Montag, 15. Juni 2015

Buch: Sulla - Eine römische Karriere

Lucius Cornelius Sulla (138 - 78 v. Chr), der wegen seines "gottgegebenen" Glücks den Beinamen Felix (der Glückliche) trug, zählt zu den faszinierendsten Persönlichkeiten der römischen Geschichte. Seinen Aufstieg zum Diktator und Alleinherrscher kann man durchaus als eine Art Probegalopp für Caesars Machtergreifung sowie die darauf folgende Kaiserzeit interpretieren.
Und doch wollte der aus verarmtem Adel stammende Sulla nie ein verkappter Monarch werden, sondern es war vielmehr sein Anliegen, mit fester Hand der angeschlagene Republik neues Leben einzuhauchen, um sie daraufhin der Führung eines gestärkten Senates zu überantworten. 
Der Weg zu diesem Ziel war im wahrsten Sinne des Wortes mit Leichen gepflastert. Besonders die von Sulla erstmals in der römischen Geschichte angeordneten "Proskriptionen" (=Ächtungsliste) sind legendär; Tausende Mitgliedern der stadtrömischen und italischen Oberschicht kosteten sie das Leben. 
Letztendlich war jedoch all das Blutvergießen vergebens. Sulla hatte der Republik mit seinen Säuberungsaktionen sowie einer umfangreichen Verfassungs- und Verwaltungsreform nur eine kurze Gnadenfrist verschafft. 28 Jahre nach seinem Tod wurde das alte System von Caesar - dessen junges Leben Sulla einst lediglich auf Bitten von Freunden geschont hatte - endgültig beerdigt.

Der Autor Karl Christ gibt mit dem Buch Sulla - Eine römische Karriere (Verlag C. H. Beck) einen anschaulichen Einblick in das Leben und wirken des berühmt-berüchtigten Diktators. Aufgrund der eher mageren Quellenlage (Caesar und seine direkten Nachfolger im Herrscheramt hatten wenig Anlass Sullas Andenken zu ehren) bleibt trotzdem manches unklar. Diesen Freiraum füllt der Autor mit mehr oder weniger weit ausholenden Erläuterungen zur politischen und gesellschaftlichen Situation Roms im späten 2. und besonders im frühen 1. Jh. v. Chr. Auch Sullas Freunde und Feinde werden dabei mitunter relativ ausführlich unter die Lupe genommen. An erster Stelle steht hier natürlich Gaius Marius, der legendäre Sieger über Kimbern und Teutonen, dessen sterbliche Überreste beim Einmarsch der sullanischen Truppen aus dem Grab gerissen und in den Anio geworfen wurden. Punkto Bedeutung steht ihm Pompeius kaum nach, der sich als quasi Halbwüchsiger Sulla andiente und viele Jahre später zum letzten großen Gegenspieler Caesars werden sollte. Auch etwas weniger wichtige, uns aber trotzdem wohlbekannte Namen tauchen auf. So stand z.B. Lucullus - der heute noch für seine opulenten Gastmähler berühmte ist - Sulla sehr nahe; der Verschwörer Catilina sowie der von Cicero wegen Korruption ins Exil getriebene Verres waren in ihrer Jugend ebenfalls Anhänger des Diktators.
Man sieht an diesen Beispielen, dass dieses Buch mehr als nur die Biographie einer Einzelperson ist, sondern einen etwas umfassenderen Überblick bietet; meist ohne, dass sich der Autor allzu lange am selben Fleck bewegt und auf Detailfragen herumreitet. Mir persönlich war allerdings jener Abschnitt, in dem die Rezeption antiker Sulla-Beschreibungen in der modernen Geschichtsforschung behandelt wird, verglichen mit dem Rest des Buches dann doch eine Spur zu ausführlich. Diese Akribie hätte ich mir an anderer Stelle eher gewünscht.

Fazit: Sulla - Eine Römische Karriere ist ein meist flüssig geschriebenes Buch, das ich all jenen Lesern empfehlen kann, die sich für die vielleicht spannendste Phase der römischen Geschichte interessieren.
Ein vergleichbare Biographie des selben Autors behandelt Gnaeus Pompeius Magnus und wurde von mir bereits im Vorjahr besprochen

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Inhaltsverzeichnis:

Vorwort

I. Der historische Rahmen
Vorbemerkungen
Äußere Politik
Wirtschaft und Gesellschaft
Religions- und Geistesgeschichte
Innenpolitik
Die Gracchen

II. Sullas Jugend und Aufstieg
Der arme Aristokrat
Der Jugurthinische Krieg - Metellus, Marius und Sulla
Germanenkrieg, die Kriese des Jahres 100 v. Chr., Kilikien, Bundesgenossenkrieg

III. Konsulat und Prokonsulat
Der erste Marsch auf Rom
Der 1. Mithridatische Krieg
Die Neuordnung Kleinasiens und Griechenlands

