Montag, 30. September 2019

Krimskrams: "Deppert herumstehen" auf der Mittelalterbaustelle -- Bornierter Denkmalschutz

"Deppert herumstehen" auf der Mittelalterbaustelle

Die folgenden Parallelen sind interessant: Ich habe mich in den letzten Tagen sowohl mit einem Besucher des Burgbauprojekts Friesach (Kärnten) wie auch mit einem Besucher der Klosterbaustelle Campus Galli  (Meßkirch, Baden-Württemberg) unterhalten. Ohne dass ich speziell nachgefragt hätte, haben mir beide Personen, die eine langjährige handwerkliche Berufserfahrung vorzuweisen haben, erzählt, dass ihnen - anders als mir - das jeweilige Bauprojekt zwar prinzipiell gut gefällt, die Arbeiter vor Ort aber "unglaublich langsam greifen" bzw. "die meiste Zeit nur deppert in der Gegend herumstehen".  😃

Ich höre dergleichen nicht zum ersten Mal. Außerdem deckt es sich mit meinen eigenen Beobachtungen. Das wiederum lässt mich zu dem Schluss kommen, dass der außerordentlich lahme Baufortschritt - der beide Projekte kennzeichnet und Mitgrund für ihren wirtschaftlichen Misserfolg ist - mitnichten bloß den altertümlichen Handwerksmethoden angelastet werden kann, sondern zu einem nicht unerheblichen Teil auch auf mangelnden Arbeitseifer zurückzuführen ist. Der freilich nicht verwundern darf, denn die Verantwortlichen haben Hippie-Begriffe wie "Entschleunigung" zu ihrem Motto gemacht, während gleichzeitig der Steuerzahler für die finanziellen Verluste geradestehen muss. Dieses Eliminieren wirtschaftlichen Erfolgsdrucks führt - wenig überraschend - zur oben beschriebenen Trägheit. Ähnliches lässt sich ja auch bei verbeamteten Staatsdienern beobachten; also in einem Bereich, in dem die Bedingungen vergleichbar sind.

Übrigens, der Gästeführer in Friesach ließ seine Gruppe wissen, dass das Projekt von nahezu allen Politikern in der Umgebung abgelehnt wird. Aber, das sei an dieser Stelle eingeworfen, natürlich nicht von jenen Ortspolitikern, die den Stuss angeleiert und mit einem Blick auf Guédelon treuherzig behauptet haben, die Nummer würde sich in absehbarer Zeit selbst tragen können - was sich, oh Wunder, alsbald als völliger Schmarrn entpuppte. Hierbei handelt es sich demnach um eine weitere Gemeinsamkeit mit dem Campus Galli, wie auch der Standort in der abgelegenen Pampa, der in beiden Fällen maximal weit weg von der nächsten Autobahn liegt. Gerade so, als ob man eine gute Erreichbarkeit auf jeden Fall verhindern wollte.

Letztendlich gewinnt man den Eindruck, dass große historische Erlebnisbaustellen eigentlich nirgendwo wirtschaftlich funktionieren, außer eben in Guédelon. Es verwundert daher nicht, dass die Zahl der Nachahmer sehr überschaubar geblieben ist. Nur extrem naive und fahrlässig agierende Ortspolitiker verschleudern Millionen an Steuergeld für solche unausgegorenen Spinnereien, die sie dann im Nachhinein mit einer angeblichen Umwegrentabilität rechtfertigen wollen, ohne diese aber je hieb und stichfest belegen zu können. Alles frei nach dem Pippi-Langstrumpf-Prinzip: Ich mach' mir die Welt, wie sie mir gefällt.

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Bornierter Denkmalschutz

Schweizer Metallsucher (Sondengeher) finden ein wertvolles und aufsehenerregendes Objekte aus der Bronzezeit, melden dieses sofort bei den zuständigen Stellen und werden - quasi zum Dank dafür - mit einer saftigen Geldstrafe belegt.

Es ist bedauerlich, hier sehen zu müssen, dass sogenannte Denkmalschützer in der Schweiz genauso borniert agieren wie ihre Kollegen in Deutschland und Österreich. Denn eines steht außer Zweifel: Gerichtsurteile wie dieses - inklusive der entsprechenden Rechtsgrundlage - haben Signalwirkung: Allerdings erwiesenermaßen nicht dergestalt, dass sich Metallsucher ihr Hobby nehmen lassen, sondern dass viele von ihnen Funde gar nicht erst melden. Österreich ist das beste Beispiel dafür. Eine echte Katastrophe für die Archäologie!

