Dienstag, 30. Juni 2020

♀️ Kuriosität der Antike: Herodot und die Vagina des Pharao



Bekanntlich erfreut sich die bildliche Darstellung des primären weiblichen Geschlechtsorgans neuerdings in der evangelischen Kirche einiger Beliebtheit. Außerdem wird darüber spekuliert, ob die in der christlichen Ikonographie gerne verwendete Mandorla (hat nichts mit dem Mandalorian zu tun) möglicherweise ebenfalls eine stilisierte 'Mumu' ist und auf eine alte, längst vergessene Muttergöttin anspielt (daran habe ich meine Zweifel).

In alter Zeit wurde speziell die Vagina der Frau freilich in einem besonderen Zusammenhang dargestellt, der heute eher komisch anmutet, wahrscheinlich aber auch schon dazumal manch Schmunzeln hervorgerufen hat. Der griechische Geschichtsschreiber Herodot von Halikarnassos erzählt im 5. Jahrhundert nämlich folgendes über die Feldzüge des militärisch sehr erfolgreichen altägyptischen Königs bzw. Pharaos Sesostris III., der bis zum legendären Kolchis am Schwarzen Meer und nach Thrakien auf dem Balkan vorgestoßen sein soll:

Und wenn er dabei auf wehrhafte Völkerschaften traf, die zäh an ihrer Freiheit festhielten, errichtete er Säulen in ihrem Land, die in Schriftzeichen seinen eigenen Namen und den seiner Heimat nannten - und dass er sie mit seiner Macht unterworfen habe. Bei denen, deren Städte er ohne Kampf und Aufwand einnahm, zeichnete er es ebenso wie bei den mannhaften Völkern auf Säulen auf, fügte aber noch die Vagina einer Frau dazu, womit er offenkundig machen wollte, dass sie feige waren.

[...]

Von den Säulen aber, die Sesostris, der König Ägyptens aufrichtete, sind offenbar die meisten nicht mehr vorhanden, im palästinischen Syrien aber habe ich selbst bestehende Säulen gesehen und darauf die besagten Schriftzeichen und auch die Vagina.

Herodot, Historien, 2. Buch, 102,4-5 und 106,1

Das Errichten solcher Siegesdenkmäler bzw. Siegessäulen (Tropaia) entwickelte sich viele Jahrhunderte später besonders bei den Römern zu einem gerne gepflegten Brauch. Wobei freilich bei ihnen die Ikonographie in der Regel weniger anzüglich ausfiel als im Falle der Säulen des Sesostris, der offenbar über einen eher rustikalen Humor verfügte 😄

Hinsichtlich der Überlieferung ist natürlich bis zu einem gewissen Grad Vorsicht geboten, denn Herodot ist nachweislich nicht immer verlässlich, da er oft nur nach Hörensagen schreibt. Andererseits betont er im konkreten Fall, dass er die besagten Säulen höchstselbst gesehen hat, was den Bericht dann doch verhältnismäßig glaubwürdig erscheinen lässt. Es ist schließlich nicht ersichtlich, warum er sich das hätte ausdenken sollen.

Ganz grundsätzlich ist das 2. Buch aus Herodots Historien, aus dem die obigen Zitate stammen, sehr jenen zu empfehlen, die sich für die altägyptische Geschichte interessieren, weil darin Ägypten nahezu das alleinige Thema ist und unzählige damit im Zusammenhang stehende Aspekte berücksichtigt werden.

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Weiterführende Informationen:
  • Herodot (Autor) / Kai Brodersen (Übersetzer) | Historien, 2. Buch | Reclam Verlag | 2005 | Infos bei Amazon



Kommentare:

  1. Diese Säulen sind doch sicher nach moderner feministischer Lesart phallokratisch zu interpretieren ;-)

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  2. Abgesehen davon, daß es eine Vulva und keine Vagina ist (für den Unterschied einfach mal googeln) ... mir gefällt der zunehmend misogyne Ton hier nicht.
    Die Verbindung der Vulva-Abbildung mit Feigheit kommt von Herodot, nicht von Sesostris. Und die Griechen waren bekanntlich eines der misogynsten Völker der Antike; die Ägypter jedoch nicht! Wenn man diese Abbildung interpretieren möchte, dann doch bitte vom Urheber her.
    - Fränkin -

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    1. In der vom renommierten Althistoriker Kai Brodersen erstellten Übersetzung steht "Vagina". Wozu habe ich wohl diese Quelle wortwörtlich zitiert? Damit mich dann trotzdem jemand darauf hinweist, dass Vagina und Vulva nicht ein und dasselbe sind? Nichts dergleichen wurde behauptet.

