Donnerstag, 15. Oktober 2020

🎬 Doku-Kritik: "Campus Galli - Das [missratene] Mittelalterexperiment"

Beißt man die Hand, die einen fĂŒttert?

Im baden-wĂŒrttembergischen Meßkirch möchte seit 2013 der quasi kommunal kontrollierte Privatverein Karolingische Klosterstadt mit angeblich ausschließlich historischen Handwerksmethoden ein frĂŒhmittelalterliches Großkloster errichten. Zweck des Ă€ußerst zĂ€h laufenden Projekts "Campus Galli" ist primĂ€r die Ankurbelung des lokalen Tourismus; in den Vordergrund gerĂŒckt wird von den Verantwortlichen hingegen aus Marketing-ErwĂ€gungen der pĂ€dagogische und wissenschaftliche Aspekt (Stichwort 'Experimentelle ArchĂ€ologie') .

Der Filmemacher Reinhard Kungel ist der staatsnahen Mittelalterbaustelle ĂŒberaus zugetan und begleitet sie dementsprechend vom Start weg mit seiner Kamera. Dies scheint sich durchaus fĂŒr ihn zu lohnen, denn wie beim Campus Galli selbst, so ergießt sich auch ĂŒber seine gemeinsam mit dem SWR produzierte Kino-Dokumentation "Campus Galli - Das Mittelalterexperiment" ein mit Staatsknete betanktes FĂŒllhorn: 

Quelle: crew-united.com

Da also erwiesenermaßen Herr Kungel ein KostgĂ€nger des Steuerzahlers ist und finanziell von jenen staatlich-politischen Strukturen profitiert, die auch den Campus Galli seit Jahren mit ZuschĂŒssen kĂŒnstlich am Leben erhalten, darf man sich von ihm keine dokumentarische Abrechnung Ă  la Michael Moore erwarten. Eher stellt sich die Frage: Wie schlimm fĂ€llt seine Lobhudelei aus?

Nun, sie kommt zumindest nicht dermaßen plump daher wie manch journalistische LiebeserklĂ€rung der Lokalpresse an den Campus Galli. Vielmehr muss man Reinhard Kungel schon ein gewisses Geschick zugestehen; schafft er es doch, dem unbedarften Seher zu suggerieren, es wĂŒrde hier ein kritischer und schonungsloser Blick auf das Projekt geworfen. Wobei dieser Blick in der RealitĂ€t stets oberflĂ€chlich bleibt und stellenweise in GefĂŒhlshuberei abgleitet. Kritische Untertöne dienen primĂ€r der Dramaturgie. Denn Ă€hnlich der Handlung eines Groschenromans wendet sich das Blatt auch fĂŒr den von Geldsorgen und Querelchen geplagten Campus Galli am Ende der Doku (scheinbar) doch noch zum Besseren: Das Miteinander habe sich spĂŒrbar verbessert; außerdem wĂŒrde jedes Jahr mehr und mehr Besucher kommen, meint eine sanfte Frauenstimme aus dem Off verheißungsvoll.
Nun ist letztere Behauptung zwar zutreffend, aber gewiss nicht grundlos wird hier verschwiegen, dass diese ZuwĂ€chse deutlich zu gering ausfallen, um das Projekt in absehbarer Zeit finanziell unabhĂ€ngig machen zu können. Mehr noch, der in der Doku behauptete Break-even-Point mit jĂ€hrlich 100.000 Besuchern gilt mittlerweile als völlig ĂŒberholt. Selbst 120.000 Besucher pro Saison dĂŒrften dafĂŒr nicht ausreichen.

Man sieht hieran, dass Herr Kungel, dieser Oswalt Kolle des Geschichtsdoku-Genres, keine rechte Ahnung hat. Oder wahrscheinlicher: Er will als Fan des Campus Galli keine Ahnung von solchen Dingen haben. Doch schauen wir uns nun einige weitere fragwĂŒrdige und unfreiwillig komische Stellen in seinem Doku-Meisterwerk etwas genauer an. 😃


Mönche, hört die Signale! Auf zum letzten Gefecht!

