Montag, 13. April 2020

đź“– Buch: Rhetorica ad Herennium

Sprache als Manipulationsinstrument

"Ausgehend von den Tatsachen selbst werden wir den Zuhörer wohlwollend stimmen, wenn wir unsere eigene Sache lobend hervorheben und die unserer Gegner durch Geringschätzung herabsetzen."

Kennern der uns überlieferten römischen Gerichtsreden wird sofort auffallen: Dieser Satz aus dem über 2000 Jahre alten Werk "Rhetorica ad Herennium" war im antiken Rom ein zentraler Aspekt der Redekunst. Und er hat seine Bedeutung bis heute bewahrt - unzählige Politiker aller Couleur belegen das unerfreulicherweise Tag für Tag.
Freilich, ein solcher Ratschlag mag andererseits auch wie ein leicht zu durchschauender Trick bzw. eine Binsenweisheit anmuten; doch kommt es dabei nicht zuletzt auf eine möglichst geschickte Anwendung in der Praxis an. Was es eben - in Kombination mit weiteren Aspekten der Rhetorik - zu erlernen galt. Diesem Zweck dienten Leitfäden wie die "Rhetorica ad Herennium".

Besonders zur Zeit der Römischen Republik, aber auch davor in den freien Stadtstaaten Griechenlands, als sich noch nicht der erstickende Mantel der Monarchie über das politische Leben gelegt hatte, war es für Karriere-Politiker von großer Bedeutung, die Sympathien der Massen durch geschickt formulierte Reden für sich zu gewinnen. Sei es vor der Voksversammlung auf dem Forum, im Senat oder im Rahmen aufsehenerregender Gerichtsverhandlungen. Dementsprechend gehörte die Rhetorikausbildung für jenen Teil der (männlichen) Oberschicht, der sich am politischen Leben beteiligen wollte, zum Pflichtprogramm. Sie war der dritte und letzte Teil des römischen Bildungswegs und schloss sich an den Elementar- und den Grammatikunterricht an. Der junge Cicero ist sogar zur weit entfernten Insel Rhodos gereist, um dort seine Sprachfertigkeit bei einem berühmten Lehrer zu verbessern. Cicero war es auch, den man lange Zeit für den Autor des vorliegenden Buchs hielt. Doch von dieser Annahme kam die Forschung ab, ebenso davon, dass es ein gewisser Cornificius geschrieben haben soll. Kurz gesagt: Man tappt hier im Dunklen. Hinsichtlich der Datierung ist man sich hingegen relativ sicher: 86-82 v. Chr. Womit die "Rhetorica ad Herennium" in einer der wildesten und aufregendsten Phasen der Römischen Republik entstand, als die Wortwahl einem Mann das Leben retten oder den Tod bringen konnten. Die im Titel enthaltene Widmung, die einem gewissen (Gaius) Herennius gilt (wohl ein Schüler des Autors), ist wiederum etwas rätselhaft. Denn welcher Herennius damit genau gemeint ist, lässt sich nicht mehr zweifelsfrei feststellen.

Das Deutsch der vorliegenden zweisprachigen Ausgabe ist modern und allgemein verständlich. Verantwortlich dafür zeichnet der Altphilologe Thierry Hirsch. Im Anhang findet man neben vielen erklärenden Anmerkungen (Endnoten) auch einen ausgezeichneten und hilfreichen Überblick zum Aufbau und der Struktur des Werks.

Fazit: Unterm Strich tut das Werk "Rhetorica ad Herennium" genau das, wozu es gedacht ist: Es gibt Ratschläge zwecks Verbesserung der Redekunst. Ich persönlich hatte mir aber auf Grundlage der vom Verlag vorab herausgegebenen Informationen mehr bzw. ausfĂĽhrlichere Praxisbeispiele erwartet, die einen tieferen Einblick in z.B. das Prozedere bzw. den Alltag römischer Gerichte geben - wo es  bekanntlich auĂźerordentlich chaotisch zugehen konnte.


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