Mittwoch, 25. Dezember 2019

⚔️ Von Hörnerhelmen und Wikinger-Amazonen: Ein Interview mit dem Wikinger-Experten Matthias Toplak



Seefahrer, Entdecker, Händler, Bauern, Räuber und Eroberer - all das waren die Wikinger. Entsprechend aspektreich ist auch die Erforschung dieses skandinavischen Phänomens des Frühmittelalters. Matthias Toplak von der Universität Tübingen ist Wikinger-Experte und war so freundlich, mir hierzu einige spannende Fragen zu beantworten. 





Lieber Herr Toplak, in dem von Ihnen kürzlich mitherausgegebenen Buch "Wikinger - Entdecker und Eroberer" (Ullstein Verlag) liefern Sie eine recht umfangreiche und ausgewogene Darstellung der Wikinger. Diese waren, wie es heißt, nicht bloß Räuber und Mörder, sondern auch Bauern und Händler. Was zweifellos zutreffend ist. Andererseits meine ich den Trend in der Forschung wahrzunehmen, die Berichte von Gräultaten der Wikinger und anderer 'Unruhestifter' der weiter zurückliegenden Vergangenheit als maßlose Übertreibungen von z.B. christlichen Chronisten zu relativieren. Wie schlimm waren die Untaten der Wikinger Ihrer Meinung denn nun wirklich? Und läuft man nicht Gefahr, dass die Leiden der Opfer manchmal etwas zu leichtfertig kleingeredet werden, wenn die entsprechenden Vorgänge schon lange her sind?
Generell haben Sie sicherlich Recht, in der Forschung haben sich in den letzten Dekaden immer bestimmte Perspektiven auf die Wikingerzeit durchgesetzt – der hart arbeitende Bauer in der vom Wiederaufbau bestimmten Nachkriegszeit, der global vernetzte friedliche Händler in den Gründungszeiten von EWG und EU – und natürlich der kriegerische Aspekt in der Darstellung der NS-Zeit. Derzeit – so mein Eindruck – ist das in der Forschung untersuchte und von ihr vermittelte Bild recht ausgewogen. Dass diese gewalttätige Facette der Wikinger aktuell nicht mehr zentral zu sein scheint, liegt sicherlich zum einen daran, dass dazu in der Vergangenheit bereits viel geforscht wurde und zum anderen bestimmt auch daran, dass in der populären Darstellung der Wikinger in den Medien – wie bspw. mit Vikings oder Last Kingdom – der Wikinger als Krieger und Räuber viel zu sehr in den Vordergrund gestellt wird. Ich erlebe es bei Vorträgen oder Diskussionen oft so, dass viele Menschen, die sich für die Wikinger interessieren, nur wenig über deren Leben abseits der prägnanten Raubzüge wissen.
Eine Relativierung kann ich darin auch nicht erkennen. Zum einen müssen wir uns klar machen, dass diese Plünderfahrten, diese scheinbar grenzen- und mitleidslose Gewalt, nur einen Ausschnitt dieser vielseitigen Kultur darstellt. ‚Die‘ Wikinger wurden von Beginn ihrer Erforschung an immer über ihre Raubzüge definiert (‚Wikinger‘ von ‚fara í víking‘ > „auf Raubzug gehen“), aber wir müssen davon ausgehen, dass nur die wenigsten Männer aus dem wikingerzeitlichen Skandinavien überhaupt jemals auf Plünderfahrt gegangen sind. Wir haben kaum verlässliche Zahlen, können aber grob von vielleicht ein bis maximal zwei Millionen Einwohnern in Skandinavien um das Jahr 1000 ausgehen. Das ‚Große Heidnische Heer‘, das ab der zweiten Hälfte des 9. Jh. das angelsächsische England und das Frankenreich verheerte, wird vermutlich eine mittlere vierstellige Anzahl von Kriegern umfasst haben. Wir bewegen uns mit den Zahlen also eher im Promillebereich, wenn wir von ‚echten‘ Wikingern nach der klassischen Definition als Seeräuber reden.
Zudem muss uns ebenfalls klar sein, dass Plünderungen und Brandschatzungen im Frühmittelalter ein vollkommen legitimes Mittel der Kriegsführung und notwendig für einen Anführer waren, um seine Gefolgschaft mit Kriegsbeute zu entlohnen und sich so deren Treue zu sichern. Diese ‚legitimen‘ Kriegszüge unterschieden sich von der Brutalität kaum von denen der Wikinger. Der einzige Unterschied waren die Ziele – und das ist eben der relevante Punkt: Klöster und Kirchen waren für die christlichen Kriegsgefolgschaften natürlich sakrosankt! Die zumindest zu Beginn noch heidnischen Wikinger scherten sich da nicht drum und nahmen diese ebenso schutzlosen wie reichen Ziele dankbar an. Und diese Schändung heiliger Orte war ausschlaggebend für den ‚schlechten‘ Ruf der Wikinger, der bis heute ihre Wahrnehmung geprägt hat. Die christlichen Chronisten kümmerten sich anfangs nicht um die Überfälle von Wikingern auf Marktplätze oder Siedlungen, sondern einzig um Plünderungen von Klöstern und das Abschlachten heiliger Männer. Es ging ihnen folglich überhaupt nicht um die Gewalt insgesamt – das war wie gesagt, vollkommen übliche Praxis auch in Mittel- und Westeuropa – sondern nur darum, dass es heilige Stätten und ihresgleichen traf. Erst als sich die Wikinger, teilweise sicherlich auch unter dem Einfluss der Christianisierung des Nordens, verstärkt auch anderen Zielen zuwandten, begannen die Chronisten in den Schreibstuben der Klöster auch über Überfälle auf ‚zivile‘ Plätze zu berichten.
Wir müssen dieses von Mönchen überlieferte Bild der Wikinger als unzivilisierte, barbarische Unholde und Gewalttäter also mit gebotener quellenkritischer Vorsicht lesen. Heute würden wir die Berichte wohl unter Propaganda oder fake news ablegen.