Weil die ĂŒbellaunig gewordene Belegschaft des Möchtegern-Klosters einen Betriebsrat grĂŒnden wollte (die konkreten GrĂŒnde dafĂŒr verschweigt der Fanboy Dokumacher Kungel), wurde ein sogenannter "Coach" engagiert. Ob der Herr gratis tĂ€tig war - oder ob die TrĂ€ger des Campus Galli fĂŒr diese Erwachsenen-PĂ€dagogisierung Steuer- bzw. Spendengelder verbraten haben - ist nicht bekannt. Auf jeden Fall wurden die wie eine Schulklasse angetretenen Neo-Mönche mit einer wahren Kanonade an BanalitĂ€ten Ă  la RTL-Super-Nanny eingedeckt: "Also hier ist ein Rad ins Rollen gekommen, das ihr eigentlich gar nicht mehr anhalten könnt." "Ihr, ihr habt da ein, ein einzigartiges Projekt". "Ich glaube, ihr könnt nicht an der Vergangenheit festhalten." 
Bei all diesem belanglosen Geschwurbel nimmt es nicht wunder, dass einem der Zuhörer unĂŒbersehbar die Haare zu Berge stehen.

Bildzitat aus "Campus Galli - Das Mittelalterexperiment" | ca Timecode: 0:40:58 | Quelle: Amazon Prime Video / RK-Film, Reinhard Kungel, SWR SĂŒdwestrundfunk, Mindjazz Pictures (Verleih, Vertrieb)

"Also ich denk, wenn die Mitarbeiter [des Campus Galli] sich benehmen wie normale Angestellte, können wir einpacken" meint Rapunzel. Pardon, die Dame heißt natĂŒrlich Punzel mit Nachnamen. Sie ist beim Campus Galli die fĂŒrs GrĂŒnzeug zustĂ€ndige KrĂ€uterfrau.
Es ist Ă€ußerst schade, gleichzeitig aber fĂŒr die gesamte Doku typisch, dass Reinhard Kungel hier dem Seher die nĂ€heren ZusammenhĂ€nge und HintergrĂŒnde fĂŒr die Wortmeldung vorenthĂ€lt. Schließlich stellt es doch gerade fĂŒr den indigenen Zahlesel eine spannende Frage dar, in welcher Art und Weise sich die von ihm mitfinanzierten Angestellten der finanzmaroden Mittelalterbaustelle sonst "benehmen" sollen. 
Mein bescheidener Vorschlag: Eventuell könnten die Truppe etwas mehr Elan an den Tag legen, statt der so hochgehaltenen "Entschleunigung" zu frönen. Wohl nicht zufĂ€llig berichtete ein Besucher des Campus Galli, die Arbeiter vor Ort wĂŒrden "die meiste Zeit nur deppert in der Gegend herumstehen"...

Freilich, die eher unproduktive Mittelalterbaustelle steht bei einigen der Kritiker schon lĂ€nger im Verdacht, eine sogenannte "Arbeitsbeschaffungsmaßnahme" fĂŒr akademische BlindgĂ€nger und Gegner der sogenannten 'Leistungsgesellschaft' zu sein. Ohne Campus Galli wĂ€ren diese Personen genötigt, ihren Lebensunterhalt mit gesellschaftlich nĂŒtzlichen TĂ€tigkeiten zu verdienen. Man vermutet weiter, dass sich besonders Personen mit Kommunismus- oder zumindest Sozialismus-AffinitĂ€t von dem staatsnahen, dauerbezuschussten "Faulenzerprojekt" angezogen fĂŒhlen.
Ich persönlich wĂŒrde es nicht ganz so drastisch ausrĂŒcken, zu 100 Prozent aus der Luft scheint der Vorwurf dann allerdings doch nicht gegriffen zu sein ...

