Donnerstag, 22. April 2021

📖 Buch-Empfehlung: Das fränkische Heer der Merowingerzeit - Teil III

Nach rund fünf Jahren Wartezeit ist nun der dritte und wohl letzte Teil der Reihe "Das Fränkische Heer der Merowingerzeit" vom Zeughaus Verlag veröffentlicht worden. Warum es so lange gedauert hat ist mir nicht bekannt, das Ergebnis entspricht jedoch meinen hohen Erwartungen.

Nach einer zweiseitigen Einleitung - mit einer ausführlichen Zeittafel sowie einer kurzen Einführung in die politische Situation im Frankenreich des 7. Jahrhunderts - geht der Autor Andreas Strassmeir sofort in medias res. So beschreibt er etwa anhand der schönen Rekonstruktionszeichnung eines berittenen Alamannenkriegers eine Kleider- und Waffenausstattung jener Tage. Das liest sich dann so: 
"Die Abbildung zeigt einen vornehmen jungen Alamannenkrieger (primus Alamannus) bei einem letzten Ausritt unter Waffen, bevor er sich dem Aufgebot seines Herzogs anschließt [...]. Der etwa 16jährige Jüngling, der im zweiten Viertel des 7. Jahrhunderts in Grab 8 von Niederstrotzingen beigesetzt wurde, gehört seiner Ausstattung nach einer Familie von adelsgleichem Rang innerhalb der alamannischen Gesellschaft an. Da einige seiner Beigaben aus dem langobardischen Italien stammen und andere zumindest nach langobardischem Vorbild gefertigt sind, ist er auch hier nach langobardischer Mode gekleidet abgebildet. Die reich verzierte Tunika, die weiten Hosen und die spitzen Stiefeln sind nach Darstellungen von Langobardenkriegern auf der Silberschale von Isola Rizza (I) gestaltet (Abb. Bd. 1/ S 17). Über der Tunika trägt der junge Alamanne einen sogenannten vierteiligen Gürtel, [...] Die wertvollste Waffe des Kriegers, seine Spatha, hängt an einem aus Haupt- und Schleppriemen bestehenden separaten Wehrgehänge vom Typ Civezzano, [...]."

Junger alamannische Krieger; links daneben der beschreibende Bildtext, aus dem ich oben zitiert habe. In dieser Form werden alle Komplettrekonstruktionen dargestellt und erläutert. | Buchinhalt: (C) Zeughaus Verlag | Foto: Hiltibold

Man sieht ganz klar an diesem Beispiel, dass hier vom Autor nicht wie in manch Konkurrenzpublikation nach dem Motto "Friss, Vogel, oder stirb!" verfahren wurde, sondern vielmehr aufgrund umfangreicher Quellenangaben der Leser in die Lage versetzt wird, die zeichnerischen Rekonstruktionen auf ihre Glaubwürdigkeit hin selbst zu überprüfen bzw. Zusatzinformationen dazu einzuholen. Gerade die Recherche im Internet wird ja sehr vereinfacht, wenn man die passenden Suchbegriffe bei der Hand hat.

Gesamtrekonstruktionen von Kriegerausstattungen sind aber nur einer kleiner Bestandteil des Inhalts (in den Vorgängerbänden, vor allem im ersten, gab es davon deutlich mehr). Stattdessen widmet sich der Autor primär den einzelnen Ausrüstungsbestandteilen in gesonderten, gut strukturierten Kapiteln. Im Vorliegenden Band liegt der Fokus auf Beilwaffen, Sax sowie Stangen und Bogenwaffen. Der abgedeckte Zeitrahmen erstreckt sich vom 5. bis zum 8. Jahrhundert und umfasst dabei nicht nur die Franken, sondern auch die von ihnen unterworfenen Germanenstämme der Alamannen, Burgunden, Thüringer und Bajuwaren.
Auf lokale Unterschiede und zeitlich bedingte Änderungen wird dabei immer wieder eingegangen. So weist man etwa darauf hin, dass im 6. Jahrhundert hölzerne Sax-Scheiden nach und nach durch Leder-Scheiden ersetzt wurden. Sogar die Holzarten, aus denen solche Scheiden gefertigt waren, werden anhand archäologischer Befunde aufgezählt. Der Autor geht also erfreulicherweise relativ weit in die Details hinein.

Auszug aus dem Kapitel über merowingerzeitliche Streit- bzw. Wurfäxte ('Franziska'). Man verwendet grundsätzlich keine Fotos, sondern stellt die Objekte in Form von aufwendigen farbigen Rekonstruktionszeichnungen dar. | Buchinhalt: (C) Zeughaus Verlag | Foto: Hiltibold

Neben den farbigen Rekonstruktionszeichnungen von Andreas Gagelmann und Sascha Lunyakov enthält das Buch auch einige interessante Diagramme, in denen die Entwicklung der Sax-, Axt- und Lanzentypen übersichtlich dargestellt wird. Zu guter Letzt wurde ein Literaturverzeichnis angefügt.

Noch ein Wort zur zeichnerischen/künstlerischen Qualität der szenischen Darstellungen bzw. Gesamtrekonstruktionen von Kriegerausrüstungen: Diese kommt hier nicht an die Bücher eines Peter Connolly heran, ist aber absolut ausreichend und immer noch besser als in manch ähnlicher Publikation anderer Verlage. Außerdem sind die Quellenangaben wesentlich ausführlicher und naturgemäß auch aktueller, was ohnehin das bedeutendere Kriterium ist.


Fazit: Insgesamt ein sehr gutes und empfehlenswertes Buch. Der große Pluspunkt ist, dass man sich beispielsweise als Reenactor die für das Zusammenstellen einer merowingerzeitlichen Ausstattung benötigten Infos nicht mühsam aus archäologischen Grabungsberichten einzeln zusammenklauben muss, sondern sie mundgerecht serviert bekommt. So erspart man sich viel Zeit, Nerven und Geld; obschon einem nicht sämtliche weitere Recherche erspart bleibt - doch gerade dabei sind ja die vielen Quellenangaben, die vom Autor zur Verfügung gestellt werden, außerordentlich nützlich.
Aber auch für alle anderen Leser, die abseits von Reenactment am Frühmittelalter bzw. am Kriegswesen der Merowingerzeit interessiert sind, handelt es sich bei diesem Buch um ausgezeichneten Lesestoff, in dem Wissen unkompliziert und allgemein verständlich vermittelt wird.


3 Kommentare:

  1. Habe mir das Buch auch schon gekauft und bin zufrieden mit dem Inhalt. Es macht aber Sinn, sich auch die Bände 1 und 2 zu kaufen, weil mehrmals inhaltlich darauf verwiesen wird.
    Eigentlich hätte man die drei Bände gleich in einem einzigen zusammenfassen können.

    Gero

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  2. Das Konzept gefällt mir. Gezeichnete Rekonstruktionen sind alle mal aussagekräftiger als Fotos von fast unkenntlich zusammengerosteten archäologischen Funden, darunter kann sich der Laie nix vorstellen.
    Zeichnungen sind aber auch aufwendig für den Verlag und vielleicht hat es deshalb so lange gedauert, bis Teil 3 erschienen ist?
    Ich habe fast alle Hefte, die Zeughaus in dieser Machart anbietet. Die Zeichenstile unterscheiden sich, aber Andreas Gagelmann zählt zu meinen Lieblingszeichnern darunter.

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  3. Halo Hilti, danke für diese Empfehlung, das habe ich noch nicht gekannt. Scheint so, als würde das mehr in die Tiefe gehen als die Bücher von Osprey, die mir ansonsten gut gefallen.
    LG

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