Vor einiger Zeit ging die Meldung durch die Medien, man habe den archäologischen Beweis dafür gefunden, dass es in der Wikingerzeit auch weibliche Kriegerinnen ('Amazonen' bzw. 'Walküren') gab - auch Sie behandeln dieses Thema in einem Kapitel Ihres Buchs. Hauptkronzeuge war im konkreten Fall eine Waffenausrüstung, die sich als Beigabe in einem Frauengrab (Birka, Schweden) befand.
Nun wissen Sie und ich, dass typisch männliche Accessoires in Frauengräbern nichts Neues sind. Beispielsweise finden sich in den Gräbern von Alamanninen immer wieder spätrömische Militärgürtel. Diese Gürtel werden freilich nicht dergestalt gedeutet, dass ihre letzten Träger - die bestatteten Frauen - Kriegsdienst leisteten. Vielmehr soll es sich um Erbstücke oder Geschenke ihrer Ehemänner handeln. Kann es sich bei der 'Wikinger-Kriegerin' nicht ähnlich verhalten? Oder könnte die Frau eventuell deshalb mit männlichen Beigaben bestattet worden sein, weil diese Herrschaftssymbole waren - sie also z.B. ihren Vater aufgrund besonderer Umstände als lokale Herrscherin beerbt hatte? Was zwar auch relativ ungewöhnlich wäre, aber wofür es interessante geschichtliche Parallelen gibt; so wurden etwa weibliche Königinnen im alten Ägypten mit männlichem Zeremonienbart dargestellt.
Zuerst einmal müssen wir differenzieren zwischen dem alamannischen Kulturraum und dem Kulturraum, den wir als Wikingerzeit bezeichnen. Aus der skandinavischen Wikingerzeit gibt es nur eine Handvoll vergleichbarer Befunde, zumindest nach dem aktuellen Forschungsstand: Neue Untersuchungen von älteren Gräbern mit naturwissenschaftlichen Methoden wie aDNA können natürlich auch gänzlich andere Ergebnisse liefern.
Generell können wir in vielen wikingerzeitlichen Frauengräbern einen interessanten Aufgriff von Elementen der (üblicherweise männlich konnotierten) Sphäre von Krieg und Waffen in der Frauentracht finden. Beispiele sind Miniaturwaffen als Amulette oder die Umarbeitung von kleeblattförmigen Beschlägen der fränkischen Schwertgurte zu Frauenfibeln (ein Aufsatz zu diesem Thema von Leszek Gardeła und mir erscheint in der nächsten Ausgaben der ‚Archäologie in Deutschland‘). Und in einigen wenigen Frauengräbern wurden auch einzelne Waffen – zumeist Äxte oder Speere – gefunden, die entweder in einem kultischen Kontext oder als sozio-politisches Statussymbol gewertet werden müssen. Der Fall des Kammergrabes von Birka ist jedoch bislang einzigartig, da eine biologische Frau nicht nur mit einer vollen Waffengarnitur und zwei Pferden, sondern als Mann in männlicher Tracht beigesetzt wurde. Das lässt sich nicht mehr mit Erbstücken ohne konkrete sozio-politische Bedeutung oder Geschenken erklären.
Was genau das tatsächlich bedeutet, ist bislang unklar, da diskutieren wir noch hitzig drüber. Ich persönlich glaube nicht, dass diese Frau tatsächlich gekämpft hat – dafür fehlen bislang die Befunde, bspw. durch verheilte Verletzungen im Knochenmaterial, die von gewalttätigen Auseinandersetzungen stammen. Aber sie kann durchaus eine militärische Rolle – als Heerführer oder Kommandant – innegehabt haben. Vielleicht stellen die Waffen und die Pferde auch Herrschaftssymbole für ihre hohe sozio-politische Stellung in der Gesellschaft von Birka dar, die sie aus bestimmten Gründen übernommen hatte. Dass sie als einziger überlebender Nachkomme eines lokalen Anführers nach dessen Tod ungeachtet ihres biologischen Geschlechts diese eigentlich als männlich definierte Funktion übernehmen musste – also ein Kontrast zwischen biologischem Geschlecht (sex) und der sozialen Geschlechterrolle (gender) – ist natürlich vorstellbar und weltweit kein unbekanntes Phänomen. Dann stellt sich aber die Frage, warum es sich dabei bislang um den einzigen bekannten Fall aus der Wikingerzeit handelt? Mit Sicherheit wurde sie jedoch spätestens durch die Bestattung als männlicher Krieger auch von der Gesellschaft so wahrgenommen und alleine das stellt schon unsere Sicht auf die Wikingerzeit und die Rolle der Frauen gehörig auf den Kopf.

