Samstag, 11. November 2023

📖 Comic-Rezension: Asterix - Die weiße Iris (eine anti-woke Retourkutsche?)



Vorbemerkung: Die Rezension enthält keine nennenswerten 'Spoiler', aber eine wohldosierte Portion Polemik.

Visusversus, oberster Medicus der Armee Caesars, wird nach Gallien entsandt, um dort mit psychologischen Tricks einerseits den an Feigheit leidenden Legionären neuen Mut einzuimpfen und andererseits die Feinde Roms, nämlich die Bewohner des unbeugsamen gallischen Dorfs, zu schwächen. 

Es ist nicht der beste aller Asterix-Bände, es ist nicht der schlechteste aller Asterix-Bände (danke, Charles Dickens, dass ich mir das ausborgen durfte 😁). Ganz neu ist die Grundidee jedenfalls nicht, wonach ein im Sold der Römer stehender Schlauberger das berühmt-berüchtigte gallische Dorf besucht, um dort Unfrieden zu stiften. Siehe z.B. "Der Seher" (Band 19) und "Das Geschenk des Caesar" (Band 21). 
Was im aktuellen Band - "Die weiße Iris" -  allerdings wirklich als neu und unterhaltsam bezeichnet werden kann ist der Umstand, dass sich Autor und Illustrator das gesamte Heft hindurch über aktuelle woke Narrative lustig machen. So kleben sich etwa Menschen in Lutetia (Paris) auf die Straße, um gegen die Abholzung des Karnutenwaldes zu demonstrieren. Worauf einer der im Stau stehenden Fuhrwerklenker verärgert die Frage aufwirft, wie er denn ohne das Holz aus dem Wald im Winter heizen soll?! In einer anderen Szene philosophieren die Mitglieder einer degenerierten Provinzhauptstadtschickeria über die Bedeutung von Installationskunst in Form eines Haufens von Legionärshelmen. Und dass die Bewohner des gallischen Dorfes dazu gebracht werden, nur noch Fisch und Körner zu essen, da Wildschwein die Aterien verstopfen würde, darf man getrost als Anspielung auf die moderne Ernährungsbevormundung veganer Aktivisten verstehen.

Möglicherweise handelt es sich bei all dem um eine Retourkutsche dafür, dass die Asterix-Geschichten seit Jahren aus den Kreisen politisch korrekter Geschmackslinienrichter immer wieder auf unsagbar dümmliche Weise attackiert werden; sei es wegen der zeichnerischen Darstellung von Schwarzen oder sei es weil man das auf Autonomie pochende Gallier-Dorf als ganz böse Antithese zur sogenannten "europäischen Integration" interpretiert. Ja, sogar eine Kolonialismusverharmlosung mit Täter-Opfer-Umkehr wollte der deutsche öffentlich-lächerliche Dummfunk den Asterix-Machern schon anhängen, weil bei ihnen nämlich die Gallier Opfer von römischem Kolonialismus sind; und dass ausgerechnet weiße Europäer als Kolonialismus-Opfer in Erscheinung treten, auch wenn es noch so historisch korrekt ist, geht ja schon einmal gar nicht. Zumindest nicht in den Augen von ideologiebesoffenen Sektierern, die es sich kuschelig in einem schwarz-weißen Weltbild eingerichtet haben und dabei ihre eigenen charakterlichen und intellektuellen Unzulänglichkeiten auf andere Menschen projizieren. Es heißt ja nicht zufällig: "Wie der Schelm denkt, so ist er!"
Kurz gesagt, anders als die Konkurrenz - siehe etwa Disney und Co. - will die vor etlichen Jahrzehnten von Goscinny und Uderzo erdachte Comic-Welt nicht aufhören, dem aktuell herrschenden Wokoharam-Zeitgeist Widerstand zu leisten. Da kann der akademisch-politische Komplex noch so sehr wie Rumpelstilzchen im Kreis hüpfen und seine mit Meucheltexten aufmunitionierten Kohorten medialer Attentäter losschicken.

Auch die aktuelle Asterix-Story geht natürlich gut aus. Wie könnte es auch anders sein? Bezeichnenderweise meint jedoch der Druide Miraculix am Ende von "Die weiße Iris" unheilschwanger, dass die (woke) Indoktrinierung, mit der man vergeblich die Gallier schwächen wollte, ja möglicherweise bei zukünftigen Generationen besser funktionieren wird ...


Eine Notiz zum Schluss: Jean-Yves Ferri, der Autor der letzten fünf Asterix-Bände, wurde von Fabcaro (Fabrice Caro) abgelöst. Ich frage mich, ob der anti-woke anmutende Unterton der Handlung sein ganz persönliches Anliegen war? Allerdings habe ich keinen Schimmer, wer alles bei der Entwicklung einer Asterix-Story mitreden darf, nachdem Goscinny und Uderzo leider nicht mehr unter uns weilen.

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Weiterführende Informationen:



3 Kommentare:

  1. Also nach langer Zeit wieder ein Asterix Comic, den man sich wirklich kaufen kann 👌.

    Gregarius

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  2. Sehr gute Kritik, perfekt auf den Punkt gebracht.

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