Eigentlich ist ja schon das dritte der vier jährlichen Hefte aus der Reihe Bayerische Archäologie erschienen. Aber ich hinke mit meinen Besprechungen wieder einmal hinterher. Daher werfe ich heute erst mal einen Blick in Ausgabe Nummer zwei, die wieder einige Diskussionspunkte liefert. Und gleich vorweg: Über den Heftschwerpunkt - die Votivfiguren - werde ich nichts schreiben, weil mich dieses Thema nicht einmal am Rande interessiert ...
Mithrastempel in Regensburg entdeckt - und warum 'KI' keine Lösung ist
Wie es heißt, wurde in Regensburg bei Grabungen ein Tempel des im kaiserzeitlichen Rom sehr beliebten Gottes Mithras entdeckt (dessen mysteriöser Kult in der älteren Forschung immer wieder mit der Entwicklung des frühen Christentums in Verbindung gebracht wurde, wobei solche Einflussannahmen in der heutigen Forschung vorsichtiger beurteilt werden).
Besonders gut gefallen hat mir in dem Artikel eine Rekonstruktionszeichnung, in der ein Teil des Inneren eines Mithrastempels gezeigt wird, dessen Reste man in Künzing dokumentieren konnte. Auch wenn man solche Rekonstruktionen grundsätzlich nur mit Vorsicht genießen sollte, so können sie doch das Verständnis einer Sache immens verbessern. Daher sollte man meiner Meinung nach gerade in der Wissensvermittlung großzügig davon Gebrauch machen. In Hochschulen bildet man sich freilich neuerdings ein, zu diesem Zweck den Studenten KIs ans Herz zu legen, wie ich mitbekommen habe.
Leider sind diese sogenannten KIs - die uns als Problemlöser für alles verkauft werden - nicht in der Lage, das in ausreichender Weise zu bewerkstelligen. Bild-KIs (wie Midjourney oder DALL-E) verstehen keine Geschichte und keine Archäologie. Sie würfeln vielmehr Pixel basierend auf Wahrscheinlichkeiten zusammen. Selbst wirklich bemühte Projekte (z.B. auf der Plattform YouTube) leiden deshalb unter unzähligen darstellerischen Mängeln, die Fachleuten - oder selbst nur ambitionierten Hobbyisten aus dem Bereich der Lebendigen Geschichte - kaum passieren würden.
Ob KIs in absehbarer Zeit oder auch nur irgendwann in der Lage sein werden, einen qualitativ hochwertigen Output zu liefern, bleibt bei der Technik, auf die man heute setzt, äußerst fraglich. Werden doch diese KI-Modelle primär mit Daten aus dem Internet trainiert/gefüttert; da dieses Internet aber mittlerweile selbst zu immer größeren Teilen aus "AI slop" besteht - also aus minderwertigen KI-Inhalten -, baut sich eine negative Feedbackschleife auf, durch die sich die KI-Systeme zunehmend selbst verschlechtern. In der Fachwelt spricht man von "model collapse". Dieser Kollaps wird mittlerweile als immenses Problem betrachtet, das erheblichen Teilen der Branche in technischer Hinsicht das Genick brechen könnte (abseits der großangelegten Investorentäuschung, die zur größten Finanzmarkt-Blase in der bisherigen Menschheitsgeschichte geführt hat).
Geradezu verzweifelt wirkt hier die Gegenmaßnahme, dass man seit einiger Zeit massenhaft Offline-Medien - sprich Bücher - scannt (oft zerstörerisch!). Allerdings vorzugsweise solche, die vor dem KI-Boom veröffentlicht wurden - da man hier davon ausgehen kann, dass nicht auch die gescannten Bücher bereits ganz oder teilweise aus KI-Inhalten bestehen. Ironie-Alarm! Entlarvt dieser Vorgang doch ganz nebenbei, was KI-Firmen vom Output ihrer eigenen Produkte halten dürften.
Weniger ist mehr!
Ich habe es schon einmal kritisiert und ich muss es hier wieder kritisieren, weil mich das einfach stört: Wenn in einer Ausstellung historische Kleidungsstücke bzw. Rekonstruktionen von historischen Kleidungsstücken präsentiert werden, dann wirkt es billig und ablenkend, wenn man als Besucher in diese kalten, leblosen Schaufensterpuppen-Augen blicken muss.
Also entweder man lässt den Kopf komplett weg, oder man hüllt ihn - so wie ich das bei mir zu Hause gemacht habe - in schwarzen Stoff (Damenstrumpfhosen eignen sich hervorragend dafür).
Freilich, jetzt könnte man einwenden, dass in dieser aktuellen Ausstellung des Römermuseums Seebruck am Chiemsee offenbar auch historische Frisuren gezeigt werden sollen. Mag sein, trotzdem müsste mMn das Gesicht verhüllt werden. Ich habe schon bei anderen Museen gesehen, dass das auch beim Präsentieren von Frisuren sehr gut funktioniert (teilweise haben die auch Schaufensterpuppen mit unbemalten, sehr stark vereinfachten Gesichtern verwendet). Der Besucher kann sich dann viel besser auf das Wesentliche konzentrieren und insgesamt ist der Eindruck ein wertigerer.