Bildzitat aus "Campus Galli - Das Mittelalterexperiment" | ca Timecode: 0:40:49 | Quelle: Amazon Prime Video / RK-Film, Reinhard Kungel, SWR SĂŒdwestrundfunk, Mindjazz Pictures (Verleih, Vertrieb)

Was will dieser Herr mit dem Tragen eines solchen KleidungsstĂŒcks bei eine Mitarbeiterversammlung zum Ausdruck bringen? Wenn jemand mit dem Antlitz eines notorischen Antidemokraten auf der Kleidung herumlĂ€uft, der u.a. die Meinung vertreten hat, ein Atomkrieg wĂ€re ein probates Mittel zur Durchsetzung politischer Ziele, dann zeugt das bestenfalls von Geschmacklosigkeit und Dummheit. Wobei freilich schon seit lĂ€ngerer Zeit evident ist, dass es oft nicht die hellsten Kerzen auf der Torte sind, die fĂŒr den Campus Galli werkeln.
"Im Endeffekt  mĂŒssen wir uns von einer anarchischen Community, die wir am Anfang waren, zu einem Betrieb hinentwickeln" meint der Möchtegern-Revoluzzer dann im starken Widerspruch zu seinem martialisch bedruckten Shirt ganz zahm - ja geradezu vernĂŒnftig.
Freilich, das ist eine reichlich spĂ€te Erkenntnis, denn das Projekt wird zwar von einem (auf dem Papier) privaten und gemeinnĂŒtzigen Verein getragen, doch der Ideengeber stellte schon zu Beginn klipp und klar fest, dass es sich beim Campus Galli um ein "mittelstĂ€ndisches Unternehmen" handelt, und nicht etwa um ein "Forschungsinstitut", ein "Freilichtmuseum" oder eine Kommune fĂŒr SpĂ€t-Hippies. 

Der ebenfalls bei der Zusammenkunft anwesende GeschĂ€ftsfĂŒhrer des Campus Galli - Hannes Napierala - scheint bereits voll in seiner Rolle als mittelalterlicher Bauherr aufgegangen zu sein. Von umfangreichen Demokratisierungs- und Transparenzbestrebungen, die Teilen der Belegschaft vorschweben, hĂ€lt er Ă€hnlich viel wie Ritter Kunibert vom Ende der Leibeigenschaft seiner Bauern. Im Rahmen der Mitarbeiterversammlung erklĂ€rt er: "[...] dass dann z.B. klar ist, dass nicht jeder ĂŒber den Budgetplan im Detail informiert wird [...] weil es das natĂŒrlich mit sich bringt, dass man einfach dem anderen vertraut, dass er das schon gut machen wird."
Nun, es ist von den Mitarbeitern doch ziemlich viel verlangt, den FĂ€higkeiten der GeschĂ€ftsleitung blind zu vertrauen. Die offenbar hoch zu Ross sitzenden ChefitĂ€ten haben seit Bestehen des Projekts nĂ€mlich etliche der selbst aufgestellten Ziele meilenweit verfehlt und es in weiterer Folge bis heute nicht geschafft, den Campus Galli aus den Roten Zahlen zu fĂŒhren. Herr Napierala verstieg sich deshalb gegenĂŒber dem Meßkircher Gemeinderat sogar zu der Forderung, man sollte gar keine klaren, in Zahlen gegossenen GeschĂ€ftsziele mehr öffentlich kommunizieren - zweifellos um weitere Blamagen und die damit einhergehende Kritik zu vermeiden.
Bei der GeheimniskrĂ€merei gegenĂŒber den eigenen Mitarbeitern dĂŒrfte es ebenfalls darum gehen, das Durchsickern unschöner Details an die Öffentlichkeit zu verhindern. Gewiss nicht zufĂ€llig werden Aspekte der Finanzen des Campus Galli auch im Meßkircher Gemeinderat gerne in geheimen Sitzungen besprochen. Um trotzdem den Eindruck von Offenheit zu suggerieren, lĂ€sst die weitestgehend gleichgebĂŒrstete Polit-Kamarilla des lokalen Dorf-Potentaten handverlesenen Medien wie dem SĂŒdkurier und der SchwĂ€bischen Zeitung Informationsschnippsel zukommen, die dann unkritisch an die Bevölkerung durchgereicht werden; ernsthaft nachgehakt wird von den zustĂ€ndigen Lokalredakteuren so gut wie nie, schließlich hĂ€ngt der eigene Arbeitgeber - Ă€hnlich wie der Laden des Dokumachers Kungel - teilweise von Staatsknete ab, nachdem die Abonnenten in Schaaren das Weite suchen. Dementsprechend sind diese KĂ€seblĂ€tter und ihr Personal tendenziell um ein gutes VerhĂ€ltnis zu den vor Ort herrschenden Parteipolitikern bemĂŒht. Wegen einer finanzmaroden Mittelalterbaustelle, die irgendwo in der Pampa vor sich hin grundelt, bricht man keinen Konflikt vom Zaun. Gehen Sie bitte weiter, es gibt hier nichts zu sehen.


