Hannah Arendt und die "BanalitÀt des Bösen"
Der von der Autorin Hannah Arendt vor vielen Jahrzehnten geprĂ€gte Begriff von der "BanalitĂ€t des Bösen" bezog sich auf NS-SchreibtischtĂ€ter wie Adolf Eichmann, die sich auf bĂŒrokratische PflichterfĂŒllung beriefen und die Opfer ihres Tuns ausblendeten; so ist zumindest die gĂ€ngige Wahrnehmung von Arendts Kritik heute. Ihr ging es aber um wesentlich mehr, nĂ€mlich um eine grundsĂ€tzliche Kritik an der modernen Gesellschaft, am Gruppendruck und am MitlĂ€ufertum. Nicht zufĂ€llig sprach sie in diesem Zusammenhang von einer Gleichschaltung der Intellektuellen.
Diese Grundsatzkritik ist leider aktueller denn je, denn sie lĂ€sst sich bis zu einem gewissen Grad auf die heutige akademische Landschaft und ihre Verwalter des Wissens ĂŒbertragen. Beispielsweise moderne Historiker an staatlichen UniversitĂ€ten agieren in einem massiv bĂŒrokratisierten Apparat. Vorbedingungen fĂŒr eine Karriere sind hier staatliche Wohlgesonnenheit und die weitestgehende Einhaltung des zeitgeistigen Konsenses, auch wenn dieser sich sich allzu oft von der LebensrealitĂ€t der breiten Bevölkerungsmehrheit abgekoppelt hat. Man darf hier deshalb getrost - im Sinne Arendts - von Opportunisten schreiben, die es sich in ihrer SystemkonformitĂ€t gemĂŒtlich eingerichtet haben. Die Unis sind kaum noch ein Ort fĂŒr Diskussionen und fruchtbaren akademischen Streit, sondern intellektuelle Echokammern des Staates und seiner servilen, mit Staatsknete angefĂŒtterten Angestellten (Ausnahmen bestĂ€tigen die Regel).
Pseudowissenschaftliche Verharmlosung
Ein Paradebeispiel fĂŒr dieses konformistische Geschleime durch staatliche / staatsnahe Akteure ist das hier von mir schon vielfach aufgegriffene Thema der gezielten Verharmlosung der spĂ€tantiken Völkerwanderungszeit. Aus Sicht von Teilen der universitĂ€ren Historiker-Blase ist es ideologisch bzw. politisch nicht mit gĂ€ngigen Narrativen kompatibel, wenn diesbezĂŒglich von Migrationskritikern Vergleiche mit heutigen Entwicklungen gezogen werden.
Nun sind die ZustĂ€nde von dazumal und von heute oft tatsĂ€chlich nicht 1:1 gleichsetzbar; ich selbst rolle immer heftig mit den Augen, wenn etwa zum x-ten Mal das Klischee von der spĂ€trömischen Dekadenz bemĂŒht wird und man der damaligen Bevölkerungsmehrheit unterstellt, sie hĂ€tte die meiste Zeit mit "panem et circenses" vertrödelt. Jedoch sagt ein alter Spruch: Geschichte wiederholt sich zwar nicht, aber sie reimt sich.
NatĂŒrlich kann man lĂŒckenhafte Geschichtskenntnisse heutiger Migrationskritiker im Detail kritisieren. Es ist auch völlig legitim, Kritik an Zuwanderung per se abzulehnen. Zum massiven Problem wird es jedoch, wenn Historiker mit starkem ideologischem Bias und/oder politischem Anbiederungswillen hier ĂŒberkompensieren und deshalb die Völkerwanderungszeit faktenwidrig uminterpretieren. Beispielsweise indem man der Ăffentlichkeit erzĂ€hlt, das Alte Rom sei eigentlich gar nicht wegen gewaltsamen Wanderbewegungen von riesigen Menschenmassen zerbröselt, sondern primĂ€r wegen wirtschaftlichen Problemen bzw. einer Hyperinflation. Freilich, mit der halben Wahrheit lĂŒgt sichs bekanntlich am besten. So auch hier. Denn diese wirtschaftlichen Schwierigkeiten gab es zwar tatsĂ€chlich, ablesbare etwa an MaĂnahmen wie Kaiser Diokletians Höchstpreisedikt, aber hervorgerufen wurden sie primĂ€r durch die stĂ€ndigen militĂ€rischen Konflikte mit AuswĂ€rtigen. Das römische MilitĂ€rbudget explodierte zwingend dadurch. Gleichzeitig brachen die Steuereinnahmen massiv ein, wegen den unzĂ€hligen Kriegsopfern und dem Umstand, dass ganze Landstriche demographisch ausdĂŒnnten oder gleich komplett entvölkert wurden. Historiker-Aktivisten vertauschen hier demnach Ursache und Wirkung. Dass es selbst in diesen Zeiten des wirtschaftlichen Niedergangs eine Oberschicht gab, die es sich leisten konnte, gewaltige Protzvillen zu bauen, ist hier kein Widerspruch. Wir erleben solche gegenlĂ€ufigen Entwicklungen in Ă€hnlicher Weise auch heute wieder. Krisengewinnler hat es schlieĂlich schon immer gegeben.
