Sonntag, 16. Februar 2020

📖 Buch: Die Weltkarten der alten Seefahrer - Beweise fĂŒr eine Hochkultur in vorgeschichtlicher Zeit (?)

Charles H. Hapgood (1904-1982) war ein us-amerikanischer Professor fĂŒr Geschichte, der die Hypothese von einer sehr frĂŒhen Hochkultur vertrat, welche bereits globale Seefahrt und eine vergleichsweise fortgeschrittene Kartographie betrieb. Nach ihrem Untergang vor ca. 5000 - 10000 Jahren, sollen BruchstĂŒcke des kartographischen Wissens erhalten geblieben und von nachfolgenden Kulturen ĂŒbernommen worden sein. Indizien dafĂŒr sind laut Hapgood Karten aus dem Mittelalter und vor allem der Renaissance, auf denen sich Informationen finden, die darauf hindeuten wĂŒrden, dass sehr alte Quellen als Vorlagen herangezogen und mit dem damals aktuellen, aber minderwertigen Wissen vermengt wurden; etwa die Darstellung einer zumindest an der KĂŒste noch eisfreien Antarktis - ein Zustand, der zuletzt wĂ€hrend des Thermischen Maximums des HolozĂ€ns anzutreffen war - also vor mehreren Jahrtausenden. Besonders die Karten des Oronce FinĂ© (1531) und Piri Reis (1513) dienen hier als Kronzeugen (mehr dazu weiter unten). DarĂŒber hinaus betrachtet der Autor aber auch die Portolankarte des Angelino Dulcert, die Weltkarte des Nicolo de Caveri, die Reinel-Karte des Indischen Ozeans, die Karte des Hadji Ahmed und einige mehr.

Ohne jeden Zweifel erhĂ€lt der Leser im vorliegenden Buch einen interessanten Einblick in die Kartographie der weiter zurĂŒckliegenden Vergangenheit; auch wenn "Die Weltkarten der alten Seefahrer" ("Maps of the Ancient Sea Kings") im Original bereits 1966 erschien und somit den Wissensstand von vor 54 Jahren wiedergibt. Dementsprechend ist etwa der Marmorglobus von Gotha, mit seiner erstaunlichen Antarktis-Darstellung, noch nicht berĂŒcksichtigt. DarĂŒberhinaus rĂ€umt der Autor ein:

Ich kann nicht behaupten, dass die Beweise so stichhaltig sind, dass sie jeden ĂŒberzeugen werden, sondern gebe offen zu, dass sie Zweifel zulassen und auf unterschiedliche Weise interpretiert werden können. Dennoch zögere ich nicht, hier meine Interpretation darzulegen.

Nun mag man Hapgood eventuell vorwerfen können, er habe sich mit dem Fazit seiner Forschung zu weit aus dem Fenster gelehnt. Jedoch gewiss nicht muss er sich sagen lassen, dass er sein Thema nicht grĂŒndlich genug studiert hat. In seiner mehrjĂ€hrigen, von Studenten tatkrĂ€ftig unterstĂŒtzten ForschungstĂ€tigkeit, stand er mit etlichen Experten in Kontakt, die seine Annahmen zu einzelnen historischen Karten immer wieder bestĂ€tigten. Die entsprechende, durchaus interessante Korrespondenz wurde im vorliegenden Buch in Form von Exkursen veröffentlicht. So teilt etwa Lorenzo W. Burroughs - Captain der US Air Force und Chef der Kartographie-Abteilung der 8th Reconnaissance Technical Sqdn - Charles H. Hapgood in einem Schreiben folgendes mit:

[...] 

b. Wie Colonel Harold Z. Ohlmeyer in seinem Brief (von 6. Juli 1960) an Sie feststellt, scheint im sĂŒdlichen Teil der Karte von Piri Reis tatsĂ€chlich die Prinzessin-Martha-KĂŒste des Königin-Maud-Lands in der Antarktis dargestellt zu sein. Die Übereinstimmung der Piri-Reis-Karte mit dem seismischen Profil dieses Gebiets, das von der norwegisch-britisch-schwedischen Expedition von 1949 angefertigt und durch Ihre Lösung des Netzes bestĂ€tigt wurde, lĂ€sst keinerlei Zweifel an der Schlussfolgerung zu, dass die ursprĂŒnglichen Quellenkarten angefertigt worden sein mĂŒssen, bevor die gegenwĂ€rtige antarktische Eiskappe die KĂŒsten des Königin-Maud-Landes ĂŒberzog.

