Donnerstag, 28. März 2013

Echt schräg: Der Knick in mittelalterlichen Kirchen



Beschäftigt man sich eingehend mit mittelalterlicher Geschichte, dann kommen einem über kurz oder lang Kirchengrundrisse wie der obige unter (St. Cyriakus, Gernrode). Zweifel an den Fähigkeiten des verantwortlichen Baumeisters stellen sich bei diesem skurrilen Anblick unweigerlich ein.
Eine einleuchtende Erklärung für diese Asymmetrie wäre, dass es beim Abstecken des Grundrisses zu Messfehlern kam. Längenmessungen wurden im Mittelalter nämlich meist mit nur eingeschränkt tauglichen Hanfseilen vorgenommen; deren Fasern besaßen die ungute Angewohnheit, je nach Luftfeuchtigkeit, ihre Länge bzw. Elastizität zu ändern.
Man war sich dieser Problematik zwar bewusst und versuchte ihr entgegen zu wirken, indem man in das Hanfseil z.B. Tierhaare, Flachs oder Bast einflocht; außerdem behandelte man es mit Öl, Wachs oder Schwefel. Doch auch das beste Seil half nichts, wenn es beim Messvorgang nicht immer mit gleich großer Kraft gespannt wurde.
Beim oben abgebildeten Beispiel dürfte für den Knick tatsächlich ein Messfehlern verantwortlich sein. Man begann diese Kirchen wohl von ihren beiden Enden her zu bauen und fügte erst am Schluss den Mittelteil ein. Warum dergestalt vorgegangen wurde ist nicht hundertprozentig sicher - und ich möchte hier auch nicht allzu weitschweifige darüber spekulieren. Fakt ist, dass das Endergebnis wenig überzeugt ;)

Knicke in der Längsachse einer Kirche können auch weniger banale Ursachen haben. Beispielsweise dann, wenn sie sozusagen absichtlich herbeigeführt wurden.
Wieso sollte man so etwas machen? Nun, dazu muss man wissen, dass im Mittelalter Kirchen meist von Westen nach Osten ausgerichtet wurden (sogenannte Ostung). Im Osten ging nämlich nicht nur die Sonne auf (womit auch gleich erklärt wäre, wie man die Kirche ohne Kompass ausrichten konnte), sondern dort lag bekanntlich auch Jerusalem, in dessen Richtung der Gläubige während des Gottesdienstes blicken sollte. In der Realität kam es allerdings bei der Ostung zu Abweichungen von bis zu 24° nach Norden, oder 12° nach Süden. Diese Abweichungen beruht jedoch nicht darauf, dass man Jerusalem - das abhängig vom Standort der jeweiligen Kirche natürlich meist nicht genau im Osten lag - besonders exakt anpeilen wollte.
Vielmehr kommen die unterschiedlichen Ostungen dadurch zustande, dass diese nicht bei allen Kirchen am selben Tag vorgenommen wurden; beispielsweise zur Tag- und Nachtgleiche.
Stattdessen richtete man das Kirchenschiff gerne an jenem Punkt aus, an dem die Sonne am Namenstag des jeweiligen Kirchenpatrons aufging. Und dieser Punkt schwankte eben, abhängig von Namenstag und Jahreszeit, um einige Grad in Richtung Norden oder Süden. Osten war somit nicht immer gleich Osten, sondern in vielen Fällen eher Nordosten oder Südosten.
Genau hierin könnte die Ursache für den Knick im Grundriss manch einer Kirche liegen. Es kam nämlich vor, dass man sich während der oft sehr langen Bauzeit dazu entschloss, den Kirchenpatron zu wechseln. Ein neuer Patron bedeutete aber auch, dass die Kirche nach dessen Namenstag neu orientiert werden musste. 
Deshalb alles abzureißen und von vorne zu beginnen war selbstverständlich keine Option. Allerdings kam dem Bauherren der Umstand entgegen, dass man Kirchen im Mittelalter nicht schlagartig im Bereich des gesamten Grundrisses zu bauen begann, sondern sich häufig von hinten (Chor mit Hauptaltar und Apsis) nach vorne arbeitete. So war es gegebenenfalls möglich, den noch nicht errichteten Vorderteil anders zu osten, als den bereits fertigen, hinteren Teil. Ein Knick in der Längsachse war bei dieser Vorgehensweise natürlich unvermeidbar.

Wollte man einen solchen Knick kaschieren, egal ob dieser durch eine neue Ostung oder durch einen Messfehler verursacht wurde, konnte der verantwortliche Werkmeister weitere Knicke und seltsam anmutende Parallelverschiebungen von Wänden in den Plan einfügen.
Letztendlich war es dem Kirchenbesucher aus seiner Perspektive oft nicht mehr ohne weiteres möglich, die Asymmetrie sofort zu bemerken, wie etwa die Außenansicht der Kirche St. Cyriakus zeigt.

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Weiterführende Literatur:
  • Dietrich Conrad | Kirchenbau im Mittelalter: Bauplanung und Bauausführung | Verlag: E. A. Seemann | Infos bei Amazon

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4 Kommentare

  1. Hallo
    Ihre Erklärung mit dem Hanfseil ist sehr einleuchtend. Aber ich mich wuerde intersiern ob auch andere Gründe warscheinlich sind und untersucht wurden.

    So könnte zum Beispiel nach dem Abstecken des halben Baufelds, der Baumeister gewechselt haben und dieser hat ander Maßeinheiten verwendet als sein Vorgänger.

    Vielleicht hatte auch der Baumeister einen im Tee oder kannte so was wie einen rechten Winkel nicht.

    Aber vielleicht könnte es ja im Zuge der Küntlerichen Freiheit gewollt gewesen sein.

    Bodenbewegung, zum Beipiel durch den Bergbau in Harz (sehr sehr unwarscheinlich)

    Persönlch würde ich darauf Tippen, das es beim vermessen villeicht angefangen hat zu regnen.

    Gruß RPZMHK

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    1. Hallo auch!

      Es ist zweifellos richtig, dass bei solch schiefen Grundrissen mehrere Ursachen in Betracht gezogen werden können. Gerade bei St. Cyriakus gibt es interessante Theorien.
      Ich habe mich aber deshalb ganz allgemein auf die Messschnur-Problematik beschränkt, weil sie mir als besonders gutes Beispiel erschien und ich den Beitrag nicht allzu sehr mit zusätzlichen Details aufblasen wollte.

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  2. Eine gerade Linie zieht man doch nicht einfach nur mit einem Seil, sondern mit mehreren Meßpunkten (Latten o.ä.), römische Vermessungstechniken waren ja bekannt.
    St. Cyriakus ist echt krass, lediglich die nördliche Seitenkapelle (?) hat rechte Winkel, alles andere ist schief!
    - Fränkin -

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    1. Es gibt auch Grundrisse römischer Bauwerke, die einen mutmaßen lassen, dass das Vermessungsteam bei der Arbeit betrunken war ;)

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