Mittwoch, 10. Juli 2013

Das Römermuseum Flavia Solva - ein ernüchternder Eindruck

Vor einiger Zeit besuchte ich in der südsteirischen Gemeinde Wagna das Römermuseum Flavia Solva. Freilich, hier von einem "Museum" zu sprechen, ist etwas gewagt - aber dazu später mehr.

Flavia Solva war eine in der römischen Provinz Noricum gelegene Kleinstadt, die, darauf deutet bereits der erste Bestandteil des Namens hin, vom Kaisergeschlecht der Flavier gegründet bzw. zum Municipium erhoben wurde. Vergleichbar ist dies mit Köln, der Colonia Claudia (Ara Agrippinensium) = Claudische Kolonie, benannt nach Kaiser Claudius bzw. dem Geschlecht der Claudier.
Während Köln die stürmischen Jahrhunderte der Völkerwanderung mehr oder weniger gut überstand und im Mittelalter zu einer der größten Städte Europas aufstieg, fiel die kleine, von ihren Einwohnern verlassene Stadt Flavia Solva, der Vergessenheit anheim. 

Vor über 160 Jahren gelang es dem Steirer Richard Knabl, einem Spezialisten für antike Inschriften, die Überreste Flavia Solvas auf dem Gebiet der Gemeinde Wagna zu lokalisieren. Ein sicher nicht leichtes Unterfangen, denn die Stadt fand nur in einer einzigen literarischen Quelle der Antike Erwähnung, und zwar in der Naturalis Historia des Plinius. Auf der bekannten Tabula Peutingerina, ist sie hingegen nicht zu finden.
Im Laufe der Zeit wurden von Archäologen, neben den Überresten eines Amphitheaters, vor allem die Grundmauern sogenannter insulae freigelegt. Wobei in diesem speziellen Fall das gängige Bild der mehr oder weniger einheitlich gestalteten, bis zu sieben Stockwerke hohen Mietskasernen, nur bedingt zutrifft. Vielmehr waren die rechteckigen, vom Straßennetz begrenzten Grundstücke (die "Inseln"), recht individuell bebaut.

Viele Jahre lang waren große Teile der ergrabenen Mauern öffentlich zugänglich. Eines schönen Tages - wir hatten zufälligerweise eine Euro- und Finanzkrise - kamen einige Herrschaften jedoch zu der Erkenntnis, dass man sich den Erhalt der Anlage nicht mehr leisten könne; aus Flavia Solva, wurde sozusagen Flavia Insolva.
Es war davon die Rede, alles wieder mit Erde zuzuschütten, um zumindest auf diesem Weg das Mauerwerk vor dem endgültigen Zerbröseln zu bewahren. Das Geschrei, das daraufhin ausbrach - vor allem auf Gemeinde- und Bezirksebene - war vergleichsweise laut und fand sogar in internationalen Medien Wiederhall. Schlussendlich ließen sich die politischen "Entscheider" dazu überreden, noch einmal Geld locker zu machen; in Summe 400 000 Euro. Das mittelprächtige Ergebnis dieser Finanzspritze, soll hier kurz besprochen werden.


In einer von außen begehbaren Schauvitrine - sie ist Teil eines auf Stelzen stehenden Cafes -  kann der Interessierte zu jeder Tageszeit eine eher bescheidene Auswahl an archäologischen Exponaten besichtigen.
Leider spiegelte sich bei meinem Besuch das Tageslicht bzw. die Umgebung sehr stark im Glas. Dieser Umstand raubte der Sache bereits im Ansatz jegliches Vergnügen. Stattdessen stand ich dort mit zusammengekniffenen Augen und drückte mir an der Vitrine die Nase platt.

Von den römerzeitlichen Mauern, ist nur noch ein kümmerlicher Rest zu sehen. Der überwiegende Teil wurde - den ursprünglichen Plänen entsprechend - zugeschüttet.
Als ob das nicht schon schlimm genug wäre, markierte man auch noch jene Stellen, an denen sich die verborgenen Mauerzüge befinden, oberirdisch mit hässlichen, vor sich hinrostenden Stahlelementen (siehe diesbezüglich auch meinen Kurzbeitrag zum Museum von Kalkriese). Man wähnt sich aufgrund dieser baulichen Veränderungen mittlerweile nicht mehr an einem geschichtsträchtigen Ort, sondern vielmehr auf dem Gelände einer Industrieruine.



