Sonntag, 29. Mai 2016

Buch: Die dunklen Krieger - von Bernard Cornwell

Wir befinden uns im frühen 10. Jahrhundert. Ein Teil Englands ist seit Jahrzehnten von dänischen und norwegischen Wikingern besetzt. Doch längst haben die einheimischen Angelsachsen mit der Rückeroberung ihres Landes begonnen. Vor allem Uhtred - der weithin bekannte Kriegsherr aus Northumbrien - setzt den Feinden hartnäckig zu.

Auch im 9. Uhtred-Roman - der den Titel Die dunklen Krieger trägt - teilt der mittlerweile ergraute Held kräftig aus; sowohl körperlich, wie auch verbal. Ich kenne jedenfalls kein Buch, in dem das Wort "Pisse" dermaßen häufig vorkommt. Sexuelle Begriffe werden wiederum besonders gerne mittels Metaphern aus der Landwirtschaft umschrieben. So heißt es etwa in Bezug auf einen Geistlichen und seine vermeintlich unansehnliche Frau: "Er ist sicher erleichtert, dass er sie nicht unter seinen Pflug nehmen muss." Und einem Wikinger wird an den Kopf geworfen: "Wie ich gehört habe, ist kein Schwein, kein Hund und nicht einmal eine Ziege sicher vor euch!"

Vermutlich soll diese 'rustikale' Sprache dem Leser dabei helfen, sich geistig ins Mittelalter zurückzuversetzen. Darüber hinaus sind derlei Pöbeleien recht unterhaltsam und tragen zur Kurzweil bei. Trotzdem darf nicht unbeachtet bleiben, dass sich die Rahmenhandlung kaum von jenen der Vorgänger-Romane unterscheidet. Will heißen: Großer, böser Wikinger-Anführer marschiert mit seiner Armee ein, zieht plündernd im Land umher, massakriert Zivilisten in IS-Manier (= Rübe ab), träumt davon, eines Tages ganz England unter seine Fuchtel zu bekommen, fällt jedoch schlussendlich in einer alles entscheidenden Schlacht auf die Nase. 
Obwohl man Cornwell wegen diesem abgenudelten Konzept Kritik nicht ersparen kann, so muss ihm doch zugestanden werden, dass er es immer noch schafft, seine Geschichten mit Überraschungen zu spicken und spannend zu verpacken. Beispielsweise unternimmt Uhtred diesmal eine gefährliche Seereise nach Irland, eines seiner Kinder wird schrecklich verstümmelt und zwei altbekannte Charaktere sterben überraschend einen gewaltsamen Tod.

Gegen Ende des Buchs wird angedeutet, dass sich Uhtred endlich an die Rückeroberung seines alten Familiensitzes - der Bebbanburg - machen könnte. Zeit dafür wird es, denn schließlich wäre der Romanheld in einigen Jahren zu alt, um noch glaubhaft ein Schwert schwingen zu können. 
Wobei mir sein fortgeschrittenes Alter ein grundsätzliches Problem zu sein scheint: Cornwell hatte laut eigener Aussage ursprünglich nicht geplant, die Buchreihe dermaßen lange fortzuführen. Wohl deshalb übersprang er in den ersten Romanen relativ große Zeiträume. Als Folge daraus wird nun ein Großteil der immer wieder verlängerten Geschichte dem mittlerweile deutlich über 50jährigen Uhtred aufgebürdet. Hingegen einen neuen Roman zu schreiben, der wieder in der Jugend Uhtreds angesiedelt ist, hat der Autor bedauerlicherweise ausgeschlossen; das sei ihm zu kompliziert.

Zu einem guten historischen Roman gehört auch ein halbwegs sorgsamer Umgang mit den geschilderten Details. Kleidung und Accessoires sind nämlich Bedeutungsträger, die den Geist einer Zeit besonders gut wiederspiegeln. Hier patzt Bernard Cornwell mittlerweile eher selten. Positiv ist beispielsweise, wenn er beschreibt, dass ein Marsch über felsiges Gelände dem Schuhwerk arg zusetzte. Wer schon einmal selbst originalgetreue Rekonstruktionen mittelalterlicher Schuhe getragen hat, kennt die Problematik der allzu empfindlichen Ledersohlen. Ein weniger authentisches Bild vermittelt der Autor mit seiner Vorliebe für schwarze Kleidung, da es im Frühmittelalter recht schwierig gewesen sein dürfte, Textilien schwarz (nicht bloß schwarzbraun) zu färben. 

Fazit: Die dunklen Krieger ist keine anspruchsvolle Weltliteratur, aber solide Unterhaltung ohne Längen. Trotz inhaltlicher Schwächen, die sich in der Uhtred-Reihe schon seit geraumer Zeit bemerkbar machen, ist und bleibt Cornwell einer der besten Autoren historischer Romane; zumindest aus Sicht vieler männlicher Leser, die auf langatmige Dialoge, überbordende Charakterzeichnung und Herzschmerz getrost verzichten können.

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4 Kommentare

  1. Der neue Roman tröstet mich über die lausige Verfilmung von BBC America hinweg ...
    LG,
    Erwin

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  2. Hm, dass Bernard Cornwell keine Lust hat in die Jungend des Helden zurückzukehren verstehe ich nicht, bei Sharpe ist ihm das ja auch gelungen. Schade, schade.
    Karl0

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    1. Genau mit dem Hinweis auf Sharpe begründet er seine ablehnende Haltung. Das war ihm zu kompliziert bzw. zu aufwändig, da immer die Gefahr bestand, er würde Elemente einbauen, die der Entwicklung in späteren Romanen wiedersprechen.
      Schade ist es allerdings in der Tat. Der junge, unreife Uhtred wahr unterhaltsamer. Und auch König Alfred, dem er immer wieder auf den Leim ging, hatte weitaus mehr auf dem Kasten als seine Nachfolger.

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