Mittwoch, 5. Mai 2021

📖 Buch: Das Heer des Maximinus Thrax: Die römische Armee des 3. Jahrhunderts n. Chr.

Kaiser Maximinus Thrax (Maximinus = der große Kleine = Emporkömmling; Thrax = der Thraker) steht mit seiner gewaltsamen Machtergreifung am Beginn der Ära der sogenannten Soldatenkaiser, die nach dem Ende der Severer-Dynastie im frĂŒhen dritten Jahrhundert fĂŒr ca. fĂŒnf Jahrzehnte Rom ihren Stempel aufdrĂŒckten. Dieser Zeitraum wird im vorliegenden Buch von Jan Eschbach (Autor) und Stefano Borin (Zeichner) in militĂ€rischer Hinsicht betrachtet.
Weil allerdings die sich z.T. wandelnden Charakteristika des MilitĂ€rs oft in engem Zusammenhang mit der unruhigen geopolitischen Situation im 3. Jahrhundert stehen, wird dem Leser hier auch so manches ĂŒber die zunehmend schwierigen Lage geschildert, in die Rom dazumal schlitterte; als nĂ€mlich die Germanen im Nordosten und die Parther/Sassaniden im SĂŒdosten gleichzeitig in einer bis dahin kaum gekannten Heftigkeit einen Großangriff nach dem anderen starteten, wĂ€hrend im Reichsinneren MachtkĂ€mpfe tobten, in denen das von Usurpatoren mit finanziellen Zuwendungen bedachte Heer lĂ€ngst eine entscheidendere Rolle als der Senat in Rom spielte. Ein Umstand, der einerseits zu einer gesellschaftlichen Aufwertung des Soldatenberufs fĂŒhrte, andererseits aber zunehmend negative Auswirkungen auf den Staatshaushalt und somit auf die FunktionsfĂ€higkeit des Staates insgesamt hatte. Diese hier verstĂ€rkt einsetzende Entwicklung dĂŒrfte dann in der SpĂ€tantike einer der GrĂŒnde fĂŒr den Zusammenbruch des Römischen Reichs gewesen sein (so wie ja absurd hohe MilitĂ€rausgaben viel spĂ€ter auch die Sowjetunion endgĂŒltig ruinierten). 

Besonderes Augenmerk widmet Jan Eschbach dem sogenannten Harzhornereignis; also einer Schlacht zwischen Römern und Germanen zur Zeit von Maximinus Thrax, deren Austragungsort man seit 2008 archĂ€ologisch untersucht. Diese ursprĂŒnglich in Vergessenheit geratene Auseinandersetzung war es auch, welche das Interesse an der römischen Armee des 3. Jahrhunderts jĂŒngst bei Forschern und Laien anregte.
Die beiden Hauptschwerpunkte des Buchs sind allerdings die AusrĂŒstung der LegionĂ€re und Hilfstruppenangehörigen sowie die Organisation des Heeres. Wer hĂ€tte etwa gedacht, dass bis zu 70 % der von ihrem Namen her als reine Infanteriekohorten gefĂŒhrten Einheiten in Wirklichkeit teilberitten gewesen sein könnten? Interessant ist ebenfalls, dass laut zeitgenössischen Quellen rote Tuniken als Tapferkeitsauszeichnungen verliehen wurden. Und welcher Römerbegeisterte weiß schon, dass z.B der berĂŒhmt-berĂŒchtigte Knotenstock der Centurionen - die vitis - sich im frĂŒhen dritten Jahrhundert zu einem geraden Stock mit einem halbkugeligen Knauf wandelte (Ă€hnliches gibt es heute noch in der britischen Armee)? 
Solche und Àhnliche Details machen das Buch in meinen Augen besonders interessant; zu oft wurde nÀmlich von den Autoren Àhnlicher Publikationen der Aspekt vernachlÀssigt, dass sich die römische Armee im Laufe der Zeit in manchen Bereichen deutlich wandelte. Wobei zu sagen ist, dass es meines Wissens im deutschsprachigen Raum bisher kein vergleichbar umfangreiches militÀrhistorisches Römer-Buch zum Zeitraum des 3. Jahrhunderts gibt.

