Montag, 21. September 2020

📖 Buch: Kelten-Kochbuch

Da ich vom Verlag Zauberfeder bereits zwei KochbĂŒcher besitze (Römer-Kochbuch, Gladiatoren-Kochbuch) und mir beide gut gefallen haben, war es eigentlich naheliegend, mir auch das neu erschienene "Kelten-Kochbuch" anzusehen (der Verlag mag, zumindest auf dem Cover, noch immer keine Bindestriche; ich schon 😊).
Auch hier war fĂŒr mich bei der Bewertung wieder die Frage von einiger Bedeutung, wie leicht sich die Rezepte nachkochen lassen. So können z.B. nur schwierig erhĂ€ltliche oder teure Zutaten das KochvergnĂŒgen arg trĂŒben; manch Kochbuch fĂŒr historische Gerichte endet deshalb als StaubfĂ€nger.
Gleichzeitig ist schon auch die Frage interessant, wie authentisch die beschriebenen Gerichte sind, denn schließlich möchte man einen ungefĂ€hren Eindruck von den geschmacklichen Besonderheiten erhalten, die die KĂŒche unserer Vorfahren auszeichneten. WĂ€hrend allerdings z.B. von den Römern Kochrezepte Wort fĂŒr Wort ĂŒberliefert wurden, gilt das fĂŒr die ĂŒberwiegend schriftlose keltische Kultur, die vor der römischen Landnahme in großen Teilen Europas den Ton angab, nicht. Ein brauchbares Kelten-Kochbuch zu schreiben ist daher etwas knifflig...

Als ich das Buch nach Erhalt rasch von hinten nach vorne durchblĂ€tterte, war das erste Rezept, das mir unter die Augen kam jenes fĂŒr "manx potato griddle cakes". Ach du meine GĂŒte, schoss es mir durch den Kopf, das fĂ€ngt ja schon mal 'gut' an; ein angebliches "Kelten-Kochbuch", in dem die Gerichte auch Pflanzen enthalten, die erst lange nach dem Verlöschen der keltischen Kultur in Europa heimisch geworden sind! Wahrscheinlich, so war meine Vermutung, wurde der Keltenbegriff hier Ă€ußerst großzĂŒgig auf das moderne oder wenigstens frĂŒhneuzeitliche Irland und Schottland ausgedehnt, wie es ja mitunter leider vorkommt. Die Autorin Ingeborg Scholz wird womöglich so eine Hobbyistin mit krĂ€uterfrauhaftem Halbwissen sein, die zu viel Diana Gabaldon gelesen oder geschaut hat - kam mir in den Sinn (zufĂ€lligerweise hat der Verlag auch ein 'Outlander'-Kochbuch im Angebot).

Doch man sollte keine voreiligen, allzu pauschalen SchlĂŒsse ziehen. Rasch stellte sich beim Lesen des 136-seitigen Buchs heraus, dass Frau Scholz durchaus fachlich kompetent ist. Bereits auf den einleitenden Seiten gibt sie einen sehr gelungenen Überblick zu den archĂ€ologisch-historischen Quellen, die die Hauptgrundlage fĂŒr unser Wissen ĂŒber die keltischen ErnĂ€hrungsgewohnheiten bilden. Dazu zĂ€hlen etwa verkohltes GebĂ€ck, widerstandsfĂ€hige Fettreste an den WĂ€nden poröser TongefĂ€ĂŸe und sogenannte menschliche Koprolithen - also konservierte Exkremente (wer hĂ€tte gedacht, ĂŒber so etwas ausgerechnet in einem Kochbuch zu lesen 😃). Ja, sogar auf die Sprachforschung wird zurĂŒckgegriffen, wenn es beispielsweise darum geht Hinweise zu finden, welches GemĂŒse die Kelten bereits verputzt haben (GemĂŒse an SiedlungsplĂ€tzen archĂ€ologisch zweifelsfrei nachzuweisen ist nĂ€mlich vergleichsweise schwierig). DarĂŒberhinaus wird erlĂ€utert, welchen Einfluss die jeweilige gesellschaftliche Stellung, der Lebensraum oder das Geschlecht eines Individuums auf dessen ErnĂ€hrungsmöglichkeiten gehabt haben dĂŒrfte.