IV. Bürgerkrieg
Rom und Italien 87-84 v. Chr.
Sullas zweiter Marsch auf Rom
Rache, Terror und Ehrungen

V. Diktatur
Ziele und Systematik
Eingriffe in Sozialstruktur und Institutionen
Gesetzgebung und Gerichte
Verwaltung und militärisches Kommando
Abdankung, Rückzug, Staatsbegräbnis

VI. Wirkung
Die Destruktion der sullanischen Ordnung
Antike und moderne Sulla-Bilder

VII. Sullas Persönlichkeit

VIII. Anhang
Zeittafel
Bibliographie
Abbildungsnachweis
Stammtafel
Register

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Abschließend möchte ich zuerst Appian und dann Plutarch zitieren, die Sullas Leichenzug und Begräbnis im Jahr 78 v. Chr. überaus eindrücklich schildern. Die absolute Sonderstellung des ehemaligen Diktators, der sich ein Jahr vor seinem Tod zum Privatmann erklärt und auf ein Landgut zurückgezogen hatte, kommt für uns gerade bei diesem Ereignis besonders zur Geltung (beide Zitate finden sich auch im Buch):
"So trug man den toten Sulla auf einem aus Gold gefertigten und mit königlichem Prunk versehenen Ruhebett durch Italien in die Stadt, während viele Trompetenbläser, Equites und eine große Menge von Bewaffneten zu Fuß ihm das Geleit gaben. Auch seine ehemaligen Soldaten strömten von allen Richtungen gewappnet zur Prozession herbei, und jeder fügte sich, so wie er kann, in die Ordnung ein. Was sonst an einfachem Volk zusammenlief, übertraf alles bisher Dagewesene. Den Zug aber eröffneten Feldzeichen und Rutenbündel, deren er sich als Schmuck im Leben und als Herrscher bedient hatte. Als nun Sullas sterbliche Hülle die Stadt Rom erreichte, da brachte man sie in einem ganz einzigartigen Aufzug herein; denn mehr als 2000 in Eile angefertigte goldene Kränze wurden mitgetragen, die Geschenke der Städte, der einstmals unter ihm dienenden Legionen und der einzelnen Freunde. Was sonst noch alles an Kostbarkeiten für dieses Leichenbegängnis beigesteuert wurde, lässt sich unmöglich aufzählen. Aus Furcht vor den zusammengeströmten Soldaten geleiteten den Toten sämtliche Priester und Priesterinnen, beide Gruppen für sich, ferner sämtliche Senatoren und Magistrate in ihren jeweiligen Amtsroben. Eine Masse sogenannter Equites mit anderen Abzeichen schloss sich an, und dann kam der Reihe nach das ganze Heer, soweit es unter ihm gedient hatte; denn voll Eifer, alle hastig bemüht, an dem Akte teilzunehmen, waren die Soldaten zusammengeströmt und trugen vergoldete Feldzeichen und rings mit Silber belegte Schilde mit sich, wie man sie auch heutzutage bei feierlichen Aufzügen zu benutzen pflegt. Zahllos war die Masse der Trompeter, die abwechselnd schmelzende und klagende Weisen ertönen ließ. Laute Abschiedsgrüße rief zuerst der Senat und der Reihe nach die Equites, dann die Soldaten und schließlich das Volk; denn die einen empfanden tatsächlich Sehnsucht nach Sulla, während die anderen vor der Armee und dem toten Sulla auch jetzt noch ebenso zitterten, wie sie es vor dem lebenden getan hatten. Indem sie nämlich ihre Blicke auf das gegenwärtige Schauspiel richteten und sich an all die Taten des Mannes erinnerten, mussten sie staunen und ihren Gegnern zustimmen, dass Sulla für seine Partei der glücklichste, für sie jedoch auch nach seinem Tode noch der schrecklichste Mensch gewesen war. Als nun die Leiche auf der Rostra des Forums, wo man gewöhnlich die öffentliche Reden hält, aufgebahrt lag, sprach der beredteste unter den damaligen Römern den Nachruf, da Faustus, Sullas Sohn, noch sehr jung war. Kräftige Senatoren hoben dann die Bahre auf und brachten sie zum Marsfeld, wo nur Könige beigesetzt werden, und sowohl die Equites wie das Heer zogen um die Brandstätte."
"Da an diesem Tag der Himmel gleich von der früh an trübe und mit Wolken bedeckt war und man immer einen Regenguss erwartet, wurde der Leichnam erst um die 9. Stunde auf den Scheiterhaufen gehoben. Ein heftiger Wind blies in das Feuer und fachte es so gewaltig an, dass die Gebeine noch rechtzeitig zusammengelesen werden konnten; aber kaum war der Scheiterhaufen abgerannt und das Feuer ausgelöscht als ein starker Platzregen fiel und bis in die Nacht anhielt. Auf diese Weise scheint ihm sein Glück auch so lange noch getreu geblieben zu sein, dass es den Leichnam verbrennen half. Sein Denkmal steht auf dem Marsfeld; die Grabinschrift soll er selbst verfasst und hinterlassen haben. Der Hauptinhalt ist: Kein Freund habe ihm so viel Gutes, kein Feind so viel Böses erwiesen, dass er sie nicht in beidem übertroffen hätte."

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