Wenn Sozialpsychologen davon ausgehen, dass Menschen vernunftbegabte Wesen sind, dann müssen sie diese Aussage zukünftig einschränken. Denn vermeintliche 'Denkmalschützer', die kontraproduktive Gesetze herbeilobbyieren und vollziehen, sind es offensichtlich nicht.

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Kommentare:

  1. Lieber Hiltibold, ich muss dir in dem Punkt widersprechen, dass das Projekt in Friesach "Stuss" ist. Ich finde auch, dass so etwas durchaus etwas kosten darf und nicht unbedingt kostendeckend arbeiten muss. Wo ich dir aber recht gebe ist der Kritikpunkt, dass die Koordination der Arbeit augenscheinlich nicht optimal funktioniert. Ich wohne in nahegelegenen Murau und fahre jedes Jahr mehrmals nach Friesach und sehe dort selbst immer wieder, das viel "herumgestanden" und vor allem "langsam gegriffen" wird, so als ob es keine Zeitvorgaben gibt. Da müsste mal jemand die Aufsicht führen, der die Arbeiter zu einem zügigeren Tempo antreibt, wie das bestimmt auch im Mittelalter schon der Fall war.

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  2. Toller Fund! Denke nicht, dass hier der Verlust an Kontextinfos durch die nicht dokumentierte Bergung groß ist.
    Außerdem ist der Bronzehandschuh wahrscheinlich an einer Stelle gefunden worden, wo Archäologen nie von sich aus die Initiative zu einer Grabung ergriffen hätten. Das Ding wäre also ohne Sondengänger nie endeckt worden und wäre irgendwann komplett zu Staub zerfallen.
    Die undifferenzierte Kritik der Archäologen kann ich deshalb nicht ernst nehmen. Das ist die übliche Propaganda mit den immer gleichen Totschlagargumenten um die öffentliche Meinung zu manipulieren. Die sollen mal ordentliche Gesetze entwickeln wie in England, dann funktioniert die Zusamenarbeit zwischen Sondengehern und Archäologie auch.

    Karl0

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  3. Solche Vorhaben werden gerne ins Leben gerufen, um strukturschwache Regionen zu stärken. Dass diese Regionen aber aus gutem Grund strukturschwach sind, und zwar meistens wegen einer schlechten Verkehrsanbindung, leuchtet den Politikern offenbar nicht ein. Weil anderenfalls müsste ihnen klar sein, dass dieser Umstand auch gegen einen Betrieb spricht, der auf viele Besucher von auswärts angewiesen ist. LG, Martina

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    1. Für so ein Projekt, das vor allem auf Tagesgäste angewiesen ist, ist das wirklich nicht optimal, ja es ist geradezu dumm!
      Das Land Kärnten hätte dafür nie sein OK bzw. Geld geben dürfen, sondern nur wenn der Burgbau an einen verkehrsgünstigeren Standort verlegt worden wäre.

      LG,
      Erwin

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  4. Was man den Leuten in Friesach zugute halten muss: Sie bleiben mit ihren Plänen realistisch. Eine kleine Höhenburg kann man in drei Jahrzehnten sicher bauen, aber die überdimensionierte Klosterstadt in Meßkirch wird nie fertig werden. Nicht in 50 und nicht in 100 Jahren.
    Schorsch

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  5. Apropos Standort, es gibt dort auch eine echte Burg aus dem Mittelalter. Sozusagen direkt daneben ein Imitat zu errichten, halte ich für keinen genialen Schachzug ;-)

    W.T.C.

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  6. Gut gemeint, nicht gut gemacht, möchte ich das kommentieren! Das werden diese Lei-lei-Politiker aber bestimmt nicht zugeben. Genial aber der Sozi-Bürgermeister von Friesach, der die Oppositionsparteien neuerdings eng in den Verein der Burgbaustelle eingebunden hat. Durch diesen Schachzug kann er vor den Augen der Öffentlichkeit die Schuld zukünftig im Gemeinderat schön gleichmäßig verteilen.

    Grüße,
    Jakob

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  7. Die Friesacher Burg funktioniert sogar noch wesentlich schlechter als Campus Galli.
    Die betreiben in Kärnten zwar einen ähnlich hohen finanziellen Aufwand und greifen dabei auch EU-Gelder ab, haben aber nur ein Viertel der Besucher von Campus Galli.
    Flo

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