Freitag, 21. Dezember 2018

đź“– Buch: Die Himmelsscheibe von Nebra - Der SchlĂĽssel zu einer untergegangenen Kultur im Herzen Europas

Die mitteleuropäische Bronzezeit - alles, nur nicht langweilig

"Die Himmelsscheibe von Nebra" (auf dem Cover ohne Bindestrich ^^) ist das bisher wohl umfangreichste Sachbuch zum gleichnamigen Artefakt, welches vor rund zwei Jahrzehnten in Sachsen-Anhalt entdeckt wurde und bis heute die Forschung beschäftigt.

Die beiden Buchautoren Harald Meller und Kai Michel beginnen ihre AusfĂĽhrungen mit den abenteuerlichen Umständen, die die Himmelsscheibe ins Licht der Ă–ffentlichkeit rĂĽckten: Angefangen bei der Fundunterschlagung durch zwei Metallsucher bis hin zu einer Polizeiaktion in der Schweiz und mehreren aufsehenerregenden Gerichtsprozessen in Deutschland.

Breiten Raum nimmt dann die Frage ein, aus welchem Grund man die Himmelsscheibe überhaupt im 2. Jahrtausend vor Christus anfertigte. Dazu gibt es mehrere Überlegungen, wobei einige durchaus plausibel klingen, während mich andere an die phantasievollen Zahlenschindereien erinnern, wie sie rund um die Pyramiden von Gizeh blühen. Apropos "phantasievoll": Wenn die Autoren meinen, einen kleinen Seitenhieb auf Erich von Däniken austeilen zu müssen, dann würde ich mir von ihnen wünschen, dass sie sich zuvor mehr als nur oberflächlich mit dessen Thesen beschäftigen. Der gute Mann interpretiert nämlich - anders als im Himmelsscheibenbuch insinuiert wird - die berühmten Nazca-Linien in Peru keineswegs als Landebahnen von außerirdischen Raumschiffen. Vielmehr meint er, einige der besagten Linien würden lediglich wie Landebahnen aussehen. Das wiederum führt Däniken auf einen Cargo-Kult zurück. Eine solche Vorstellung mag zwar jedem, der (wie auch ich) mit Prä-Astronautik wenig am Hut hat, unwahrscheinlich erscheinen, doch entbindet das die Kritiker nicht davon, brav bei den Tatsachen zu bleiben.

Nur ein Teil des Buches handelt direkt von der Himmelsscheibe - also ihrer Ikonographie, den verbauten Materialien sowie den bei der Herstellung angewandten Handwerkstechniken. Daneben war den Autoren auch eine Erörterung des historischen Kontexts wichtig: Von woher bezogen die Erschaffer das in die Himmelsscheibe integrierte astronomische Wissen? Entstand es vielleicht schon in der Jungsteinzeit vor Ort oder importierte man es später über Fernhandelswege aus dem Orient? Und vor allem: Wie darf man sich eine Gesellschaft vorstellen, in der es als sinnvoll erachtet wurde, ein solches Objekt anzufertigen, das - wie erläutert wird - erstaunlich viele Ressourcen verschlang? War das in einer vergleichsweise primitiven Stammesgesellschaft überhaupt möglich? Oder muss dafür ein zentrales Königtum als Grundvoraussetzung angenommen werden? Kann man hier gar vom ersten Staat in Mitteleuropa sprechen?
Letztere Frage bejahen die Autoren. Weil ihnen aber wohl von Anfang an klar war, dass dies auf einigen Widerspruch stoßen würde, sind sie sehr bemüht, ihre Theorie mit möglichst vielen Indizien zu untermauern. Das nimmt einigen Raum ein, ohne für den Leser zwangsläufig in Langeweile auszuarten (von wenigen Passagen abgesehen, die mir zu weitschweifig waren). Letztendlich ist das vorliegende Buch nicht nur eines über die Himmelsscheibe von Nebra, sondern ebenso eines über die etwas rätselhafte Kultur in der sie entstand.
Sozusagen nebenbei erfährt man im Zuge der 'Beweisführung' der beiden Autoren auch manch Interessantes über die Methoden der modernen Archäologie bzw. Archäometrie.

Harald Meller und Kai Michel war erkennbar daran gelegen, eine allgemein verständliche Sprache zu verwenden. Klugdeutsches Fachvokabular wurde entsprechend vermieden oder übersetzt. Trotzdem bin ich mit der Wortwahl nicht durchgehend zufrieden. Z.B. werden illegal agierende Metallsucher als "Raubgräber" bezeichnet; dieser Begriff ist ein unwissenschaftlicher und unsachlicher Dysphemismus, der in der Realität keine juristische Grundlage besitzt, da die Straftat Raub immer die Anwendung oder zumindest Androhung von Gewalt voraussetzt. Über diese, den Archäologen liebgewonnene Rabulistik, könnte eventuell hinweggesehen werden, wenn die Autoren nicht auf der anderen Seite lapidar schreiben würden, Stalins Rote Armee habe nach dem Krieg wertvolle Goldartefakte aus deutschen Museen "abtransportiert", obwohl es sich ausgerechnet in diesem Fall zweifellos um Raub handelt.
Wie hier parallel sprachlich ĂĽber- und untertrieben wurde, kann bestenfalls als kurios bezeichnet werden.


Fazit: Nicht alles an diesem Buch findet meine Zustimmung. Jedoch ist es den Autoren zweifellos gelungen, anhand der Himmelsscheibe von Nebra einen interessanten Einblick in die mitteleuropäische Bronzezeit zu gewähren; einer Epoche, die alles andere als langweilig ist und wesentlich mehr Raum in den Medien und der öffentlichen Wahrnehmung verdienen wĂĽrde.

Hinweis: Wer eine gerafftere Darstellung bevorzugt, dem kann ich Iris Newtons Buch "Die Welt der Himmelsscheibe" empfehlen, das mir im GroĂźen und Ganzen ein wenig besser gefallen hat.

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2 Kommentare:

  1. "abtransportiert"

    Väterchen Stalin sozusagen als Chef einer international tätigen Spedition.

    ;-)

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  2. Das Buch habe ich kĂĽrzlich gelesen. Die von Harald Meller darin vertretene These vom bronzezeitlichen Staat in Mitteldeutschland ist schon sehr gewagt. Andererseits, wer weiĂź schon wie es wirklich war? Althergebrachtes zu hinterfragen schadet nicht.

    W.T.C.

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