Donnerstag, 13. Juni 2019

📖 Buch: Chronik des Campus Galli 2019 - Gutmeinende Negeranten und RealitĂ€tsverweigerer

Seit rund sieben Jahren werkelt man im baden-wĂŒrttembergischen Meßkirch an einem karolingerzeitlichen Kloster herum, und zwar ausschließlich mit den Methoden des Mittelalters - behaupten die Verantwortlichen sowie einige dem Projekt freundlich gesinnte Schreibsöldner. Die RealitĂ€t unterscheidet sich freilich von der kommunizierten Story. Denn erstens wurde mehrfach auf ziemlich unmittelalterliche Bagger, Lastwagen und Traktoren zurĂŒckgegriffen. Und zweitens ist das Ziel, eine veritable "Klosterstadt" zu errichten, in Anbetracht der bisherigen Bauleistung kaum mehr als eine schöne, dem Marketing geschuldete Illusion. Weder besitzt man fĂŒr eine ernsthafte DurchfĂŒhrung das benötigte Geld noch die FĂ€higkeiten.

In einer jĂ€hrlich vom Freundeskreis des Campus Galli herausgegebenen Chronik lĂ€sst man das jeweils vergangene Arbeitsjahr Revue passieren, schreibt ĂŒber Geplantes und gibt dem Leser historische Hintergrundinformationen. Aufgrund der inhaltlichen Gewichtung ist die Bezeichnung "Chronik" kaum angebracht, doch wollen wir trotzdem unseren Blick auf eine (möglichst unterhaltsame) Auswahl der von unterschiedlichen Autoren verfassten BeitrĂ€ge werfen.

—————–

 Ăœber Geld spricht man nicht

2018 sei fĂŒr den Campus Galli "die bisher erfolgreichste Saison gewesen", behauptet der Verfasser des Vorworts, ein ehemaliger Polit-Apparatschik namens Dirk Gaerte.
Hierbei handelt es sich um ein wahres GesellenstĂŒck schwĂ€bischen Humors. Denn in Wirklichkeit war die Bilanz der Mittelalterbaustelle dermaßen desaströs, dass ihre Hauptgeldgeberin - die Stadt Meßkirch - viele Hunderttausend Euro zusĂ€tzlich locker machen musste, damit das Projekt nicht innerhalb kĂŒrzester Zeit in die Insolvenz purzelt. Es drĂ€ngt sich bei Dirk Gaertes wahrheitsorigineller EinschĂ€tzung daher die Frage auf, was der gute Mann eigentlich so unter seine SpĂ€tzle mischt.
Spannend ist auch Gaertes Kommentar zum provisorischen Holzkirchlein des Campus Galli (dem nach sieben Jahren Projektlaufzeit einzigen relevanten GebĂ€ude): Dieses konnte 2018 "fast abgeschlossen werden". Seltsam nur, dass es in einer vergangenen Chronik explizit hieß, die Kirche sei bereits 2016 fertiggestellt worden. Auch im Jahr darauf ließ man zum wiederholten Mal verlautbaren, nun sei sie aber wirklich fertig. Wer fĂŒhlt sich hier nicht langsam aber sicher an die legendĂ€re Vaporware "Duke Nukem" erinnert? 😉