Ein weiterer SchmĂ€h ist das Herumfummeln am Begriff "Volk". Diesen verengt man - eigentlich politisch höchst unkorrekt - im Kontext der Völkerwanderungszeit plötzlich auf "Ethnie". Weil nun aber in der Völkerwanderungszeit einige der ĂŒberlieferten Völker klar multiethnisch waren (siehe die sog. Hunnen) spricht man dem Begriff "Völkerwanderung" insgesamt die Existenzberechtigung ab. UnabhĂ€ngig davon, dass dazumal doch auch jede Menge ethnisch homogene Gruppen unterwegs gewesen sind.
Aus all diesen (ganz oder teilweise erlogenen) GrĂŒnden, möge man die Völkerwanderungszeit doch lieber mit dem Begriff "Transformation" umschreiben, verlangen die halbseidenen Pseudoschlauberger mit Habil-Urkunde ĂŒber dem Lokus. Wer allerdings gezielt so einen zynischen WeichspĂŒler-Begriff pusht, dem geht es offensichtlich nicht um ein sachdienliches Vokabular, sondern man will lediglich heutigen Migrationskritikern retroaktiv den Wind aus den Segeln nehmen. Kurz gesagt: Wenn die massenhafte Vernichtung von Menschenleben und der Untergang ganzer KulturrĂ€ume semantisch zum bloĂen "Wandel" umgebogen werden, entzieht man diesen unerwĂŒnschten Kritikern die Möglichkeit, warnend auf die Geschichte zu verweisen. Das ist mMn die schlichte Absicht dahinter. ZusĂ€tzlich lĂ€uft diese Strategie darauf hinaus, den Versuch, aus der Geschichte zu lernen, quasi zur Untugend zu erklĂ€ren. Gehen Sie bitte weiter, es gibt hier nichts zu sehen!
Die RealitÀt
Wie ging es in der spĂ€tantike Völkerwanderungszeit und in ihrem unmittelbaren Vorfeld (3. bis 6. Jahrhundert) wirklich zu? Was weiĂ man darĂŒber?
Nun, hierzu gibt es vor allem zwei Quellengattungen: Die schriftlichen Ăberlieferungen und die archĂ€ologischen Befunde. WĂ€hrend man - genĂŒgend ideologische Hinterfotzigkeit vorausgesetzt - die alten Texte als bloĂe Ăbertreibungen vom Tisch wischen kann (z.B. gerne gemacht mit der Vita Sancti Severini), so ist dies bei archĂ€ologischen Befunden schwerlich möglich. Werden wir aus der betreffenden Zeit doch geradezu erschlagen mit verbrannten GebĂ€uden und sterblichen Ăberresten, die auf ein gewaltsames Ende sehr vieler Menschen hindeuten.
Man muss sich klarmachen: Diese sogenannte "Transformation", die damals stattfand, war primĂ€r nichts anderes als eine Aneinanderreihung von gewalttĂ€tigen Akten ĂŒbelster AusprĂ€gung. Einhergehend mit einem massiven Verfall der LebensqualitĂ€t beim durchschnittlichen Bewohner des Römischen Reichs. Doch lange ist das alles her, deshalb fehlt uns oft die entsprechend emotionale Bindung. Ich will hier nun den Versuch unternehmen, diese ein wenig wiederherzustellen - mit einer kurzen fiktiven Episode, die aber lose auf Tatsachen bzw. auf realen Quellen beruht. Mehr dazu am Ende des Textes.
(Hinweis: Kein LLM bzw. keine KI wurde grundsÀtzlich zum Erstellen des folgenden Textes verwendet; aus Ermangelung eines Lektors habe ich mir aber an wenigen Stellen dabei helfen lassen, allzu holprige Formulierungen zu glÀtten)
Sie sehen das Blut nicht mehr
Römische Provinz Raetia, 231 n. Chr.