Historisch authentisches Handwerk?

Beim Filmen eines der Steinmetze des Campus Galli heißt es es aus dem Off: "Jens Lautenschlager arbeitet schon seit Monaten am Altar fĂŒr die Holzkirche. Die dafĂŒr notwendigen Steine muss er erst einmal aus dem Fels schlagen. Dazu nutzt er gewĂ€sserte Holzpflöcke, die aufquellen und dadurch zusĂ€tzlichen Druck bewirken."
Soso, bloß gewĂ€sserte Holzpflöcke benutzt der gute Mann? Eine erstaunliche Behauptung, denn in Wirklichkeit stammt das auf dem Campus Galli verarbeitete Steinmaterial aus einem Steinbruch in der NĂ€he. Dort wird es maschinell aus dem Felsen gebrochen und per LKW in grob passender GrĂ¶ĂŸe angeliefert. Bereits vor dem Start der Mittelalterbaustelle hatte sich nĂ€mlich herausgestellt hat, dass das vor Ort im Boden befindliche Gestein kaum tauglich fĂŒr den Hausbau sowie elaborierte Steinmetzarbeiten ist. Zumindest war das die BegrĂŒndung der Verantwortlichen. Ein ExperimentalarchĂ€ologe erklĂ€rte mir hingegen, dass Material sei fĂŒr Mauern aus Bruchsteinen im Mörtelverband durchaus brauchbar; die Meßkircher Klosterbauer wĂŒrden sich wohl lediglich den eigenhĂ€ndigen Abbau ersparen wollen. 
Dazu passt vermutlich auch, dass der im Video gezeigte Stein eine Reihe von Löchern aufweist, die mir wenig nach mittelalterlichem Handwerk aussehen (siehe Screenshot unten). Eher erinnern sie an Spuren, wie sie von Pressluftbohrern verursacht werden.

Bildzitat aus "Campus Galli - Das Mittelalterexperiment" | ca Timecode: 0:04:47 | Quelle: Amazon Prime Video / RK-Film, Reinhard Kungel, SWR SĂŒdwestrundfunk, Mindjazz Pictures (Verleih, Vertrieb)

Wenn es zutreffend ist, dass hier maschinell vorgearbeitet wurde, dann sollen die kamerawirksam in die Löcher geschobenen Holz-Spaltkeile wohl ĂŒber diesen Anachronismus hinwegtĂ€uschen und dem Seher historisch korrektes Handwerk vorgaukeln. 
Ob Herr Kungel - wie es ein guter Rechercheur machen wĂŒrde - 'off camera' nach der Herkunft der auffĂ€lligen Bohrungen gefragt hat? Oder war es ihm wichtiger, auf Teufel komm raus das Marketing-Narrativ des Campus Galli zu stĂŒtzen, demzufolge man nicht im Traum daran denken wĂŒrden, sich bei den Arbeiten von modernen Maschinen helfen zu lassen?


Bloß "Unkenrufe"

Auf die Frage, was vom Campus Galli zu halten ist, antworten die auf der Straße interviewten Eingeborenen folgendermaßen (ich gebe die Aussagen gegebenenfalls im gesprochenen Dialekt wieder, weil ich den spaßig finde und er mir gefĂ€llt 😊):

Mann: "Tauasad Johr z'spÀt (lacht)."
(Ehe?)Frau:"Er got nah wenns fertig ischt." (ca ab Timecode 0:13:03)
Anm.: Da mĂŒsste der Herr wohl bis in alle Ewigkeit warten - mehr dazu weiter unten.

