Sonntag, 27. Oktober 2019

Krimskrams: Denkmalschutz-Theater um Magdalensberg -- Schweden will Mittelalter und Antike aus Geschichtsunterricht verbannen

Magdalensberg
Bildzitat | Quelle: ORF.at

Auf dem einst von Kelten und Römern dicht besiedelten Kärntner Magdalensberg wird groß gebaut. Genehmigt wurde dies nicht zuletzt vom österreichischen Bundesdenkmalamt, das nach meinem Dafürhalten ein Saftladen der Extraklasse ist, druckbetankt mit bornierten Beamten, die Gesetze auslegen und vollziehen, die oft noch dümmer sind als sie selbst. Doch Worte können meine tiefe Verachtung eigentlich gar nicht adäquat beschreiben, die ich für diese unsägliche Truppe vermeintlicher Denkmalschützer empfinde; zumindest nicht solche Worte, die juristisch noch halbwegs unbedenklich sind ...

Der ORF berichtete nun in einem Artikel (und in einem TV-Beitrag) über den konkreten Fall, der jüngst um eine Strafanzeige bereichert wurde.

[Bürgermeister und Landtagsabgeordneter] Andreas Scherwitzl von der SPÖ ist verärgert und spricht von einem Akt höchster Feigheit. Er fordert diejenigen, die die anonyme Anzeige gegen ihn bei der Staatsanwaltschaft eingebracht haben auf, aus ihrer Deckung zu kommen, um öffentlich Stellung zu beziehen. Das Bauverfahren rund um das sieben Millionen Euro Projekt auf dem Gipfel des Magdalensberges sei ohne irgendwelche Beanstandungen und ordnungsgemäß durchgeführt worden, so Scherwitzl.

Auch ich bin kein Freund anonymer Anzeigen. Wenn das Objekt der Anzeige allerdings ein zweifellos gut vernetzter politischer Multifunktionär der Landeshauptmann-Partei ist, dann drohen dem Anzeiger möglicherweise gravierende berufliche, finanzielle oder sonstige Konsequenzen. So gesehen ist es eine zwiespältige Angelegenheit, denn Fälle, in denen sich Politiker rächten, indem sie Kritkern z.B. ihre Büttel von der Baubehörde oder der Finanz auf den Hals hetzten, sind ja belegt. Und das sollte auch dem Bürgermeister von Magdalensberg als ausreichende Begründung für eine anonyme Anzeige einleuchten. Vorsicht ist eben die Mutter der Porzellankiste.

Worum geht es: Die Familie Skorianz, die seit dem Jahr 1856 im Besitz des Gipfelhauses ist, errichtet auf dem geschichtsträchtigen Boden ein luxuriöses Wellness-Areal mit 20 Zimmern, großen Glasfronten, ein Pool mit Festsaal ist ebenso geplant.

Eine Nummer kleiner ging es wohl nicht? Wenn man sich die Situation auf dem Bild oben ansieht, dann wird der Stahlbeton-Zubau, anders als das bisherige Gipfelhaus, zukünftig dem geschichtsträchtigen Berg optisch eine gänzlich neue und nicht unbedingt positive Note verleihen.

All das passiert mit dem Sanktus des Bundesdenkmalamtes, also mit strengen Auflagen von höchster Stelle, so Besitzerin Heike Skorianz. „Bis letztes Jahr im Dezember haben wir nicht gewusst, ob wir bauen werden oder nicht. Grundlage für die Entscheidung war auch der Bericht des Bundesdenkmalamts, dass es zwar Funde gibt, diese aber nicht in einem so erhaltenswürdigen Zustand sind, dass wir nicht bauen dürfen.“

"Strenge Auflagen der Behörden" - bei dieser Formulierung handelt es sich um ein wahres Meisterstück kärntnerischen Lei-Lei-Humors! Die Bauherren mögen die Auflagen als streng empfinden, aber objektiv betrachtet hätte dort nie dergestalt protzig gebaut werden dürfen; sofern das österreichische Bundesdenkmalamt auch nur im Entferntesten eine Existenzberechtigung besitzt. Der Kärntner Magdalensberg ist schließlich nicht irgend ein x-beliebiger archäologischer Fundplatz, sondern einer der bedeutendsten Österreichs.

