Mittwoch, 12. Oktober 2022

đŸ„• Kurios: Warum der Philosoph Seneca Vegetarier wurde


Vegetarismus und seine Steigerungsform, der Veganismus, werden im Westen heute mehr denn je als Philosophien propagiert, die das u.a. durch Massenhaltung verursachte Tierleid verhindern sollen. Es ist allerdings nicht immer klar erkennbar, wo hierbei die wahrhaft ethischen BeweggrĂŒnde enden und die fundamentalistische Ersatzreligion beginnt, mit der sich Narzissten moralisch ĂŒber ihre Mitmenschen erheben wollen. Vieles liegt bei der Beurteilung schlicht im Auge des Betrachters. So etwa, ob Honig "Bienenkotze" ist, die der Mensch den Bienen stiehlt.
In der Antike war die Thematik freilich noch komplizierter. Denn damals flossen neben den ethischen Überlegungen auch religiöse mit ein. Das veranschaulicht der römische Politiker und Philosoph Seneca mit einer Anekdote aus seinem Leben.

Nachdem Sotion (Senecas Lehrer) diese ErlĂ€uterungen gegeben und mit eigenen Argumenten bereichert hat, sagte er: "Glaubst du nicht, dass die Seelen immer wieder anderen Körpern zugeteilt werden und der Tod nur eine Art Wanderung ist? Glaubst du nicht, dass im Vieh und in den wilden Tieren oder denen, die im Wasser leben, eine Seele wohnt, die einmal einem Menschen gehört hat? Glaubst du nicht, dass auf dieser Erde nichts vergeht, sondern nur seinen Platz wechselt? Falls es wirklich so ist, beweist du Rechtschaffenheit, wenn du auf tierische Nahrung verzichtest, falls nicht, immerhin noch GenĂŒgsamkeit. Welchen Schaden kann deine LeichtglĂ€ubigkeit schon anrichten? Ich nehme dir ja nur Löwen und Geier als Nahrungsmittel weg."
Von diesen Worten begeistert, begann ich auf tierische Kost zu verzichten. Ein Jahr spĂ€ter hatte ich mich daran nicht nur gewöhnt, sondern fand daran sogar Gefallen. Ich glaubte, geistig lebhafter geworden zu sein, möchte dir heute aber nicht mehr bestĂ€tigen, ob es wirklich so war. Du fragst, warum ich damit wieder aufgehört habe? Meine Jugend war in die Regierungszeit von Kaiser Tiberius gefallen. Damals wurden alle Fremden Sitten und GebrĂ€uche verbannt und auch der Verzicht auf den Genuss des Fleisches mancher Tiere galt als Zeichen des Aberglaubens. Auf die Bitte meines Vaters hin, der zwar nicht eine falsche Anklage fĂŒrchtete, aber die Philosophie hasste, kehrte ich zu meinen ehemaligen ErnĂ€hrungsgewohnheiten zurĂŒck. Es fiel ihm nicht schwer, mich dafĂŒr zu gewinnen, wieder besser zu essen.
Seneca | Epistulae Morales 108.20-22 | in "Celsus und die antike Wissenschaft, S65 | N. Holzberg, B. Zimmermann, De Gruyter, 2017

Seneca fiel es also nicht schwer, sich vom Vegetarismus zu verabschieden. Interessant ist auch die Andeutung, dass die positiven Auswirkungen der vegetarischen ErnÀhrung auf seinen Geist möglicherweise nur Einbildung waren. Etwas, dass auch manch heutiger Verfechter pflanzlicher ErnÀhrung in ErwÀgung ziehen sollte. Die Macht der Autosuggestion hat beim Menschen in den letzten 2000 Jahren ja gewiss nicht nachgelassen.

