Mittwoch, 28. August 2019

📜 Wissenschaftsbetrug: Die Fantasien des großen Archäologen James Mellaart

In den nicht gerade empirielastigen Geisteswissenschaften behumpst man leichter als in den Naturwissenschaften - das liegt in der Natur der Sache und ist für erfahrene Beobachter des Wissenschaftsbetriebs keine großartige Neuigkeit. Die Missetaten schwarzer Schafe - etwa auf dem Feld der Archäologie - werden von Berufskollegen freilich in der Regel nicht allzu offensiv nach außen kommuniziert. Schließlich ist es erst der blinde Glaube an die wissenschaftliche Autorität, der Wissenschaftlern bei der Bevölkerung Ansehen und Einfluss verschafft. Darüber hinaus wäre ausgiebige Selbstkritik innerhalb der archäologischen Community Wasser auf die Mühlen 'der Falschen'. Damit sind all jene Kritiker gemeint, die gängige Dogmen der Geschichtsforschung in Zweifel ziehen und einigen ihrer Akteure überdies mangelnde Integrität attestieren.

Nun hat der deutsche Geoarchäologe Eberhard Zangger im Zuge seiner Forschungstätigkeit einen Fall von wissenschaftlicher Hochstapelei aufgeklärt, diesen im Anschluss aber keinesfalls unter den Teppich gekehrt - ganz im Gegenteil: Eine Durchsicht der wissenschaftlichen Hinterlassenschaften des 2012 verstorbenen James Mellaart ergab, dass der britische Archäologe und Prähistoriker vermeintlich 3000 Jahre alte Texte selbst erfunden hatte. Zanggers wissenschaftliche Auswertung des Materials - bei der ihn Mellaarts Sohn unterstützte - wurde im 50. Band des peer-reviewten Periodikums Talanta - Proceedings of the Dutch Archaeological and Historical Society veröffentlicht.

James Mellaart war kein archäologischer Niemand, sondern machte sich schon in jungen Jahren als Ausgräber bronzezeitlicher Anlagen einen Namen. Mit Anfang 30 galt er - wie Zangger schreibt - als der berühmteste Archäologe der Welt. Bereits früh war er aber auch mit Fälschungsvorwürfen konfrontiert, die freilich bis zu den jüngsten Nachforschungen nie ausreichend belegt werden konnten. Zu Mellaarts nun offengelegten Fälschungen zählt beispielsweise die unten abgebildete "Rekonstruktion" einer Wandmalerei (Copyright Eberhard Zangger, Luwian Studies). Ebenfalls frei erfunden ist ein spätbronzezeitlicher Text aus Beyköy (übrigens nicht der von Eberhard Zangger vor zwei Jahren vorgestellte, sondern ein anderer), dessen verräterische Entwürfe sich in Mellaarts Nachlass befanden.

Eberhard Zanggers 58 Seiten umfassender Bericht „James Mellaart’s Fantasies“ kann als PDF kostenlos heruntergeladen werden: https://luwianstudies.academia.edu/EZangger  



Archäologen mögen anmerken: Fälle wie der oben geschilderte sind Ausnahmen. Man könne daraus keine Regel ableiten, die meisten Archäologen arbeiten ehrlich.
Das wird durchaus stimmen (wobei ehrliche Archäologen mitunter aber schlampig arbeiten). Nur es reichen bereits "Einzelfälle" wie Mellaart aus, um ganze Generationen von Wissenschaftlern in die Irre bzw. auf einen falschen Pfad zu führen. Und in die Selbstreinigungskraft der Archäologie würde ich kein uneingeschränktes Vertrauen setzen. Sobald sich eine irrige Meinung in den Köpfen einer Mehrheit durch ständiges Wiederkäuen festgefressen hat, wird man sie mitunter nur noch schwer wieder los. Besonders wenn ganze akademische Karrieren auf solchen falschen Grundannahmen aufbauen. Die Wissenschaftsgeschichte bietet dafür zahlreiche, oft überaus unrühmliche Beispiele.