Dass sich der Kärntner Archäologe Heimo Dolenz übergangen fühle, weil er bei den Grabungsarbeiten auf ihrem Grundstück nicht zum Zug gekommen sei, werde sie nicht weiter kommentieren. Der Grund liegt darin, dass sein Angebot um 30.000 Euro teurer gewesen sei, als das eines Grazer Archäologen, der noch dazu zügig mit ausgebildeten Fachkollegen gegraben habe, und nicht wie Dolenz, mit Langzeitarbeitslosen mehrere Monate lang, wie Heike Skorianz sagt. [...]

Oha, lahmes Arbeiten mit für den Dienstleister kostengünstigen Langzeitarbeitslosen - woran erinnert uns das nur ...

Bei Sondierungsgrabungen im Vorjahr sind unter anderem Münzen, Pfeilspitzen und Schuhbeschläge gefunden worden. Die Familie Skorianz möchte diese Stücke dann auch bei der Eröffnung des Wellnesshotels im Mai kommenden Jahres öffentlich ausstellen. „Wir haben das große Glück, auf so einem ehrwürdigen Platz sein zu dürfen und das für unsere Nachfahren erhalten zu können.“

Geschwurbel und fadenscheiniges virtue signalling. In Wirklichkeit geht es den Betreibern bei dem Bauvorhaben um den zu erwartenden Profit, sonst nichts. Auch durch das Ausstellen der Fundobjekte hofft man natürlich auf ein gesteigertes Gästeaufkommen. Die Profiteure sollten daher zu ihrem Egoismus stehen, anstatt ihn scheinheilig mit vermeintlichem Altruismus zu kaschieren.

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Schweden will Mittelalter und Antike aus Geschichtsunterricht verbannen

Vorweg, aus verschiedenen Gründen stellt Schweden für mich die derzeit größte Freiluftklapsmühle Europas dar. Das sage ich als jemand, der das Land sehr gut kennt (und lange Zeit auch hoch geschätzt hat). So gesehen verwundert mich die folgende Meldung nicht: 

Müssen Schwedens Schulen künftig ohne Antike und Mittelalter auskommen? Die zuständige Behörde möchte mehr Platz für die Nachkriegszeit schaffen.

Da sich der FAZ-Artikel hinter einer Bezahlmauer verbirgt, hier ein Audio-Beitrag aus der ARD-Mediathek, in dem man etwas näher darauf eingeht (ab 03:52).

Viele Historiker wie der Schwede Dick Harrison laufen gegen diese abstruse Idee Sturm - hinter der natürlich nicht bloß an Debilität grenzende Ignoranz steckt, sondern die auch beinharte ideologische Erwägungen beinhaltet. Denn marginalisiert man im allgemeinen Bildungskanon gezielt essenzielle Teile der eigenen Geschichte, dann wirkt sich das im Laufe der Zeit unweigerlich auch auf die von der Bevölkerung empfundene Identifikation mit ihrem Land und dessen historisch gewachsener Kultur aus. 

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Kommentare:

  1. Das österreichische Denkmalschutzgesetz ist, gelinde gesagt, sehr verbesserungswürdig. Das sukzessive Zubetonieren des Magdalensbergs ist da nur das jüngste Beispiel einer langen Kette ähnlich unrühmlicher Missetaten.
    Das BDA ist oft viel zu sehr darum bemüht, wirtschaftliche Interessen über die des Denkmalschutzes zu stellen. So eine Behörde braucht niemand.

