Mittwoch, 2. Juni 2021

📖 Buch: Kleidung und Waffen der DĂŒrerzeit (1480-1530)

"Kleidung und Waffen der DĂŒrerzeit" lautet der etwas verklausulierte Titel des vorliegenden Buch von Ulrich Lehnart. Konkret meint der Autor und Historiker damit jenen Zeitabschnitt zwischen 1480 und 1530, der ungefĂ€hr mit der Schaffensphase des berĂŒhmten KĂŒnstlers Albrecht DĂŒrer zusammenfĂ€llt; als nĂ€mlich die spĂ€te Gotik in die nordeuropĂ€ische Renaissance ĂŒberging. 

RĂ€umlich bewegen sich die Darstellungen vor allem im deutschen Sprach- und Kulturraum, der damals von Religionskriegen, BauernaufstĂ€nden und diversen anderen militĂ€rischen Konflikten heimgesucht wurde. 
BegrĂŒndet wird diese EinschrĂ€nkung mit den z.T. starken regionalen Unterschieden besonders bei der Bekleidung. Diese gesamteuropĂ€isch zu berĂŒcksichtigen, hĂ€tte den Rahmen des Buchs gesprengt, heißt es.

Apropos Kleidung: Betrachtet wird jene der ReislĂ€ufer und Landsknechte - inklusive der Trossfrauen. Wie sich Adelige, Bauern und BĂŒrger kleideten, wird in einem zweiten (bis dato noch nicht erschienene) Band behandelt. Dort geht es dann auch um die Waffen der bĂŒrgerlichen und bĂ€uerlichen Aufgebote, wĂ€hrend hier im 1. Teil RĂŒstungen und Blankwaffen der Berufssoldaten und Adeligen besprochen werden. 

Ich halte diese Aufteilung fĂŒr nur mĂ€ĂŸig geschickt und eventuell marketinggetrieben, trotzdem ist das Buch an sich sehr ĂŒbersichtlich strukturiert und mit vielen interessanten Informationen vollgepackt. Wer hĂ€tte z.B. gedacht, dass dazumal 'anstĂ€ndige Frauen' höchstens ein Messer mit sich herumtrugen, wĂ€hrend sogenannte "Trossfrauen" - von denen wohl einige zumindest als Gelegenheitsprostituierte arbeiteten - lieber auf einen Dolch setzten? (Das war eben zu einer Zeit, als sich Frauen gegen ĂŒbermĂ€ĂŸig zudringliche MĂ€nnern noch unmittelbar und drastisch zu wehren wussten, wĂ€hrend man in unserer Gegenwart ĂŒber Grabscher am Arbeitsplatz lieber zehn Jahre spĂ€ter auf Twitter lamentiert ...)

Eine StĂ€rke des rund 260seitigen Buchs sind die unzĂ€hligen Abbildungen. Sie setzen sich einerseits aus Bildquellen der betrachteten Zeit zusammen - Albrecht DĂŒrer liefert hier nicht zufĂ€llig einiges an Anschauungsmaterial (siehe Buchtitel). Andererseits finden sich auch extra angefertigte Zeichnungen von Waffen- und Kleidungsrekonstruktionen sowie einigen Schnittmustern; was besonders fĂŒr Living-History-Hobbyisten interessant ist (freilich, man wird trotzdem von Fall zu Fall weitere Detailrecherchen in anderen Quellen betreiben mĂŒssen - etwa zur Webart von Stoffen usw.).

Hier ein kleiner, nicht vollstĂ€ndiger Überblick zu den wichtigsten der im Buch behandelten Aspekte, wobei darauf hingewiesen sei, dass der Autor Wert darauf gelegt hat, die VerĂ€nderungen herauszuarbeiten, welche sich im Laufe des behandelten Zeitrahmens von immerhin rund 50 Jahre ergeben haben. Darunter etwa die Entwicklung der zuerst nur zaghaft, spĂ€ter aber immer stĂ€rker in den Vordergrund tretende Schlitzmode sowie das Auftauchen der berĂŒhmt-berĂŒchtigten Schamkapsel (Schamlatz) mit ihrer obszön wirkenden Auspolsterung.