Mann:"Die Rechnung geht nicht auf. Das ist doch... da muss man also ned lang Kopfrechnen, bis man das raus hat." (ca ab Timecode 0:01:52)

Mann: "Aber die Frage ist natĂŒrlich, ob, Ă€h, die öffentliche Hand sich irgendwann aus der Finanzierung zurĂŒckziehen kann." (ca ab Timecode 0:13:12)

Mann: "Also das koscht der Stadt Meßkirch nur Geld, das kennen Se ruhig berichte. Und hot keun Wert."
Interviewer: "Ja waren Sie schon mal durt?"
Mann: "Nein!" (ca ab Timecode 0:13:19)

Nach dem letzten Statement erfolgt ein harter Schnitt. Zufall ist dieses Vorgehen natĂŒrlich nicht, vielmehr kann davon ausgegangen werden, dass hier der Eindruck erweckt werden soll, es handle sich bei den Kritikern um notorische Meckerziegen, die allesamt den Campus Galli noch nie persönlich besucht haben und sich deshalb weder ein Bild davon machen können noch das Recht haben, ihn zu kritisieren.
Ein solcher Schluss ist freilich reine Polemik; und zwar keine gute Polemik, wie ich sie gerne mal raushaue 😄, sondern strohdumme, da faktenfrei. Etwa fĂŒr die Beurteilung des klösterlichen Finanzierungsdesasters muss man nicht persönlich vor Ort gewesen sein; das Beherrschen der Grundrechnungsarten reicht stattdessen völlig aus. 
Dass Reinhard Kungel hier gezielt ein ganz bestimmtes Bild zeichnen möchte, wird auch daraus ersichtlich, dass er an anderer Stelle (Timecode  1:28:17) Kritik am Campus Galli pauschal als bloße "Unkenrufe" - also substanzlose Miesmacherei - abqualifiziert. 


"Der Promovierte"

Kommen wir noch einmal zurĂŒck zum oben bereits erwĂ€hnten GeschĂ€ftsfĂŒhrer des Campus Galli. Aus dem Off heißt es: "GeschĂ€ftsfĂŒhrer Hannes Napierala ist promovierter ArchĂ€ologe. Seine Uni-Karriere hat er fĂŒr das Projekt aufgegeben."
Unter Kritikern gilt es seit Jahren als eine Art Running Gag, dass die mit dem Projekt freundschaftlich verbandelten Medien den Herren immer betont als 'promovierten ArchĂ€ologen' vorstellen. Mit dem Hinweis auf die Promotion soll Hannes Napierala zweifellos fachliche AutoritĂ€t verliehen werden. In Wirklichkeit ist der Herr allerdings ArchĂ€ozoologe - also ein auf Tierknochen spezialisierter AusgrĂ€ber. Das qualifiziert ihn schwerlich zum Managen einer VorfĂŒhrbaustelle. Abzulesen ist das etwa daran, dass ein unter seiner Verantwortung errichteter Bau nicht nur keine behördliche Genehmigung hatte, sondern auch einstĂŒrzte, wobei sich ein Mitarbeiter Ă€rgere Blessuren zuzog (der Einsturz wird in der Doku zwar kurz erwĂ€hnt, aber freilich nicht die IllegalitĂ€t des Baus - das wĂ€re dann wohl doch zu viel Offenheit gewesen...). 
Dem Vernehmen nach sollen fĂŒr den Posten des GeschĂ€ftsfĂŒhrers einst nur wenige Bewerber vorstellig geworden sein, der TrĂ€gerverein und die Vertreter der Standortgemeinde musste also nehmen was zur VerfĂŒgung stand; Ă€hnlich stellte sich die Situation ja schon beim Haushistoriker dar, der ebenfalls nicht gerade mit Kompetenz glĂ€nzen konnte. Verwundern darf das freilich alles nicht, weil nĂ€mlich der Campus Galli schon vor dem eigentlich Start in Fachkreisen einen fragwĂŒrdigen Ruf besaß - wie ich aus einigen GesprĂ€chen weiß. Dieser Umstand dĂŒrfte das Interesse tatsĂ€chlich kompetenter Bewerber arg gedĂ€mpft haben.
Der Filmemacher Kungel interessiert sich fĂŒr diese "Details" allerdings nicht. Stattdessen lĂ€sst er seine Sprecherin mit SĂ€uselstimme etwas von einer aufgegebenen "Uni-Karriere" des Herrn Napierala daherreden. Hier ist es freilich interessant zu wissen, dass ArchĂ€ozoologie ein klassisches Orchideenfach ist. Darin eine vorzeigbare Karriere zu machen ist dementsprechend schwierig. Wesentlich sicher ist es da schon, den gemĂŒtliche GeschĂ€ftsfĂŒhrer-Posten eines quasi 'staatsnahen' Betriebs zu bekleiden. Im Gegensatz zu seinen Untergebenen muss Herr Napierala sich auch nicht mit dem Mindestlohn bzw. einem vom Arbeitsamt finanzierten 1-Euro-Job begnĂŒgen, sondern kassiert ein stattliches SalĂ€r. Es kann also keine Rede davon sein, dass er sich sozusagen aus idealistischen GrĂŒnden fĂŒr die knuddelige Mittelalterbaustelle geopfert hat, wie dem Seher subtil untergejubelt wird.

