Donnerstag, 23. November 2023

♀️ Seltsam und ungustiös: Altägyptisches Brimborium für die Vulva

Betende Frau im Alten Ägypten

Im hier vor wenigen Wochen besprochenen Buch "Altägyptische Zaubersprüche" bin ich auf einige 'spannende' Beispiele gestoßen, in denen es um ein uraltes Problem geht, das praktisch alle Religionen und vor allem den Volksglauben seit Jahrtausenden umtreibt - nämlich die Fruchtbarkeit/Unfruchtbarkeit der Frau. 
Dass auch der Mann schuld daran sein konnte, wenn es mit dem Kinderkriegen nicht klappte, war hingegen anno dazumal nur selten ein Thema. Ist es doch noch nicht möglich gewesen, die Samenflüssigkeit in einem Mikroskop auf allzu lahme Spermien hin zu untersuchen. Freilich, selten aber doch ließ sich die Verantwortung trotzdem am Mann festmachen. Und zwar wenn dieser unübersehbar eine dauerhafte Erektionsstörung hatte oder er aufgrund seiner herausgehobenen gesellschaftlichen Stellung zwar reihenweise Frauen beglücken konnte, ohne dabei aber je eine einzige von ihnen zu schwängern. 

Doch zurück zu den Zaubersprüchen, Beschwörungen und pseudomedizinischen Verfahren aus der Pharaonenzeit. Diese muten dermaßen schräg an, dass ich eine kleine Auswahl davon hier mit den Lesern teilen möchte. Allzu appetitlich sind die Beispiele übrigens auch nicht - wie das ja so ziemlich auf alles zutrifft, was mit Körperflüssigkeiten zu tun hat (auch wenn das einige moderne Feministinnen in ihrem narzisstischen Hang zum Vulgären offenbar nicht so recht behirnen können: Bsp1, Bsp. 2).

Eine reichlich 'originelle' Methode, um die Fruchtbarkeit einer Frau zu verifizieren, findet man im Papyrus Carlsberg VIII Fragment; es datiert in die 19. - 20. Dynastie (13. - 11. Jh. v. Chr.):

55)  Unterscheiden eine, die gebären wird von einer, die nicht gebären wird:
Dann sollst du sie beräuchern mit [Nilpferdkot (?) an] ihrer Vulva. Wenn sie (dabei) durch ihren Mund erbricht nach Art von Auswurf, dann wird sie niemals gebären.
Wenn sie Blähungen in ihrem Hintern bekommt nach Art von Auswurf, dann wird sie gebären.
Altägyptische Zaubersprüche | S. 75 | Reclam Verlag | 2005/2018

Pfui Teufel! 😄
Es gibt hierzu allerdings auffällige Parallelen zu einer Textstelle in den wesentlich später erschienenen "Hippokratischen Schriften". Ob man sich dabei auf traditionelles ägyptisches Wissen (bzw. auf Aberglauben) bezogen hat?

Ebenfalls kurios, allerdings etwas weniger ungustiös, ist der folgende Fruchtbarkeitstest im Papyrus Berlin P. 3038 Nr. 199. Die Entstehungszeit ist wie schon beim vorangegangenen Beispiel in der 19. - 20. Dynastie angesiedelt.

53) Gerste, Emmer, die die Frau täglich mit ihrem Harn befeuchtet; ebenso Datteln und Sand in zwei Beuteln. Wenn sie (beide) insgesamt gedeihen, dann wird sie gebären. 
Wenn die Gerste gedeiht, dann ist es ein Knabe. Wenn der Emmer gedeiht, dann ist es ein Mädchen.. Wenn sie beide nicht gedeihen, wird sie nicht gebären.
Altägyptische Zaubersprüche | S. 75 | Reclam Verlag | 2005/2018

Wir finden dergleichen zum Schmunzeln, aber weiß man denn mit absoluter Sicherheit, ob nicht doch irgendetwas an dieser etwas verschwurbelt formulierten Vorgehensweise dran ist? Ein kleiner wahrer Kern vielleicht?
Interessanterweise gab es ein ähnliches Ritual zur Geschlechterbestimmung auch in unserem Kulturkreis. Beschrieben wird es in einer deutschsprachigen Quelle aus dem 18. Jahrhundert. 

Zum Schluss die einleitenden Zeilen eines etwas längeren Zauberspruchs, der das Gebären beschleunigen sollte. Die Quelle dafür ist der Papyrus Leiden I 348 vs. 11,2-8, der in die 19. Dynastie datiert wird (13. - 12. Jh. v. Chr.).

52)  O Re und Aton, o Götter im [Himmel], o Götter in der Erde (und im) Westen (= Unterwelt), zusammen mit dem Kollegium, [welches] das gesamte Land richtet, [Kollegium im Sanktuar] von Heliopolis und das in Letopolis: Seht/(*kommt?) doch, Isis leidet an ihrem Hinterteil als Schwangere. [...]
Altägyptische Zaubersprüche | S. 74 | Reclam Verlag | 2005/2018

Da ich kein Gynäkologe bin - obwohl ich in meiner Jugendzeit diesen Beruf einmal als durchaus reizvoll in Betracht gezogen habe 😁 - kann ich nicht beurteilen, inwiefern ausgerechnet ein schmerzendes Hinterteil mit einer Schwangerschaft in kausaler Verbindung steht (siehe auch das erste Beispiel oben). Mich erinnert das jedenfalls - und damit bin ich nochmals in meiner Jugend - an die pubertären und zugegebenermaßen nicht ganz feinen Witzeleien über eine "Arschgeburt". Doch wer weiß, vielleicht hat genau dieser Begriff  ja seinen Ursprung in altägyptischen Zaubersprüchen wie diesem? 😉

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2 Kommentare:

  1. Immerhin haben die alten Ägypter noch gewusst, dass nur Frauen Kinder bekommen können!
    ;-)

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    1. Die heutigen Ägypter wissen das auch. Nur in unserem Kulturkreis gibts diesbezüglich neuerdings gewisse Unklarheiten ;)

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