Welchen Einfluss hat der Zeitgeist auf Ihr Forschungsgebiet? Oder um es anhand eines Beispiels zu konkretisieren: Inwieweit hat Ihrer Ansicht nach die gegenwärtig dominierende Ausprägung des Feminismus darauf Einfluss, wenn Journalisten singuläre Fälle wie das oben erwähnte Frauengrab begeistert als schlagende Beweise für ein weibliches Kriegertum darstellen und daraus ableiten, dass heute als traditionell betrachtete Geschlechterrollen ein Mythos sind?
Ich bin mir sehr sicher, dass der Zeitgeist – der aktuelle gesellschaftspolitische Diskurs – enorme Auswirkungen auf sowohl die Fragestellungen der Archäologie wie auch auf deren populäre Rezeption hat. Das lässt sich mit dem Beispiel der Wikinger ja wunderschön seit fast 150 Jahren – beginnend mit der Nationalromantik am Ende des 19. Jh. – fassen. Heute ist diese Verbindung durch unsere modernen Medien noch intensiver.
Das von Ihnen angeführte Beispiel ist natürlich extrem, aber es verdeutlicht diese Wechselwirkungen von Gesellschaft und Forschung. Feminismus und Genderfragen sind prägend für unseren heutigen gesellschaftlichen Diskurs und unser Selbstverständnis und natürlich werden diese Fragestellungen dann auch in der Wissenschaft aufgegriffen. Das kann ein wertvoller Impuls für die Forschung sein, der neue Perspektiven und damit auch neue Ergebnisse erlaubt. Das Kammergrab mit der Kriegerin von Birka ist ein gutes Beispiel dafür. Wir müssen uns aber auch immer vor Augen halten, dass moderne Identitätskonzepte – wie eben Gleichberechtigung, sexuelle Identität und Genderrollen – nicht eins zu eins auf frühere Gesellschaften übertragbar sind, ebenso wenig auf das Deutschland der 1950er-Jahre wie auf die skandinavische Wikingerzeit um 1000 nach Christus. Leider werden diese Theorien oft aber weniger wissenschaftlich als vielmehr politisch/ideologisch aufgegriffen, um bspw. den Wikingern ein nahezu modern anmutendes Genderverständnis oder eine angebliche Gleichberechtigung von Mann und Frau zuzuschreiben, um damit den gegenwärtigen Diskurs zu befeuern. Das wird dann natürlich mit Begeisterung von der Presse aufgegriffen und noch weiter verzerrt, bis sich völlig falsche Vorstellungen in der populären Wahrnehmung gebildet haben. Ich finde Genderforschung für die Wikingerzeit als ergebnisoffene Frage nach Geschlechterrollen und -möglichkeiten wahnsinnig wichtig und spannend, weil unser Wissen da ja offensichtlich über ein Jahrhundert lang nur unvollständig war. Wir müssen aber eben aufpassen, dass wir keine modernen Maßstäbe anlegen oder das Ganze zu sehr ideologisch aufladen.
Neben Genderfragen sind derzeit auch Fragen nach Migration und Mobilität sowie Identität aktuelle Themen in der Forschung, die natürlich von der derzeitigen gesellschaftspolitischen Situation beeinflusst sind.