Das Hypokaustum (= Fußbodenheizung) wurde im Zuge der Umbauarbeiten mit einem Glasdach versehen.
In diesem spiegelte sich die Umgebung zwar nicht dermaßen stark, wie in der bereits erwähnten Vitrine, allerdings war es verstaubt, so dass man nicht gerade von einem ungetrübten Aus- bzw. Einblick sprechen kann.

Den Gesamteindruck rundete eine umfangreiche Ansammlung von Müll (und Unkraut) ab, für dessen Entfernung sich wohl niemand zuständig fühlte.
Zwischenzeitlich soll man sich allerdings daran gemacht haben, das Gelände zu reinigen.



Im Angesicht all dessen, ist es für mich wenig überraschend, dass sich bei meinem über einstündigen Aufenthalt auf dem Gelände, kein einziger weiterer Besucher zeigte. 
Trotz des Umstandes, dass kein Eintritt verlangt wird, dürfte es nur wenige Menschen geben, die aufgrund des Gebotenen nach Wagna fahren werden. Dabei würde es - zumindest im Hinblick auf das Lokalpublikum - schon viel nützen, wenn man die Vitrinen des Öfteren mit neuen Ausstellungsstücken versehen würde (z.B. vierteljährlich); die Magazine des Joanneums müssten doch bis zum Bersten mit einschlägigem Material gefüllt sein. 
Rekonstruierte Kleidungstücke und Ausrüstungsgegenstände, z.B. in Form eines provinzialrömischen Pärchens in seiner Tracht, würden sich in der Vitrine zweifellos auch gut machen und wären vor allem für junge Menschen anziehend. Man muss in Sachen Museumspädagogik schließlich mit der Zeit gehen - siehe das niederösterreichische Carnuntum. Dort hat man viel Geld in die Hand genommen und damit einen Publikumsmagneten geschaffen. Im Falle Falvia Solvas hingegen, führte die vergleichsweise bescheidene Finanzspritze zu einer ungesunden Schrumpfung und Verschlimmbesserung eines ohnehin recht kümmerlichen Angebots. Das ist sehr schade und es stellt sich mir die Frage, ob hier nicht 400 000 Euro weitestgehend sinnfrei verbrannt wurden.

Zum Abschluss aber noch etwas Positives:
Am 29. September 2013 wird eine "archäologische Wanderung" angeboten, die vom Römermuseum Flavia Solva auf den Frauenberg bei Leibnitz führen soll. Möglicherweise werde ich mich daran beteiligen und dann im Rahmen des Blogs davon berichten.
Veranstaltungen wie diese, können dem Museum jedenfalls nur gut tun!

Einige zusätzliche, hochauflösende Bilder meines Ausflugs, finden sich bei Flickr: Klick mich

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13 Kommentare

  1. Diese Stahlelemente scheinen eine Art intellektuelle Übung auf Kosten des Steuerzahlers darzustellen.
    Hier tritt die totale Ignoranz von Leuten zutage, die es verlenrnt haben, sich in einen normalen Museumsbesucher hineinzuversetzen.
    Z.B. einen Rentner, der sich, nachdem er 45 Jahre in der Fabrik geschuftet hat, zusammen mit seiner Frau ein wenig Kultur gönnen möchte.
    Und dann bekommt der gute Mann diesen überkandidelten Unsinn serviert.

    Der Hinweis auf Kalkriese trifft es punktgenau. Was man hier sieht, ist ein neuer Trend, der sich wie eine Seuche ausbreitet.
    Dem Besucher gefällt das zu Recht nicht.
    Was allerdings den Museumsbetreibern völlig egal zu sein scheint. Schließlich sind die Rückmeldungen die sie erhalten, in der Regel auf das eigene soziale bzw. sozial- und geisteswissenschaftliche Umfeld beschränkt. Und in diesen Kreisen wird man sich hüten, allzu negativ über diese "Installationen" zu urteilen, da man sich anderenfalls der Gefahr aussetzt, als Banause "gedisst" zu werden.