Andronicus lĂ€chelte, als er sah, wie eine Spitzmaus unter dem morschen Baumstamm hervorlugte, auf dem er es sich bequem gemacht hatte. Vorsichtig krabbelte das putzige Tier in Richtung eines kleinen StĂŒckchen Fladenbrots, das dem stĂ€mmigen Mitt-40er beim Schmausen aus dem Mund gefallen war. Lass es dir schmecken, dachte er sich. Wer weiĂ, wann du wieder so gut essen kannst.
Denn auch wenn es erst Ende August war, so kĂŒndigte sich der Herbst bereits deutlich an - mit hĂ€ufigen RegengĂŒssen und relativ kĂŒhlen NĂ€chten. Dabei hĂ€tte man das verdammte Wasser viel frĂŒher benötigt, dachte Andronicus bitter. Den ganzen Sommer lang war es viel zu trocken gewesen, sodass die Felder mindestens ein Drittel weniger an Ertrag hervorbrachten als erwartet. Aber wann waren denn ĂŒberhaupt die Sommer richtig gut? Das lag doch schon viele Jahre zurĂŒck, als sein Vater aus dem benachbarten Noricum hier nach Raetia gekommen war! Es schien so, als ob die Götter den Menschen zĂŒrnten. Oder halt der eine Gott, wie Andronicu's Frau Suadulla behauptete. Ob sie damit Recht hatte? BloĂ ein Gott? Andronicus zweifelte, dass das fĂŒr alle Menschen auf der Welt ausreichte. Ja nicht einmal fĂŒr alle Menschen in dieser kleinen Provinz, am östlichen Rand des Reichs. Doch was wusste er schon. Die Legion, in der er zwei Jahrzehnte lang gedient hatte, hatte ihm nicht Philosophie gelehrt, sondern vor allem den Umgang mit Waffen. Und hĂ€tte er nicht Suadulla kennengelernt, so wĂŒrde er wahrscheinlich immer noch im Dienste des Kaisers Severus Alexander stehen. Doch stattdessen hatte Andronicus vor sechs Jahren im Rang eines Centurio den Abschied genommen und sich mit Erspartem und der Mitgift seiner Frau ein Landgut in der NĂ€he seines alten Stationierungsortes Castra Regina gekauft. Eigentlich konnte er mit seinem Leben ganz zufrieden sein, trotz der mittelprĂ€chtigen Ernte, dachte er sich und schob das letzte StĂŒck Brot mit Moretum in seinen Mund.
Da spitzte Andronicus plötzlich die Ohren. War das weit entfernter Donner, denn er fĂŒr einen kurzen Moment zu vernehmen geglaubt hatte? Er hielt den Atem an und hörte genauer hin. Aber nein, da war wohl nichts. Zum GlĂŒck, denn er hate keine Lust, durchnĂ€sst zu werden.
Er erhob sich langsam, strich die Brotkrumen von der Tunika und schulterte seinen Beutel aus rotem Ziegenleder, den ihm seine Frau zu den vorletzten Saturnalien geschenkt hatte. Es war an der Zeit, die angenehme Ruhe des Walds zu verlassen und zurĂŒck nach Hause zu gehen. Jene LĂ€rchen, die in den kommenden Wochen fĂŒr den Dachstuhl des neuen Getreidespeichers gefĂ€llt werden sollten, hatte er ja bereits ausgewĂ€hlt und mit einem Messer markiert. Genug Arbeit, fĂŒr diesen Vormittag.
Als er auf den ausgetretenen Pfad zurĂŒckkehrte, der direkt zu seinem Heim fĂŒhrte, hörte er es wieder - dieses dumpfe GerĂ€usch. Diesmal war es aber ein kleines Bisschen deutlicher zu vernehmen. Das reichte Andronicus aus: Es war kein ferner Gewitterdonner, sondern es waren Pferdehufe. Viele Pferdehufe. Er stutzte, blieb kurz stehen, nur um dann umso schneller zu gehen, mit immer weiter ausholenden Schritten, bis er schlieĂlich zu laufen begann. Die Patrouille aus Castra Regina, die tĂ€glich hier vorbeiritt, kam eigentlich nie um diese Zeit. Und selbst wenn doch, so bestand sie nicht aus genĂŒgend Reitern, um dermaĂen viel LĂ€rm zu verursachen.
