Freitag, 25. Mai 2018

Buch: Erdbeben in der Antike

Das Buch Erbeben in der Antike (Verlag Mohr Siebeck) enthält vierzehn dem Titel entsprechende Beiträge, in denen ein an sich hochinteressantes Thema von mehreren Forschern aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet wird.

Freilich, das Ergebnis finde ich wenig berauschend. Die beiden Hauptgründe dafür sind: 1. Kein stimmiger, in sich geschlossener Gesamtüberblick, sondern scheinbar wahllos herausgepickte, oft exotisch anmutende Einzelbeispiele wie etwa: "Ein Unglück als Chance begreifen. Aelius Aristides' Wirken im Kontext der Erdbeben auf Rhodos und in Smyrna"; hier erfährt man wenig über antike Erdbebenkatastrophen, aber viel über die Biographie eines antiken Schriftstellers - ergo: ziemlich off-topic und daher uninteressant. 2. Zu viel aufgeblasenes Wortgedrechsel, aber kaum die von mir in wesentlich stärkerem Maß erwartete Archäologie und Naturwissenschaft. Die Fremdwortvöllerei mancher Autoren manifestiert sich in Begriffen wie "probabilistisch" und "ubiquitär". Mit dieser Art klugdeutschem Kauderwelsch soll immer wieder über den aus meiner Sicht wenig relevanten Inhalt der verschiedenen Einlassungen hinweggetäuscht werden. Auch entsteht für mich beinahe der Eindruck, dass die Autoren auf Zeilenhonorar-Basis entlohnt wurden und deshalb bemüht waren, irgendwie möglichst viel Leerraum zu füllen. So heißt es z.B.: Ein Erdbeben kann in diesem Sinne erst dann zur Katastrophe werden, wenn es auf eine menschliche Gesellschaft in extrem schädlicher Weise einwirkt [...]. Diese Erkenntnis ist ungefähr so bedeutend wie die Feststellung, dass Wasser nur dann als nass empfunden wird, wenn man die Hand reinsteckt. 😋

Demgegenüber findet man deutlich zu wenig Relevantes/Interessantes. Eine Ausnahme ist der Beitrag über die von Erdbeben verursachten archäologischen Schadensbilder. Ebenfalls ergiebig für mich war ein Text über die Bedeutung der Seismologie für die Geschichtsforschung, in dem sich u.a. der Hinweis findet, dass unweit des an der japanischen Küste befindlichen Atomkraftwerks Fukushima eine Steele aus dem 8. Jahrhundert steht, auf der die Nachfahren der damaligen Siedler gewarnt werden, dass das Meer einst bis dorthin vordrang (800 Meter landeinwärts) und man das Gebiet von dort bis zum Meer deshalb nicht bebauen soll; der Tsunami von 2011, der das AKW von Fukushima zerstörte, kam bis auf 300 Meter an diese Steele heran. Demnach war die katastrophale Flutwelle nicht einmal übermäßig groß ...

Das Buch enthält viele Fußnoten, ein Ortsregeister, ein Personenregister, ein Stellenregister und ein Sachregister. Der Preis von 60 Euro (!) ist für das Gebotene meiner Ansicht nach zu hoch. Die Hälfte davon wäre gerechtfertigt. Dann hätte ich vielleicht auch einen Stern mehr vergeben können.

Fazit: So eine Rezension ist natürlich immer relativ subjektiv. Jeder Leser hat schließlich andere Erwartungen. Meine wurden in diesem Fall schwer enttäuscht. Mehr noch, ich bin sogar ein wenig verärgert.

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Kommentare:

  1. Mit solchen Tagungsbänden kann man gehörig auf die Nase fallen, ist mir auch schon passiert. Teilweise waren 90 Prozent der Beiträge triviales Gewäsch.

    Guinevere

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