 Gut gemeint, nicht gekonnt

Verena Scondo berichtet davon, wie sie gemeinsam mit dem im Vorjahr verstorbenen Aachener Journalisten Bert M. Geurten die Idee vom Campus Galli entwickelte. FĂŒr den langjĂ€hrigen Beobachter enthĂ€lt der Text keine fundamental neuen Informationen: Geurten sei ein "organisatorischer Chaot" gewesen, habe aber ĂŒber "Charme" verfĂŒgt, mit dem er "viele vom Projekt ĂŒberzeugen" konnte. In der Tat, genauso war es. HinlĂ€nglich ist auch bekannt, dass sich die beiden Initatoren des Projekts - trotz Herrn Geurtens Charme - etliche Absagen von potentiellen Standortgemeinden einhandelten, bis man mit dem Meßkircher BĂŒrgermeister Arne Zwick endlich einen politischen Sugar-Daddy gefunden hatte, der aufgrund mangelnder Urteilskraft dem vor NaivitĂ€t nur so triefenden GeschĂ€ftsmodell Glauben schenkte: NĂ€mlich eine sich nach drei Jahren finanziell selbsttragende Mittelalterbaustelle auf Grundlage des St. Galler Klosterplans aus dem 9. Jh.
Frau Scondo erwĂ€hnt weiters zwar, dass man sich schon wĂ€hrend der Planungsphase fachliche VerstĂ€rkung geholt hatte, verschweigt aber, dass einer der beiden Herren - Andreas Sturm - das Projekt aufgrund eklatanter QualitĂ€tsmĂ€ngel kurz vor der Eröffnung verĂ€rgert verließ. Der zweite 'Experte' wiederum - nĂ€mlich der Historiker Erik Reuter - soll bezeichnenderweise jahrelang nicht in seinem studierten Beruf am Arbeitsmarkt vermittelbar gewesen sein. Laut Bert M. Geurten hatte Reuter den Job als Haushistoriker schlicht und ergreifend deshalb bekommen, weil er der erste Bewerber war. Kompetenz dĂŒrfte bei dieser Personalentscheidung daher nicht die oberste PrioritĂ€t gewesen sein, sondern eher rasche VerfĂŒgbarkeit. Herr Reuter untermauerte diese Annahme im Laufe der Jahre mit einer ziemlich fragwĂŒrdigen Performance. So soll - laut Auskunft des Campus Galli - das aus historischer Sicht zu steile Dach des oben bereits erwĂ€hnten Holzkirchleins vor allem auf seine Kappe gehen. Und der von Reuter verfasste  "FĂŒhrer zur Karolingischen Klosterstadt" liest sich phasenweise, als ob er von einem 14jĂ€hrigen SchĂŒler stammt (ich ĂŒbertreibe nicht).
Der Campus Galli wurde demnach schon in der Planungsphase von zwar gutmeinenden Personen getragen, die aber chaotisch agierten und von Tuten und Blasen keine rechte Ahnung hatten. Das prÀgte die DNA des Projekts und wirkt daher bis heute nach - trotz einiger personeller Verbesserungen.


 HĂŒhnerstall oder Taubenturm?

In diesem Beitrag widmet sich der Bauhistoriker Tilmann Marstaller dem auf dem Klosterplan von St. Gallen eingezeichneten HĂŒhnerstall sowie dessen Umsetzung in der dritten Dimension. Das hört sich zwar relativ trivial an, doch beim Campus Galli hat man in den vergangenen sieben Jahren bewiesen, dass nichts zu trivial ist, um es nicht doch zu versemmeln (wie etwa ein behördlich nicht genehmigter Schuppen bezeugt, bei dessen Einsturz ein Mitarbeiter verletzt wurde). Umso besser fĂŒr die Meßkircher Klosterbauer, dass man mit Herrn Marstaller einen allem Anschein nach kompetenten wissenschaftlichen Rechercheur fĂŒr die Zusammenarbeit gewinnen konnte.
Ob freilich sein Bauvorschlag fĂŒr den HĂŒhnerstall - der sich an spĂ€tmittelalterlichen (!) TaubentĂŒrmen orientiert - der Weisheit letzter Schluss fĂŒr ein karolingerzeitliches (!) Kloster ist, steht auf einem ganz anderen Blatt geschrieben.


 Bienenhaltung beim Campus Galli

Sonja Guber schreibt in einem durchaus lesenswerten Text ĂŒber die Bienenhaltung auf dem Campus Galli sowie die historischen Grundlagen dafĂŒr. Besonders der sogenannte RutenstĂŒlper - der u.a. im Utrechter Psalter zu sehen ist - besitzt als zeittypische Bienenbehausung große Bedeutung. Entsprechend wurden mehrere Exemplare davon fĂŒr den Campus Gallie gebaut.
Man muss freilich festhalten, dass es sich hierbei auch in unserem postmodernen Zeitalter konstruktivistischer Verblödung um keine Experimentelle ArchÀologie bzw. empirische Wissenschaft handelt. Solche Bienenkörbe findet man lÀngst in anderen Freilichtmuseen, nennenswerte neue Erkenntnisse sind daher nicht zu erwarten. Allerdings besitzt die Sache einen museumspÀdagogischen Wert. Getrost kann man diese Beurteilung auch auf den Rest des Campus Galli umlegen.