Als Andronicus endlich den Waldrand erreicht hatte, hielt er leicht schnaufend inne. Die GebĂ€ude des noch rund zwei Stadien entfernten Guts, mit ihren weiĂ getĂŒnchten Mauern und den roten ZiegeldĂ€chern, ragten unverĂ€ndert aus den sie umgebenden Wiesen und Ăckern empor. Alles lag so friedlich unter der Mittagssonne da, wie er es am Morgen verlassen hatte. Was bist du nur fĂŒr ein Ă€ngstliches Weib, dachte er sich und begann ein wenig Scham dafĂŒr zu empfinden, dass ihm das bloĂe Trommeln von Pferdehufen bereits in Unruhe versetzt hatte. Einen Augenblick spĂ€ter war die Hölle los.
Die Reiter, deren Pferde Andronicus zuvor gehört hatte, hatten offenbar wie er nur am Waldrand pausiert und sich dort gesammelt. Nun brachen sie aber in einiger Entfernung wie ein tosender Strom hervor. Erst waren es ein Dutzend, dann zwei, dann so viele, dass Andronicus sie nicht mehr zu zĂ€hlen vermochte. Sie kamen nicht in einer eng geschlossenen Formation, wie man es von römischen Kavalleristen kannte. Stattdessen ritten sie kreuz und quer ĂŒber die Wiese. Haare flatterten im Wind und ĂŒber ihren Köpfen blitzten Speerspitzen. Es dauerte nicht lange und die schnellsten Reiter hatten bereits den Stall und das kleine HĂ€uschen des SchĂ€fers erreicht, die dem Landgut ewas vorgelagert waren.
Alamannen, schoss es Andronicus durch den Kopf. Nach dem ersten Schock rannte er sofort wieder los. Zwei Stadien waren plötzlich unendlich weit. Dann hörte er vom Schafstall her, dass Ferox, der HĂŒtehund, wie verrĂŒckt bellte und dann abrupt verstummte.
Als Andronicus schon fast beim kleinen Obstgarten zur Linken des Gutes war, sah er Fortunatus, seinen ergrauten Verwalter, zwischen den ApfelbĂ€umen stehen. Ihm nĂ€herte sich zĂŒgig ein agil vom Pferd heruntergesprungener Alemanne, kaum Ă€lter als zwanzig. In der einen Hand eine Spatha, in der anderen einen Rundschild.
"Nein! Halt!", rief Andronicus. Doch es war zu spĂ€t, der junge Mann drehte sich nur kurz halb um, sodass sich fĂŒr einen Wimpernschlag ihre Blicke trafen. Dann lieĂ er das Schwert niedersausen und der alte Marcus fiel blutĂŒberströmt zwischen die BĂ€ume.
Andronicus schrie. Es war der Schrei eines Menschen, der gerade seine eigene Machtlosigkeit begriffen hatte. Der Mörder wandte sich nach vollbrachter Tat nun ihm zu, mit offensichtlich noch lange nicht gestilltem Blutdurst.
Andronicus hatte freilich lĂ€ngst sein langes Messer gezĂŒckt, das - was fĂŒr eine Ironie - er vor vielen Jahren einem im Kampf getöteten Alamannen abgenommen hatte.
Er war noch rund dreiĂig Schritte entfernt, als neben Marcus' Mörder weitere Bewaffnete auftauchten.
"Wie viele von euch Bastarden braucht es, um einen römischen Centurio zu töten?!" schrie Andronicus ihnen voller Verachtung entgegen. Sie verstanden seine Worte nicht, doch hielten sie in ihrer VorwĂ€rtsbewegung inne, unschlĂŒssig geworden, was als nĂ€chstes zu tun war. Instinktiv war ihnen bewusst, dass vor ihnen nicht nur der Hausherr stand, sondern ein Veteran, der sich zu wehren wusste. Zahlte es sich da aus, zu versuchen ihn lebend gefangen zu nehmen? WĂŒrde jemand fĂŒr ihn Lösegeld bezahlen?
Einer der MĂ€nner reagierte zuerst. Er hob seinen Speer. Andere folgten seinem Beispiel
Und Andronicus dachte an seine Frau.
An seine drei Kinder.
An die fröhlichen Abende mit Kameraden in den Tabernae von Castra Regina.
Und Plötzlich erschien ihm vieles so unbedeutend.
Die Ernte.
Seine glÀnzenden Phalerae, die in einer Truhe lagen.
Zwanzig Jahre Dienst fĂŒr Rom.