c. Diese Genauigkeit der kartographischen Merkmale auf der Karte von Oronteus Fineaus [sic] (1531) legt unseres Erachtens den Schluss nahe, dass auch sie zweifellos auf genaue Quellenkarten der Antarktis basieren muss, in diesem Fall jedoch des gesamten Kontinents. Eine sorgfĂ€ltige Untersuchung ergab, dass die ursprĂŒnglichen Quellenkarten zu einer Zeit angefertigt worden sein mĂŒssen, als die Landmassen und BinnengewĂ€sser des Kontinents noch relativ eisfrei waren. Diese Schlussfolgerung wird durch einen Vergleich der Karte von Oronteus Finaeus [sic] mit den Ergebnissen der subglazialen Topographie unterstĂŒtzt, die im internationalen Geophysikalischen Jahr [1957-1958] vorgenommen wurden. [...]

d. Wir sind der Überzeugung, dass die von Ihnen und Ihren Mitarbeitern gewonnenen Ergebnisse GĂŒltigkeit haben und dass diese Ă€ußerst bedeutsamen Fragen zur Geologie und zur alten Geschichte  aufwerfen, die in jedem Fall weitere Erforschungen erforderlich machen. 

[...]

Der Grund, warum der Autor Schreiben wie das obige vollstĂ€ndig öffentlich zugĂ€nglich gemacht hat, dĂŒrfte einfach zu erklĂ€ren sein. Er wollte dem Vorwurf vorbeugen, sich seine Hypothese von den vorgeschichtlichen Hochseefahrern und Kartografen - ohne RĂŒcksprache mit Fachleuten - aus den Fingern gesogen zu haben. Dass diese BefĂŒrchtung nicht ungerechtfertigt war, bestĂ€tigt John K. Wright, PrĂ€sident der American Geographical Society, im Vorwort des Buchs:

Der Geograf und Geologe William Morris Davis schrieb einmal ĂŒber "Den Nutzen provokanter geologischer Hypothesen". Seiner Meinung nach wecken solche Hypothesen das Interesse, sie reizen zum Widerspruch und stoßen damit GĂ€rungsprozesse an, die fĂŒr den Fortschritt der Geologie nĂŒtzlich sind. Ich bin mir sicher, Mister Hapgood wird mir beipflichten, dass sein Buch eine Unmenge an provokanten kartografischen und historischen Hypothesen enthĂ€lt, die Wuchern wie Weinreben am Äquator. Seine Hypothesen werden bei den historisch orientierten konservativen Kartografen und den kartografisch orientierten Historikern gewiss Empörung auslösen. Doch wĂ€hrend konservativ Gesinnte wie wilde Stiere auf rote TĂŒcher reagieren werden, werden Forscher mit radikalen bilderstĂŒrmerischen Neigungen wie Bienen vom sĂŒĂŸen Klee angelockt werden, und die Liberalen dazwischen von einem stimulierenden GefĂŒhl der Verwunderung erfĂŒllt sein. [...]

Die Erörterungen Hapgoods sind an sich leicht verstĂ€ndlich geschrieben, problematisch wird es aber bei den mathematischen Aspekten seiner Hypothese. Diese sind z.T. keine leicht verdauliche Kost. Auch ich habe deshalb mehr als eine der entsprechenden Stellen im Buch nur ĂŒberflogen. Und doch ist manch nĂŒtzliche Information ĂŒber die Arbeitsweisen der alten Kartographen bei mir hĂ€ngengeblieben. Das Thema findet ĂŒbrigens im Anhang des Buchs noch einmal gesondert Beachtung - was interessant fĂŒr jene ist, die sich richtig in das Thema reinhĂ€ngen wollen.

Zur vorliegenden deutschen Ausgabe: Die zahlreichen schwarz-weißen Graphiken und Bilder sind ĂŒberwiegend in einer akzeptablen QualitĂ€t dargestellt, in einigen FĂ€llen aber leider auch sehr schlecht. Gleichzeitig ist den Lesern ohnehin zu raten, sich die vom Autor behandelten Karten im Internet in hoher Auflösung anzusehen. In fast allen FĂ€llen findet man das entsprechendes Material sehr schnell. Beim Lesen hatte ich daher immer mein Tablet griffbereit in der NĂ€he liegen.