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    1. Ich darf anmerken, dass es durchaus (mir bekannte) Geisteswissenschaftler gibt, die von dem Gebotenen wenig begeistert sind.
      Bei den Sozialwissenschaftlern andererseits, muss ich passen ;)

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  2. Das Geld ist allem Anschein nach in erster Linie in das Cafe geflossen. Dabei ist das der letzte Grund, weswegen man die Reise zu einem Bodendenkmal unternimmt. Meinen Verlängerten bekomme ich überall.
    LG,
    Erwin

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    1. Tja, die Verantwortlichen haben sich wohl gedacht, Cafe und Museum könnten voneinander profitieren.
      Wenn das so ist, dann bestenfalls in homöopathischen Dosen. Jedenfalls wird es nicht ausreichen, um für einen nennenswerten Besucherstrom zu sorgen. Von den paar Gästen, die während meiner Anwesenheit im Cafe platz nahmen, hat sich keiner auf das Museumsgelände verirrt.

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  3. Grauenhaft! Da wäre ein ordentlicher Plan, ev. kombiniert mit eine Modell, sehr viel anschaulicher (und billiger) gewesen als rostende Eisenträger und zu pflegender Kies. Und für die Vitrinengestaltung ect. liesse sich sicher eine Uni zur Zusammenarbeit finden, viele Archäologiestudenten lernen Museumspädagogik nämlich in langweiligen Trockenübungen. Aber ohne ein Minimum an Verständnis für die Bedürfnisse der Besucher geht nun mal nichts...

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  4. Hallo!
    Das sieht wirklich grauslich aus. Wer soll so etwas sehen wollen? Ich bestimmt nicht - und das obwohl ich eigentlich eine eifrige Besucherin von Museen bin.
    Die 400000 € hätte man wirklich besser investieren können, z.B. in Stübing.
    Liebe Grüße
    Anna

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  5. Die optimale Ausleuchtung von Exponaten ist eine Kunst!
    Eine nur dem sich verändernden Tageslicht ausgesetzte Vitrine, ist da völlig unzureichend.
    Das sollten die Beteiber oder Planer eines Museums eigentlich wissen ......

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    1. Dem kann ich nur zustimmen.
      Die Ausleuchtung einfach Mutter Natur zu überlassen, war - im wahrsten Sinne des Wortes - nicht sehr "helle".

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  6. Gut, dass die Mängel endlich jemand angesprochen hat! Diese "Sanierung" ist wirklich eine Schande!
    Hier wurde einzig und alleine den unausgegorenen Wünschen und Vorstellungen der Lokalpolitiker entsprochen.

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  7. Auch ich habe mir das neue Römermuseum Flavia Solva angesehen und waren offen gestanden leicht schockiert, wie wenig von den ausgegrabenen Mauern noch zu sehen war. Zumindest die Vitrinen habe ich anfangs für eine gute Idee gehalten, aber es stimmt, richtig genießen kann man die Ausstellungsstücke aufgrund der Spiegelungen nicht. Wahrscheinlich kommt es darauf an, zu welcher Tageszeit und bei welchen Lichtverhältnissen man dort ist, doch kann es Sinn und Zweck sein, dass ich einen Museumsbesuch danach ausrichten muss?
    LG,
    Erwin

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    1. Die Verantwortlichen haben es bestimmt gut gemeint, als sie diese Vitrine entwarfen. Aber gut gemeint und gut gemacht, ist eben nicht immer dasselbe :(

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  8. Lieber Hiltibold,
    eine kurze Stellungnahme von Karl Peitler gibt es in unserem Blog unter http://www.museumsblog.at/2013/07/16/ernuchterung-nicht-angebracht/.
    Liebe Grüße
    Anna Fras

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  9. auch ich erwarte mir von einer archäologischen stätte in erster linie originale bausubstanz und keinen symbolismus in form von angeroseten stahlträgern.

    schöne grüße aus wien,
    ariel

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