Wozu das alles?
Aber gibt es vielleicht wirklich nur einen einzigen Gott?
Er schloss die Augen.
Dann kamen die Speere.
Von all dem ahnte Suadulla nichts. Sie hatte gerade im Hof gestanden, und frölich tratschend die Ergebnisse des TuchfĂ€rbens vom Vortag begutachtet, als eines der SklavenmĂ€dchen, hereingestĂŒrzt kam.
"Sie kommen!"
"Wer?"
Das schreckensbleiche MÀdchen bekam kein Wort heraus. Dann sah Suadulla selbst die fremden Krieger, wie sie sich dem HauptgebÀude des Gutes nÀherten. Einige noch auf ihren Pferden, andere bereits abgesessen.
"Ins Haus!", rief sie
Niemand rĂŒhrte sich.
"INS HAUS! Und das Tor schlieĂen!"
Jetzt kam Bewegung in alle. Theodoros und Lucius, die beiden Söhne des alten Marcus, liefen zum Hoftor und warfen es krachend zu. Das wĂŒrde die Eindringlinge freilich nur kurz aufhalten .
Suadulla packte ihren elfjÀhrigen Sohn am Arm: "Aulus, wo ist deine kleine Schwester?"
"I... ich glaube, Irene ist drĂŒben im Heu spielen."
Suadulla blickte verzweifelt zum Heuschober, der auĂerhalb der Umfriedung lag. Und da kletterten auch schon die ersten Alamannen-Krieger ĂŒber die Mauer.
Sie schob die letzten NachzĂŒgler ins Haus und zog dann den schweren eisernen Riegel der TĂŒr vor.
"Mama, was ist mit Papa?", fragte Xanthe, ihre Àlteste Tochter. Suadulla antwortete nicht. Was sollte sie sagen?
Schritte waren von drauĂen zu hören, Befehle in einer fremden Sprache wurden gerufen, gefolgt von GelĂ€chter. Plötzlich schlug etwas Schweres gegen die TĂŒr. Immer wieder, bis das Holz zu splittern begann. SchlieĂlich gab die TĂŒr nach.
Am Abend brannten die meisten der GebĂ€ude, doch niemand löschte die Flammen. Der Horizont war erleuchtet von vielen weiteren Feuern. Sie markierten die Stellen, wo sich weitere LandgĂŒter und eine Vielzahl kleinerer Höfe befanden. Sie alle waren von Kriegertrupps nahezu zeitgleich ĂŒberfallen worden - so wie es von langer Hand geplant gewesen ist.
Jene Alamannen, die Andronicus' Heim zerstört hatten, waren schon weitergezogen. Sie hatten genĂŒgend gefressen, gesoffen, geraubt, vergewaltigt und gemordet. ZurĂŒck blieben die Toten. Und ein fĂŒnfjĂ€hriges MĂ€dchen namens Irene, das sich im Heuschober versteckt hatte. Die Kleine kam erst heraus, als bereits die DĂ€mmerung hereingebrochen war. Sie fand ihren Vater nicht, auch nicht ihre Mutter. Nur ĂŒberall Blut, alles voller Blut. Ganz besonders viel davon beim Brunnen. Sie verstand nicht warum. Aber sie sollte ihr ganzes Leben lang nicht mehr die schrecklichen Schreie vergessen, die sie an diesem Tag aus ihrem Versteck heraus gehört hatte.
Viele Jahrhunderte ziehen ins Land. Niemand erinnerte sich mehr an die kleine Irene und ihre ermordeten Eltern Andronicus und Suadulla. Die Ăberreste des Landguts sind lĂ€ngst von der Erde verschluckt. Bis sie jemand wiederentdeckt. ArchĂ€ologen und Historiker werden gerufen, um den Ort zu untersuchen. Sie finden verkohlte Pfosten, Keramikscherben, Knochen mit tiefen Hackspuren und eingeschlagene SchĂ€del. Man kategorisiert, datiert, dokumentiert. Und schlieĂlich schreibt man etwas von einer "Transformation".