Fazit: Hat Charles Hapgood mit seiner Hypothese von einer frĂŒhen Hochkultur, die schon vor vielen Jahrtausenden global Seefahrt und Kartographie betrieb, nun recht? Ich weiß es nicht. Manche der im Buch genannten Beispiele und Argumente wirken plausibel, andere hingegen erzeugen bei mir einen gegenteiligen Eindruck. Hinzu kommt, dass es fĂŒr eine wirklich seriöse Beurteilung zwingend erforderlich ist, den nicht unkomplizierten mathematischen Aspekt der Hypothese (sphĂ€rische Trigonometrie) voll zu verstehen. SpĂ€testens hier muss ich aber passen. Die dafĂŒr nötige Zeit habe ich schlicht und ergreifend nicht (der Leser kann getrost davon ausgehen, dass auch die meisten von Hapgoods Kritikern nicht die entsprechende Zeit investiert haben - was wesentlich fragwĂŒrdiger ist).
FĂŒr meine Bewertung des Buchs ist die Richtigkeit der Hypothese Hapgoods freilich ohnehin nicht von zentraler Bedeutung. Viel wichtiger erscheint mir, dass der Autor hier einen aspektreichen und interessanten Einblick in die AnfĂ€nge der Kartographie, ihre Methoden und Irrungen gibt. Ob er teilweise auch selber geirrt hat, mögen jene beurteilen, die mit der Thematik vertrauter sind als ich.
Was ich jedoch mit einiger Sicherheit sagen kann: Hapgood war kein Pseudowissenschaftler oder schmieriger Scharlatan, der nonkonforme Thesen aufgestellt hat, bloß um damit am Buchmarkt Geld zu verdienen. Bezeugt wird dies u.a. durch seine enge, gut dokumentierte Zusammenarbeit mit vielen renommierten Wissenschaftlern. Das Vorwort zu seinem VorgĂ€ngerbuch stammt sogar von niemand Geringerem als Albert Einstein.

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WeiterfĂŒhrende Informationen:


7 Kommentare:

  1. Hapgoods VorgĂ€ngerpublikation zur Theorie einer sich verschiebenden Erdkruste, die durchaus im Einklang zur gĂ€ngigen Theorie der Plattentektonik steht, hat auch den in der Rezension erwĂ€hnten Albert Einstein fasziniert. Dieser Theorie zufolge kommt es immer wieder dazu, dass sich die gesamte Erdkruste, wie eine Orangenschale, die nicht fest mit dem Fruchtfleisch verbunden ist, zur GĂ€nze verschiebt. Kontinente können so im Lauf der Zeit um tausende Kilometer in andere Klimazonen verschoben werden, und auch wieder zurĂŒck. Bewiesen ist das zwar nicht, aber das gilt ja auch fĂŒr Alfred Wegeners Plattentektonik. Wenn man sich außerdem ansieht, dass Geologen neuerdings die Sonne fĂŒr VerĂ€nderungen im Erdinneren bzw. Erdbeben und VulkanausbrĂŒche verantwortlich machen, dann muss man einrĂ€umen, dass wir eigentlich nur sehr wenig ĂŒber diesen Themenkomplex gesichert wissen.

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    1. Einstein hat sich wohlwollend, aber differenziert geĂ€ußert. "Seine Idee ist (…) originell (…) und – falls sie sich noch weiter bestĂ€tigen lĂ€sst – von großer Bedeutung (…)"
      Damals hatte sich Wegeners Theorie noch nicht durchgesetzt, aber inzwischen werden die Kontinentalverschiebungen auf den Millimeter genau gemessen, und Wegeners Theorie ist mehr als hinreichend belegt (Einen "Beweis" gibt es in der Naturwissenschaft nicht). Die beiden Theorien hier quasi gleichberechtigt nebeneinanderzustellen halte ich fĂŒr unseriös.

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    2. So einfach ist es nicht. Man beobachtet zwar einen Effekt, der zu Wegeners Theorie passt, das bedeutet jedoch nicht im vollautomatisierten Umkehrschluss, dass diese tatsÀchlich zutrifft. Wie die KausalitÀt gelagert ist, kann zurzeit nicht mit Sicherheit gesagt werden. Es bleibt, wie auch die Urknall-Theorie, nur eine Theorie und sollte seriöserweise genau so betrachtet werden, aber nicht als ultimatives Fazit.

      Die Plattenbewegungen widersprechen, wie schon erwÀhnt worden ist, ohnehin nicht der "Erth's-Shifting-Crust"-These von Hapgood. Auch nicht nach derzeitigem wissenschaftlichen Kenntnisstand, da sich die beiden PhÀnomene auf unterschiedlichen Ebenen abspielen.

      Lukas H.

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    3. @GĂŒnther Der fĂŒr zumindest einige VulkanausbrĂŒche und Erbeben verantwortlich gemachte Solar-Effekt wird von einigen Forschern auch im Zusammenhang mit der "Expansionstheorie" als treibende Kraft in Betracht gezogen. Die besagt, die Erde wĂŒrde sich im Laufe der Zeit aufblasen, also an Volumen zunehmen. Das könnte angeblich auch auf starke solare Zyklen (=AktivitĂ€tsverĂ€nderungen der Sonne) zurĂŒckzufĂŒhren sein. Die große Mehrheit der Geologen hĂ€lt das zurzeit zwar nicht fĂŒr wahrscheinlich, aber es ist ein sehr interessantes Gedankenspiel :-)
      Skythe

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  2. Das Buch ist wirklich spannend und bietet einen guten Start in die Materie. Man muss es aber wirklich mit Vorsicht genießen. Wenn man sich mal die MĂŒhe macht, einzelne Angaben auch nur nĂ€herungsweise nachzuverfolgen, stĂ¶ĂŸt man stĂ€ndig auf Ungenauigkeiten.