 Campus Galli vs. GuĂ©delon: Ein hinkender Vergleich

Jana Schnall berichtet von einer Reise des Campus-Galli-Freundeskreises zum französischen Burgbauprojekt GuĂ©delon, welches Vorbild fĂŒr die sogenannte "Klosterstadt" in Meßkirch ist. Dabei findet sie nicht nur lobende Worte. Man habe nĂ€mlich (aufgrund besonderer UmstĂ€nde!) in der Besuchergastronomie z.T. ĂŒber eine Stunde lang auf das Essen warten mĂŒssen (wohingegen es beim Campus Galli wohl zĂŒgiger geht). Auf Grundlage dieser Erfahrung kommt Frau Schnall zu dem Schluss: "Unsere Klosterstadt braucht sich vor Burg GuĂ©delon nicht verstecken!"
Nun, wenn man dergleichen oft genug vor sich herredet und dabei „White Rabbit“ von Jefferson Airplane hört, könnte man diese 'psychedelische' Illusion tatsĂ€chlich fĂŒr die Wahrheit - und nichts als die Wahrheit - halten. Jedoch in der RealitĂ€t liegt der Campus Galli in einem ganz zentralen Punkt von Burg GuĂ©delon so weit entfernt wie die Erde von Alpha Centauri: Die Franzosen machen Gewinn und sind daher, anders als ihre deutschen Kollegen, nicht auf exzessive Alimentierungen aus dem Topf des Steuerzahlers angewiesen. Kein Wunder, wird den Besuchern von GuĂ©delon doch optisch wesentlich mehr geboten. Die Fresserei ist eben nicht das Hauptkriterium fĂŒr den Erfolg eines VorfĂŒhrbetriebs. Das scheint Frau Schnall aber nicht zu schnallen. Vielleicht sollte sie zukĂŒnftig nicht mehr von Dirk Gaertes SpĂ€tzle naschen. 😉


 Die sonstigen BeitrĂ€ge in der Chronik
- BandscheibenschĂ€den, Zahnausfall, und KnochenbrĂŒche - Lebensbedingungen und medizinische Versorgung im Mittelalter anhand anthropologischer Indikatoren.
- Der St. Galler Klosterplan und die Stellung des Abtes
- Das aufstrebende Archivwesen unter den Karolingern
- Karolingische Köpfe: Ludwig das Kind (893-911)
- Christliche Lebensbilder: Der heilige Pilgrim (gestorben 753, GrĂŒnder der Reichenau)
- Werden Sie Mitglied bei Campus Galli


 Fazit 

Im SĂŒdwesten nichts Neues. Man fabuliert sich beim Campus Galli auch weiterhin die RealitĂ€t schön. Außerdem kann, wie schon eingangs erwĂ€hnt wurde, aufgrund der inhaltlichen Gewichtung von einer "Chronik" eigentlich keine Rede sein (=Themenverfehlung). Es ist fĂŒr mich z.B. nicht nachvollziehbar, warum etwa der Töpfer des Projekts - der immerhin ausgebildeter ArchĂ€ologe ist - hier nichts ĂŒber seine TĂ€tigkeit in der vergangenen Saison zu berichten hat. WĂ€re es nicht ein Gewinn fĂŒr Interessierte, wenn er endlich seinen auf Englisch gehaltenen EXARC-Vortrag ins Deutsche ĂŒbersetzen und z.B. in der Chronik veröffentlichen wĂŒrde?
Davon abgesehen sind einige der Texte aber durchaus gelungen - z.B. jener ĂŒber die medizinischen Bedingungen im Mittelalter. Ich vergebe daher insgesamt zweieinhalb Sterne. Bei Amazon sind es hingegen nur zwei, da man dort keine halben Sterne vergeben kann und drei nicht rechtfertigbar sind. 

⚠ Hinweis: Die Überschrift des Blogbeitrages bietet nicht Gelegenheit zu politisch korrekter Erregung, sondern zur Erweiterung des Wortschatzes - siehe hier und hier đŸ˜ƒ

—————–


Kommentare:

  1. Trefflich, wahrlich trefflich Richard! Besonders das Ende mit dem "Negeranten". Das verstehen wohl die wenigsten richtig, das wette ich. Auch der Graete ist von Dir absolut richtig erkannt: Das Fressen und Saufen war (und ist) bei ihm immer im Vordergrund gestanden. Immer wenn es etwas umsonst gab, war er der "Erste" am Napf. Ich weiss das, weil ich jahrelang mit ihm "zusammenarbeiten" musste.
    Und das mit der "Chronik" verstehen auch noch lange ncht alle, wie mir eine sehr qualifizierte Antwort hier im blog gezeigt hat. Na denn, hoffentlich lesen "die" hier im blog auch mit, dann können sie wenigstens sehen, dass nicht alle nur CG - Klatscher sind.
    Lucrifacturi

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Hoffentlich lesen auch die Damen und Herren der "schreibenden Zunft", also von SÜDKURIER und SchwĂ€bischer Zeitung, was Hiltibold geschrieben hat. Sigmaringens Ex-Landrat nutzt den CG immer wieder geschickt zur Selbstdarstellung und wird dafĂŒr auch noch von bestimmten Kreisen gefeiert.

      Insider

      Löschen
    2. "weil ich jahrelang mit ihm "zusammenarbeiten" musste. "

      Ich habe Gaerte im Laufe der Jahre zwar nur bei diversen lokalen Belustigungen erlebt, aber selbst das hat meinen Bedarf an dem Herren schon mehr als gedeckt.

