Freitag, 9. Oktober 2020

📖 Buch: Amtliche Schreiben / Relationes

Einblicke in eine Zeit des Umbruchs

Quintus Aurelius Symmachus wurde als Sohn eines Senators im Jahr 340 n. Chr. geboren. Es war eine unruhige  Zeit, in der die christliche Religion aufgrund ihrer Vereinnahmung durch die Herrscher des geteilten Römischen Reichs spĂŒrbar an Einfluss gewann und zunehmend unduldsam gegenĂŒber den alten Göttern und ihren Verehrern auftrat. Symmachus - und wahrscheinlich die Mehrheit des römischen Senats - waren noch keine Christen, sondern hielten an den alten Traditionen fest. Mehr noch, sie sahen in einer Restauration der einstigen Kulte und GebrĂ€uche die Möglichkeit, den Verfall des Reichs aufzuhalten.

Symmachus, dem ein außerordentliches rhetorisches Geschick nachgesagt wurde, machte eine politische Bilderbuchkarriere. Sie fĂŒhrte ihn bis zum prestigetrĂ€chtigen Amt des Konsuls und bescherte ihm die Verleihung des Ehrentitels princeps senatus. FĂŒr die Nachwelt am interessantesten ist aber seine Zeit als StadtprĂ€fekt Roms; ein Amt, das ihn zum direkten Stellvertreter der lĂ€ngst anderenorts residierenden Kaiser machte und entsprechend mit umfangreichen Befugnissen ausstattete. Damals verfasste Symmachus diverse amtliche Schreiben bzw. Berichte (relationes) und schickte diese an den fĂŒr die Stadt Rom direkt zustĂ€ndigen Herrscher - manchmal gleichzeitig auch an dessen Kollegen. In diesen Berichten geht es vor allem um Fragen der Rechts- und Verwaltungspraxis. So wird etwa ein BrĂŒckenbauskandal behandelt; dabei erfĂ€hrt man mancherlei interessante Details, etwa dass bei den Ermittlungen ein Berufstaucher bzw. urinator (😄) befragt worden ist. In anderen FĂ€lle geht es um Erbstreitigkeiten oder die Versuche hochgestellter Persönlichkeiten, sich vor Steuern, Abgaben und Gerichtsprozessen zu drĂŒcken. Symmachus musste sich sogar mit einer fĂŒr ihn als StadtprĂ€fekten bereitgestellten 'Protzkarre' herumschlagen (Karre stammt ĂŒbrigens vom lateinischen Wort carruca = schwerer Reisewagen), die ĂŒber und ĂŒber mit Silber verziert gewesen ist; nachdem dieser Wagen auf Befehl des neuen Kaisers wieder abgeschafft wurde, forderten jene BĂŒrger, die einst zwangsweise dafĂŒr hatten aufkommen mĂŒssen, ihren Anteil am Silber zurĂŒck.
Eine Sonderstellung nimmt die relatio Nr. 3 ein, welche die mit Abstand bekannteste von allen ist. In ihr setzt sich Symmachus wortgewaltig (aber vergeblich) fĂŒr das Wiederaufstellen des Altars der Siegesgöttin Victoria im SenatsgebĂ€ude Roms ein. Man hatte ihn zuvor aus religiösen GrĂŒnden bzw. auf Betreiben christlicher Kreise entfernt. Symmachus' Gegenspieler dabei war der zu den sogenannten KirchenvĂ€tern zĂ€hlende Bischof Ambrosius von Mailand, sodass der Disput auch in die christliche Überlieferung einging.

Damit es dem BuchkĂ€ufer möglich ist, den Inhalt der relationes sinnerfassend zu lesen, wurden die einzelnen Schreiben in einem Anhang kompetent und allgemein verstĂ€ndlich kommentiert. Leider hat der Verlag dort aber aus unerfindlichen GrĂŒnden die Schrift auf eine schon grenzwertige GrĂ¶ĂŸe verkleinert. Wollte man aus ökologischen GrĂŒnden Papier sparen? Oder war man einfach zu knausrig, dem Buch drei, vier Seiten mehr zu spendieren?

Die Übersetzung dieser zweisprachigen Ausgabe ist in zeitgemĂ€ĂŸem Deutsch verfasst; verantwortlich dafĂŒr war die Philologin Alexandra Forst. Von den 308 Seiten nimmt die Übersetzung ca zwei Drittel in Beschlag. Den Rest fĂŒllen die Einleitung mit einer Lebensbeschreibung des Autors und vor allem die nĂŒtzlichen EinzelerlĂ€uterungen der relationes im Anhang aus.


Fazit: Die "Amtlischen Schreiben" / "relationes" des Quintus Aurelius Symmachus gewĂ€hren einen aspektreichen Einblick in das spĂ€tantike, von religiöser und gesellschaftlicher Unruhe geprĂ€gte Rom. Eine nĂŒtzliche Quelle fĂŒr all jene, die an der damaligen Zeit ein tiefergehendes Interesse haben.

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1 Kommentar:

  1. In meiner Jugend bin ich oft am Baggersee mit dem Schnorchel "urinieren" gewesen. ;-)

    Gero

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