      Zu erklären, Sesostris hätte mit der ikonographischen Verwendung der Vagina nicht auf die Schwäche der Besiegten anspielen wollen ist nur dann tragbar, wenn man gleichzeitig auch eine gut fundierte - zumindest aber plausible - Alternativerklärung vorlegen kann. Herodots Interpretation wegzubügeln, indem man auf die ach so garstige Frauenfeindlichkeit der Griechen hinweist, ist kein valides Argument. Im Gegenteil: Die durchschnittliche Frau ist im Nahkampf aufgrund biologisch determinierter Umstände weniger leistungsfähig als der durchschnittliche Mann. Dem männlichen Kriegsgegner nach dem Motto "du kämpfst wie ein Mädchen" symbolisch die Kampfkraft einer Frau zuzuschreiben, um ihn damit zu beleidigen, ist absolut naheliegend. Das gilt selbstverständlich auch für die altägyptische Gesellschaft, in der maskulines Gebaren allgegenwärtig gewesen ist und entsprechend auf unzähligen Schlachten-Darstellungen überliefert wurde. Weibliche Herrscher hat man bei den Ägyptern sogar mit männlichen Attributen wie dem Zeremonialbart am Kinn dargestellt, um ihr ('schwaches') Geschlecht zu kaschieren. Mit der (phasenweise) besseren rechtlichen Stellung der ägyptischen Frau im Vergleich zu ihren griechischen Geschlechtsgenossinnen hat das alles nichts zu tun. Das sind zwei unterschiedliche Paar Schuhe.

      "mir gefällt der zunehmend misogyne Ton hier nicht."
      Ich veranstalte hier kein Wunschkonzert. Davon abgesehen bedarf es schon einiger Verrenkungen, um in diesem Beitrag Frauenfeindlichkeit detektieren zu können.
      Zukünftig liest du vielleicht statt meinem "misogynen" Blog lieber die "Emma". Aber aufgepasst, selbst Alice Schwarzer ist in feministischen Kreisen nicht mehr über jeden Zweifel erhaben.

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    2. Als Frau lege ich auf die Feststellung wert, dass der Text an keiner einzigen Stelle frauenfeindlich, sondern einfach nur locker geschrieben worden ist.

      Guinevere

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    3. Danke für deine Feststellung. Bei manchen Wortspenden muss man ja leider den Eindruck gewinnen, dass sie nicht im nüchternen Zustand verfasst worden sind.

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    4. Das Beispiel mit den Siegessäulen von Sesostris III. wird mehrfach in der wissenschaftlichen Sekundärliteratur erwähnt. Ich kenne allerdings keinen einzigen Fall, in dem Herodots Deutung widersprochen wird. Ich habe deshalb extra nochmal nachgesehen.
      RR

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  3. Hallo,
    wenn ich mich richtig erinnere, dann nimmt Herodot im zweiten Buch an einer bestimmten Stelle sogar eine scharfe Trennung zwischen dem Teil vor, der auf Hörensagen beruht, und dem Teil, der auf eigenen Beobachtungen beruht. Auf jeden Fall bleibt er dieser Unterteilung nicht durchgehend treu, weshalb er immer wieder darauf hinweisen muss, wenn er etwas selbst gesehen hat oder es ihm nur erzählt worden ist.
    Die Historien sind aber auf jeden Fall eine total spannende Quelle. Ich würde das Lesen von wenigstens zwei der neun Bücher zur Pflicht für Gymnasiasten machen. Das würde ihnen sicher nicht schaden.

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    1. Eine schöne Idee, aber ich fürchte, dafür ist es zu spät. Die Gymnasien haben fertig. Das Abitur ist nur mehr der Nachweis für eine Studienberechtigung, aber er es ist kein Nachweis mehr für eine Studienbefähigung, nachdem Noten auf politische Anweisung hin verschenkt werden, um auf dem Papier mehr Personen mit einer formell höheren Bildung zu erzeugen. Wie in anderen Bereichen wird Deutschland seit 30, 40 Jahren langsam aber stetig in den Graben gefahren.
      RR

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