Welchen Stellenwert hat heute Lebendige Geschichte bzw. Living History bei der Wissensvermittlung - besonders auf dem Gebiet der Wikinger? Wie bewerten Sie die Qualität der Gruppen und Darsteller, die sich mittlerweile ja nicht nur in den typischen Wirkungsgebieten der Wikinger tummeln, sondern überall in Europa und rund um den Globus aktiv sind? Leisten sie immer einen sinnvollen Beitrag oder gibt es auch Probleme?
Da ich selber seit über 15 Jahren in der europäischen Reenactment-Szene unterwegs bin, bin ich vielleicht nicht absolut objektiv. Insgesamt empfinde ich Living History (Reenactment wäre per Definition die Nachstellung konkreter historischer Ereignisse) als unfassbar wichtigen Ansatz, um ein breites Publikum zu erreichen und in erster Linie das Interesse an Geschichte und Archäologie (und erst in zweiter Linie auch das konkrete Wissen) zu vermitteln! Ich freue mich immer wie ein Schneekönig, wenn ich bei Reenactment-Veranstaltungen nach Gesprächen mit Besuchern höre, wie erstaunt die Leute darüber sind, dass Geschichte (und natürlich besonders die Geschichte der Wikinger) so spannend ist.
Natürlich ist das auch an das individuelle Niveau von Veranstaltungen und Gruppen geknüpft und da existiert zwangsläufig ein breites Spektrum. Es gibt eine Reihe von, bei uns als ‚Grobmittelalter‘ bezeichneten Veranstaltungen und Gruppen, die mehr mit Fantasy als mit der korrekten Darstellung von Geschichte zu tun haben und die natürlich dementsprechend ein grob verzerrtes Bild vermitteln. Dennoch muss man auch diesen Gruppen und Veranstaltungen anrechnen, dass sie im Idealfall dem Publikum das Interesse an Geschichte vermitteln können. Das generelle Niveau in der Living History-Szene ist in den letzten Jahren enorm gestiegen. Natürlich kann man sich als ‚Fachmann‘ immer über Kleinigkeiten aufregen und es gibt immer Modetrends in der Szene (genauso wie in der ‚normalen‘ Welt), aber das gesamte Setting der meisten Veranstaltungen vermittelt schon einen guten Einblick in die Atmosphäre der Wikingerzeit bis hin zu absolut akkuraten Darstellungen auf wissenschaftlicher Basis. Manche Freunde aus der Living History-Szene haben sich ein beeindruckendes Fachwissen angelesen, das ist in einigen Bereichen durchaus das Wissen der ‚Fachleute‘ übersteigt. Was man zudem nicht vergessen darf, ist der Praxisbezug. Beim Living History wird der Alltag tatsächlich erprobt. Und da erleben wir oftmals, dass die wissenschaftliche Theorie und die faktische Praxis voneinander abweichen. Die wenigsten Wissenschaftler wissen, wie man schmiedet, schreinert oder reitet. Und da geben uns professionelle Handwerker unschätzbar wertvolle Einblicke, die wir sonst nicht erhalten könnten. Meine beiden engsten Freunde aus der Living History-Szene sind Zimmerer und Schlosser. Erst durch sie habe ich wirklich ein Verständnis für das Handwerk in der Wikingerzeit entwickelt.