Angesichts von Fälschungsskandalen wie jenem rund um Mellaart braucht sich die arrivierte Archäologie jedenfalls nicht darüber zu wundern, wenn von wissenschaftlichen Außenseitern gerne gemutmaßt wird, die Öffentlichkeit würde in einigen historischen Fragen behumpst oder wenigstens aus Denkfaulheit mit Halbwahrheiten abgespeist. Siehe in dem Zusammenhang etwa das Elaborat des Trierer Ägyptologen Stephan Baumann, der in seinem jüngsten Buch die "Verschwörungstheorie" von der "verbotenen Archäologie" bejammert und die Schuld daran bei allen möglichen Leuten sucht, aber nie auch in den Reihen der eigenen Zunft (meine Rezension des Buchs).

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5 Kommentare:

  1. Es gab vor ein paar Jahren den Fall, da hat ein Archäologe in den USA in der Nacht Dinge verbuddelt, die er dann am nächsten Tag vor den Augen seiner Kollegen "gefunden" hat. Meiner Meinung nach sollte so ein Verhalten ein Berufsverbot nach sich ziehen. Solche Leute haben in der Wissenschaft einfach nichts verloren.
    LG
    Martina

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    1. Von diesem (oder vielleicht war es ein ähnlicher Fall) habe ich auch gelesen. Ein beschämendes Verhalten. So jemand wird es schwer haben, beruflich je wieder Fuß zu fassen.

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    2. In Japan hat es so etwas auch gegeben.

      https://www.derstandard.at/story/379022/betrug-japanischer-star-archaeologe-buddelte-seine-angeblichen-funde-selbst-ein

      "Ein renommierter japanischer Archäologe hat zugegeben, einige seiner angeblichen Funde zuvor selbst eingegraben zu haben. Der Druck, ständig Neues entdecken zu müssen, habe ihn dazu gebracht, gestand Shinichi Fujimura am Sonntag. Die Versuchung sei zu groß gewesen, sagte der Vize-Chef des paläolithischen Instituts der Stadt Tohoku. Von den 31 archäologischen Fundstücken, die unter Fujimuras Leitung im Oktober in Kamitakamori ausgegraben wurden, stammten demnach 27 aus der privaten Sammlung des Archäologen. Bei den Ausgrabungen in Soshinfudozaka soll er sogar alle Funde zuvor präpariert haben. Ein Foto in der Zeitung "Mainichi Shimbun" zeigt den Archäologen, wie er im Morgengrauen antike Überreste im Erdreich verscharrt. Da der Wissenschaftler - ein Autodidakt - an insgesamt 180 Ausgrabungen beteiligt war, müsse nun die ein großer Teil der archäologischen Forschung in Japan überarbeitet werden, schrieb "Mainichi Shimbun". Mit der Entdeckung von 40.000 Jahre altem Steingut war Fujimura Anfang der 80er Jahre bekannt geworden."

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  2. >> wobei ehrliche Archäologen mitunter aber schlampig arbeiten

    Da muss ich dir leider zustimmen, lieber Richard. Wenn ich die mutwilligen und vor allem unwissentlichen Verstöße gegen die Richtlinien für Archäologische Maßnahmen alle niederschreiben würde, die ich im Laufe meines Berufslebens zur Kenntnis habe nehmen müssen, dann käme eine sehr lange Liste dabei heraus. Z.B. nicht wenige Prospektions- und Grabungsprotokolle spotten jeder Beschreibung. Aber zum Glück muss ich mich damit nicht mehr befassen :-)

    Robert

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  3. Ich besitze einige ältere Bücher von James Mellaart. Irgendwie ist er ja zu bemitleiden. Er hat so fest an seine Theorie geglaubt, dass er wahrscheinlich aus Verzweiflung wegen den fehlenden Belegen eines Tages seine Befunde selbst zu fabrizieren begonnen hat. Danach wurde das vermutlich zu einer Art Gewohnheit, aus der er sich nicht mehr hat befreien können.

    Trotzdem hat er auch viel Gutes für die archäologische Forschung geleistet, das sollte man bei aller gerechtfertigter Kritik nicht vergessen, finde ich.

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