Dass man stĂ€ndig versagt - sei es im betriebswirtschaftlichen oder im experimentalarchĂ€ologischen Bereich (siehe etwa das zu steile Dach der Holzkirche) - begrĂŒndet Hannes Napierala folgendermaßen: "Na, wir haben die letzten drei Jahre natĂŒrlich sehr viel gelernt, und wir können natĂŒrlich auf allen Ebenen etwas besser machen, weil wir natĂŒrlich auch einfach aus einem StĂŒck weit Unwissenheit hier ganz klar Fehler machen. Das ist normal, gehört dazu, aber ist natĂŒrlich manchmal schmerzhaft."
Aus dem Off wird daraufhin ein Beispiel genannt:  "So verzögert sich der Bau der großen GebĂ€ude, weil HĂŒtten und StĂ€lle schon nach drei Jahren marode sind und erneuert werden mĂŒssen." Was hier unerwĂ€hnt bleibt: Die Kurzlebigkeit der betreffenden Bauten wurde von echten Fachleuten schon zu Baubeginn prognostiziert - ich selbst habe mit einem von ihnen gesprochen. Beim Campus Galli hat man die entsprechenden Warnungen aber schlicht ignoriert.
Die offensichtliche UnfĂ€higkeit der Projektbetreiber versucht Hannes Napierala mit Verweis auf eine Uni-Partnerschaft zu ĂŒberspielen, deren messbarer wissenschaftlicher Output sich freilich auch nach mehreren Jahren ungefĂ€hr im Bereich von Null bewegt. Abzulesen an der ziemlich ausbleibenden PublikationstĂ€tigkeit. Allerdings gibt es immer schöne Bilder fĂŒr Zeitungsberichte, wenn wieder einmal ein paar ArchĂ€ologiestudenten im Rahmen einer Lehrveranstaltung beim Campus Galli vorbeischauen, um dort z.B. Tontöpfe zu brennen. Damit wird das Projekt in den Augen der schlecht informierten Öffentlichkeit aufgewertet. Speziell dieser Marketingaspekt dĂŒrfte fĂŒr die GeschĂ€ftsfĂŒhrung der primĂ€re Zweck der ganzen Übung sein. 


Und sonst?