Der Hörnerhelm als das wohl übelste Wikinger-Klischee wurde mittlerweile halbwegs überwunden. Allerdings hat es den Anschein, dass aufgrund eines gewissen Wikingerbooms in den vergangenen Jahren im Fernsehen ("Vikings", "Das letzte Königreich") nun neue Klischees und Faktoide etabliert werden - ich denke hier z.B. an sehr merkwürdige Haarschnitte usw.
In Gesprächen mit Wissenschaftlern und Living-History-Darstellern habe ich schon mehrfach gehört, dass Journalisten und Filmemacher oft über eine gewisse Ignoranz und Beratungsresistenz verfügen sollen, wenn es um eine halbwegs korrekte Darstellung der Vergangenheit geht. Wie sehen Sie die Rolle der Medien hinsichtlich der Wikinger und ihrer Zeit? 
Das ist tatsächlich ein eklatantes Problem, dass ich selber mitunter als Fachberater für das Fernsehen erleben musste. Da wird dann oft auf die schnellste/billigste/einfachste Lösung für die Requisite zurückgegriffen, zumeist aus Zeitdruck oder um die Kosten gering zu halten. Das ist natürlich besonders ärgerlich, wenn zuvor extra ein Fachberater angestellt wurde, um solche Fehler zu vermeiden. Teilweise wird aber auch ganz bewusst ein bestimmtes Bild bedient, weil man weiß, dass das breite Publikum genau das sehen will. Der wilde und furchterregende Barbar der früheren Darstellung ist zum sexy Actionheld geworden und knüpft damit genau an eine latente Sehnsucht der heutigen Gesellschaft an. Das Publikum will den Hochglanz-Wikinger, zwischen wilder Männlichkeit mit Leder und Fell und domestiziertem Popstar-Gehabe mit aufwändigen Frisuren und Tätowierungen. Der realistische Wikinger kann da einfach nicht mithalten. Nun muss man aber auch Serien wie Vikings bei aller berechtigten Kritik an der grottenschlechten Ausstattung zugutehalten, dass sie nie als realistische geschichtliche Serie geplant war, auch wenn natürlich besonders der Titel irreführend ist.
Die Medien schaffen und erhalten aber damit zwangsläufig ein verzerrtes und oftmals auch einfach falsches Bild von den Wikingern. Das ist für die Wissenschaft gewissermaßen Fluch und Segen. Bereits der Name ‚Wikinger‘ weckt heutzutage ein enormes Interesse – eben besonders durch die Medien – und gibt uns als ‚Wikingerforscher‘ ein breiteres Publikum, als es die Kollegen haben, die zu anderen Epochen forschen. Gleichzeitig hat aber auch fast jeder Mensch ein Bild ‚der Wikinger‘ im Kopf, was aufgrund der medialen Darstellung oftmals nur äußerst wenig mit der historischen Realität zu tun hat. Und nicht jeder findet es gut, lieb gewonnene Klischees aufzugeben.