Eine Bemerkung am Rande: Tiberius' rabiate Verbote hinsichtlich fremdlĂ€ndischer Sitten und GebrĂ€uche zeigen - neben vielen Ă€hnlichen ĂŒberlieferten Beispielen - wieder einmal, dass die heute von Historikern so gerne betonte "Toleranz" der Römer pauschalisierender Unsinn ist. So wie es auch nachweislich Unsinn ist, dass im Römischen Reich die Menschen unterschiedlicher Kulturen und Religionen immer brav nebeneinander lebten. Diese eigentlich leicht widerlegbaren Narrative werden meiner Beobachtung nach umso eifriger perpetuiert, je stĂ€rker Probleme mit fremdlĂ€ndischen EinflĂŒssen in unserer Gegenwart gesellschaftspolitisch virulent werden.
Es ist freilich ein seit jeher gerne gelebter Brauch bei Historikern, in der weit zurĂŒckliegenden Vergangenheit auf Teufel komm raus Lösungen fĂŒr die Probleme der Gegenwart finden zu wollen. Oder die Probleme der Gegenwart mit Verweis auf die Vergangenheit vom Tisch zu wischen. So nach dem oft heimtĂŒckisch im Subtext verborgenen Motto: Seht her, damals hat's ja auch funktioniert, warum also nicht heute? Stellts euch halt nicht so an. Wenn dann diese Vergangenheit allerdings nicht so recht zum beabsichtigten Narrativ passt, dann wird sie einfach passend gemacht. Mit seriöser Wissenschaft hat das nichts mehr zu tun. Aber ein Übermaß an SeriositĂ€t bzw. ObjektivitĂ€t musste sich die Mainstream-Geschichtsforschung, diese Stichwortgeberin fĂŒr Politiker und Ideologen, sowieso noch nie nachsagen lassen. Sie ist und bleibt halt ein Laberfach. Unterhaltsam und bisweilen interessant zwar, aber ansonsten nur unwesentlich weit vor der Astrologie rangierend. 

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5 Kommentare:

  1. Also ich bin ja auch Vegetarier, abgesehen von ganz wenigen Ausnahmen, wenn mal bei Freunden gegrillt wird ;-) Aber dass ich mich wegen der vegetarischen ErnĂ€hrungsweise körperlich besser oder geistig fitter fĂŒhle, muss ich klar verneinen. FĂŒr mich ist es eine Ethikfrage, wegen dem von dir erwĂ€hnten Tierleid. Ich bin aber grundsĂ€tzlich der Meinung, dass jeder selbst entscheiden muss, von was er sich ernĂ€hrt. Staatliche Bevormundungsversuche wie einen Veggiday lehne ich total ab.
    Karl0

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  2. "auch der Verzicht auf den Genuss des Fleisches mancher Tiere galt als Zeichen des Aberglaubens"
    LĂ€sst sich das zeitlich eingrenzen? Könnte es sich um einen Versuch Tiberius' gehandelt haben, ein gewisses Zelotenproblem einzudĂ€mmen? Am Ende gar völlig unabhĂ€ngig von der Kreuzigung eines AufrĂŒhrers in JudĂ€a?
    (Das wÀren ca. 80 Jahre + x vor dem Diaspora-Aufstand, aber soetwas kommt ja nicht aus dem Nichts.)

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    1. Schwer zu sagen, Tiberius hat im Laufe seiner Regierungszeit verschiedene Maßnahmen dieser Art getroffen. Bekannt ist aber, dass er schon 19 n. Chr. gegen die Juden in der Stadt Rom vorgegangen sein soll. KultgegenstĂ€nde wurden verbrannt und Juden - obwohl vom MilitĂ€rdienst befreit - sind zwangsrekrutiert und in unlustige Provinzen verlegt worden. Die restlichen Juden hat man kollektiv aus der Stadt geworfen. Allerdings waren rund 20 Jahre spĂ€ter schon wieder so viele Juden in Rom, dass Kaiser Claudius erneut Maßnahmen gegen sie verhĂ€ngt hat: Zuerst ein Versammlungsverbot, dann, ein paar Jahre spĂ€ter, wieder kollektive Ausweisungen. Der Grund diesmal: Man hat sich innerhalb der jĂŒdischen Gemeinde permanent gezofft - Stichwort Judenchristen.

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  3. Ich habe so den Eindruck, dass sich die Juden in dieser Zeit keiner großen Beliebtheit erfreut haben. Weder im lateinischen Westen, noch im griechischen Osten, wo sie stĂ€ndig mit den Griechen zusammengekracht sind .
    Jominal

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    1. Entschuldige, dein Kommentar ist versehentlich gelöscht worden. Ich habe ihn wieder hergestellt.

      Zum Thema: Im Osten hatte das wohl auch sehr mit den Steuerprivilegien zu tun, die die Juden ursprĂŒnglich schon in hellenistischer Zeit als Anreiz fĂŒr das Ansiedeln in StĂ€dten wie Alexandria erhalten haben. Die Römer haben das Privileg, obwohl eigentlich kein Grund mehr dafĂŒr vorhanden war, bestehen lassen, wenigstens in Ägypten, soweit ich weiß. Die Griechen waren darĂŒber naturgemĂ€ĂŸ erbost, bedeutete es doch fĂŒr sie einen erheblichen Wettbewerbsnachteil. Aber es gab daneben selbstverstĂ€ndlich noch andere, nĂ€mlich kulturelle GrĂŒnde.

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