbildungen (siehe unten).

Die in der jüngeren der beiden Fechthandschriften enthaltenen Bildtexte sind in einer Kursive geschrieben, die der Durchschnittsleser kaum wird entziffern können. Erfreulicherweise wurden sie vom Autor in moderne Druckschrift transkribiert. Schade ist freilich, dass er dabei den frühneuhochdeutschen Text nicht auch gleich in ein modernes Deutsch übertragen hat; der entsprechende Mehraufwand wäre nach meinem Dafürhalten relativ klein gewesen. Ohne die entsprechende Übersetzung wird sich manch Leser bei bestimmten Wörtern stark aufs Raten verlegen müssen. Hier hätte man bedenken sollen, dass eine solche Fecht- und Ringkampfhandschrift nicht nur bei Buchwissenschaftlern Interesse hervorruft, sondern natürlich auch besonders bei Praktikern in der HEMA-Gemeinde.

Fazit: Für jene, die ein tiefer gehendes Interesse an historischen europäischen Zweikampftechniken des Spätmittelalters und der frühen Neuzeit haben, stellen diesen beiden Bände eine wertvolle Recherchequelle dar. Aber Achtung, besonders groß scheint die Auflage nicht zu sein. Bei Amazon wird eine Lieferzeit von 1-3 Wochen angegeben. Der Kaufpreis beträgt 74 Euro.


Zweikampf mit dem Dolch (Autsch!) | (C) Herbert Utz Verlag

Gerichtszweikampf mit 'abgefahrenen' Schilden aus der älteren Handschrift - man beachte den stilistischen Unterschied zu den anderen hier gezeigten Abbildungen, die alle aus der jüngeren Handschrift stammen.| (C) Herbert Utz Verlag

Zweikampf mit dem langen Messer | (C) Herbert Utz Verlag

Zweikampf mit dem langen Schwert | (C) Herbert Utz Verlag

Ringkampf | (C) Herbert Utz Verlag

Bildliche Übereinstimmungen mit anderen Zweikampf-Handschriften (Konkordanzen) im Kommentarband | (C) Herbert Utz Verlag

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