Was war für Sie die bedeutendste Erkenntnis auf dem Gebiet der Wikinger-Forschung in den letzten Jahren?
Wenn ich pauschal eine Entdeckung nennen sollte, dann wäre das sicherlich das Kriegerinnengrab von Birka. Generell denke ich aber, dass wir in den letzten Jahren durch den zunehmenden Einsatz von immer weiter verbesserten naturwissenschaftlichen Methoden – Isotopenanalysen, die Rückschlüsse auf Ernährungsgewohnheiten, Mobilität und Herkunft von Individuen erlauben, DNA-Analysen, Georadar – aber auch durch neue Fragestellungen und den Einbezug von kulturwissenschaftlichen Theorien rund um Identität, Gender oder Materialität eine Fülle von neuen Perspektiven auf die Wikingerzeit erhalten haben, die einzeln vielleicht nicht immer überwältigend spektakulär sind, aber in der Gesamtheit unser Verständnis dieser enorm spannenden und vielfältigen kulturellen Epoche doch drastisch verändert haben.

Vielen lieben Dank, dass Sie sich für die Beantwortung der Fragen Zeit genommen haben.




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Kommentare:

  1. Fernsehserien wie Vikings haben definitiv einen negativen Einfluss auf die Darsteller-Qualität. Andererseits machen sie viele Menschen neugierig auf mehr. Eine zwiespältige Angelegenheit also.
    QX

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  2. Apropos Haarschnitte: Vielleicht sollten sich die Zuständigen von "Vikings" und "Last Kingdom" lieber an Herrn Toplak orientieren, und nicht an "Herr der Ringe" ;o)

    Frohe Weihnachten!

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    1. Am Haarschnitt erkennt man wie sehr ihm das Thema Wikinger am Herzen liegt. Ist doch sympathisch, wenn man so für eine Sache brennt!
      :-)

      Guinevere

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  3. Hallo, ich möchte darauf hinweisen, dass typisch männliche Beigaben in Frauengräbern auch eine umgekehrte Entsprechung besitzen: Weibliche Beigaben wie Kochlöffel oder Spinnwirteln in Männergräbern.
    Darüber spricht man in der Öffentlichkeit interessantewrweise kaum.
    Schöne Weihnachtsgrüße aus der Obersteiermark,
    Felix

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    1. Matthias Toplak hat auf seiner Website zu diesem Thema übrigens etwas geschrieben: http://drtoplak.schwedentod.de/?p=608

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  4. "Wir müssen dieses von Mönchen überlieferte Bild der Wikinger als unzivilisierte, barbarische Unholde und Gewalttäter also mit gebotener quellenkritischer Vorsicht lesen. Heute würden wir die Berichte wohl unter Propaganda oder fake news ablegen."

    Von Fake News könnte man sprechen, wenn die Berichte komplett frei erfunden gewesen wären - wofür es in der Regel keine Belege gibt (sehr wohl aber oft archäologische Brandschichten, die für den hohen Wahrheitsgehalt bürgen).
    Der Umstand, dass die Mönche in ihren Berichten über das Morden von einfallenden Wikingerhorden nicht immer auch erwähnt haben, dass nicht alle Wikinger dermaßen böse waren, kann man ihnen schlecht zum Vorwurf machen. Politisch korrekte Relativierungsmaßnahmen, wie sie z.B. Terroranschläge in unserer Gegenwart regelmäßig nach sich ziehen, gab es damals eben noch nicht. Außerdem wird man sich der Tatsache bewusst gewesen sein, dass der rabiate Anteil der Wikingergesellschaft nicht zu seinen Untaten fähig gewesen wäre, wenn es dafür keinen Rückhalt und keine Anerkennung unter den "harmlosen" Landsleuten zuhause gegeben hätte. Von einer Friedensbewegung in Skandinavien, die zur Mäßigung aufgerufen hätte, ist mir jedenfalls nichts bekannt.

    Es ist kaum zutreffend, dass kirchliche Chronisten die Angriffe auf nicht-kirchliche Ziele unter den Tisch haben fallen lassen. Das vom Blogmaster am Ende des Interviews verlinkte Beispiel zeigt, dass der vielleicht älteste schriftlich dokumentierte Wikingerüberfall kein kirchliches Ziel betroffen hat. In der Angelsachsenchronik findet sich noch einiges mehr.