Da der rund 160 Seiten umfassende Inhalt gut strukturiert ist, kann sich der Leser - wenn er z.B. an der politischen und militĂ€rstrategischen Situation im 3. Jahrhundert kein großes Interesse hat - leicht die stattdessen bevorzugten Themen/Kapitel herauspicken; wie z.B. Helme, Feldzeichen, Artillerie und Tross, Halsbergen, BogenschĂŒtzen und Schleuderer, Bekleidung, Schwerter usw. 
Nicht jede Aussage des Autors wird hier auf ungeteilte Zustimmung stoßen - etwa dass Maskenhelme bei der Reiterei neben Paraden auch im Kampf getragen wurden. Doch solche kleineren Streitpunkte sind eben in der notorisch unprĂ€zisen Geschichtswissenschaft unvermeidbar. Ich persönlich kann jedenfalls damit leben, dass man hier nicht den Platz gefunden hat, dergleichen immer nĂ€her zu erörtern. 

Das Buch enthĂ€lt keine Fotos, sondern die vielen Illustrationen bestehen ausschließlich aus aufwendigen, meist großformatigen Farbzeichnungen. Ihre kĂŒnstlerische QualitĂ€t ist durchaus gut, von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen, die mir weniger gefallen haben (besonders die Schlachtenszene auf den Seiten 60 bis 61 wirkt mir zu grob und zu hölzern).
Wirklich gefreut hat mich, dass sich unter den großzĂŒgig mit archĂ€ologischen Einzelquellen untermauerten grafischen Gesamtrekonstruktionen von SoldatenausrĂŒstungen auch echte Exoten befinden - wie etwa der Dromedarius einer römisch-palmyrischen Kohorte. So etwas sieht man sehr selten, obschon es doch entsprechende Belege fĂŒr Dromedare/Kamele in unseren Breiten gibt. Beispielsweise wurden auf dem GelĂ€nde der antiken Stadt Carnuntum (bei Wien) Überreste eines solchen Tieres entdeckt.

Verschiedene römische Schwertklingen und -Griffe | Foto: Hiltibold | Buchinhalt: (C) Zeughaus Verlag

Berittener BogenschĂŒtze aus der römischen Provinz Syria Osrhoene, der unter Severus Alexander an der Rheingrenze im Kampf gegen die Germanen dient | Foto: Hiltibold | Buchinhalt: (C) Zeughaus Verlag


FAZIT: "Das Heer des Maximinus Thrax" ist ein allgemein verstĂ€ndlich geschriebenes, reichhaltig illustriertes Buch mit hohem Informationsgehalt. Der Autor betont zwar, dass er nicht den Anspruch erhebt, die römische Armee des 3. Jahrhunderts bis ins letzte Detail erschöpfend dargestellt zu haben, doch nichtsdestotrotz erhĂ€lt der Leser einen ausgezeichneten Überblick zu diesem Themenkomplex. Ich konnte hier einiges dazulernen, obwohl ich mich mit dem römischen MilitĂ€r schon seit etlichen Jahren beschĂ€ftige. Wobei anzumerken ist, dass das Buch durchaus auch Personen ans Herz gelegt werden kann, die ĂŒber kein einschlĂ€giges Vorwissen verfĂŒgen - z.B angehenden Reenactors.


