Ich habe noch nie in meinem Leben so viele vergammelte Fassaden bei neuen Gebäuden gesehen wie in den letzten Jahren. Schimmel, Algen und Pilze wohin das Auge blickt. Auch wenn die Bude erst zwei Jahre steht, sieht sie aus wie 20 Jahre ohne Pflege. Grund dafür ist eine Kombination aus hirnlosen Dämmvorschriften und Flachdächern ohne schützendem Überstand.
Schlauer als heute
Selbst im Alten Rom agierte man am Bau bereits mit mehr Verstand. Zwar gab es auch damals schon Baupfusch, jedoch war dieser - anders als heute - nicht beabsichtigt. Ganz im Gegenteil, der römische Autor, Architekt und Baumeister Vitruv legt uns in seinem Werk "De architectura libri decem" ("Zehn Bücher über Architektur") nahe, dass man dazumal sehr vorausschauend ans Werk ging. In seinen Ausführungen finden sich beispielsweise Ratschläge, die das allzu schnelle Vergammeln von Gebäuden verhindern sollen - womit wir einen schönen Bogen zur oben beschriebenen Bau-Misere unserer Gegenwart spannen.
Im siebenten Kapitel des zweiten Buchs geht es zu Beginn darum, welche Gesteinsarten es in den Steinbrüchen rund um Rom gibt, und inwiefern diese sich fürs Bauen eignen. Die Rede ist hier von weichem Stein (Rotstein/rotbrauner Tuff, Pallienser, Fidenater, Albaner), mittelharter Stein (Tiburtiner, Amiterner, Soraktinerstein) und harter Stein (Basalte). Wenn nun die Umstände dazu führten, dass man mit einem weicheren Stein wie Tuff baute (z.B wegen deutlich niedrigeren Transportkosten), dann sollte laut Vitruv folgendermaßen vorgegangen werden.
Da also wegen der Nähe die Notwendigkeit dazu zwingt, sich des Materials aus den Rotsteinbrüchen und aus den palliensischen und welche sonst der Stadt zunächst liegen, zu bedienen, so wird, wenn einer fehlerlos bauen will, bei der Beschaffung Folgendes zu beobachten sein. Wenn etwas gebaut werden soll, so sollen die Steine zwei Jahre vorher, und zwar nicht im Winter, sondern im Sommer gebrochen werden und an ungeschützten Orten liegen bleiben; die aber, welche in diesem Zeitraum von zwei Jahren durch das Wetter angegriffen und verletzt worden sind, diese senke man in den Grundbau; die übrigen, welche nicht beschädigt sind, werden dann, als von der Natur erprobt, wenn sie zum Bau über der Erde verwendet werden, auszudauern imstande sein. Und dies ist nicht bloß bei Quadersteinen zu beobachten, sondern auch beim Mauerwerk aus Bruchsteinen. Vitruv | 10 Bücher über Architektur, 2.7.4 | Übers.: Franz Reber | Marix Verlag | 5. Auflage, 2019 |
Warum im Sommer?
Es stellt sich die interessante Frage: Warum sollten die Steine im Sommer gebrochen werden? Die moderne materialwissenschaftliche Interpretation dieses Punkts ist durchaus faszinierend: Wenn Minerale frisch aus dem Steinbruch kommen, enthalten sie sogenanntes "Grubenwasser"/"Porenwasser". Friert dieses Wasser zur Winterzeit im frisch gebrochenen, noch relativ 'weichen' Stein, kommt es zu Sprengungen und Haarrissen. Im Sommer ist die Situation anders; hier verdunstet das Wasser nämlich langsam. Dabei wandern gelöste Minerale an die Oberfläche des Steins und rekristallisieren dort. Dies führt zu einer natürlichen Oberflächenhärtung (sogenannte Sinterhaut), die den Stein schützt.
Man ging dazumal allerdings auf Nummer sicher und lagerte deshalb die Steine zwei Jahre im Freien, wo sie zwei Frostzyklen durchlaufen mussten. Mögliche Mängel wurden hier individuell sichtbar, bevor der Stein verbaut wurde. Eine äußerst kluge Vorgehensweise und einer der frühesten uns überlieferten Belege für Qualitätssicherung im Bauhandwerk.
Allerdings soll auf solchen Sinterschichten Verputz schlecht haften, da diese wie Isolier- bzw. Trennschichten wirken. Daraus folgere ich, dass die entsprechenden Steine wohl vor allem für Sichtmauerwerk verwendet wurden. Jedoch... (siehe unten).
Welche Steine?
Ich muss abschließend darauf hinweisen, dass mir nicht ganz klar ist, ob Vitruv hier nur von behauenen Steinquadern spricht oder ob sich sein Rat auch auf Bruchsteine erstreckt, die - wild durcheinander gewürfelt - als Füllmaterial in Mauerwerk aus römischem 'Beton' bzw. Mörtel Verwendung fanden ("opus caementicium"). Man könnte ja meinen, dass es bei diesen Füllsteinen eigentlich egal ist, ob sie später Risse bekommen. Doch es muss hier bedacht werden, dass das dafür verantwortliche Wasser, welches sich nach dem Einbetonieren während Frostphasen in Form von Eis ausdehnt, auch Stress im umgebenden Mörtel verursacht (ähnlich wie rostende Stahlarmierungen modernen Beton von innen heraus sprengen können). Von daher könnte es unter Umständen ratsam gewesen sein, auch Bruchsteine eine gewisse Zeit liegen zu lassen. Es gibt jedenfalls Bauforscher, die davon ausgehen. Ob es in der Antike aber wirklich immer so gemacht wurde ist eine andere Frage und hängt vielleicht von Faktoren wie der Gesteinsart ab.
Möglicherweise bist du kein Fan von der Theorie, aber es heißt ja, dass man in der Vor- und Frühgeschichte die Fähigkeit besessen hat, Stein zu erweichen , um ihn besser bearbeiten zu können., Was hältst du davon?
AntwortenLöschenFlo