Sonntag, 15. Januar 2017

Ohren ab, Nase ab: Eine unschöne Episode aus dem 2. Punischen Krieg


Livius' Schilderung des 2. Punischen Kriegs - die sich vom 21. bis zum 30. Buch seines Geschichtswerks Ab urbe condita erstreckt - bietet nicht nur einen guten Gesamtüberblick, sondern ist auch voller wenig beachteter Randereignisse, die zwar keine große Relevanz für den Kriegsverlauf besaßen, aber nichtsdestotrotz häufig spannender und interessanter sind, als manch große Schlacht.
Besonders eindrücklich ist beispielsweise die Beschreibung eines Massakers, das die römische Garnison der sizilianischen Stadt Henna verübte. Angeblich befürchtete der Kommandant Verrat und ließ auf den bloßen Verdacht hin alle Einwohner niedermetzeln, nachdem sich diese ahnungslos auf dem Hauptplatz eingefunden hatten. Selbst Livius, der zumeist die römische Sichtweise vertritt, scheint von diesem Vorfall peinlich berührt zu sein und möchte der offiziellen Version - die auf vorsorgliche "Notwehr" hinausläuft - keinen rechten Glauben schenken. 

Ein noch bemerkenswerteres Ereignis trug sich in der Endphase des Krieges zu: Man schrieb das Jahr 205 v. Chr. Der karthagische Feldherr Hannibal hatte seinen Zenit längst überschritten, stand aber noch mit einem furchtgebietenden Heer im Süden Italiens. Sein neuester römischer Gegenspieler - Publius Cornelius Scipio (der später den Beinamen Africanus erhalten sollte) - stellte unterdessen in Syracus auf Sizilien ein Heer zusammen, um damit nach Nordafrika überzusetzen. Hannibal sollte durch diese Maßnahme gezwungen werden, Italien endlich zu verlassen, um seine Heimatstadt Karthago zu verteidigen. 
Mitten in Scipios Vorbereitungen platzte die überraschende Nachricht, dass die einst von Rom abgefallene Stadt Locri beabsichtigte, erneut die Seiten zu wechseln. Grund waren die ständigen Übergriffe auf die Zivilbevölkerung seitens der in der Stadt liegenden karthagischen Garnison. 
Scipio ließ nichts anbrennen und segelte sofort mit einigen Schiffen nach Locri, um dort die bereits aus Rhegium angerückten römischen Truppen bei der Rückeroberung zu unterstützen. Doch auch Hannibal hatte Wind von der Sache bekommen und marschierte eiligst mit einem Teil seines Heeres los, um das Abfallen der Stadt zu verhindern; er kam allerdings zu spät. Nachdem klar war, dass eine der beiden zu Locri gehörenden Burgen bereits in römischen Händen war, die Bevölkerung auf Seiten der Römer stand und Scipio selbst das Kommando führte, zogen sich die Karthager zurück (Notiz am Rande: Hier, und nicht erst in Afrika (Zama), trafen Hannibal und Scipio das erste Mal als gegnerische Feldherren aufeinander). 
Nachdem die Stadt gesichert war, wurden einige romfeindliche Elemente hingerichtet und den Bewohnern von Scipio eine Standpauke für ihre einstige Untreue gehalten. Er versprach aber auch, dass man den Locrern ihre freiwillige Rückkehr zum Bündnis mit Rom durchaus positiv anrechnen werde. Sie mögen eine Abordnung an den Senat schicken, auf dass dieser alles Weitere entscheide. Das Kommando über die vor Ort stationierten römischen Truppen erhielt der Legat Pleminius; er hatte sich bei der Rückeroberung von Locri hervorgetan. Scipio selbst kehrte nach Sizilien zurück, um seine Vorbereitungen für die Invasion in Afrika voranzutreiben. (Ab urbe condita, 29. Buch 6,1-8,5)
Was nun, nachdem der Oberkommandierende erst einmal abgereist war, in Locri folgte, wirft ein äußerst übles Licht auf die heute noch so hochgelobte Disziplin der römischen Streitkräfte. Auch Livius ist sich dieses Umstandes nur allzu bewusst:

Nach ihrem einstigen Abfall von den Römern waren die Locrer von den Karthagern so hochmütig und brutal behandelt worden, dass sie maßvolle Übergriffe nicht nur gleichmütig, sondern fast sogar gern hinnehmen konnten. In der Tat übertraf aber Pleminius Hamilkar, den Kommandanten der (punischen) Besatzung, und die römischen Besatzungssoldaten übertrafen die der Punier so sehr an Grausamkeit und Habgier, dass sie sich nicht mit Waffen, sondern mit ihren Lastern zu messen schienen. Nichts von all dem, was einem Schwachen die Macht des Stärkeren verhasst macht, ließen der Anführer oder die Soldaten gegenüber den Stadtbewohnern aus; ihnen selbst, ihren Kindern und Frauen wurden unsägliche Schändlichkeiten zugefügt. Denn die Habsucht machte nicht einmal vor der Plünderung der Heiligtümer Halt; man vergriff sich nicht nur an den anderen Tempeln, sondern sogar an den Schätzen der Proserpina, die immer unangetastet geblieben waren, wenn man davon absieht, dass sie angeblich einmal von Pyrrhus geplündert wurden, der aber für seinen Tempelraub schwer büßen musste und die Beutestücke wieder zurückbrachte. [...]
Das Oberkommando lag bei Pleminius; ein Teil der Soldaten, die nämlich, die er selbst aus Rhegium herangeführt hatte, waren ihm, der andere Teil den Tribunen unterstellt. Nachdem er einen silbernen Becher aus dem Haus eines Bürgers geraubt hatte, traf der Soldat des Pleminius, verfolgt von den Eigentümern, bei seiner Flucht zufällig auf die Militärtribunen Sergius und Matienus. Als man ihm auf Geheiß der Tribunen den Becher wieder abgenommen hatte, kam es zu lautstarken Auseinandersetzungen und schließlich zwischen den Soldaten des Pleminius und denen der Tribunen zu einer Schlägerei, wobei - da jeder, der dazustieß, seinen Kameraden willkommen war - die Menge und das Durcheinander immer größer wurden.
Die Soldaten des Pleminius zogen den Kürzeren, liefen zu ihrem Kommandanten, zeigten ihm nicht ohne ein Geschrei der Entrüstung ihre blutenden Wunden und berichteten ihm von den Beschimpfungen, die gegen ihn selbst während des Gezänks erhoben worden waren. Daraufhin stürzte dieser wutentbrannt aus dem Haus, ließ die Tribunen rufen und gab den Befehl, sie zu entblößen und die Ruten herbeizuschaffen. Während sie entkleidet wurden - sie wehrten sich nämlich und flehten ihre Soldaten um Schutz an - verging einige Zeit. Wie wenn man gegen den Feind zu den Waffen gerufen hätte, liefen plötzlich Soldaten, in trotziger Begeisterung über ihren gerade errungenen Sieg, von allen Seiten zusammen. Und als sie sahen, dass ihre Tribunen bereits durch Rutenschläge verletzt waren, gerieten sie sofort erst recht in eine noch viel unbändigere Wut; und ohne Rücksicht nicht nur auf den hohen Rang, sondern auch auf die Menschlichkeit gingen sie gegen den Legaten los, nicht ohne vorher die Liktoren auf empörende Weise misshandelt zu haben. Dann rissen sie ihn von seinen Leuten weg, schleppten ihn beiseite, brachten ihm voller Feindseligkeit schwere Wunden bei und ließen ihn, die Nase und Ohren verstümmelt, halbtot liegen.
Wenige Tage nachdem diese Vorfälle in Messana gemeldet geworden waren, fuhr Scipio auf einem Sechsruderer nach Locri. Er hörte sich den Fall des Pleminius und der Tribunen an, sprach Pleminius von aller Schuld frei und beließ ihn auf seinem Posten in Locri, während die Tribunen für schuldig erklärt und in Fesseln gelegt wurden, weil sie nach Rom zum Senat geschickt werden sollten. Dann kehrte Scipio über Messana zurück nach Syrakus.
Pleminius glaubte, außer sich vor Zorn, dass das ihm zugefügte Unrecht von Scipio nicht ausreichend berücksichtigt und allzu leicht genommen worden sei und dass das, worum es in diesem Streit ging, nur von jemandem beurteilt werden könne, der den ganzen Horror am eigenen Leibe erfahren habe. Deshalb ließ er die Tribunen zu sich schleppen, sie mit allen Martern, die ein Körper erleiden kann, zerfleischen und umbringen; und er gab sich mit der Bestrafung der Lebenden nicht zufrieden, sondern ließ sie unbestattet auf die Straße werfen. Mit ähnlicher Grausamkeit ging er auch gegen die führenden Männer der Locrer vor, die, wie er hörte, zuvor zu Scipio gereist waren, um sich über die Ungerechtigkeiten zu beklagen. Und den schändlichen Taten, die er vorher aus Begierde und Habsucht an den Bundesgenossen verübt hatte, ließ er nun in seiner Wut immer weitere folgen und brachte Schande und Hass nicht nur über sich selbst, sondern auch über den Feldherrn (Scipio). 
(Ab urbe condita, 29. Buch 8,6-8,9)