Was erfĂ€hrt der Seher in Reinhard Kungels Doku sonst noch so ĂŒber das Projekt? Nun, z.B. vergleicht einer der wenigen kompetent scheinenden Mitwirkenden - der bauhistorische Berater Tilmann Marstaller - den Campus Galli mit dem Köllner Dom. Dieses mittelalterliche Bauvorhaben sei ins Stocken geraten und ĂŒber Jahrhunderte stillgestanden. Konkret auf den Campus Galli bezogen heißt es dann mit erstaunlicher Offenheit: "... und es ischt letschtendes ja hier auch noch nicht mit Brief und Siegel gegeben, dass am Schluss die komplette Kloschteranlage steht." 
Will heißen, die Betreiber glauben selbst nicht mehr so recht daran, dass das 'grĂ¶ĂŸenwahnsinnige' Ziel - nĂ€mlich ein komplettes Großkloster zu bauen - je erreicht werden kann. Trotzdem bleibt die entsprechende Behauptung Kern des Marketings. Baron MĂŒnchhausen hĂ€tte wohl seine Freude daran.

Wie bescheiden verwaltet das Projekt bereits zu Beginn war, lĂ€sst sich auch an einer Charakterisierung des aus Aachen stammenden Initiators und spĂ€ter abgesetzten Leiters erkennen. Der sei zwar charismatisch gewesen und hĂ€tte deshalb andere Menschen fĂŒr seine Idee vom Bau eines frĂŒhmittelalterlichen Großklosters begeistern können, sagt ein langjĂ€hriger Mitarbeiter, jedoch: "VernachlĂ€ssigt hat er sicherlich die Feinarbeit, die Kleinarbeit. Das war nicht so seine Sache. So war z.B. der Kofferraum seines Autos sein BĂŒro, wo ungeöffnete Post nach Aachen und wieder zurĂŒckgefahren ist und dabei auch unbezahlte Rechnungen. Was dann spĂ€ter auch mĂŒhsam aufgearbeitet werden musste und was uns fast auch das RĂŒckgrat gebrochen hĂ€tte [...] um aus diesen VertrĂ€gen und Schulden, die wir hatten, rauszukommen und ein Konzept zu finden."
Das Projekt wĂŒrde freilich auch heute noch ohne die hohen Fördergelder von der Standortgemeinde, dem Land und der EU sofort in die Insolvenz köpfeln. Erst kĂŒrzlich hat man seitens des Landes Baden-WĂŒrttemberg fĂŒr einen Beton-Fertigteil-Bau im Eingangsbereich des Campus Galli 125.000 Euro locker gemacht. Wohlgemerkt, nicht etwa fĂŒr den Erwerb des Bau selbst, weil den hat sich der Campus Galli kostenneutral von einer verblichenen Landesgartenschau 'erschnorrt'. Die saftige Förderung geht vielmehr fĂŒr die Adaption des hĂ€sslichen Klotzes drauf. Dergleichen aus eigenen Mitteln zu finanzieren ist den Betreibern unmöglich; kann man doch nicht einmal die jĂ€hrlichen Betriebskosten der Klosterbaustelle mit TicketverkĂ€ufen und Spenden decken. 


FAZIT 

Keine Frage, Reinhard Kungel versteht sich aufs Filmen und das geschickte Einfangen von Stimmungen mit seiner Kamera. Optisch ist diese Doku deshalb makellos. Auch die musikalische Untermalung kann als gelungen bezeichnet werden; meist ist sie dezent und wirkt an keiner Stelle penetrant.
Jedoch wird aus der inhaltlichen Zusammenstellung und dem einseitigen Framing klar ersichtlich, dass Herr Kungel ein BefĂŒrworter des Projekts ist - möglicherweise nicht zuletzt aus finanziellem Eigeninteresse. Der scheinbar kritische Blick hinter die Kulissen bleibt deshalb Ă€ußerst oberflĂ€chlich und hat meiner EinschĂ€tzung nach an mehr als nur einer Stelle reinen Alibicharakter. Das Faktum, dass es sich bei der Doku eigentlich um verkappte PR fĂŒr den Campus Galli handelt (mitfinanziert vom selben Staat, der auch den Campus Galli sponsert) sollte dem Otto-Normal-Seher wohl nicht gleich mit Anlauf ins Gesicht springen. Kenner des Campus Galli bemerken freilich, dass Kernprobleme wie das in seinem Umfeld wuchernde 'Förder- und Abpumpdickicht' ausgespart wurden. So wird also in der Doku nicht unbedingt formell gelogen, aber durch Weglassen essentieller Fakten - die maßgeblich den Charakter des Projekts mit prĂ€gen - wir der Seher trotzdem hinter die Fichte gefĂŒhrt. 