Die vorgestellten Rezepte wurden in drei Haupt-Kapitel unterteilt. Im Zentrum des ersten steht die 'klassische' keltische Welt. Im zweiten und dritten kommt der von mir nicht sehr geschĂ€tzte erweiterte Keltenbegriff zum Tragen. Wobei die Autorin selbst einrĂ€umt, dass dieser nicht unumstritten ist. Und immerhin zieht sie eine fĂŒr den Leser klar ersichtliche Trennlinie.

  • 1. Die keltische Welt bis zur Eroberung Galliens
    • AlltagskĂŒche
      • Getreidebrei und Eintopf (Grundrezepte fĂŒr Getreidebrei, Keltischer Standardeintopf, Ritschert, Haferfladen usw.)
      • Feines Brot und guter KĂ€se (Gebildbrot usw.)
    • Festzeiten und Gelage
      • Frauenfest (Wachtleier, Waldbeer-Pfankuchen usw.)
      • HĂ€uptlingsgelage (pikantes Bohnenmus, Schweinebraten mit Honig glasiert usw.)
    • Die vier Jahreszeiten
      • FrĂŒhling (KrĂ€utersuppe usw.)
      • Sommer (Gebackener KĂ€se mit WildkrĂ€utern usw.)
      • Herbst (Deftiger Pfankuchen usw.)
      • Winter (Fruchtige Linsensuppe usw.)
  • 2. Geographische Kontakte und kulinarische Inspirationen
    • Rom (Rindfleisch mit wĂŒrziger Tunke usw.)
    • Amerika (Shepherd's Pie usw.)
    • Afrika (Irish Coffee)
  • 3. Kulinarischer Streifzug durch das keltische Europa
        • Porridge
      • Irland (Irish Stew, Soda Bread usw.)
      • Schottland (Apple Frushie usw.)
      • Wales und Cornwall (Welsh Rabbit, Cornish Pasty usw.)
      • Bretagne (Kigh-ha-farz usw.)

    Die Autorin gibt in den Einleitungen zu den Kapiteln - sowie in eingestreuten Exkursen wie auch in den schön bebilderten Rezepten selbst - historische Hintergrundinformationen, Hinweise und RatschlÀge; etwa wie man WildkrÀuter richtig sammelt, wie von den Kelten Kochtöpfe und Backsteine gehandhabt wurden oder welche Aspekte der keltischen Kultur bei Gelagen zum Tragen gekommen sein könnten.
    Die Kochanweisungen sind leicht verstĂ€ndlich, auch das Beschaffen der authentischen Zutaten stellt wohl nur in AusnahmefĂ€llen eine Herausforderung oder gar ein Problem dar - etwa wenn diese nur saisonal verfĂŒgbar sind wie frischer BĂ€rlauch.

    Fazit: Definitiv ein gelungenes bzw. informatives archĂ€ologisch-historisches Kochbuch. Wobei allerdings fĂŒr mich persönlich nur die Rezepte im 1. Teil von Interesse waren. FĂŒnf Sterne hĂ€tte ich gerne vergeben, wenn sich Ingeborg Scholz auf die historisch 'echten' Kelten beschrĂ€nkt hĂ€tte. So sind es dann - immer noch gute - vier Sterne geworden.

    PS: Ich werde in den kommenden Wochen ein von mir gekochtes Gericht aus dem Buch hier vorstellen.

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    1 Kommentar:

    1. Das Römerkochbuch von Zauberfeder habe ich auch, das Lob dafĂŒr kann ich bestĂ€tigen.
      Bin jetzt aber gespannt, was du fĂŒr ein keltisches Gericht kochst.
      :-)

      LG,
      Martina

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