Ich bin an sich kein großer Anhänger von spektakulären Alternativ-Szenarien historischer Ereignisse; jedoch bleibe ich dem gegenüber grundsätzlich aufgeschlossen, sofern nach meiner Einschätzung Hand und Fuß vorhanden sind. Im Fall der Forschungsarbeit des Biogeografen und Experimentalarchäologen Dominique Görlitz ("ABORA)" ist das eindeutig der Fall. In gleich mehreren seiner aktuellen Videos (ich habe diese hier im Blog verlinkt), ging es um die Menschen der sogenannten Negade-Kultur, die angeblich als eingewanderte Wissensbringer im prädynastischen Ägypten auftraten; deren Spuren jedoch - laut Dominique Görlitz - bis in die Karibik zu finden sind; etwa in Form von sehr auffälligen Schiffsdarstellungen. Da im letzten der Görlitz-Videos dazu aufgerufen wurde, bei der Suche nach Negade-Hinweisen zu helfen, habe ich ein paar meiner archäologischen und kunstgeschichtlichen Bestimmungsbücher hervorgeholt und diese durchgeblättert. Dabei stieß ich tatsächlich auf mögliche Beispiele, aber nebenbei kam mir noch etwas völlig anderes unter; und zwar der Grundriss des Ovaltempels von Chafadschi (Irak) aus dem 3. Jahrtausend vor Christus, der mich an die mindestens 6000 Jahre ältere und wesentlich berühmtere Anlage von Göbekli Tepe (Türkei) erinnert (zum Vergrößern auf das Bild klicken).
Absolut denkbar dass die Ähnlichkeit mehr oder weniger Zufall ist. Oder handelt es sich beim Ovaltempel von Chafadschi möglicherweise um die Fortsetzung einer konkreten architektonisch-religiösen Praxis, die sich von der Steinzeit bis mindestens in die frühe Bronzezeit erhalten hat, zumindest aber diffus nachhallte? Mir kam dazu nämlich auch das hier besprochene Buch "Warum der Teufel nach Schwefel riecht (Die vulkanische Heimat der Hölle)" in den Sinn. Darin geht es ebenfalls um uralte religiöse Kontinuitäten in ungefähr dieser Weltgegend.
Ich bin kein Ur- und Frühgeschichtler, sondern mein Fokus liegt auf der Antike. Es ist mir daher zwar möglich, die architektonischen Elemente eines griechischen/römischen Tempels im Schlaf herunterzurattern, jedoch habe ich von Tuten und Blasen so gut wie keine Ahnung, wenn es um dermaßen alte Anlagen wie Göbekli Tepe und Chafadschi geht; eine kompetente Einordnung ist mir also nicht möglich. Ich habe das Ding daher durch mehrere LLMs gejagt. Allerdings ohne durchschlagende Ergebnisse. Den Pseudo-KIs ist nicht viel mehr dazu eingefallen, als ich bereits selbst gemutmaßt habe. Hier exemplarisch, was Googles Gemini ausgespuckt hat:
Die ovale Form: Die auffälligste Ähnlichkeit ist die Nutzung von konzentrischen Kreisen bzw. Ovalen. In Göbekli Tepe bilden Steinmauern und T-Pfeiler geschlossene Kreisanlagen, während Chafadschi zwei massive ovale Umfassungsmauern nutzt, um den heiligen Bezirk vom weltlichen Stadtgebiet zu trennen. * Abgrenzung des Heiligen: Beide Orte folgen dem Prinzip eines "Temenos" – eines abgesonderten Bereichs. Der Zugang war jeweils stark kontrolliert und diente vermutlich rituellen Zwecken, um das Profane vom Sakralen zu isolieren. (Anm.: Ich halte die schmalen und zum Teil 'nutzlos' wirkenden Außengänge für mindesten genauso auffällige Gemeinsamkeiten.) * Zentrum mit Fokus: In den Anlagen von Göbekli Tepe stehen im Zentrum zwei besonders große Pfeiler. Im Ovaltempel von Chafadschi bildet der eigentliche Hochtempel auf seiner Terrasse den zentralen Bezugspunkt. Es gibt im fruchtbaren Halbmond Fundstellen wie Tell Maghzaliyah oder Nemrik 9, die zeitlich und räumlich zwischen beiden liegen und bereits kreisförmige Steinbauten zeigen. Diese könnten als „Brückenglieder“ interpretiert werden, die zeigen, dass das Wissen um die sakrale Wirkung ovaler Räume nie ganz verloren ging. (Anm.: So weit würde ich hier nicht gehen; lediglich oval zu bauen, und dann nicht einmal in kultisch-religiösem Kontext, ist mir zu wenig.) Wir können eine Verbindung nicht beweisen, aber wir können sie aufgrund der phänomenalen Ähnlichkeit der Grundrisse auch nicht ausschließen. Hältst du es für wahrscheinlicher, dass es eine bewusste Tradition von Bauherren-Gilden gab, oder siehst du darin eher eine Art kollektives Gedächtnis für heilige Formen? |
Diese geschwätzigen LLMs. Ständig wollen sie den Nutzer verleiten, den Tratsch zu verlängern 😄. Dabei sollten die Unternehmen dahinter eigentlich froh sein, wenn nicht zu viele Tokens verbraten werden - ist doch das KI-Geschäft für die meisten der großen Player ein absurd großes Verlustgeschäft, das uns allen in absehbarer Zeit wohl um die Ohren fliegen wird, wenn die Blase platzt.
Aber abschließend noch einmal zurück zum eigentlichen Thema. Google Gemini schreibt "Wir können eine Verbindung nicht beweisen, aber wir können sie aufgrund der phänomenalen Ähnlichkeit der Grundrisse auch nicht ausschließen."
Genau so ist es: In der Archäologie ist der Logik-Fehlschluss vom "argumentum ad ignorantiam" (das Schließen von Nichtwissen auf Nichtexistenz) eine bekannte Falle, in die allerdings viele Archäologen und Historiker irgendwann im Laufe ihrer Karriere hineinpurzeln; aufgrund geistiger Unbeweglichkeit / ideologischer Vernageltheit oder schlicht aus niederen Beweggründen.
Mehr möchte ich an dieser Stelle zum Thema nicht schreiben. Ich wollte hier nur einen Gedanken in den Raum werfen, werde mir aber - davon ausgehend - das alles noch genauer ansehen; auch anhand weiterer archäologischer Beispiele. Falls sich daraus etwas Brauchbares ergibt, wird hier im Blog darüber berichtet.
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