Kleidung der ReislÀufer und Landsknechte:
  • UnterwĂ€sche (Hemd, Bruche)
  • Hose
  • Wams
  • Waffenrock
  • Schaube und Mantel
  • Kopfbedeckungen
  • Schuhe und Stiefel
  • Accessoires 

Kleidung der Trossfrauen:
  • Unterkleidung
  • Oberkleidung
  • Kleid und Rock
  • Mieder und Goller
  • Accessoires

RĂŒstungen:
  • Harnische
  • Helme (Schaller, Hirnhaube, ...)
  • Angriffswaffen (Reisspieß, Reiterschwerter, Panzerstecher, Langspieß, Katzbalger, BidenhĂ€nder,...)

Verschiedene Positionen der Lanze | Foto: Hiltibold | Buchinhalt: (C) Zeughaus Verlag

Landsknechtsrock um 1500 plus Schnittmuster | Foto: Hiltibold | Buchinhalt: (C) Zeughaus Verlag

FrĂŒhe Landsknechte (1485-1505) | Foto: Hiltibold | Buchinhalt: (C) Zeughaus Verlag


Fazit: Meiner ganz persönlichen Meinung nach ist die Mode der behandelten "DĂŒrerzeit" hĂ€ufig unĂ€sthetisch, kompliziert und unpraktisch. ABER gerade das macht sie gleichzeitig interessant. So wie viele Leute bei einem Autounfall nicht wegschauen können, so konnte ich meinen Blick z.B. nicht von dem farblichen Tohuwabohu losreißen, in das sich besonders Berufssoldaten kleideten. Bei der Körperpanzerung andererseits erreichte man eine bis dahin ungekannte technische und handwerkliche Perfektion, die uns mit offenem  Mund staunen lĂ€sst. Harnische aus jener Zeit zĂ€hlen deshalb bis heute zu den PrunkstĂŒcken der RĂŒstkammern und Museen Europas.
Ulrich Lehnart geht mit seinen AusfĂŒhrungen relativ stark in die Details hinein. Dabei ĂŒberschĂŒttet er den Leser allerdings nie mit sintflutartigen Wortkaskaden. Entsprechend flĂŒssig liest sich das allgemein verstĂ€ndlich geschriebene Buch; obschon mir in wenigen FĂ€llen BegriffserklĂ€rungen im Text abgegangen sind - darunter auch fĂŒr das Buch ganz grundlegende wie im Fall des "ReislĂ€ufers" .
Der Autor nennt immer brav die Quellen - entweder unmittelbar oder in den Endnoten - was fĂŒr jene Leser wichtig sein wird, die tiefer in die Materie einsteigen wollen; etwa wenn sie vorhaben, sich möglichst authentische Rekonstruktionen von KleidungsstĂŒcken oder Waffen aus der konfliktreichen "DĂŒrerzeit" anzuschaffen oder diese gar selbst anzufertigen.
Der Kaufpreis von 34 Euro will mir fĂŒr dieses in einem Festeinband daherkommende Buch relativ gĂŒnstig erscheinen. Man muss aber auch sagen, dass der kĂŒnstlerische/zeichnerische Aufwand fĂŒr die Bebilderung nicht an vergleichbare Publikationen des Zeughaus Verlags heranreicht - siehe etwa "Das Heer des Maximinus Thrax", "Das FrĂ€nkische Heer der Merowingerzeit""Das Heer des Arminius" sowie "Das Heer des Varus". Die Zeichnungen sind hier also eher rein 'funktioneller' Natur. Dem Informationsgehalt tut das aber keinen Abbruch. 

Kommentare:

  1. Schade, dass man nicht beide BÀnde gleichzeitig veröffentlicht hat. Wann soll der zweite erscheinen?

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  2. Die Rheingrafenmode des 17. Jahrhunderts war aber auch eine ganz ordentliche Geschmacksverirrung. Kennst du die vielleicht?

    Karl0

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    1. Ja, ist mir bekannt.
      "Geschmacksverirrung" ist ein Hilfsausdruck dafĂŒr ;)

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  3. Übellauniger Reenactor4. Juni 2021 um 23:01

    Danke fĂŒr die kritische und unverblĂŒmte Rezension, das Buch ist wahrscheinlich genau passend fĂŒr mich. Ich versuche mir nĂ€mlich eine Kleidungsausstattung aus der Zeit der ersten TĂŒrkenbelagerung Wiens zusammenzustellen. WĂŒnsche dir ein schönes Wochenende!

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    1. Es freut mich, dass ich helfen konnte. WĂŒnsche ebenfalls ein schönes Wochenende!

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