Mittwoch, 27. September 2017

Ein breiter Streifen oder zwei? - Die "tunica laticlavia" römischer Senatoren



Glaubt man Experten wie Marcus Junkelmann, dann kennzeichneten die Standestracht römischer Senatoren - die sogenannte tunica laticlavia - zwei relativ breite, senkrecht eingewebte oder aufgenähte (?) purpurfarbene Streifen, welche jeweils von der Schulter zum unteren Saum des Kleidungsstückes verliefen; als Indiz für diese Behauptung wird gelegentlich ein pompejanisches Wandgemälde genannt, auf dem die dargestellte Tunika tatsächlich zwei breite Purpurstreifen wie auf der linken obigen Abbildung aufweist. Allerdings ist von diesen beiden clavi nur einer zu sehen; das purpurne Band links stammt hingegen vom Saum der ebenfalls abgebildeten toga praetexta. Vor allem ist es aber unklar, ob es sich beim abgebildeten togatus (Togaträger) tatsächlich um einen Senator handelt. Möglicherweise ist es ein Priester, worauf die über den Kopf gezogene Toga hindeuten könnte (aber nicht muss). Eine toga praetexta - also eine Toga mit Purpursaum - wurde nicht nur von hohen politischen Amtsträgern aus dem Senatorenstand getragen (Konsul, Prätor, Kurulischer Ädil), sonder beispielsweise auch von bestimmten Priestern (und möglicherweise sogar von den höheren Verwaltungsbeamten in den selbstverwalteten Städten des Reichs). Trotz all dieser Unklarheiten deutet die Kombination aus zwei breiten clavi und purpurverbrämter Toga eher auf einen Senator hin.
Besonders in Spielfilmen werden senatorische Tuniken hingegen gerne mit einem einzelnen, vom Kopfloch zum unteren Saum verlaufenden breite Streifen dargestellt (siehe die rechte obere Abbildung). Doch dabei handle es sich, wie Marcus Junkelmann in seinem Buch Hollywoods Traum von Rom darlegt, um einen schon lange innerhalb der Echokammer Hollywoods tradierten Fehler, der auf z.T. überholtem Wissen beruhe (siehe etwa hier).

Freilich, völlig geklärt ist die Frage der Senatorenstreifen in Althistoriker-Kreisen offenbar nicht. So ist etwa in einer erst vor wenigen Monaten erschienen Livius-Übersetzung des Reclam-Verlages von Tuniken mit nur einem Streifen die Rede. Konkret heißt es darin über den Numider Massinissa, dass ihn Scipio Africanus und der Römische Senat (als Dank für die Unterstützung gegen Karthago im 2. Punischen Krieg) mit allerlei Ehrenzeichen überhäufte, die normalerweise nur Römer erhielten. Darunter befand sich ein Kurulischer Stuhl (sella curulis = Amtssymbol der höchsten römischen Beamten) sowie diverse Triumphalinsignien wie eine mit Palmzweigen bestickte Tunika (tunica palmata). Besonders interessant wird es schließlich, wenn es heißt:

Sie (Anm.: die Senatoren) trafen auch einen Beschluss über die Geschenke, die die Gesandten dem König (Anm.: Massinissa) bringen sollten: zwei purpurfarbene Kriegsmäntel mit jeweils einer goldenen Spange und Tuniken mit breitem Purpurstreifen ("et lato clavo tunicis") [...] sowie Zelte und militärisches Gerät, wie sie üblicherweise einem Konsul zur Verfügung gestellt würden. 
Livius, Ab urbe Condita, 30. Buch, 13 | Reclam Verlag | 2017

Ausdrücklich erhält Massinissa also Geschenke, die typischerweise herausragenden Mitgliedern der senatorischen Führungsschicht zustanden. Dieser Kontext ist von Bedeutung, denn er legt nahe, dass auch die erwähnten "Tuniken mit breitem Purpurstreifen" ("breitem", nicht "breiten" - also Einzahl!) gezielt ausgewählte Ehrenzeichen sind - und keineswegs irgendwelche unüblichen Sonderanfertigungen. In der dazugehörenden Anmerkung/Endnote der Übersetzerin (Ursula Blank-Sangmeister) heißt es dann auch klar, besagte Tuniken mit einem Streifen seien "das Gewand der Senatoren" gewesen.

Schon mehrmals kam mir in einschlägigen Büchern - wie z.B. Die Macht der Toga - bezüglich der angeblich zwei Purpurstreifen auf römischen Senatorentuniken eine Quelle unter, die bei näherer Betrachtung nicht ganz koscher zu sein scheint: Suetons Augustus-Biografie. Dort heißt es zur Kleidung des ersten römischen Kaisers: 

Als Kleidung trug er kaum je eine andere als Hausgewandung, die von seiner Schwester, Gattin, Tochter oder seinen Enkelinnen angefertigt war; seine Toga war weder zu eng noch zu weit, der Purpursaum weder zu breit noch zu schmal ("togis neque restrictis neque fusis, clavo nec lato nec angusto,..."), das Schuhwerk etwas zu hoch, so dass er in Wirklichkeit größer zu sein schien als er in Wirklichkeit war.
Sueton, Augustus, 73 | Reclam Verlag | 1988/2010

Der "Purpursaum" sei demnach weder zu breit noch zu schmal gewesen. So weit, so gut. Doch bezieht sich das wirklich auf die hier nicht explizit erwähnte Tunika - wie einige Leute zu glauben scheinen - oder ist damit nicht vielleicht die im selben Satz erwähnte Toga gemeint, die, wenn man sie mit einem Purpurstreifen am Rand versieht, eine toga praetexta gewesen wäre, wie sie Augustus als erster Mann im Staat (princeps) höchstwahrscheinlich trug?