Die Quelle
Im Rahmen archĂ€ologischer Ausgrabungen auf dem GelĂ€nde eines BMW-Werks in der NĂ€he von Regensburg wurden die Reste eines römischen Landguts erforscht, dessen Zerstörung ca. in die Mitte des 3. Jahrhunderts datiert wird (bekannt unter der Bezeichnung Villa Rustica von Burgweinting / Burgweinting-Harting / Regensburg-Harting / Harting (Grabungsbericht von 1984). In einem verfĂŒllten Brunnenschacht des GelĂ€ndes fand man die sterblichen Ăberreste von sieben Erwachsenen und zwei Nichterwachsenen; mehrere dieser Menschen waren miteinander verwandt, wahrscheinlich handelte es sich um die EigentĂŒmerfamilie. Untersuchungen ergaben, dass alle SchĂ€del Spuren von massiver Gewalteinwirkung aufwiesen, die von einem Schwert, einer Axt oder einer Art Stange herrĂŒhren. Bei einigen war das Gesicht komplett eingeschlagen worden, bei anderen wurde der Kopf gewaltsam vom Rumpf getrennt. An weiblichen SchĂ€deln finden sich ĂŒberdies Schnittspuren, die auf eine Skalpierung hindeuten. Bevor die Toten im Brunnen versenkt wurden, zerlegte man die Körper, wie entsprechende Anzeichen an den Wirbeln und sonstigen Knochen bezeugen.
In der Brunnenstube eines zweiten Brunnens lagen die SchĂ€del von vier weiteren Menschen, darunter der von einem Kind; die Befunde an den Knochen sind Ă€hnlich, wobei der KinderschĂ€del besonders stark zertrĂŒmmert ist.
Die AusgrĂ€ber gingen ursprĂŒnglich davon aus, dass diese Menschen möglicherweise nach dem Ăberfall von (wahrscheinlich) Germanen/Alamannen geopfert wurden. Heute wird allerdings eingerĂ€umt, dass die Opferung nicht bewiesen werden kann - trotz Ă€hnlicher Befunde anderenorts. Es bleibt die Erkenntnis, dass es sich um einen massiven Gewaltexzess gehandelt hat.
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Gut geschrieben!
AntwortenLöschenWir vergessen zu oft, dass man es mit einer Vielzahl individueller Schicksale zu tun hat.
Bedauerlicherweise wird das auch in vielen archĂ€ologischen Ausstellungen nicht ausreichend berĂŒcksichtigt. Das ist alles zu glatt und poliert. Man erklĂ€rt den Besuchern, wie die Menschen damals gelebt haben, aber man zeigt fast nie, wie elend viele von ihnen zugrunde gegangen sind, besonders wĂ€hrend der Völkewanderung. Das wĂ€re aber dringend nötig.
Guinevere
Man wills halt "familienfreundlich" machen. Nur dass Geschichte das nicht ist.
LöschenDabei ist bereits der deutsche Begriff "Völkewanderung" verharmlosend. Schon um 1970 wurde in einem deutschen Schulgeschichtsbuch die Völkerwanderung unter der Ăberschrift "Völker lernen voneinander" abgehandelt. Auf Französisch heiĂt "Völkerwanderung" bezeichnenderweise "Les invasions barbares".
AntwortenLöschenJa, das hat irgendwie etwas von der "Euphemismus-TretmĂŒhle". Das Fach Geschichte ist leider massiv ideologisch kontaminiert. Und das war es immer schon, mal in die eine, mal in die andere Richtung. Weil man mit geschichtlichen Narrativen ganz gut Politik machen kann.
Löschen"Les invasions barbares" - wie treffend! đ
LöschenHeutige Schulbuchverlage stricken sich auch ein Geschichtsbild zusammen, das insgesamt wenig mit der RealitĂ€t zu tun hat. Die zweite Wiener TĂŒrkenbelagerung, bei der im Umland die Bevölkerung massakriert worden ist, wird jetzt als buntes Treiben bezeichnet. Also so Ă€hnlich wie ein Jahrmarkt.
LöschenKann man sich nicht ausdenken, diese schon fast kriminelle Energie, die SchĂŒler nach Strich und Faden zu belĂŒgen. Klar, auch wegen der aktuellen Politik.
Ich glaube, fĂŒr Historiker, die nicht im Dienst der Wahrheit stehen, sondern die sich einer Ideologie oder Ihrer Karriere verpflichtet fĂŒhlen, sollte es eine eigene Hölle geben. Eine, in der sie die beiseitegeschobenen Leiden der Altvorderen tagtĂ€glich selbst aufs neue durchleiden mĂŒssen.
W.T.C.
Apropos >>retroaktiv<<.
AntwortenLöschenIst es nicht ein retroaktiver Volks- und Landesverrat, wenn heute jemand historische Angriffskriege gegen das eigene Land beschönigt ?
KARL0