Dieser Tage habe ich nach längerer Zeit wieder einmal meine Nase in Reclams Büchlein "Gesundheit aus dem Garten" gesteckt (hier meine Rezension). Dabei kam mir der Abschnitt über die Anwendung von Schlafmohn zur Behandlung körperlicher Beschwerden unter. Das folgende antike Wissen hinsichtlich dieser uralten Kultur- und Heilpflanze wurde uns vom im 3. Jahrhundert lebenden Autor Quintus Gargilius Martialis überliefert.
| 19. Schlafmohn (Papaver somniferum L.) Seine Köpfe und Blätter ergeben gekocht mekonion, ein Medikament, das Krankheiten heilt, die mit mäßiger Kälte behandelt werden müssen (Anm.: siehe Humorallehre, Temperamentenlehre). Sein Saft, gemischt mit Rosenöl, lindert Ohrenschmerzen. Gekocht und mit Rosenöl zerkleinert, eignen sich seine Blätter hervorragend zur Anwendung bei Gelenkerkrankungen. Ein Erwärmen mit Wasser, in dem Schlafmohnköpfe gekocht wurden, ist vorteilhaft für diejenigen, die krankheitsbedingt unter Schlaflosigkeit leiden, und für diejenigen, die wegen Tränenträufelns unter Triefäugigkeit leiden. Sein Samen, mit Essig und Honig zerkleinert, ist bei einer Schwellung nicht wenig hilfreich. Die Rinde der Stängel, zerkleinert, pulverisiert und mit Honig vermischt, wird als ein gutes Pflaster auf schmutzige Wunden aufgelegt. (Anm.: In der Antike verstand man unter dem Begriff "Pflaster" nicht dasselbe wie heutzutage) Es gibt auch wilden Mohn mit einem kleinen Kopf und einem nicht so hohen Stängel, der wundersam die Luftröhre heilt, wenn die Kehle geschwollen ist. Aus diesem Mohn wird ein Medikament hergestellt, das Ärzte nach Chrysippos als dia kodion (»durch Mohn«) bezeichnen. Gargilius | Gesundheit aus dem Garten, Seite 61-62 | Hrsg.: Kai Brodersen | Reclam, 2022 |
Die beschriebenen Anwendungen in der antiken Medizin haben bei mir die Frage aufkommen lassen, ob dergleichen in unserem modernen Gängelungsstaat überhaupt noch erlaubt ist.
Laut Internet ist in Deutschland das Anbauen von Schlafmohn bewilligungspflichtig; nicht so in Österreich, sofern man hier die Pflanzen nicht offensichtlich zur Drogengewinnung züchtet. Also kein Anritzen der Kapseln, da in diesem Fall die Herstellung von Heroin das mögliche Endziel ist. Doch wenn es um andere Aspekte der Anwendung geht, wird es wirr: Äußerlich, in Form einer Salbe, geht noch, da hier die Konzentration von Opiumalkaloiden wie Morphin und Codein bzw. deren Aufnahme durch die Haut vergleichsweise gering ist. Brüht man sich jedoch aus Pflanzenbestandteilen einen Tee (z.B. Mohn-Tee bzw. Poppy Seed Tea) - selbst wenn dabei ebenfalls ein rein medizinischer (!) Zweck wie in den Beschreibungen des Gargilius Martialis vorliegt - dann begibt man sich quasi ins Kriminal, da in diesem Fall die genannten Stoffe in größerer Menge extrahiert bzw. anschließend dem Körper zugeführt werden.
Wer nun meint, dem wohne doch eine gewisse Logik inne, der bedenke das Folgende: Laut Suchtmittelgesetz darf man in österreichischen Wäldern fröhlich halluzinogene Fliegenpilze sammeln, um sich diese dann als Sud oder sonst wie reinzupfeifen, bis - im wahrsten Sinn des Wortes - der Arzt kommt.
Vergleicht man das mit der wesentlich strengeren Reglementierung der traditionellen Heilpflanze Schlafmohn, dann muss man eigentlich zu dem Schluss kommen, dass wir es hier mit einem völlig willkürlichen und inkonsistenten Gesetzesmüll zu tun haben. Welcher Wappler denkt sich so etwas aus? Ein Lobbyist der Medikamentenindustrie?
Aber gut, ein politisches System, das einerseits Alkoholkonsum nicht nur erlaubt, sondern sogar glorifiziert (launig saufende Politiker sind ja medial allgegenwärtig), Cannabis jedoch seit vielen Jahrzehnten verdammt (laut einer US-amerikanischen Kampagne aus den 1930ern ist dieser eine "Neger-Droge" ˆˆ), misst ja offenbar grundsätzlich ungeniert mit zweierlei Maß und kann daher nicht ernst genommen werden. Jede Wette, dass sich folgerichtig manch Heilpflanzenbegeisterter wenig um die entsprechenden Verbote schert und Schlafmohn auch in jenen Formen anwendet, die ihm der Gängelungsstaat vorenthalten möchte. Wo kein Kläger, da kein Richter.
PS: Hiltibold beschränkt sich ausschließlich aufs gelegentliche Trinken von mit Limo aufgemotztem Bier (Radler) 😄🍺.
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Die hohe Moral unseres österreichischen Staats erkennt man auch am Glücksspielmonopol. Wenn sich also Menschen wirtschaftlich ruiniere und die Familie ins Elend führen ist das gesamtgesellschaftlich akzeptabel, solange der Finanzminister dabei mitschneidet.😵💫
AntwortenLöschenHätte mir echt nicht gedacht, dass du zu den Vertretern der "Legalize it" Fraktion gehörst ;-)
AntwortenLöschenFlo
Ich bin vor allem ein Anhänger der Miss-nicht-mit-zweierlei-Maß-Fraktion.
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