Mittwoch, 23. Oktober 2013

Ein kleiner Tipp zur groben Altersbestimmung römischer Porträts


Welcher der beiden Porträtköpfe ist jünger? Das einzuschätzen, stellt eventuell ein Problem dar, sollte man sich mit der Thematik noch nicht eingehend auseinandergesetzt haben. Die markante Haartolle der rechten Frau, dürfte deshalb den Wenigsten weiterhelfen. 
Dabei ist des Rätsels Lösung recht einfach: Links wurden Pupille und Iris plastisch herausgearbeitet, rechts hingegen nicht, da sie hier - im Originalzustand - nur aufgemalt waren. Letztere Methode kam ab der Zeit Kaiser Hadrians († 138) außer Mode. Auch wenn beide Stile noch eine gewisse Zeit parallel existierten, kann der Laie doch davon ausgehen, dass der linke Kopf mit hoher Wahrscheinlichkeit jüngeren Datums ist.

Freilich, wenn die Augen beider Köpfe von gleicher Machart wären, dann bliebe einem kaum etwas anderes übrig, als auf die Frisuren zu achten. Auf die Haartolle Livias - die Gattin des Kaisers Augustus († 14) - wurde ja bereits hingewiesen. Das wellige, in der Mitte gescheitelte und hinten zu einem Knoten hochgesteckte Haar von Faustina - Ehefrau des Kaisers Antoninus Pius († 161) - ist wiederum typisch für die Mitte des 2. Jh. n. Chr.
Nur anhand der Frisuren die Entstehungszeit herauszufinden, setzt zugegebenermaßen Erfahrung voraus. Auch ich musste mir etliche einschlägige Abbildungen ansehen, um eine gewisse Treffsicherheit beim Datieren zu entwickeln ;-)
Deshalb möchte ich auf folgenden, praktischen Behelf aufmerksam machen: Klick mich

Fazit: Als grobes Datierungshilfsmittel erfüllt die Gestaltung der Augen durchaus ihren Zweck. Die, wie ich sie nenne, "toten Augen", bei denen Iris und Pupille nicht herausgearbeitet wurden, liefern im Zweifelsfall den entscheidenden Hinweis, dass das dazugehörige Bildnis mit relativ hoher Wahrscheinlichkeit vor den 130er/140er-Jahren des 2. Jahrhunderts nach Christus entstand.

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Quelle und Literatur-Tipp:
  • Bernard Andreae | Römische Kunst von Augustus bis Constantin | Verlag Philipp von Zabern | 2012 | Infos bei Amazon

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2 Kommentare

  1. Neben den Augen gibt es bei römischer Plastik noch einen weiteren für Laien einfach erkennbaren Hinweis: je tiefer und plastischer Locken etc. herausgearbeitet sind, desto jünger. Auch da ist der neue Einsatz des Bohrers entscheidend. Livias Frisur ist mit Hammer und Meissel entstanden, bei Faustina musste bei den einzelnen, sehr fein gearbeiteten Locken der Bohrer nachhelfen, sonst wäre diese Tiefe gar nicht machbar gewesen. Auch nach dem "antoninischen Barock" im 2. Jh. lassen sich diese Bohrungen oft erkennen, selbst wenn sie nicht mehr in derart üppiger Lockenpracht ausgelebt werden.

    LG, Julia

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    1. Ja, da hast du absolut recht, danke für den Hinweis. Wobei die tiefen Bohrungen - soweit mir bekannt - zur Zeit der Flavier besonders in Mode kamen, da man die damals üblichen, vorne hoch aufgetürmten, gelockten Frisuren, kaum anders aus dem Stein hätte herausarbeiten können. Eines der schönsten Beispiele aus dieser Zeit findet sich in den Kapitolinischen Museen in Rom: http://classconnection.s3.amazonaws.com/950/flashcards/540950/png/picture_101336345493945.png

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