    LG,
    Erwin

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    1. Das BDA, dessen Arbeits(vermeidungs)weise ich als Archäologe ziemlich gut kennengelernt habe, muss man sich vorstellen wie eine Clique von affektierten K&K-Hofschranzen, deren Mitglieder ängstlich darum bemüht sind, ohne Schweiß zu vergießen, gemütlich auf der Karriereleiter nach oben zu schlendern. Eine Art Negativauslese von Sesselpupsern, die am denkmalpflegerischen Status quo nie etwas aus eigenem Antrieb wird ändern wollen.

      Robert

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    2. Stimmt leider. Für die Genehmigung einer Standardgrabung auf einer Fläche von 3x3 Metern (Streuobstwiese) durfte ich über 2 Monate lang mit dem BDA korrespondieren, weil man zweimal meine Antragsformulare nach §11 DMSG "leider verloren" hat. Danach ließ die Witterung Grabungsmaßnahmen bis zum nächsten Frühjahr nicht mehr zu. Der Grundstückseigentümer war zurecht stinksauer, weil er eine dringend benötigte Stützmauer deshalb nicht errichten hat können. Tom

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    3. Ja, bei den Damen und Herren vom Amt versandet schon mal was. Das musste ich auch schon ein paarmal erfahren. Ältere Kollegen meinen aber, das wäre früher, vor dem Internet, noch viel schlimmer gewesen.

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  2. Das sieht wirklich übel aus. Obersalzberg reloaded oder was? ;-)
    HK

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  3. Alles wird zubetoniert, sogar Bodendenkmäler in so einer schönen Landschaft. Diese Leute hegen überhaupt keine Wertschätzung für unser kulturelles Erbe.
    :-(

    Liebe Grüße,
    Martina

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  4. Zu Schweden: Wenn man die demographischen Verschiebungen in Schweden bedenkt, durch die immer größere Teile der Bevölkerung eine kulturelle und historische Herkunft besitzen, die nicht jener der autochthonen Bevölkerung entspricht, dann versteht man, was wirklich hinter dieser Maßnahme steckt. Es wird ja auch in Wien, wenn auch bisher nur zaghaft, darüber philosophiert, ob man die Schüler noch mit Ereignissen wie die für Österreich so bedeutenden Türkenkriege behelligen soll.

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    1. Solange es Vanillekipferl gibt, besteht noch Hoffnung, dass die Türkenkriege nicht vollends vergessen werden :).
      Bei den Katholiken kommt es außerdem noch ab und zu vor, dass Anfang Oktober, zumindest kurz, über die Seeschlacht von Lepanto gepredigt wird.

      Ansonsten kommen mir bei den Nachrichten aus Schweden ein in der Lausitz stehendes Haus aus dem 17. Jahrhundert in den Sinn, auf dessen Fassade der Schriftzug zu lesen ist: "Gott bewahre uns vor Feuer, Unwetter und dem Schrecken der Schweden." In all den Jahrhunderten wurde der Satz nie überpinselt, man hat ihn stets erneuert, wenn die Fassade renoviert wurde. Jetzt weiß ich, warum...

      Grüße
      ULrich

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  5. Den Magdalensberg mit so einem Wellnessscheiß zu überbauen ist eine Sauerei. Das Denkmalamt, das Land Kärnten und die Gemeinde sollten lieber endlich einmal die armselig gepflegte Grabungsstätte zu einem vernünftigen Freilichtmuseum, wie es Carnuntum in NÖ ist, weiterentwickeln. Das würde auch dem lokalen Tourismus sehr nutzen.
    MfG
    Jürgen Jaun

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  6. Gibt's nicht einen Unterschied zwischen der Ästhetik der Bebauung und der Gefährdung von Bodendenkmälern? Soweit bekannt hat Tiefengraber da gegraben und keine Strukturen gefunden? In diesem Land wird jeden Tag hektarweise Boden unbeobachtet überbaut der deutlich mehr Archäologie beinhaltet als das was da gefunden wurde. Was genau ist also das Problem? Ne hässliche Bude zu verhindern ist Aufgabe der Baubehörde und nicht des BDA. Kann mir einer mal das genaue Problem erklären jenseits von allgemeiner Ablehnung von "den blöden Beamten" und "dem hässlichen Neubau"? Es wurde auf einem Bodendenkmal gebaut und es wurde gegraben. Die Grabungsergebnisse eines, soweit mir bekannt, anerkannten Eisenzeit-Archäologen liefern keine Grundlage für eine Bausperre weil da lediglich Kleinfunde und keine Strukturen gefunden wurden. Alle Aushubbereiche wurden anscheinend untersucht. Klingt nach ganz normaler Denkmalpflege ... Hab ich irgendwas übersehen?