    Gerade eben habe ich nochmal etwas nachgeschlagen, und bin wie so oft an einer Angabe hĂ€ngengeblieben, die ich gleich mal ĂŒberprĂŒft habe. Also ein quasi willkĂŒrlich herausgegriffenes Beispiel: Hapgood behauptet, auf dem Behaim-Globus[*] von 1492 sei schon der St. Lorenz-Strom (Kanada) korrekt dargestellt[**]. Allerdings hat Behaim Amerika gar nicht abgebildet! (Kolumbus war noch unterwegs zu der Zeit). Also habe ich nachgesehen: Der von Hapggod gezeigte Kartenausschnitt ist tatsĂ€chlich vom Behaim-Globus, stellt aber das Nordpolarmeer dar (der Teil befindet sich auf der runden oberen Kappe des Globus-Schnittbogens). Der vermeintliche St.-Lorenz-Golf liegt also am Nordpol. Das erwĂ€hnt Hapgood allerdings nicht.

    Eine Ähnlichkeit der KĂŒstenlinien lĂ€sst sich mit etwas gutem Willen ausmachen, aber da wirds dann doch etwas dĂŒnne (Occam's Razor strikes again). Das Argument "Das sieht voll Ă€hnlich aus" lassen Kartografen aus gutem Grund nicht gelten.

    Interessant ist, dass sich einige Berechnungen Hapgoods heute durchaus nachvollziehen lassen. Bei der Ermittlung des (verlorenen) Mittelpunktes der Karte (lt. Hapgood Kairo), mussten die armen Mathematiker vom MIT etc. immer sĂ€mtliche Messpunkte der Afrikanischen KĂŒste neu berechnen, je nach angenommener Projektion/Verzerrung. Das hat jeweils Wochen und Monate gedauert. Heute nimmt man eine Vektorgrafik von Afrika, legt sie ĂŒber die Piri-Reis-Karte und zupft so lange dran rum, bis die wichtigsten Punkte ĂŒbereinstimmen (Gibraltar, Kap Blanco, Kap Verde etc.). Der mathematische Vorgang im Hintergrund ist derselbe, allerdings dauert es nur noch Minuten und das Ergebnis ist sofort sichtbar.

    Bei aller gebotenen Vorsicht (grobe NĂ€herung, mehr nicht): fĂŒr mich kommt Kairo nicht hin, der Punkt scheint zentraler in Afrika zu liegen, NilaufwĂ€rts. Es könnte zB. der Kreuzugspunkt des Meridians von Alexandria mit dem Wendekreis des Krebses sein. Erstgenannter wurde (neben anderen) bis in die SpĂ€tantike als Nullmeridian benutzt und war Piri Reis sicherlich bekannt. [***]

    Und schon stecken wir wieder mitten in der fröhlichsten Spekulation. Das liebe ich an diesem Buch! Es bietet endlos Material fĂŒr Blogartikel :)


    [*] https://commons.wikimedia.org/wiki/File:RavensteinBehaim.jpg
    (Der Kreis unten rechts)

    [**] Abb. 34 in meiner Ausgabe (Zweitausendeins, 2002)

    [***] http://dampierblog.de/wp-content/uploads/2018/09/Bild_6_PiriReis_RumbenGrafik_900px.jpg

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  3. Servus Hilti, danke fĂŒr diese ausgewogene und ehrliche Rezension, das Buch dĂŒrfte einen nĂ€heren Blick wert sein!

    Schorsch

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  4. Servus!
    Ich bin hier ganz deiner Meinung, es ist sinnvoll, die Conclusio von den Quellen zu trennen. Charles Hapgood hat akribisch viele spannende Fakten zusammengetragen, die man sich wirklich ansehen sollte. Solche BĂŒcher, auch wenn der Verlag etwas fragwĂŒrdig sein mag, enthalten oft Informationen, die angepasste Mainstreamforscher aus Angst um die Karriere beiseite lassen. Heute sind diese Feigheit und dieser Konformismus noch viel ausgeprĂ€gter als zu Hapgoods Zeiten. Ich habe selbst vor etlichen Jahren mal Ur- und FrĂŒhgeschichte studiert und kenne meine Pappenheimer deshalb ziemlich gut! ;-)

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