      Thomas

      Löschen
    3. @Lucrifacturi: Das muss man verstehen, dem Ex-Landrat ist einfach langweilig, trotz fetter Bonzen-Rente vom Steuerzahler.

      Mr. Frog

      Löschen
  2. Interessant fand ich neulich in einem Arte-Bericht ĂŒber GuĂ©delon, dass sie wegen eines mit Haut bespannten Fensters mit Campus Galli RĂŒcksprache gehalten haben. Wobei das Modell im Campus Galli deutlich einfacher war - insbesondere war die Haut nicht bemalt.
    Selbst bei den sehr zurĂŒckhaltenden Kommentaren der Leute aus GuĂ©delon war rauszuhören, dass die Reise zum Campus Galli wohl nicht sooo lohnend gewesen war.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Wahrscheinlich dieses Fenster fĂŒr die Holzkirche?
      https://www.campus-galli.de/fenster-aus-pergament

      ° Guinevere °

      Löschen
  3. Der Vergleich mit Guedleon ist schon frech. Und ob die Meßkircher mit ihrer armseligen Leistung sich davor verstecken mĂŒssen. Großartig sind sie selbst nur in ihren eigenen Augen.

    GrĂŒĂŸle,
    Maria

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Eigenlob stinkt bekanntlich. Und in Meßkirch stinkt es gewaltig vom CG aufwĂ€rts bis zum Himmel!
      Lucrifacturi

      Löschen
  4. Franz HofstÀttler14. Juni 2019 um 16:21

    Warum denn auch keinen gotischen HĂŒhnerstall fĂŒr dieses FrĂŒhmittelalter-Kloster? Ein FremdenfĂŒhrer von Campus Galli hat mir 2016 erklĂ€rt, das Kirchdach ist an das Dach der Lorscher Torhalle angelehnt. Deren Dach ist nun aber bekanntlich auch gotisch. Sie bleiben also ihrem Epochen-Mix treu :-)

    AntwortenLöschen
  5. Solche RutenstĂŒlper, wie sie der Campus Galli verwendet, sind nicht fĂŒr jede Bienenart gleich gut geeignet. Ich hoffe sehr, dass das bedacht worden ist, sonst fĂŒhlen sich die Bienen darin nicht wohl und produzieren weniger Honig als möglich wĂ€re.

    AntwortenLöschen
  6. Das Personal vor Ort ist nicht besser als das wissenschaftliche. Man muss den Leuten die AuskĂŒnfte aus der Nase ziehen, aber trotzdem sind diese dann oft nur sehr dĂŒrftig.
    Alles in allem kann ich fĂŒr die Klosterstadt keine so große Begeisterung mehr aufbringen wie noch zu Beginn. Die QualitĂ€t stimmt einfach in vielen Bereichen nicht, und das ist bedauerlich.
    Außerdem möchte ich zu dem Speiselokal dort sagen, dass wir auf zwei "Mittelalter-Pizzen" und eine Bratwurst auch immerhin eine knappe halbe Stunde haben warten mĂŒssen, obwohl wir die einzigen Kunden waren. Schnell ist das auch nicht fĂŒr so einfache Gerichte.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ich kann mich dem nur anschließen. Wir waren zu zweit und wurden erst volle 20 Minuten ignoriert, dann mussten wir genau 40 Minuten auf unser Essen warten und bekamen dann auch noch das falsche... Die Toilette war offensichtlich seit Tagen nicht mehr geputzt, Klopapier und Seife war nicht verfĂŒgbar. Keine Mitarbeiter an den jeweiligen HĂŒtten aber tratschend am Wegrand. Meine Frau sprach einen dieser Mitarbeiter an und fragte woher sie denn Informationen bekommen könnte - sie solle eine FĂŒhrung buchen, dann bekĂ€me sie auch was erzĂ€hlt - war die Antwort. Wir haben fĂŒr einen Spaziergang also viel Geld bezahlt und ausser die Damen an der Kasse niemanden wirklich arbeiten sehen. Auf dem Parkplatz unterhielt ich mich mit einer Geschichtslehrerin, sie wollte eigentlich nach den Ferien mit einer Klasse hier her, hat aber etwas Zweifel, ob es denn ĂŒberhaupt einen Nutzen hat, wenn der wissenschaftliche Hintergrund nicht passt.

      Löschen

A C H T U N G ! 1. Bitte anonyme Kommentare mit einem (originellen) Pseudonym unterzeichnen - falls keine sonstige Authentifizierung, z.B. mittels Google-Konto, erfolgt! Mehr als ein nicht unterzeichneter Beitrag pro Thread wird aus GrĂŒnden der Übersichtlichkeit nicht freigeschalten! 2. Wir duzen uns hier.