An anderer Stelle ist hingegen ausdrücklich von einer Tunika die Rede, die über einen "breiten Purpursaum" verfügte.

Als Augustus die Männertoga anlegte (als Zeichen der Volljährigkeit), fiel die Tunika mit dem breiten Purpursaum zu seinen Füßen, da sich zu beiden Seiten die Nähte (Anm.: die Schulternähte) gelöst hatten ("sumenti virilem togam tunica lati clavi resuta ex utraque parte ad pedes decidit"). Einige legten das so aus, dies könne nur bedeuten, dass der Stand, dessen Ehrenzeichen dieser Saum war, Augustus einmal unterstellt sein werde.
Sueton, Augustus, 10 | Reclam Verlag | 1988/2010

In der dazugehörenden Anmerkung des Übersetzers (Dietmar Schmitz) heißt es, es sei hier der Senatorenstand gemeint. Trotzdem - oder gerade deshalb - erscheint diese Textstelle ein wenig rätselhaft. Egal ob die Tunika nun einen oder zwei breite Streifen aufwies - die Abzeichen des Senatorenstandes erhielt man zur Zeit der späten Republik erst nach der Aufnahme in den Senat. Bis dahin trug auch der männliche Nachwuchs von Senatoren maximal zwei schmale purpurne Streifen auf der Tunika; dabei handelte es sich um die Abzeichen des römischen Ritterstandes. Wohl erst viele Jahre später, als Augustus selbst Herrscher geworden war, änderte sich diese Praxis. Das bedeutet, die von Sueton wiedergegebene Anekdote dürfte eine Erfindung aus späterer Zeit sein, in der man mit den Gepflogenheiten und Regeln der Republik nicht mehr ganz vertraut war.
Noch etwas stört mich - nämlich die im Originaltext gar nicht vorkommende Bezeichnung "Saum". Darunter verstehe man normalerweise die Ränder eines Kleidungsstückes, aber weder einen senkrechten Streifen in der Mitte noch zwei senkrechte Streifen in den beiden äußeren Dritteln der Tunika (siehe obige Abbildungen).
Nicht nur solche Freiheiten beim Übersetzen stellen für den an Details interessierten Leser mitunter ein Problem dar; auch Kopierfehler mittelalterlicher Mönche können den lateinischen Text, den wir ja zumeist nicht mehr im antiken Original vorliegen haben, verfälschen.

Der bekannte Althistoriker und Vielschreiber Karl-Wilhelm Weeber legt sich in seinem Nachschlagewerk Alltag im Alten Rom - Das Leben in der Stadt bezüglich der Frage, ob Senatoren (sowie Ritter/Equites) nun einen oder zwei purpurne Streifen auf ihrer Tunika trugen, gar nicht erst fest.

Die Popularität der Tunika als Kleidungsstück des Alltages zeigt sich besonders darin, das Rittern und Senatoren das 'ius clavi' als Standesprivileg eingeräumt wurde. Ein oder zwei schmale, vertikale Purpurstreifen (clavus angustus von ca. 3 cm Breite) wiesen den Träger der tunica als Ritter (eques) aus; ein bzw. zwei erheblich breitere Purpurstreifen  (clavus latus von ca. 10 cm Breite) zeigten jedem Passanten an, dass er einem Senator begegnet (tunica angusticlavia bzw. laticlavia: Quint. XI 2, 138; Varro LL IX 79).

Ich persönlich neige eher zu der Ansicht, dass Senatoren zwei breite Purpurstreifen auf ihren (Ausgeh-)Tuniken trugen. Denn auch wenn wohl keine absolut verlässlichen Bildquellen von Tuniken überliefert sind, die eindeutig dem Senatorenstand zugeordnet werden können, so ist doch bei antiken Darstellungen 'normaler' Tuniken auffällig, dass diese so gut wie nie über nur einen zentralen Streifen verfügen, sondern, wenn überhaupt, zwei schmale aufweisen, die jeweils von einer der beiden Schultern herab verlaufen.
Abbildungen mit einem einzigen, in der Mitte angebrachten Streifen sind mir hingegen vor allem aus der frühmittelalterlichen Karolingerzeit bzw. dem Stuttgarter Psalter bekannt. Wobei es hier aus meiner Sicht durchaus denkbar ist, dass diese clavi auf Missinterpretationen antiker Schriftquellen beruhen bzw. es sich um antikisierende Elemente handelt. Oder die Buchmaler nahmen bei byzantinischen/koptischen Textilien Anleihe, welche eventuell in Form von Geschenken an den karolingischen Hof gelangten. Allerdings: Auch diese Kleidung aus dem Osten weist - ganz in alter römischer Tradition - überwiegend zwei clavi auf, ergänzt durch zusätzliche Stickereien (PDF - S 100, 101, 134).

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1 Kommentar:

  1. Das ist schon sehr interessant, wenn man sich vor Augen führt, dass nicht wenige so tun, als ob diese Frage längst glasklar zu Gunsten von zwei clavi entschieden ist. Gut, dass du da kritischer bist und die Quellen genauer anschaust. So muss das sein. ;-)

    Guinevere

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