Nonsens? Der sogenannte "ASTRAcker".
Wie es heißt, wurde in Bayern für Interessierte Hobbyisten/Ehrenamtliche eine archäologische Fundmelde-App eingeführt - der sogenannte ASTRAcker (ArchaeoSurveyTracker). Ob das Ding in funktioneller Hinsicht so schleißig ist wie das Gegenstück aus Österreich, nämlich die berüchtigte IceWatcher-App des hiesigen Bananenvereins Bundesdenkmalamt (BDA)?
Im Android-Play-Store kann der Interessierte die App erstaunlicherweise nicht finden. Kein Wunder, man muss sich bei den Behörden registrieren, um Zugang zu erhalten. Was für ein bürokratischer Kontrollfreak-Schwachsinn diese Einstiegshürde doch ist; so, als ob man den Kreis freiwilliger Helfer klein halten möchte, anstatt jede Unterstützung wertzuschätzen (weder im Heftartikel noch sonst wo habe ich für den Registrierungszwang eine Begründung gefunden). Die Benutzerzahlen dürften daher noch bescheidener ausfallen als jene der IceWatcher-App. Und wetten, dass die Bayern genau deshalb nicht mit den konkreten Zahlen herausrücken, weil sie ihnen nämlich allzu peinlich sind?! Auf Kosten-Nutzen-Rechnungen (Entwicklungskosten vs. Nutzerzahlen) dürfte dementsprechend auch gepfiffen werden, es muss ja ohnehin der Bürger für alles blechen.
Ergänzend noch folgendes: IceWatcher ist nicht für planmäßige archäologische Surveys (vor allem Feldbegehungen) ausgelegt, sondern eher für Einzelfunde/Zufallsfunde. Die App aus Bayern setzt - was man dem Eigenlob der Betreiber entnehmen kann - eher umgekehrt an; aber genau hierin liegt meiner Meinung nach ein weiterer Hund begraben. Denn man hätte durchaus die Funktionalität so erweitern können, dass auch klassische Zufallsfunde in adäquater Weise abgedeckt werden.
Ein Elitistenverein?
In der Heftmitte gibt wie immer die Gesellschaft für Archäologie in Bayern ihre Aktivitäten bekannt. Unter anderem wird mittels inkohärentem Gendergaga ("KollegInnen", "Teilnehmenden") eine viertägige Busexkursion ins Inn- und Etschtal angekündigt: Kosten pro Person zwischen 640 und 780 Euro. Hier sei angemerkt, dass man für diese Summe bereits einwöchige Pauschalreisen nach Ägypten unternehmen kann - z.B. Hurghada, inklusive Tagestrip nach Gizeh.
Die Busreise der Gesellschaft für Archäologie in Bayern darf daher entweder als Indikator dafür gesehen werden, welch saturiertes Milieu in diesem Verein anzutreffen ist (sicher kein gesellschaftlicher Querschnitt). Oder aber wir haben es hier mit der Weltfremdheit einer abgehobenen Vereinsleitung zu tun, die so einen kostspieligen Trip aufs Programm setzt. Ich persönlich tippe auf eine Mischung aus beiden Faktoren.
Man kann aus diesem Beispiel - abgesehen von der milieubedingten Sprachpanscherei und der Reise selbst - auch noch folgendes entnehmen: Archäologie ist - abseits des professionellen Bereichs - immer noch ein primär elitäres 'White-collar'-Hobby. Es hat sich wohl nicht viel seit dem 19. Jahrhundert verändert, als Lehrer, Pfarrer und Offiziere in ihrer Freizeit oder nach der Pensionierung Altertümer im Boden suchten.
Hinweis: Ich werde in meinen Rezensionen keine Sternchenbewertungen mehr vornehmen. Das bringt schlicht keinen Mehrwert, vor allem nicht hinsichtlich der Hefte "Bayerische Archäologie", die ich ja gerne dazu hernehme, um auf den galoppierenden Wahnsinn in der staatlichen und staatsnahen Archäologie hinzuweisen. Die von mir vorgenommene Auswahl an Negativbeispielen steht dann oft im Widerspruch zur Qualität der Hefte insgesamt.
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Lehrer in der Rente hast du bei dem Verein jede Menge. War selber mal Mitglied, bin dann aber gegangen, nach einer Meinungsverschiedenheit.
AntwortenLöschenHabe nie viel Ansporn bei den treibenden Kräften des Vereins erkennen können, sich personell breiter aufzustellen. Man bleibt lieber unter seinesgleichen.
Dass es dort etliche Lehrer gibt, glaube ich gerne. Davon abgesehen, wird dieser angebliche Laien-Verein von Nicht-Laien geleitet. Das ist ein Widerspruch in sich, erklärt nebenbei aber die weltanschaulichen Tendenzen, die Finanzierung mittels z.T. Staatsknete und das Auftreten als eine Art Wurmfortsatz der obrigkeitlichen Archäologie.
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