    "Wir müssen aber eben aufpassen, dass wir keine modernen Maßstäbe anlegen oder das Ganze zu sehr ideologisch aufladen."

    Das ist eine vernünftige Einstellung, die aber leider von immer weniger Archäologen und Historikern befolgt wird. Durch die hier vor einigen Wochen kritisierte Berner Erklärung, die politisches Engagement von Archäologen geradezu einfordert, wird sich die Situation, befürchte ich, noch gehörig verschärfen.

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  5. Wirklich interessant, danke für das Interview. Dieses Themengebiet beinhaltet eben doch mehr als das ewig gleiche Einerlei.

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  6. Als langjähriger LH-Darsteller, der selbst schon Medien beraten hat, muss ich die Unbelehrbarkeit und das Unverständnis von Filmemachern leider voll bestätigen.

    Beispiel: Für eine Dokumentation des ZDF habe ich aus meinem "Arsenal" einige sehr authentische germanische Waffen (1. Jahrhundert) leihweise zur Verfügung gestellt. Anstatt aber diese zu verwenden, hat sich der Regisseur kurzfristig für Waffen aus dem Fundus der Produktionsfirma entschieden. Die waren zwar um 1000 Jahre zu jung und von allerbilligster Machart, das hat aber den Regisseur nicht interessiert. Er fand nämlich, dass die einfach "böser aussehen". Aus demselben Grund wollte er auch, dass die Schauspieler ihre Schwerter nicht in einer Schwertscheide am Gürtel tragen, sondern sie sich ohne Schwertscheide unter den Gürtel schieben. Weil blanker Stahl sieht angeblich gefährlicher aus.

    Man muss sich das einmal vor Augen halten: Solchen ignoranten Deppen überlässt man den Bildungsauftrag im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Und man bezahlt sie auch noch mit unserem Geld.

    Der Wanderschmied

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    1. Für mich hilft Fernsehen und Film zur Sparte Theater zu zählen. Ähnlich ging es mir als ich ein 2 Euro-Stück auf einem Mittelaltermarkt wechseln wollte:"LASS MICH DEN SILBERLING SPALTEN, EDELER HERR!" Ich war fassungslos. Mit dem Matra "Alles Theater -alles Pappe" geht es. Ausprobieren. Hilft wirklich.
      HiltiboldFan

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  7. Ich finde es gut, dass Matthias Toplak die Hilfe und das Wissen von Laien lobt und so zu schätzen weiß, so denkt nämlich nicht jeder Archi. Viele Grüße und schöne Feiertage.

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  8. Ob jemand Krieger bzw. Kriegerin war, lässt sich weniger an Beigaben festmachen, sondern mehr am Körperbau. Zu nennen sind hier etwa ausgeprägte Muskelansätze an den Knochen. Man darf dabei nicht vergessen, dass auch nicht jeder Mann mit beigegebenen Waffen die körperlichen Voraussetzungen für einen echten Krieger erfüllt hat. So wie ja auch nicht heute jeder Mann das Zeug dazu hat, wobei die Untauglichkeit heute bestimmt noch weiter verbreitet ist als in der Wikingerzeit.

    Karl0

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  9. Wie so vieles in der Archäologie ist auch das Thema "Kriegerin" Ansichtssache. Ich bin aber gespannt, was die Forschung dazu in den nächsten Jahren noch zutage fördert. Jetzt, nachdem man das Thema auf dem Schirm hat, wird man sicher genauer bei der Analyse von Bestattungen hinsehen.
    LG Ludwig

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  10. Gutes Interview, danke dafür!
    LG,
    Martina

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  11. Es gab dam mal in den 1960ern einen Bekannten Wikingerfilm mit Kirk Douglas. Die Kostüme waren aus wissenschaftlicher Sicht total übel, aber selbst 60 Jahre später hat sich bei der Qualität eigentlich nichts getan. Wenn ich mir angucke, wie z.B. bei Vikings herumgelaufen wird, dann würde ich mir am liebsten die Augen ausstechen.
    Wikingerdarsteller aus NRW

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