Als die skandalösen Vorgänge in Locri nach Rom drangen, war dort der Teufel los. Scipio, der damals noch nicht den Gipfelpunkt seiner Karriere und Popularität erreicht hatte, wurde vor allem von politischen Gegnern vorgeworfen, dass er Pleminius auf seinen Posten belassen hatte und die Disziplinlosigkeit der Soldaten fördere. Nach heftigen Debatten im Senat wurde eine hochrangige Untersuchungskommission entsandt. Wohl auf deren Veranlassung wurde Pleminius, zusammen mit 32 Mitangeklagten, in Ketten nach Rom geführt und dort in den Kerker geworfen, wo er unter unbekannten Umständen starb, bevor ein Urteil über ihn gefällt werden konnte. Angeblich unternahm er zuvor noch den vergeblichen Versuch, mithilfe bestochener Handlanger Rom an mehreren Stellen gleichzeitig anzuzünden, um im allgemeinen Durcheinander entkommen zu können. 
Den Locrern aber gab man auf Beschluss des Senates nicht nur ihr geraubtes Hab und Gut zurück, sondern auch die volle kommunale Selbstbestimmung. (Ab urbe condita, 29. Buch 16,4-22,10)

Wäre diese Episode aus dem 2. Punischen Krieg nicht eine wunderbare Rahmenhandlung für einen spannenden historischen Roman? 
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Quelle / weiterführende Literatur:
  • Livius / Ursula Blank-Sangmeister (Übers.) | Ab urbe Condita, 29. Buch | Reclam Verlag | 2016 | Infos bei Amazon

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2 Kommentare

  1. Ich dachte auch bisher immer, Scipio hätte Hannibal erst in Afrika getroffen. Interessanter Artikel, danke!
    GJK

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    1. Hannibal und Scipio haben kurz vor der Schlacht bei Zama (202 v. Chr.) wohl das erste Mal persönlich miteinander von Angesicht zu Angesicht gesprochen. So gesehen war auch das eine Art Premiere.
      Aus der Ferne konnte Scipio Hannibal aber schon viel früher in Aktion erleben, nämlich bei der Schlacht am Ticinus (218 v. Chr.) sowie bei der Schlacht von Cannae 216 v. Chr.). Und eben auch bei der Rückeroberung von Locri, wo Scipio zum erste Mal selbst als Feldherr einen größeren Truppenverband gegen Hannibal führte.

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