PPS: Ein Rezensent hat sich auf Amazon (inkl. Beweisfotos) darĂŒber geĂ€rgert, dass das Buch beschĂ€digt bei ihm ankam. Ja, das ist mir in der Vergangenheit mit  zwei Softcover-BĂŒcher vom Zeughaus Verlag auch schon passiert. So etwas ist Ă€rgerlich, liegt aber wohl vor allem in der Verantwortung von Amazon (obschon der Verlag bei 40 Euro Kaufpreis meiner Meinung nach einen robusten Festeinband hĂ€tte spendieren können). Dass bei dem Versand-Moloch BĂŒcher oft unzureichend verpackt werden (z.B. fliegen sie gerne mal in zu großen Schachteln mit zu wenig FĂŒllmaterial herum) ist schließlich ein altes Problem. Aber Herr Bezos ist eben nicht zufĂ€llig stinkreich geworden. WĂŒrde er in eine adĂ€quate Verpackung Geld investieren, dann könnte er sich z.B. keine Zeitung kaufen, um diese in seine persönliche Propagandaposaune umzufunktionieren. Doch halt, ich schweife ab ...

—————–

WeiterfĂŒhrende Informationen:

Meien Rezensionen von BĂŒchern aus dieser Reihe

8 Kommentare:

  1. Jetzt fehlt mir in dieser Reihe eigentlich nur noch ein Band ĂŒber das römische Heer der spĂ€ten Republik.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. So etwas wÀre auch mir sehr willkommen.

      Löschen
    2. Dazu gibt es von anderen Verlagen mehrere Ă€hnlich gestrickte BĂŒcher. Allerdings kann ich nichts ĂŒber die QualitĂ€t sagen, die Originale stammen alle von englischsprachigen Autoren.

      Löschen
  2. "Diese hier verstĂ€rkt einsetzende Entwicklung dĂŒrfte dann in der SpĂ€tantike einer der GrĂŒnde fĂŒr den Zusammenbruch des Römischen Reichs gewesen sein"

    Wie eine Schallplatte mit Sprung verweise ich an dieser (und Ă€hnlicher) Stelle immer gerne wieder auf Max Weber und seinen hervorragenden Vortrag/ Aufsatz „Die sozialen GrĂŒnde des Untergangs der antiken Kultur“.
    Darin wird der Niedergang der Geldwirtschaft mit Übergang in die (feudale) Naturalwirtschaft recht anschaulich beschrieben. Auch drĂ€ngt die LektĂŒre die Vermutung auf, dass die GermanienzĂŒge noch die letzte Möglichkeit Roms waren, neue Sklaven zu beschaffen (und wohl Ă€hnlich einzuordnen sind, wie die frĂ€nkischen Sachsen- und ottonischen SlawenfeldzĂŒge).

    PS: Wenn am Harzhorn so viele römische SandalennĂ€gel gefunden wurden - war das Schuhwerk schlicht verloren gegangen? Oder gibt es sonst plausible ErklĂ€rungen fĂŒr die recht umfangreichen Funde? Etwa in Richtung "unbestattete römische Gefallene"? (Die Funde, auch im sĂŒdlichen Dögerode, sind ja auch nur das, was nach Abzug der Römer nicht aufgesammelt und wiederverwertet wurde. Auch halte ich Herodians Schilderung Maximinus' heldenhaften und siegreichen Kampfes fĂŒr in etwa so glaubwĂŒrdig, wie CĂ€sars Eigenlob ĂŒber seine heldenhafte Rolle in erster Reihe im KampfgetĂŒmmel vor Alesia...)


    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Gerade bei dem Ereignis am Harzhorn - man beachte wie der Begriff Schlacht vermieden wird - ist noch sehr viel ungereimt. Ich habe das nicht extra in der Rezension erwĂ€hnt, aber die Quellen, auf deren Grundlage man den Verlauf des Kampfes rekonstruiert, sind ziemlich dĂŒrftig (höflich formuliert). Hier ist mehr "Fantasy" mit im Spiel, als ich noch verdauen kann.

      Löschen
    2. "Alesia"

      Um Majestix zu zitieren: Alesia? Ich kenne kein Alesia!
      ;)

      Löschen
  3. Wird auch die Flotte behandelt? Z.b. die Flussschiffe am "nassen Limes"?

    AntwortenLöschen

Kommentare werden entweder automatisch oder von mir manuell freigeschalten - abhÀngig von der gerade herrschenden Spam-Situation und wie es um meine Zeit bestellt ist.