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Kommentare:

  1. Gebe dir absolut recht, dass es bezeichnend ist, dass die Medien die finanziellen Aspekte fast ĂŒberhaupt nicht interessieren. Es wundert mich auch nicht, dass der SWR diesen Film mitfinanziert hat, die Sender der ARD sehen sich schon immer als verlĂ€ngerte PR-Arme von kommunalen Freilichtmuseen, egal wie abgewirtschafet die durch jahrelange parteipolitische Inkompetenz sind. Campus Galli ist in der Hinsicht leider absolut kein Einzelfall!

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  2. Ich fĂŒrchte, diese grĂ¶ĂŸenwahnsinnigen HĂ€uslebauer brauchen keinen Coach, sondern gehören auf die Couch, wenn sie ernsthaft glauben, dass sie jemals ein Unternehmen sein können, dass ohne Fremdgelder auskommt. Schon alleine wegen dem ungĂŒnstig gelgenen Standort kann das nichts werden. Davor hat man den BĂŒrgermeister und Gemeinderat von Meßkirch schon zu Beginn ausdrĂŒcklich gewarnt.

    GrĂŒĂŸle,
    Maria

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    1. Kungel war nach meinen Informationen schon vor der offiziellen PrĂ€sentation der Klosterstadt im Meßkircher Gemeinderat mit im Boot. Er ist also ein Fan der ersten Stunde. Klar, dass dann so etwas dabei herauskommt wie bei dieser Dokumentation.

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  3. Eine Meßkircher GemeinderĂ€tin hat mir vor zwei Jahren gesagt, das Besucheraufkommen vom Campus Galli wĂ€chst von Jahr zu Jahr exponentiell.
    QX

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    1. Dann sollte sich die gute Frau rasch darĂŒber informieren, was Exponentialfunktionen kennzeichnet.

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  4. "So wird also in der Doku nicht unbedingt formell gelogen, aber durch Weglassen essentieller Fakten - die maßgeblich den Charakter des Projekts mit ausmachen - wir der Seher trotzdem hinter die Fichte gefĂŒhrt. "

    Das bedeutet, RK empfielt sich ausdrĂŒcklich fĂŒr weitere Gemeinschaftsprojekte mit dem öffentlich rechtlichen Rundfunk.

    Der Wanderschmied

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  5. Dass die Steine von woanders herkommen, hat mir eine Angestellte bei meinem Ausflug zum Campus Galli (Sommer 2017) auch bestÀtigt. In der Dokumentation hÀtte man also ruhig so ehrlich sein und diesen Punkt ansprechen können, anstatt MÀrchen zu erzÀhlen.

    Liebe GrĂŒĂŸe,
    Martina

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  6. Danke fĂŒr die Rezension, sie bestĂ€tigt meine BefĂŒrchtungen.
    Campus Galli = SelbstĂŒberschĂ€tzung gepaart mit politischer Blödheit, und die Medien decken den Quark mit Hofberichterstattung und Fake Dokus.

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  7. Hat der GeschĂ€ftsfĂŒhrer die richtige politische FĂ€rbung, dann werden sie ihm eines Tages bestimmt auch noch einen Orden umhĂ€ngen. In diesem Land wird UnfĂ€higkeit bekanntermaßen belohnt.

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  8. Welch ein GlĂŒck, dass Hiltibold immer wieder ĂŒber die Machenschaften berichtet, die mit dem Campus Galli zu tun haben. Wenigstens eine "kritische Stimme", wenn fast alle Medien die rosarote Brille aufhaben, wenn sie ĂŒber das Meßkircher "Jahrhundertwerk" berichten.
    Die Scheune steht noch nicht und schon wird im Gemeinderat ĂŒber den Bau des ersten Hauses aus Stein diskutiert, dessen Fertigstellung einige Jahre dauern werde!
    Der Campus Galli ist die reinste WundertĂŒte, die viel Geld verschlingt.

    Insider

    Insider

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