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    1. Ob auf dem Magdalensberg durch diese Wellnessanlage ein nennenswerter Befundverlust stattfindet? Vermutlich nicht. Aber das ist auch nicht das Hauptproblem. Man könnte auch direkt neben Stonehenge ein Hotel errichten, ohne damit zwangsweise einen großen wissenschaftlichen Schaden anzurichten. Trotzdem würde aufgrund der radikal veränderten Außenwirkung das Denkmal schwer in Mitleidenschaft gezogen werden. Die UNESCO würde den Welterbe-Titel sofort entziehen.

      Ein paar Nummern kleiner, aber im Kern gleich, verhält es sich mit dem ebenfalls geschichtsträchtigen Magdalensberg. Besitzt dieser als kulturelles Erbe eine ausreichend große Bedeutung, um ihn deshalb vor zunehmender Überbauung zu schützen. Ich meine: Ja.

      Für eine Baugenehmigung spielen baurechtliche Nebengesetze wie das Denkmalschutzgesetz eine wichtige Rolle. Dass dieses in vielen Punkten unzureichend ist, um solche Bauprojekte wenn nötig verhindern zu können, liegt vor allem an der Behörde selbst, deren Vertreter in den vergangenen Jahrzehnten so gut wie nichts unternommen haben, um eine Änderung seitens der Legislative zu veranlassen. Die Kritik an den Verantwortlichen, zu denen neben dem Amt auch Land und Gemeinde zu zählen sind, ist daher schon gerechtfertigt. Auch dass die übliche Heuchelei der Bauherren pointiert herausgearbeitet worden ist, ist begrüßenswert.

      Robert

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  7. Ach ja, Schweden, das Land in dem man vor dem Sex als Mann von der Frau jedes Mal eine ausdrückliche Einverständniserklärung einholen muss (auch von der Ehefrau). So in der Art wie: "Liebes Hasilein, darf ich dir jetzt wirklich beiwohnen?" Sich bloß gierig gegenseitig in die Arme zu fallen und das als nonverbales Einverständnis zu interpretieren, geht nicht.
    Wenn die Frau ihr Einverständnis im Nachhinein aber abstreitet und damit zu Gericht läuft (Juristen sagen, mindestens ein Drittel aller Vergewaltigungsvorwürfe sind reine Erfindungen), glaubt die Richter natürlich der Frau (weil Frauen einfach die besseren Menschen sind, da muss man nur die Feministinnen fragen) und der Mann wandert man mit hoher Wahrscheinlichkeit - Achtung, jetzt kommt der Brüller - hinter "Schwedische Gardinen".
    Alter Schwede, kann ich da nur rufen!

    C3PO

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  8. Die Bezeichnung "Saftladen" für das BDA ist mir aufgrund meiner eigenen Erfahrungen zu höflich. "Shithole" trifft es eher. Oder auch "Black hole", in dem Anfragen, die klar in den Aufgabenbereich des Amtes fallen und deshalb einer Beantwortungspflicht innerhalb einer bestimmten Frist unterligen, schlicht und ergreifend ignoriert werden. Das BDA und seine Beamten begehen hier im Kleinen Rechtsbruch, ich traue ihnen deshalb auch zu, die Gesetze im Großen zu Gunsten von finanziell potenten Investoren zu "beugen".
    Johann F.

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  9. Ähnliches Beispiel: Forderung nach Flachdachverbot in Voralberg: https://tvthek.orf.at/profile/Vorarlberg-heute/70024/Vorarlberg-heute/14030507
    RR

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